Regen und warme Temperaturen Gibt es eine Pilzschwemme in Thüringen?

Das feuchtwarme Wetter bietet aktuell beinahe optimale Bedingungen für Pilze. Aber lohnt sich für Sammler der Weg in die Wälder Thüringens wirklich? Worauf beim Gang "in die Pilze" Wert gelegt werden sollte, ob es gerade eine Pilzschwemme gibt und wie es sich mit unbekannten Pilzen verhält - das haben wir einen Pilzberater gefragt.

(Kollenblätterpilz im Wald)
Der grüne Knollenblätterpilz gehört zu den giftigsten Pilzen, die im Wald gefunden werden können. Bildrechte: MDR/Christian Franke

Zugegeben, zu Pilzen hatte ich immer ein gespaltenes Verhältnis. So sehr ich es als Kind geliebt habe, sie im Wald zu suchen, so ungern mochte ich sie essen. Heute hat sich das geändert. Inzwischen bereitet es mir große Freude, die selbst gefundenen Pilze nach dem Waldspaziergang auch zuzubereiten.

Der Sommer 2021 ist geprägt von Gewittern, starken Regenfällen und feuchtwarmem Klima. Eigentlich optimale Bedingungen, um wieder einmal "in die Pilze" zu gehen und nicht mit leeren Händen zurückzukommen. Aber lohnt der Weg in den Wald aktuell wirklich? Lässt das Wetter die Pilze aus dem Boden schießen? Gibt es in Thüringen aktuell eine Pilzschwemme? Das habe ich jemanden gefragt, der es wissen muss.

Wie wird man Pilzsachverständiger?

Ein Pilzsachverständiger (PSV) ist ein geprüfter Pilzkenner. Eine solche Prüfung kann beispielsweise bei der Deutschen Gesellschaft für Mykologie e.V. (DGfM) oder der Thüringer Arbeitsgemeinschaft Mykologie e.V. (ThAM) abgelegt werden. Der angehende Pilzsachverständige muss theoretische und praktische Prüfungen bestehen, um als Pilzberater aktiv sein zu können. Er muss beispielsweise Wissen zu den wichtigsten Gift- und Speisepilzen nachweisen, zu Vergiftungsarten aber auch zu ökologischen Zusammenhängen und Fragen des Sammelrechts und des Naturschutzes.

Pilze ja - Schwemme nein

Ich treffe mich mit Thomas Keil in einem Wald bei Jena. Er ist einer von sechs ehrenamtlichen Pilzberatern aus der Saalestadt und Umgebung. Durch seine Schwiegereltern sei er dazu gekommen, sich intensiver mit Pilzen zu beschäftigen. Inzwischen hilft er seit etwa fünf Jahren Sammlern, ihre Fundstücke genauer zu bestimmen.

Gefragt nach einer aktuellen Pilzschwemme dämpft der Fachmann meine Erwartungen. Zwar begünstige das Wetter örtlich tatsächlich das Pilzwachstum, in der Breite mache sich das aber nicht bemerkbar. Von einer "Pilzschwemme" wolle er deshalb nicht reden. Zumindest nicht in dem Sinne, dass überall Pilze aus dem Boden schießen würden. Manche Pilzarten, wie Täublinge oder Steinpilze, hätten aber einen sogenannten "Sommeraspekt". Das heißt, sie wachsen zwar auch im Herbst, wenn die Bedingungen stimmten - also wenn eine gewisse Wärme und vor allem Feuchtigkeit vorhanden sind. Ihren Wachstumshöhepunkt allerdings hätten sie im Sommer.

(Pilzberater Thomas Keil aus Jena auf einem Waldweg)
Thomas Keil aus Jena berät Pilzsammler bei Fragen zu ihren Fundstücken. Bildrechte: MDR/Christian Franke

Regen begünstigt Pilzwachstum

Es ist kompliziert in Thüringen - nicht nur mit der Politik. An verschiedenen Orten gebe es verschiedene Bedingungen, führt Keil aus. Jena sei beispielsweise durch ein warmes Klima, Muschelkalkboden und teils windige Stellen an den Hängen geprägt. Das führe dazu, dass Feuchtigkeit schneller trockne und die Pilze dort nicht die besten Bedingungen hätten. Trotz des allgemein günstigen Wetters könne es also sein, dass lokal keine oder nur wenige Pilze zu finden seien. Zudem bräuchten unterschiedlichen Arten auch unterschiedliche Reize, um zu wachsen. Zum Beispiel bestimmte Temperaturspektren und Feuchtigkeitsdauern. Das alles müsse zusammenkommen, damit bestimmte Pilzarten wachsen.

Dennoch, der Regen in den vergangenen Wochen habe den Pilzen geholfen. Im Vergleich zu den trockenen Sommern der vergangenen Jahre könnten in diesem Sommer überdurchschnittlich viele Pilze gefunden werden. Hauptsaison hätten aktuell beispielsweise Röhrlinge wie der Steinpilz, Milchlinge, Pfifferlinge, Rotkappen und Täublinge.

Hut und Lamellen des Frauentäublings

Nicht alle Täublinge sind genießbar. Der Frauentäubling kann aber ohne Probleme ins Körbchen.

Hut eines Frauentäublings
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Hut eines Frauentäublings
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Lamellen eines Frauentäublings
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Experten raten zur Vorsicht

Damit der Ausflug in die Pilze nicht mit einem Schrecken endet, weil vielleicht doch ein giftiger Pilz dabei war, rät Thomas Keil, sich vor allem auf die Pilze zu konzentrieren, die mit Sicherheit bestimmt werden können. Faustregel: Lieber stehen lassen, als das Risiko einer Vergiftung auf sich zu nehmen.

Und im Zweifelsfall lohne sich dann doch ein kurzes Treffen mit einem Pilzberater, der die fraglichen Fundstücke noch einmal begutachtet. Vor allem für Anfänger sei es sinnvoll, dass zunächst nur Röhrlinge den Weg in den Korb fänden. Die tödlich giftigen Pilze haben alle Lamellen, erklärt Keil. Dennoch gebe es auch unverträgliche oder sogar giftige Röhrlinge, so dass in jedem Fall Vorsicht geboten sei.

Ein grüne Knollenblätterpilz 2 min
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Do 29.07.2021 09:59Uhr 01:54 min

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Dass beim Pilzesammeln nicht allzu sorglos vorgegangen werden sollte, zeigen auch die Zahlen des Gemeinsamen Giftinformationszentrums der Länder Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen (GGIZ). Auf Nachfrage von MDR THÜRINGEN teilte das Zentrum mit, dass üblicherweise in den Monaten September und Oktober die meisten Verdachtsfälle einer Vergiftung gemeldet werden. Der Juli dieses Jahres steche in Thüringen allerdings hervor. Da seien bereits 14 Verdachtsfälle gemeldet worden. Im Juni seien es lediglich zwei gewesen, im Juli der beiden vorherigen Jahre maximal drei.

Verdacht auf Pilzvergiftung: Was tun?

Besteht der Verdacht, einen giftigen Pilz gegessen zu haben, sollte in jedem Fall zügig gehandelt werden. Bei schwerwiegenden Symptomen, wie etwa Bewusstlosigkeit, empfiehlt das GGIZ umgehend, den Rettungsdienst (112) zu alarmieren. In weniger klaren Fällen sollte sich zunächst an das Giftinformationszentrum gewandt werden. Dort können die Lage und notwendige Maßnahmen eingeschätzt und besprochen werden - manchmal auch mit Hilfe eines Pilzberaters.

Pilzberater Thomas Keil 1 min
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Do 29.07.2021 09:58Uhr 01:25 min

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Damit die Einschätzung leichter fällt, sollten noch vorhandene Pilze, Putzreste oder auch Erbrochenes zur Identifizierung aufbewahrt werden. Das beste Mittel gegen eine Vergiftung sei aber, genau zu wissen, was in den Korb kommt und was nicht - oder im Zweifelsfall der Anruf bei einem Pilzsachverständigen.

Vergiftungen drohen übrigens nicht nur bei wirklich giftigen, sondern auch bei verdorbenen Pilzen. Die häufigste Pilzvergiftung ist laut Thomas Keil die "unechte Pilzvergiftung". Heißt, dass sich Leute den Magen mit Pilzen verderben, die in gutem Zustand ohne Probleme essbar gewesen wären.

Das ist eigentlich das gleiche, als isst man ein vergammeltes Hühnchen. Man verdirbt sich heftig den Magen. Das ist mit Pilzen ganz genauso. Das gibt nicht nur ein bisschen Bauchschmerzen, sondern das kann im Krankenhaus enden.

Thomas Keil Pilzberater

Damit das Risiko einer Vergiftung minimiert wird, empfiehlt der Fachmann zum Sammeln ein festes Gefäß - beispielsweise einen Korb. Plastik- oder Stoffbeutel sollten hingegen vermieden werden. Nicht nur, weil es den Pilzen nicht guttut, sondern auch, um sicher erkannte Pilze und Wackelkandidaten voneinander zu trennen und so die Gefahr einer Vergiftung zu minimieren.

Kurzum: Der Weg in den Wald könnte sich an geeigneten Orten aktuell durchaus lohnen, aber es gibt einiges zu beachten - auch abseits des potenziellen Beuteguts. Wussten Sie beispielsweise, dass es in Deutschland rechtliche Sammelbeschränkungen für Pilze gibt, um gewerbliches Sammeln zu unterbinden und die Natur zu schonen? Mit der Faustregel zwei Kilo pro Person pro Tag sei man laut Keil hierzulande aber auch ohne juristische Kenntnisse gut beraten und könne guten Gewissens "in die Pilze" gehen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

2 Kommentare

MDR-Team vor 8 Wochen

Hallo Atheist,
verfolgen Sie doch unsere Beiträge, dann wären Sie auf dem Stand der Dinge ;-)

Atheist vor 8 Wochen

Was ? Pilze im Wald?
Ich dachte bei der täglichen Klimakriesenberrichterstattung das im Wald weder Bäume noch Sträucher wachsen.

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