Straßenverkehr Radentscheid in Jena: Bürgerinitiative tritt für fahrradfreundliche Stadt ein

Die Corona-Pandemie hat dem Fahrrad eine Renaissance beschert. Und möglicherweise würden noch mehr Menschen aufs Rad umsteigen, wenn die Bedingungen besser wären. Genau dies möchte der Radentscheid in Jena erreichen.

Zwei Fahrradfahrerinnen mit Helm.
Sie wollen ein fahrradgerechtes Jena: Barbara Albrethsen-Keck und Frieda Nagler. Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Während die Straßenverkehrsordnung das Leben aller Verkehrsteilnehmer verbindlich regeln soll, fühlen sich Fußgänger und Radfahrer bisweilen sich selbst überlassen. Ein Beispiel, über das Radlerin Barbara Albrethsen-Keck nur den Kopf schütteln kann: eine Engstelle auf dem Fußweg am Löbdergraben in Jena.

Das Trottoir ist in Fahrtrichtung für Radfahrer zugelassen. Dennoch kommt es auf Höhe des Steinwegs immer wieder zu frustrierenden Begegnungen mit Fußgängern - und auch mit Radlern, die auf dem Gehweg verkehrswidrig in die falsche Richtung fahren.

In der Schikane zwischen einer gut genutzten Parkbucht und einem Mäuerchen treffen alle aufeinander. Kollisionen sind hier gewissermaßen programmiert. "Es ist einfach sehr gefährlich. Und gerade die Fußgänger ärgern sich zurecht, wenn sie hier von den Radfahrern angeklingelt werden. Wir schlagen vor, dass man hier drüben eine Fahrspur in eine Fahradspur umwidmet", sagt Barbara Albrethsen-Keck und zeigt auf den vierspurigen Löbdergraben.

Eine Radfahrerin auf einem Bürgersteig neben einem Auto.
Knappe Kiste für Radler und Fußgänger: die Schikane am Löbdergraben. Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Vergleichsweise wenig Fahrradfahrer in Jena

Aus Sicht der Kreisvorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) bleibt die Stadt in Sachen Fahrradinfrastruktur weit unter ihren Möglichkeiten. Seit 30 Jahren engagiert sich Albrethsen-Kieck im ADFC, jetzt auch beim Radentscheid Jena. Mit vielen Maßnahmen will die Bürgerinitiative für eine, wie sie schreibt, "ökologische und soziale Verkehrswende einsetzen". Heißt, Jena soll fahrradfreundlicher werden - Autofahren dagegen möglichst unattraktiv.

"In Jena sind im Vergleich zu anderen ähnlich großen deutschen Städten relativ wenige Fahrradfahrer unterwegs. Der Anteil am Verkehrsaufkommen liegt unter zehn Prozent", erzählt Albrethsen-Kieck. "Viele fahren mit dem Auto oder mit Bussen und Straßenbahnen. Die meisten aber gehen zu Fuß. Jenas Innenstadt ist kompakt. Die Wege sind nie lang. In die Außenbezirke wie Jena-Lobeda gibt es sehr gut ausgebaute Radwege."

Zwei Radfahrerinnen 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR THÜRINGEN JOURNAL Fr 06.08.2021 19:00Uhr 02:02 min

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Ein Wunsch: sichere Radwege an Hauptverkehrsstraßen

Im Zentrum ist aus Sicht von Albrethsen-Kick noch viel zu tun, um die Akzeptanz und die Sicherheit des Fahrradfahrens zu erhöhen. Rund 30 Mitstreiter hat der Radentscheid mittlerweile. Sie wollen ein durchgängiges Radverkehrsnetz für Jena und sichere Radwege an Hauptverkehrsstraßen, die möglichst auch barrierefrei und ohne Hindernisse sind.

Mindestens fünf Kilometer dieser sicheren Radwege sollten im Jahr gebaut werden, wünscht sich der Radentscheid. Kreuzungen müssten so umgebaut werden, dass sich Radler und Autofahrer gut sehen können. Parken im Kreuzungsbereich müsse verhindert werden. Aber es fehle auch an ausreichend Abstellmöglichkeiten für Fahrräder. Jährlich 300 neue Fahrradstellplätze sollten daher gebaut werden.

Oft Frust zwischen Auto- und Fahrradfahrern

Sicherheit und Deeskalation steht für den Radentscheid im Vordergrund. Oft führen unklare oder nicht durchgehaltene Regelungen für Frust zwischen Autofahrern, Radlern und Fußgängern. Am Steingraben zum Beispiel ist der Radweg durch eine Verkehrsinsel unterbrochen. Viele Radler steigen dort nicht ab. Müssten sie aber. Wer dort zu Fuß unterwegs ist, fühlt sich von dem Pulk der Fahrradfahrer bedrängt.

Zwei Radfahrerinnen auf einer Straße neben einem Bus.
Wenig Platz auf engen Straßen: Das führt oft für Frust zwischen Fahrrad- und Autofahrern. Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

So mancher Radweg ist nur durch eine Linie vom Autoverkehr getrennt. Jenas Straßen sind mitunter so eng, dass nicht nur Busse die eineinhalb Meter Abstand beim Überholen nicht einhalten können. Das schlägt auf das subjektive Sicherheitsgefühl der Radfahrer durch. Mal abgesehen von der echten Gefahr.

Überhaupt ist das Verhältnis zwischen den Teilnehmer der drei Verkehrsarten oft sehr angespannt, glaubt Frieda Nagler, Vertrauensperson des Radentscheids. "Man wird angehupt, sogar von Busfahrern angeschrien: Da sei doch ein Radweg, wo eigentlich keiner ist. Das heißt, wir stehen irgendwie immer dazwischen und kriegen auch immer sehr viele negative Kommentare dafür ab. Wir möchten das ändern."

6.000 Unterschriften sammeln für Bürgerbegehren

Und zwar mit einem Bürgerbegehren. 6.000 gültige Unterschriften brauchen sie dafür - bis Ende Oktober. 3.500 haben sie bereits. Dafür sind die Initiatoren auch drei bis vier Mal in der Woche unterwegs, stellen sich mit ihrem Sammelfahrrad an belebte Plätze und werben für die Sache. Auch einen wöchentlichen Infostand gibt es, meist vor Supermärkten.

Fußgänger und Radfahrer überqueren eine Straße.
Auf dem Fahrrad über die Verkehrsinsel, weil der Radweg unterbrochen ist. Fußgänger können sich bedrängt fühlen. Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

"Wir wollen Verbindlichkeit in die Radverkehrsplanung der Stadt bringen. Das heißt, dass Ziele gesetzt werden, die dann auch umgesetzt werden. Es wird sehr häufig über den Kfz-Verkehr gesprochen, über den Fußverkehr gesprochen und irgendwann im Prozess fällt dann mal auf, dass es ja auch Radverkehr gibt. Es sollte aber von Anfang an auch ein gleichberechtigter Verkehrsträger sein", fordert Frieda Nagler.

Stadtverwaltung: Vieles nur im Kompromiss umsetzbar

Rund fünf Millionen Euro im Jahr seien nötig, um die Stadt nach und nach für Fahrradfahrer sicherer zu machen. Der öffentliche Druck verfängt bereits. Die Stadtverwaltung hat nach Angaben des Radentscheids angeboten, 1,5 Millionen im Jahr in den fahrradgerechten Umbau zu investieren. Wie das passieren kann, muss der Stadtrat entscheiden, sollte das Bürgerbegehren erfolgreich sein.

Die Stadt findet den Radentscheid grundsätzlich gut, erklärt ein Sprecher MDR THÜRINGEN. Aber letztlich sei es dann eine Verwaltungsaufgabe, die in vielen kleinen Schritten zu lösen sei. Und so manche Maßnahmen ließe sich nur im Kompromiss zwischen den Verkehrsarten umsetzen. Die breite Bewegung der Radfahrer würde von der Stadt aber durchaus wahrgenommen und sorge langsam für ein Umdenken.

Schließlich könne eine gute Fahrradinfrastruktur auch Alleinstellungsmerkmal und Standortvorteil sein. Abgesehen davon, dass Jena als fahrradgerechte Stadt gut zum Radtourismus an der Saale passen würde. Aber man dürfe sich nichts vormachen, so der Sprecher weiter, man werde den Autofahrern etwas wegnehmen müssen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 06. August 2021 | 19:00 Uhr

4 Kommentare

mowz_art vor 16 Wochen

Fährst du regelmäßig mit dem Fahrrad in oder durch Jena ?

Ich für meinen Teil fahre fast täglich mit dem Rad in oder durch die Stadt und kann die Forderungen nach einer fahrradfreundlichen Stadt mit einem durchgängigen und sicheren Radverkehrsnetz nur nachvollziehen. Nachdem ich mir das Radverkehrskonzept vom ADFC Jena durchgelesen habe, habe ich auch den Radentscheid unterschrieben. Unter anderem weil ich das Radverkehrsnetz aktuell als ein Sammelsurium aus Einzelmaßnahmen als Kompromiss zwischen allen Verkehrsteilnehmern zu Lasten der Sicherheit (unter anderem auch) für Radfahrer sehe.

Anni22 vor 16 Wochen

Das Fahrrad wird von November bis April nicht so gerne genommen, vielleicht wenn der Klimawandel...
Für mich sind die E-Fahrräder auch nur wieder so ein Hype. Bequem aber eben Luxus, ersetzt kein Auto.

BastiOFC vor 16 Wochen

Jena ist halt einfach keine Fahrradstadt. Die Gründe werden ja teilweise im Artikel genannt: gut genutzte Öffis, vieles ist zu Fuß erreichbar und für Pendler gibt es halt teilweise keine Alternative zum Auto. An den für Fahrradfahrern gefährlichen Stellen sollte natürlich nachgebessert werden. Aber ansonsten erschließt sich mir nicht, warum Jena jetzt plötzlich einen großen Fokus auf Fahrradinfrastruktur legen sollte. Jena würde kurz- und mittelfristig nie im Leben eine Fahrradstadt werden.

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