Universität Jena Delegation aus Hawaii holt sterbliche Überreste der Vorfahren nach Hause

Im 19. Jahrhundert wurden auf Hawaii illegal menschliche Gebeine exhumiert und nach Europa geschafft. Nun haben ihre Nachfahren sie in der Friedrich-Schiller-Universität Jena abgeholt. In einer emotionalen Zeremonie nahmen die Delegierten die Gebeine ihrer Vorfahren in Empfang.

Menschen tragen eine mit Stoff umhüllte Kiste durch einen Raum voller Menschen mit Masken
Die sterblichen Überreste werden von der Delegation des Office of Hawaiian Affairs abgeholt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In einer Zeremonie an der Universität Jena wurden am Donnerstag die Gebeine von drei Vorfahren (iwi kūpuna in der Sprache der indigenen Bevölkerung Hawaiis) an eine Delegation des Office of Hawaiian Affairs (OHA) übergeben. Die iwi kūpuna kamen im 19. Jahrhundert an die Universität Jena und sollen in Hawaii beigesetzt werden.

Zwei Menschen mit Tatoos am Hals und Gesicht sitzen und hören zu
Für Mana und Kalehua Caceres ist die Rückkehr der Ahnen die einzige akzeptable Lösung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Neben Jena reist die hawaiianische Delegation auch zu drei weiteren Einrichtungen in Deutschland und einer in Österreich, um insgesamt 58 iwi kūpuna, die unrechtmäßig nach Europa gebracht wurden, in ihre Heimat zurückzubringen.

Von Haeckel nach Jena gebracht

Die Jenaer iwi kūpuna, die der hawaiianischen Delegation übergeben wurden, stammen aus der Sammlung des Evolutionsforschers Ernst Haeckel. Haeckel hatte sie 1860 auf einer Reise nach Messina von dem Arzt Edmund von Bartels geschenkt bekommen und mit nach Jena gebracht. Wie sie in den Besitz von Bartels gelangten, ist bis heute unklar. Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass sie während der Kolonialzeit von den Europäern illegal aus Hawaii entführt wurden.

Historisches Unrecht heilen

"Die Rückkehr der iwi kūpuna in ihre Heimat kann dieses historische Unrecht nicht ungeschehen machen, aber sie kann ein erster Schritt sein, es zu heilen", sagte Uni-Präsident Walter Rosenthal. Unmittelbar nachdem die Herkunft der im Besitz der Universität befindlichen iwi kūpuna geklärt war, nahm die Universität Kontakt mit der OHA auf, die sich für die Rückführung der iwi kūpuna nach Hawaii einsetzt, und veranlasste deren Rückgabe.

Schutz der iwi kūpuna wichtig für hawaiianische Identität

Für die hawaiianischen Ureinwohner sind die iwi kūpuna ein zentraler Aspekt ihrer Identität. Es ist von großer Bedeutung, sie in ihrem Heimatland zu pflegen und feierlich zu bestatten, denn dort ruhen die iwi kūpuna der Vorfahren und irgendwann auch ihrer Nachkommen.

Gerade menschliche Überreste gehören nicht in eine Ausstellung, sondern in die Obhut der Nachkommen.

Prof. Walter Rosenthal Präsident der Universität Jena

Der Schutz der iwi kūpuna ist entscheidend dafür, dass der Geist der Verstorbenen in Frieden ruht und die Nachkommen weiterleben können. "Diese iwi kūpuna wurden zu einer Zeit entwendet, als die menschlichen Überreste und die heiligen Gegenstände der indigenen Völker nicht respektiert wurden", so die OHA-Verwaltungsratsvorsitzende Carmen "Hulu“ Lindsey. "Die Rückgabe dieser iwi kūpuna ist ein längst überfälliger und dringend notwendiger Akt des Mitgefühls und des Verständnisses." Sie betonte, dass dieser Schritt as Mut und Selbstreflexion seitens der Universität bedurfte.

Feierliche Übergabe-Zeremonie

Die Übergabe der iwi kūpuna fand im Rahmen einer Zeremonie in der Aula der Universität statt. Die hawaiianische Delegation eröffnete die Zeremonie mit Gebeten. "Aus tiefstem Herzen bitten wir die Nachkommen der kūpuna, uns das kaumaha – das Trauma — zu verzeihen, das unsere Vorfahren ihren Vorfahren und ihnen selbst zugefügt haben. Bei ihrem Versuch, die Abstammung des Menschen zu verstehen, haben es die Evolutionisten nicht verstanden, die Würde des Menschen zu achten", erklärte Rosenthal in seiner Eröffnungsrede.

Verantwortung liegt auch beim Freistaat Thüringen

Die Thüringer Kulturstaatssekretärin Tina Beer betonte "Die Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit und der in ihr begangenen Verbrechen als Teil unserer gesellschaftlichen Erinnerungskultur gehört zum Grundkonsens in Deutschland für alle Bereiche der Gesellschaft, Kultur, Bildung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft". Der Freistaat Thüringen habe zwar kein ethnologisches Museum, gleichwohl käme er seiner umfassenden ethischen Verantwortung zur Aufarbeitung der Herkunft von Sammlungsgut im kolonialen Kontext nach.

Noch kein Ende des langen Prozesses

Mana und Kalehua Caceres betonten: "Es bleibt noch viel zu tun, denn wir wissen, dass es noch andere iwi gibt, aber die aktuellen Bemühungen ermutigen uns, weiterzumachen und durchzuhalten, auch wenn wir mit Schwierigkeiten konfrontiert sind. Wir können keine andere Lösung als ihre Rückkehr akzeptieren. Alle iwi kūpuna, die außerhalb von Hawaii von Museen, Institutionen, Regierungsbehörden oder Einzelpersonen aufbewahrt werden, befinden sich unrechtmäßig dort."

Ein Mann mit einer Schale in der Hand segnet die Zuschauer
Während der Zeremonie werden auch die Gäste gesegnet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sie seien vor langer Zeit von ihren Familien zeremoniell und liebevoll begraben worden. "Nur durch die Rückführung der iwi kūpuna in ihre Heimat und ihre Wiederbestattung können die verstorbenen und lebenden Familien von diesem besonders schrecklichen Kapitel des Kolonialismus geheilt werden.“

Universität arbeitet koloniales Erbe auf

Um die Provenienzforschung an der Universität Jena zu koordinieren, hat sich im vergangenen Jahr die Arbeitsgruppe "Koloniales Erbe und antirassistische Bildung“ gegründet. Gerade wurde ein interdisziplinäres Pilotprojekt abgeschlossen, das die Grundlagen für die Aufarbeitung der Sammlungsstücke aus kolonialen Kontexten an der Universität Jena legte. "Gerade menschliche Überreste gehören nicht in eine Ausstellung, sondern in die Obhut der Nachkommen", betonte Uni-Präsident Walter Rosenthal.

MDR (gh)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 10. Februar 2022 | 19:00 Uhr

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