Umwelt Urban Gardening in Jena: Baumpaten gesucht

Nach Weimar und Erfurt macht nun auch Jena mit. Die Stadt sucht für viele ihrer fast 70.000 Bäume Paten. Sie können dann um die Gewächse herum nach Herzenslust pflanzen und pflegen. Bei großer Trockenheit schaden auch ein paar Eimer Wasser nicht. In Zukunft könnten so unzählige Minigärten in der Stadt entstehen.

Zwei Frauen lächeln in die Kamera, eine der beiden hält eine Urkunde in den Händen.
Gärtnermeisterin Sandra Kleeberg hat Elena Zakosarenko ihre Baumpatenschaftsurkunde überreicht. Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Zugegeben, das Bild wirkt auf den ersten Blick etwas absurd: Es regnet Bindfäden wie so oft in diesem Frühling. Trotzdem strömen 100 Liter Wasser aus einem orangenen Gießfahrzeug auf die große Baumscheibe am Jenaer Leutragraben. Der noch kleine Geweihbaum in der Nähe des Jentowers scheint großen Durst zu haben. So wie alle 69.000 Stadtbäume in Jena, erklärt Sandra Kleeberg die Gießaktion des Kommunalservices.

Die Gärtnermeisterin ist Sachgebietsverantwortliche für die städtische Baumpflege: "Wir versuchen, die Stadtbäume alle zwei Wochen zu wässern. Der Frühling ist zwar feuchter als in den letzten Jahren, aber die Böden haben sich von der Trockenheit noch nicht erholt. Das Wasser muss erst mal in die Tiefe kommen." Viel und regelmäßig gießen, das ist das Pflegerezept des Kommunalservices Jena, um die Stadtbäume angesichts zunehmender Trockenheit durchs Jahr zu bringen.

Jena sucht Baumpaten

Eine weitere Möglichkeit sind Baumpatenschaften. Die gibt es seit April auch in Jena, nachdem Weimar und Erfurt bereits ähnliche Projekte angestoßen haben. Das Prinzip ist denkbar einfach: Der Baumpate verpflichtet sich zur Pflege einer Baumscheibe seiner Wahl. Baumscheiben, das sind die offenen Bereiche um den Baumstamm herum. Um den regelmäßigen Kronenschnitt muss sich der Baumpate nicht kümmern. Und darf er auch nicht. Denn das ist echte Expertenarbeit.

Ein Auto mit Bewässerungs-Apparat, versorgt ein Blumenbeet und einen Baum mit Wasser.
Die Stadt Jena kümmert sich mit Gießfahrzeugen umd die Bewässerung der Bäume. Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Zumeist wählen Baumpaten eine Baumscheibe vor dem Haus, in dem sie wohnen - seien es nun Eigenheimbesitzer oder Mieter in der Innenstadt. 41 Bäume werden bereits auf diese Weise von mittlerweile dreißig Baumpaten betreut.

Eine von ihnen ist seit Donnerstag Elena Zakosarenko. Vor ihrer Doppelhaushälfte in Jena-Zwätzen steht seit 20 Jahren eine Winterlinde. Um die lange Baumscheibe darunter kümmert sich die ältere Dame aber bereits seit Jahren: Pfingstrosen, Lavendel, Astern und blühende Lauchpflanzen hat sie hier gepflanzt. Dazwischen mäandern Bodendecker.

"Mir gefällt das einfach. Es ist mein Hobby", sagt sie. Mehr gibt es für sie dazu auch nicht zu sagen. Das blühende Ergebnis am Fuße der Winterlinde spricht für sich.

Baumpaten können kostenlos Rindenmulch holen

Und nun ist Zakosarenko ganz offiziell Baumpatin. Sandra Kleeberg und KSJ-Mitarbeiterin Octavia Kissing händigen ihr dafür eine Urkunde aus und - ganz wichtig - ein kleines laminiertes Schildchen. Das kommt an den Baum, damit das Grünpflegeteam weiß, dass hier ganz offiziell gepflanzt und gepflegt wird. Eine Erstausstattung mit niedrig wachsenden Wildblumen gibt es auch noch dazu sowie das Recht, kostenfrei Holzschnitzel zum Mulchen auf dem städtischen Holzplatz abzuholen.

Ein wenig anders ist die Lage in der Sophienstraße im Damenviertel. Hier hat Katie Fröhlich, Inhaberin des Unverpackt-Ladens "Jeninchen", Patenschaften für zwei Felsenbirnen übernommen. Die Baumscheiben sind kreisrund und winzig, zusätzlich wird die Scheibe noch von einem stählernen Rundgitter geschützt. Viel pflanzen lässt sich da nicht. Kathie Fröhlich hat "ihre" Bäume deshalb von Pflanzkübeln und blühenden Bastkörbchen umringt.

Auch sie kümmert sich schon lange um die Bäume vor ihrem Geschäft: "Ich habe den Aufruf gehört und wollte sofort mitmachen. Die Leute gehen hier vorbei und freuen sich, wenn die Blumen blühen. Es ist jetzt auch weniger Stress, weil durch die Plakette am Baum auch der Kommunalservice weiß, was ist angepflanzt und was ist Unkraut", erklärt die Händlerin.

Die Leute gehen hier vorbei und freuen sich, wenn die Blumen blühen.

Kathie Fröhlich, Inhaberin des Unverpackt-Ladens "Jeninchen"

Töpfe mit Pflanzen stehen neben einem Baum auf einem Bürgersteig.
Katie Fröhlich hat die beiden Felsenbirnen vor ihrem Laden in der Sophienstraße mit Pflanzkübeln und blühenden Bastkörbchen geschmückt. Bildrechte: MDR/Anke Preller

Probleme durch angeschlossene Fahrräder und Hundekot

Genau das bejahen auch Jeannine Lotze, Kathrin Fröhlich und Hartmut Hoellger. In oranger Montur kümmern sie sich als städtisches Pflegeteam gerade um die Baumscheiben in der Talstraße in Jenas Westen. Für sie ist wichtig zu wissen, was Wildwuchs ist und was mit Liebe und Sorgfalt von den Anwohnern gepflanzt wurde. Auch wenn die Baumpatenschaften angesichts tausender Bäume noch nicht ins Gewicht fallen. Aber hunderte Bürger bringen die Scheiben auch ohne Zertifikat zum Blühen.

Das hat neben dem optischen für die Bäume auch einen gesundheitlichen Aspekt. Denn vor allem junge Bäume, wie der erst zehn Jahre alte Rotdorn in der Talstraße werden von Fahrradfahrer gern als Parkplatz benutzt. Die schmalen Stämme eignen sich prima, um den Drahtesel anzuschließen. Dauerhaft ist das nicht gut für die Entwicklung des Baumes.

Und ein weiteres Ärgernis geht bei schön gestalteten Baumscheiben zurück: die Hinterlassenschaften bellender Vierbeiner. "Der Hundekot auf den Baumscheiben nimmt immer mehr überhand. Bei der Grünpflege haben wir den dann an den Händen und oft auch auf der Kleidung", beschreibt Hartmut Hoellger das eklige Problem des Teams.

Viele Anwohner pflanzen deshalb auch die sogenannte Verpiss-Dich-Pflanze 'Coleus Canin'. Sie soll Hunden den Spaß verderben, indem sie einen für die Tiere unangenehmen Geruch verströmt. Ob das funktioniert, ist allerdings umstritten.

Ein Zettel hängt an einem Baum mit der Aufschrift „Wir wollen wachsen!“
Die Inhaberin des Unverpackt-Ladens geht auf Nummer Sicher, wenn es um ihre Schützlinge geht. Bildrechte: MDR/Anke Preller

Stadt will Zukunftsbäume pflanzen

Unstrittig ist, dass sich Jena, wie alle anderen deutschen Städte auch, angesichts des Klimawandels in Sachen Baumbepflanzung mit neuen Arten und Sorten beschäftigen muss. Die Versuche laufen mit den sogenannten Zukunftsbäumen. Der Baumhasel hat sich bisher nicht wirklich bewährt. Aber das mag auch am Standort in der viel befahrenen Karl-Liebknecht-Straße liegen.

Patentrezepte gibt es nicht. Jede Baumart oder -sorte braucht eben auch den passenden Ort, um gut gedeihen zu können. "Vieles muss man probieren. Wir versuchen es gerade mit der Blumenesche, denn die normale Esche leidet ja unter dem Eschentriebsterben", weiß Sandra Kleeberg. Dazu kommen viele weitere neue Sorten wie die Weidenblättrige Birne, die Krim-Linde oder die Japanische Zelkove, eine sehr kurzstämmige Ulmenart.

Der kleine Geweihbaum am Leutragraben mit seiner großzügigen Baumscheibe hat übrigens noch keinen Baumpaten. Direkt vor dem Institut für Anatomie wäre das Bäumchen wie gemacht für Mitarbeiter der Uni. Denn Baumpaten müssen ja nicht immer nur Privatpersonen, Mieter oder Hausbesitzer sein. Alles was man dazu wissen muss und wie man sich bewirbt, findet sich auf der Internetseite des Kommunalservice Jena.

Stadtbalkongärtner Sebastian Gardt  3 min
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MDR FERNSEHEN So 02.05.2021 08:30Uhr 03:05 min

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Garten | 30. Mai 2021 | 08:30 Uhr

5 Kommentare

Ritter Runkel vor 1 Wochen

Die Baumpatenschaften sind für die Stadt Jena und seinen Eigenbetrieb KSJ nur Mittel zum Zweck, um diese Bäume nicht pflegen zu müssen.
Es gibt wohl keine Stadt in Thüringen, die so schlecht mit ihren Stadtbäume umgeht, zum Beispiel Nichteinmal Gießsäcke findet man an den Stadtbäumen Jenas!

Jan vor 1 Wochen

Ich finde diese Idee sehr schön. So können die Einwohner ein klein wenig Natur in ihrer Wohnumgebung mit gestalten. Ich hoffe, es finden sich ganz, ganz viele Paten

pauhep vor 1 Wochen

Schöne Idee! Nur: gehört zu "urban gardening" nicht auch ne Stadt :-)

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