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Zeiss-Firmensitz in Jena Bildrechte: dpa

ArbeitsmarktZeiss führt 35-Stunden-Woche für Beschäftigte in Jena ein

von Florian Girwert, MDR THÜRINGEN

Stand: 27. Mai 2022, 12:02 Uhr

Fast 32 Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es weiterhin Unterschiede zwischen Ost und West - zum Beispiel bei der Arbeitszeit. In vielen Bereichen wird im Osten länger gearbeitet und weniger verdient als in Westdeutschland. Die Unterschiede sind über die Jahre kleiner geworden. Nun stellen Unternehmen wie Zeiss, BMW und Siemens schrittweise von der 38- auf die 35-Stunden-Woche um, die an westdeutschen Standorten seit vielen Jahren gilt.

Christoph Ellinghaus bringt es auf den Punkt: "Es geht vor allem um Gerechtigkeit", sagt der IG-Metall-Bevollmächtigte für Jena, Saalfeld und Gera. Unter seinen Mitgliedern sind auch viele Zeiss-Beschäftigte. Für die gibt es seit Anfang Mai einen Plan zur Einführung der 35-Stunden-Woche. Aus seiner Sicht ein langer Kampf. Seit 2017 hätten die Beschäftigten immer stärker darauf gedrungen, dass die Ungleichbehandlung der Beschäftigten zwischen Ost und West endet. Denn in der westdeutschen Metallindustrie gilt die 35-Stunden-Woche schon seit 1995.

Im Osten allerdings galt die Durchschlagskraft der Gewerkschaften lange als zu schwach. Zu wenige Mitglieder - und in vielen steckt bis heute die Erinnerung an Massenarbeitslosigkeit Anfang der 1990er-Jahre. Das ist heute anders. Heute sind die Vertrauensleute der Gewerkschaft jünger und kämpferischer und sie wissen um ihre gute Verhandlungsposition durch den Fachkräftemangel. Überall werden Mitarbeiter gesucht. "Und die Kolleginnen und Kollegen sind heute viel eher bereit als vor 20 Jahren, einfach den Job zu wechseln", so Ellinghaus. Das habe er so in seiner Arbeit bisher nicht gekannt.

Beschäftigte eines sächsischen Unternehmen streiken für die 35-Stunden-Woche. Bildrechte: IG Metall Dresden

Zwei Wochen mehr Arbeit pro Jahr

Zeiss führt die 35-Stunden-Woche nun schrittweise bis Oktober 2024 ein, erklärt Arlett Hesse, am Standort Jena die oberste Personalverantwortliche des Konzerns. Etwa 2.400 Zeissianerinnen und Zeissianer gibt es derzeit in Jena, Tendenz seit einigen Jahren steigend. "2025 können die Beschäftigten dann wählen, ob sie 35 Stunden oder mehr arbeiten", sagt Hesse. Viele wollten durchaus mehr arbeiten, bekommen dann aber auch mehr Geld als jetzt, wo 38 Stunden als Standard gelten. Rechnet man 44 Arbeitswochen pro Jahr, dann arbeiten ostdeutsche Metaller aktuell 132 Stunden mehr - das sind mehr als 16 Acht-Stunden-Tage.

Arlett Hesse, Personalverantwortliche für den Zeiss-Standort Jena Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Noch 2016 etwa hatte Thomas Kaeser, Chef des gleichnamigen Kompressoren-Herstellers mit Standorten in Coburg und Gera, betont, 38 Stunden seien für Thüringen ein Wettbewerbsvorteil, den man nicht so leicht hergeben dürfe. Nun ist Kaeser nicht irgendwer, sondern damals wie heute Präsident des Verbands der Thüringer Metall- und Elektroindustrie (VMET). In den Tarifkonflikten mit der IG Metall kam seither zwar immer wieder die 35-Stunden-Woche zur Sprache, doch bis auf wenig konkrete Arbeitskreise passierte wenig.

Das schlägt sich auch in der Statistik nieder. Die zeigt: Wer tarifgebunden ist, arbeitete im Jahr 2000 pro Woche 37,4 Stunden im Westen - und 39,1 Stunden im Osten. 2020 waren es 38,6 Stunden im Osten und 37,6 im Westen. Das sagen die Daten des Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Der Lücke ist also kleiner geworden. In nicht-tarifgebundenen Unternehmen sind die Arbeitszeiten meist länger.

Konkurrenz zu Großunternehmen rund um Thüringen

Dann aber trafen die Tarifparteien zum Beispiel in Sachsen Vereinbarungen zur Angleichung. Volkswagen mit gut 10.000 Mitarbeitern motivierte seine Mitarbeiter so zu zahlreichen Überstunden beim Umbau der Standorte für Elektrofahrzeuge. Und im Wettbewerb um Mitarbeiter bleibt das in Thüringen nicht unbemerkt. "Zeiss steht in Jena in Konkurrenz zu Arbeitgebern wie Porsche in Leipzig", sagt Gewerkschafter Ellinghaus. Auch dort sind Schritte zur 35-Stunden-Woche eingeleitet.

Zunehmende Konkurrenz um Arbeitskräfte erkennt auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) in Erfurt. "Der Kampf um Arbeitskräfte wird zunehmen. Dann sieht man auch solche Entwicklungen wie bei Zeiss. Aber ob das flächendeckende Auswirkungen auf unsere eher kleinteilig geprägte Unternehmensstruktur hat, bleibt abzuwarten", sagt Cornelia Haase-Lerch, Hauptgeschäftsführerin der Kammer.

Tausende Beschäftigte bei Großunternehmen betroffen

Tatsächlich gibt es bei BMW bei Eisenach für derzeit gut 300 Mitarbeiter bereits eine Vereinbarung. Auch bei Siemens in Erfurt und Rudolstadt sind nach Angaben der Gewerkschaft entsprechende Schritte für mehrere hundert Mitarbeiter auf den Weg gebracht worden. Bosch in Eisenach wollte sich auf Anfrage noch nicht äußern. Eine Jenoptik-Sprecherin verwies darauf, dass derzeit die Angleichung an den Flächentarif bis 2025 laufe und die 35-Stunden-Woche derzeit kein Thema sei. Eine Sprecherin des Arbeitgeberverbands betonte, die Öffnung des Tarifvertrags für eine Angleichung der Arbeitszeit an das West-Niveau sei freiwillig, die Betriebe könnten das mit den Betriebsräten selbst aushandeln.

IHK-Chefin Haase-Lerch geht davon aus, dass für Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter nicht nur Arbeitszeit wichtig ist. "Auch die Unternehmenskultur spielt eine Rolle - und die ist in einem Konzern meist anders als in einem mittelständischen Betrieb." Und oft entschieden sich Menschen bewusst für kleinere Arbeitgeber. "Das macht ein Stück weit Mut." Der Druck aber könnte zunehmen, denn oft zahlen Großunternehmen wie Zeiss oder Volkswagen zusätzlich zum Gehalt auch vier- bis fünfstellige Erfolgsprämien.

IHK-Erfurt-Geschäftsführerin Cornelia Haase-Lerch Bildrechte: Marcel Krummrich

Bei Zeiss hofft man, durch vielfältige Arbeitszeitmodelle attraktiver zu werden: "Wir werden auch zusätzliches Personal einstellen", sagt Hesse. Und sie betont: "Nehmen wir Oberkochen. Dort haben wir tatsächlich etwa die Hälfte der Beschäftigten, die mehr als 35 Stunden arbeiten." Das könnte auch nötig sein, denn Zeiss baut gerade im großen Stil neu in Jena und schon jetzt sind Mitarbeiter in dreistelliger Zahl gesucht. Zugleich sei den Mitarbeitern wichtig, die 35-Stunden-Option zu haben, so die Personalverantwortliche. Das kann Gewerkschafter Ellinghaus nur bestätigen: "Dass die Belegschaft in Betriebsversammlungen, bei Aktionen vor dem Tor Druck gemacht hat, das ist sicherlich ein weiterer Grund dafür, dass das Unternehmen jetzt gesagt hat, wir steigen da ein." Und er erwartet durchaus, dass Beschäftigte in anderen Thüringer Betrieben auf eine ähnliche Entwicklung dringen.

MDR (flog/dr)

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 27. Mai 2022 | 19:00 Uhr

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