Eine Straße führt zu einer Tankstelle.
Neben einem vor wenigen Jahren errichteten Autohof im Gewerbegebiet Pörsdorf entsteht der E-Lkw-Ladepark. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Elektromobilität Brummi-Strom: Thüringen bekommt ersten Lkw-Ladepark

28. Mai 2024, 16:54 Uhr

Die Zeit drängt. Bis Ende 2025 braucht Deutschland mehr als 30 Lkw-Ladeorte, bis 2027 müssen es schon über 100 sein - so die Fakten des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung. Die Forscher in Karlsruhe befassen sich wissenschaftlich mit dem flächendeckenden Aufbau von Schnelllade-Standorten. Nahe dem Hermsdorfer Kreuz sind indes Bagger angerollt - und bereiten den Boden für den ersten Lkw-Ladepark des Interessenverbundes Milence in Thüringen.

Recherche im Internet nach "Milence". Eine Fundstelle: das Lobbyregister des Bundestages. Dort erfasst ist mit einem ersten Eintrag vom Juli 2023 die Milence Germany GmbH. Über ihre Tätigkeit heißt es unter anderem: "Die Milence Germany GmbH baut und betreibt Ladeinfrastruktur für batterieelektrische Lkw in Deutschland." Mit seiner Lobbyarbeit ziele das Unternehmen zum Beispiel auf die "Beschleunigung von Genehmigungsverfahren".

Rasche Vorhaben, lange Zeitläufe

Genau das scheint dringend notwendig, wenn die Flottenumrüstung von Verbrenner-Lastern auf Elektro-Brummis klappen soll. Ein Haken dabei: Viele Autobahn-Rastplätze in Deutschland brauchen noch Hochspannungsanschlüsse. Ihr Bau ist aber zeitraubend. Martin Konermann vom Netzbetreiber NetzeBW hat das in einem in der "Deutschen Verkehrszeitung" veröffentlichten Artikel so beschrieben: "Fünf Jahre Planung und Genehmigung, zwei Jahre Bauzeit. In Einzelfällen dauert so ein Rastplatzausbau in Summe dann sicherlich bis zu zehn Jahre."

Es braucht offenbar Geduld, um ein Ziel umzusetzen, das wirklich drängt. Mit EU-Richtlinien ist vorgegeben, dass die Kohlendioxid-Emissionen von schweren Lkw drastisch gesenkt werden. Im Vergleich zu 2020 sollen sie bis 2030 um 45 Prozent verringert werden. Heißt: Die Hersteller müssen den Anteil von Verbrenner-Lkw zugunsten von Elektro-Lastern herunterfahren. Der Einsatz der E-Brummis aber setzt vor allem voraus, dass die Fahrer rasch ihre Laster "nachtanken" können.

Flott aufladen in Thüringen

Das will Milence ab September 2024 auch in Thüringen ermöglichen. Erste Erfahrungen hat die internationale Unternehmensgruppe schon beim Bau von Ladeparks in den Niederlanden, Frankreich und Schweden gesammelt. Deutschland aber fehlte auf der Karte des E-Lkw-Lade-Joint-Ventures. In dem arbeiten Daimler Truck, die Traton Group und die Volvo Group zusammen. Im Mai gab Milence seine ersten beiden Standorte in Deutschland bekannt. Im Juli soll ein Ladepark in Vockerode in Sachsen-Anhalt eröffnet werden.

Ein Bagger steht auf einer Baustelle.
Der Bauplatz für den E-Lkw-Ladepark nahe des Hermsdorfer Kreuz Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Dann folge Thüringen. Gebaut wird dafür nah am Hermsdorfer Kreuz. Das ist die Schnittstelle für den Verkehrskorridor zwischen Mittelmeer und Skandinavien und die Ost-West-Strecke von Frankfurt/Main bis nach Polen. Projektentwickler Torsten Elle erklärt, worum es geht: Die Fahrer von Elektro-Lastern aller Marken sollen bedient werden. Zunächst sollen vier Ladepunkte eingerichtet werden, die über sogenannte CCS-Ladesäulen verfügen. Später soll die Erweiterung mit zusätzlichen Ladepunkten der MCS-Technologie folgen.

Stromtanken in der Fahrpause

Fachleute wissen: Bei herkömmlichen Ladegeräten braucht ein E-Laster acht bis zehn Stunden, um wieder voll "unter Strom" zu stehen - das ist die Lösung fürs klassische Laden über Nacht. Bei höheren Ladeleistungen verkürzt sich per CCS-Stecker für Batterien bis zu 500 Kilowattstunden die Ladezeit auf ein bis zwei Stunden. Und gerade entwickelt wird die MCS-Ladetechnik inklusive einer speziellen Stecker-Art. Die dann "den Strom in großen Mengen schnell ins Fahrzeug bringen soll - bis zu mehrere Megawatt Ladeleistung sollen einmal möglich sein."

So ist es nachlesbar in einem Bericht vom 16. Mai dieses Jahres auf der Internetseite von MAN Truck und Bus. Diese technische Lösung eignet sich dann auch fürs rasche Nachladen während einer Lenkpause. "Die Verfügbarkeit von Ladeinfrastruktur ist Voraussetzung für den Hochlauf von batterieelektrischen Lkw", heißt es bei der Milence Germany GmbH. Ihr Einsatz sei notwendig, um die allgemeinen Klimaziele und die Flottengrenzwerte für Nutzfahrzeuge der europäischen Ebene zu erreichen.

Zugleich setzt sich Milence ein für den Bau "zusätzlicher Lkw-Stellplätze entlang der großen Fernstraßen". Auf ihrer eigenen Internetpräsentation stellt die Unternehmensgruppe klar: "An unseren Standorten können Sie nicht nur Ihren Lkw aufladen, sondern auch sich selbst aufladen."

Tanken und mehr

Mit Piktogrammen wird klargemacht, was im Milence-Umfeld alles zum Service gehören kann: Toiletten, Duschen, Restaurant, Verkaufsautomaten, Übernachtung, Fitnessbereiche und natürlich die Lademöglichkeiten für die Lkw. Projektentwickler Torsten Elle für den ersten Milence-Standort in Thüringen nennt ein paar Eckwerte: Gebaut wird derzeit auf rund 10.000 Quadratmetern Fläche bei Pörsdorf. Dort befindet sich ein speziell für verkehrsaffine Nutzung genehmigtes Gewerbegebiet.

Bei seiner Entwicklung gebe es seit Jahren eine bemerkenswert gute Zusammenarbeit mit der TEN Thüringer Energienetze, merkt Torsten Elle an. Er freut sich, dass er für die nächste Ausbaustufe dieses Gewerbegebietes Ende vorigen Jahres die Milence-Gruppe als Partner und Mieter gewinnen konnte.

Eine verwahrloste Tankestelle hinter einem Gitterzaun.
Zwei Anbieter ermöglichen bereits das Stromtanken für Pkw. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Deren Ladestationen entstehen neben einem vor wenigen Jahren errichteten Autohof, der für die Brummi-Fahrerinnen und Fahrer das schon beschriebene Serviceangebot zu großen Teilen möglich macht. Im Gewerbegebiet sind auch schon zwei Pkw-Strom-"Tankstellen" am Netz.

Zahlen rund um den E-Brummi

Für alle von Milence betriebenen Lkw-Ladestationen gebe es zunächst einen "Einführungs-Direkttarif", teilte das Unternehmen mit. Bekannt ist, dass der Preis inklusive Steuern bei 48 Cent pro Kilowattstunde liegt. Für den Start des Ladevorganges müssten einmalig 2,41 Euro gezahlt werden. Die Elektrifizierung der Brummis sei ein wichtiger Baustein der Verkehrswende, heißt es aus dem Bundesverkehrsministerium.

Die Rechnung dazu: 100.000 elektrisch angetriebene 40-Tonner könnten im Fernverkehr jährlich bis zu zehn Millionen Tonnen CO2 einsparen. Noch sind die schweren Elektro-Lkw selten auf den deutschen Straßen: Im vorigen Jahr waren etwa 3,3 Millionen Diesel-Laster unterwegs, 160.000 fuhren mit Benzin. Nur etwa 100.000 Lkw hatten einen alternativen Antrieb.

Elektro-Lkw
Noch sind die schweren Elektro-Lkw eine Seltenheit auf der Straße. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) gibt an, dass eine Standard-Sattelzugmaschine 100.000 Euro koste - ein vergleichbarer E-Lkw dagegen rund 300.000 Euro. Emissionsfreie Brummis sind von der Autobahngebühr befreit. Und eigentlich sind sie auch keine neue Erfindung: Nutzfahrzeuge für Gemeinden, Feuerwehr und Müllabfuhr kannten schon unsere Vorfahren. "Bis 1914 - inklusive Oberleitungsbussen und Oberleitungslastkraftwagen - wurden insgesamt 554 elektrisch betriebene Fahrzeuge hergestellt."

MDR (jml)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 28. Mai 2024 | 19:00 Uhr

17 Kommentare

Sascha vor 6 Wochen

@Anni22,Sie haben recht,dazu kommt die ganze Infrastruktur bei den Parkplätzen müsste umgebaut werden. Es bräuchte jeder Stellplatz eine Ladesäule. Das wären zig tausende,von den Kosten ganz zu schweigen.

Sascha vor 6 Wochen

Ja Winter,wie reagieren beim LKW die Accus bei Kälte,und im Sommer bei Wärme. Beim PKW liegen sie ja geschützt,aber beim LKW sind sie ungeschütz verbaut. Gibt es darüber schon Tests bzw Berichte? Ich frage deshalb,weil mir ein LKW Fahrer gesagt hat,bei ab 25Grad und bei minus Graden würden Probleme auftauchen. Desweiteren erzählte er mir,er kennt eine Firma die fahren Kurzstrecken mit einem ELkw,nur das nicht soviel gefahren wird wie mit dem Diesel.Der Diesel bringt die gleiche Strecke 5 Runden,während der E LKW nur 3 Runden schafft.

Jedimeister Joda vor 6 Wochen

Das größte Problem wird nicht diskutiert. Es ist das Energieproblem das mit dem unnötigen Transport einhergeht. Viele Dinge werden sinnlos hin und hergefahren. Bier, Kartoffeln ,Mineralwasser, Holz, Schotter, Sand, Milch Käse, Fleisch, Touristen und weiß ich was noch. Ich bin der Meinung den Transport vermeiden wäre die Lösung. Aber der Kapitalismus ist auf Verbrauch und Konsum angewiesen. Deshalb wird das alles nix. Joda Dagobasystem

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