Tradition Eisenberger Mohrenfest: Keine Party für alle

Am Freitagabend ist in Eisenberg das dritte Mohrenfest eröffnet worden - eigentlich ein klassisches Stadtfest über das ganze Wochenende mit viel Bier, Bratwürsten und Bands. Viele nennen es allerdings nur das M*Fest, weil sie das Attribut Mohr als diskriminierend empfinden, als rassistisch und alles andere als zeitgemäß. Zumal es das Fest und seinen Namen erst seit drei Jahren gibt. Hintergrund ist eine Sage.

Die Eisenberger Mohrensage

"Es war einmal vor vielen hundert Jahren, als noch die Grafen von Eisenberg in dem alten Schlosse hausten, hatte sich einer dieser Grafen von einem Kreuzzuge nach dem Heilligen Lande nach der Sitte der damaligen Zeiten einen Mohren als Diener mitgebracht. Wegen ihrer Treue waren die Mohren hoch geschätzt. Lange Zeit hatte er nun auch dem Grafen treu und ehrlich gedient, als eines Tages dessen Gemahlin ihre kostbare, goldene Kette vermisste und trotz allen Suchens nicht wieder finden konnte.

Von den gräflichen Dienern war an dem Tag, an dem die Kette verloren ging, nur der Mohr um die Gräfin und in deren Zimmer gewesen. Auf diesen fiel daher sogleich der Verdacht, die verschwundene Kette entwendet zu haben. Auf der Stelle wurde er verhört, gefangen genommen und obwohl er unter Tränen und Flehen seine Unschuld beteuerte, zum Tode verurteilt. Die Vollziehung des Urteils wurde noch auf denselbigen Nachmittag festgesetzt.

Als die Stunde der Enthauptung des sonst treuen und ergebenen Dieners herannahte und viel Volk sich vor dem Palast versammelte, um den armen Sünder sterben zu sehen, ward es der Gräfin ängstlich und schwer ums Herz. Sie zog sich allein in ihr Gemach zurück und suchte ihr klopfendes Herz zu beruhigen. Da fiel ihr Auge auf das schwere Gebetbuch, das dort am Fenster auf dem kleinen kunstvoll geschnitzten Betschemel lag. Sie kniete nieder und löste hastig die schweren Goldspangen, die das Buch geschlossen hielten und jetzt mit scharfem Geräusch aufsprangen.

Da, wie sie einige Blätter umgeschlagen hatte, klirrte es plötzlich, und aus den Blättern heraus fiel ihr zu Füßen die verlorene Kette. Entsetzt fuhr sie empor. Der Mohr war also doch nicht ein Dieb, er war unschuldig, und unschuldig sollte er gerade jetzt sein Leben um ihretwillen hingeben. Rasch stürzte sie davon und entsandte die wenigen im Palast gebliebenen Diener nach dem Richtplatz. Es war noch nicht zu spät gewesen.

Der Graf schenkte dem Mohren die Freiheit. Um aber seine grundlos geschändete Ehre wieder herzustellen, nahm der Graf den Kopf des Mohren mit der Binde über den Augen in sein Wappen auf. Zur ewigen Erinnerung an die berichtete Geschichte stellten später die braven Väter der Stadt im Jahre 1727 dem armen Mohren ein steinern Standbild auf. Der älteste Brunnen heisst seit diesem Tag Mohrenbrunnen und ist bis heute das Wahrzeichen der Stadt." (aus: Holzlandsagen, Kurt Groß, Leipzig 1839)"

Die Eisenberger Mohrensage dient als erzählerische Begründung für den Kopf eines schwarzen Mannes, der unter anderem das Stadtwappen Eisenbergs ziert, der Kreisstadt des Saale-Holzland-Kreises. Den Eisenberger Mohrenbrunnen, der im 18. Jahrhundert errichtetet wurde, ziert ein Standbild eines nackten Schwarzen mit Federschmuck.

Seit drei Jahren ist die Sage auch auch namensgebend für das Eisenberger Mohrenfest - ein typisches Stadtfest an diesem Wochenende mit Live-Bands und buntem Markttreiben. In der historischen Altstadt schweben hunderte bunte Schirme, vor der idyllischen Kulisse der Schlosskirche wird Wein verkostet. Die Nacht dagegen gehört der Jugend beim Techno-Event "Mohrenfest meets Iron-Hill-City-Beats".

Das Eisenberger Stadtwappen.
Auf dem Eisenberger Stadtwappen ist in der Mitte der Kopf eines schwarzen Mannes mit verbundenen Augen zu sehen. Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Eisenberger Mohrenfest: Kritik an Stadtfest-Namen reißt nicht ab

Klingt nach einem bunten und weltoffenen Wochenende. Wäre da nicht der, um es vorsichtig zu formulieren, schwierige Name des Fests. Dass der Begriff "Mohr" rassistische Stereotype widerspiegelt, dürfte unstrittig sein. Genauso wie das N-Wort wird der Begriff in der öffentlichen Kommunikation aus guten Gründen nicht mehr verwendet. Lediglich in der Wappenkunde ist der Begriff noch üblich.

2019 hatte die Stadt Eisenberg den Namen für das Fest gemeinsam mit der Geraer Werbeagentur "Konzept Team" entwickelt und vorgestellt. Der Sturm der Entrüstung ließ nicht lange auf sich warten. Nach drei Jahren Dauerstreit haben sich die Fronten zwischen dem Veranstalter und den Kritikern verhärtet. Eine Lösung, das heißt eine Umbenennung, ist nicht in Sicht.

Bürgermeister Kieslich will nicht nachgeben

Für Eisenbergs Bürgermeister, den Christdemokraten Michael Kieslich, ist der Titel eine Frage der Gedankenfreiheit: "Eine Spiegelung von unterschiedlichen Sichtweisen und die kritische Auseinandersetzung mit Sichtweisen ist völlig in Ordnung." Den Minimalforderungen der Kritiker will Kieslich jedenfalls nicht nachgeben.

Es braucht natürlich am Ende des Tages auch die Bereitschaft, hier zu akzeptieren, dass es auch andere Meinungen gibt.

Eisenbergs Bürgermeister Michael Kieslich (CDU)

Eisenbergs Bürgermeister Michael Kieslich
Wenn es nach Eisenbergs Bürgermeister Michael Kieslich geht, wird der Name des Mohrenfests nicht geändert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Linke drängt auf Änderung des Festtitels

Im März hatte der Kreisverband der Partei Die Linke im Saale-Holzland-Kreis die städtische Versteifung auf das "Mohren"-Narrativ anlässlich des Tags gegen Rassismus in einer Pressemitteiltung kritisiert: "Es hat aus unserer Sicht auch noch keine, wie auch immer geartete, kritische Auseinandersetzung mit dem Thema postkoloniales Erbe oder historische Einordnung bereits bestehender Straßen-, Restaurant- und Gebäudenamen in der Stadt stattgefunden, was jedoch unbedingt angeraten wäre."

Es ist außerhalb der Stadt und der Region nur schwer zu vermitteln, dass sich die Identität einer Kreisstadt ausschließlich auf eine mit rassistischen Klischees überhäufte Sagenfigur gründet, deren Existenz nicht einmal historisch belegt ist.

Aus der Pressemitteilung vom Linke-Kreisverband

So habe die Linke auch mehrfach im Kulturausschuss auf eine Änderung des Festtitels gedrängt. Der Dialog mit den Kritikern sei aber ergebnislos verlaufen.

Vorwurf einer rassistischen Haltung

Ähnliche Erfahrungen hat auch die Rea Mauersberger gemacht. Die Vorsitzendes des Beirats für Migration und Integration in Jena war noch im vergangenen Jahr im Eisenberger Rathaus vorstellig geworden, um gegen den Namen "Mohrenfest" zu protestieren. Doch die dort angebotenen weitergehenden Gespräche seien im Sand verlaufen, erzählt sie. Der Stadtverwaltung Eisenberg unterstellt Mauersberger eine "rassistische Haltung".

Auch die Projektleiterin an der Antidiskriminierungsberatungs- und Fachstelle, Jacqueline Muthumbi, hat kein Verständnis für die Eisenberger Identifikation mit der umstrittenen Sage.

Auch manche lieb gewonnene Tradition muss mit viel Logik und Rationalität angeschaut werden. Und wenn etwas einen Teil der Gesellschaft ausschließt und ihr wehtut und verletzt, dann muss ich diese lieb gewonnen Tradition weglassen.

Jacqueline Muthumbi, Projektleiterin an der Antidiskriminierungsberatungs- und Fachstelle

"Ich verstehe schon, dass sie daran festhalten wollen, aber das tut Menschen wie mir weh. Das verletzt mich." Auf die Frage, was sie empfindet, wenn sie als "Mohrin" bezeichnet werden würde, sagt sie: "Das macht mich wütend. Ich bin kein Mohr, ich bin ein schwarzer Mensch. Mohr ist eine Fremdbezeichung für ein kindliches dumpfes Wesen, das irgendwo wie ein Tier arbeitet. Das bin ich nicht!"

Jacqueline Muthumbi und Rea Mauersberger.
Die Jenaerinnen Jacqueline Muthumbi und Rea Mauersberger engagieren sich gegen Rassismus in der Region und kritisieren das "Mohrenfest" und die Eisenberger Stadtverwaltung scharf. Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

"Solch rassistische Vorgänge müssen endlich beendet werden"

Die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD) ist verwundert, dass Eisenberg das "Mohrenfest" immer noch feiert. Auf Anfrage von MDR THÜRINGEN schreibt ISD-Pressesprecher Tahier Della: "Dass in Eisenberg das dritte Mal ein Stadtfest mit einer rassistischen Bezeichnung für Schwarze Menschen stattfindet, ist schwer zu verstehen. Die ISD kritisiert dies ausdrücklich. Solch rassistische Vorgänge müssen endlich beendet werden."

So harmlos es scheint, Fremdbezeichnungen sind Teil rassistischer Praxen und dürfen nicht durch die Hintertür fragwürdiger Tradition Platz in unserer Gesellschaft finden.

Tahier Della, Presseprecher der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland

Historiker: Stadt Eisenberg könnte willkürlich eine andere Begründung entwickeln

Neben der Kritik an der Praxis diskriminierender Abwertung durch den Titel des Fests sprechen sowohl Die Linke als auch die ISD einen weiteren Punkt an, den auch der Gero Fedtke von der Uni Jena mitträgt. Der promovierte Historiker hat zur "Mohrensage" und zum Wappen der Stadt Eisenberg geforscht.

Aus seiner Sicht kann die Sage sicherlich als Teil der Stadtgeschichte begriffen werden. Aber historisch verbürgt sei die Erzählung nicht - so wie jede Sage. Sie ist eher eine willkürliche Begründung für die rätselhaften Dinge, die Menschen in ihrer Umgebung vorfinden

Das Wappen war zuerst da. Das ist auch ganz wichtig. Und der Auslöser dafür, dass diese Erzählungen und Sagen entstehen, ist eigentlich, dass Menschen nicht mehr wissen, wo dieser schwarze Kopf im Wappen her kommt und nach Erklärungen suchen. Und die bieten diese Sagen an.

Gero Fedtke, Historiker an der Uni Jena

Historiker Gero Fedtke
Laut Historiker Gero Fedtke von der Uni Jena könnte die Stadt Eisenberg den Namen des Festes problemlos ändern, da die Eisenberger Mohrensage, auf die der Name des Fests zurückgeht, nicht historisch verbürgt sei. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wird dieser geschichtswissenschaftliche Allgemeinplatz weitergedacht, so könnte die Stadt Eisenberg im Jahr 2023 genauso willkürlich einen anderen Begründungszusammenhang für den schwarzen Kopf in ihrem Wappen entwickeln. Und das nicht einmal freihändig, denn die Heimatfoschung bietet längst gut begründete Thesen an.

Eine bunte Party für alle 2023?

Es sei sehr wahrscheinlich, fasst Historiker Fedtke zusammen, dass es sich bei dem Kopf um den Heiligen Mauritius handelt, einen römischen Legionär und schwarzen Märtyrer. Er war vor der Reformation Schutzheiliger in der Region. Später wurde diese Tatsache aufgrund fehlender katholischer Praxis vergessen.

Im Deutschen wurde aus Mauritius übrigens der schöne Name Moritz. Vorschlag zur Güte für das kommende Jahr: Eisenberger Moritzfest 2023. Eine bunte Party für alle.

MDR (fno)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 17. Juni 2022 | 19:00 Uhr

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