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Die Übung hat gezeigt, wo es bei der Koordination der vielen Einsatzkräfte noch hakt. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

RothensteinStress in der Röhre - 300 Retter üben am neuen B88-Tunnel

von Marian Riedel, MDR THÜRINGEN

Stand: 27. Juli 2022, 20:33 Uhr

Für den neuen Straßentunnel der B88 bei Rothenstein laufen die letzten Sicherheitsübungen vor dem Betriebsstart. Eine große Notfall-Übung am Dienstagabend offenbarte aber noch Mängel bei der Abstimmung des Einsatzes. Mehr als 300 Einsatzkräfte waren beteiligt.

"Jetzt geht Sicherheit vor Tempo", sagt Frank Steiner. Es klingt fast wie eine Entschuldigung. Und erklärt doch nur, warum die Feuerwehrleute in ihren Spezialanzügen nicht zur Einsatzstelle rennen. "Die Atemschutzmaske, die Druckluftflaschen auf dem Rücken. Und dann noch über allem der Schutzanzug. Und die Metallschalen mit Material und Werkzeug. Das geht an die Kräfte, stresst den Kreislauf, auch bei trainierten Leuten", erklärt Steiner.

Er kennt das aus seiner Zeit als Feuerwehrmann am Tunnel Beringen. Jetzt ist er der externe Sicherheitsberater vor der Inbetriebnahme des jüngsten Thüringer Straßentunnels in Rothenstein.

Eingebaute Sicherheit ersetzt nicht Wissen und Können von Rettern

Ende August soll endlich der ganz normale Verkehr auf der Bundesstraße 88 durch den Tunnel Rothenstein rollen. Ganz normal heißt: bis zu 24.000 Fahrzeuge am Tag. Darunter auch Gefahrguttransporte. "Wir haben im Tunnel grüne Leuchtstreifen an den Wänden. Wir haben eine adaptive Beleuchtung, damit sich beim Ein- und Ausfahren das Auge des Fahrers gut anpassen kann. Es gibt ein Lautsprechersystem, bei dem Ansagen besser verständlich sind als auf einem Bahnhof."

Jetzt geht Sicherheit vor Tempo.

Frank Steiner | Sicherheitsberater

Hans-Joachim von der Osten weiß genau, wie viel Sicherheit schon eingebaut wurde. Der Abteilungsleiter im Thüringer Amt für Bau und Verkehr weiß natürlich auch, was es nicht gibt: ein Belüftungssystem und eine Sprinkleranlage. "So etwas ist Vorschrift für jeden Tunnel ab 400 Meter Länge. Hier liegen wir bei 385 Metern", sagt von der Osten. Aber ja, auch die kurze Strecke ist nicht ohne.

Feuerwehr und Rettungsdienst sammelten sich vor dem Tunnel auf der B88. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sie verläuft mit einer Kurve durch den Berg. Die Fahrbahn durch die Röhre hat von Norden nach Süden ein leichtes Gefälle. Und es ist auch an diesem Übungsabend sofort ein Luftzug spürbar - nur aus welcher Richtung er kommt, dass unterscheidet sich je nach Witterungslage. Auch das muss von Rettern und Helfern bedacht werden, wenn sie sich hier einem Unfallort nähern.

Übungsszenario an realen Unfällen orientiert

Es ist an diesem Abend nicht die erste Rettungsübung, es wird auch nicht die letzte bleiben. Aber diesmal wird trainiert, was die Freiwilligen Feuerwehren aus Rothenstein und Umgebung bisher noch nicht bewältigen mussten: ein Gefahrgut-Unfall in einem Tunnel.

Wir hatten das schon. Zweimal auf der A4. Ein Lkw mit einer Ladung Ethylacrylat ist auf einen Pkw aufgefahren.

Uwe Keppel | Übungsleiter

Übungsleiter Uwe Keppel erklärt es den Beobachtern und Schiedsrichtern genauer: "Wir hatten das schon. Zweimal auf der A4. Ein Lkw mit einer Ladung Ethylacrylat ist auf einen Pkw aufgefahren. Das Gefahrgut ist, wenn es austritt, schwerer als Luft." Es ist also eine Situation aus dem realen Gefahrenalltag auf unseren Straßen. Eine Lage, die durch den Unfallort im Tunnel noch brisanter ist.

Sind giftige Stoffe im Spiel, müssen sich die Einsatzkräfte entsprechend schützen. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Es ist 18:01 Uhr. Frank Steiner mimt einen Autofahrer, der von der Notrufsäule am nördlichen Tunnelportal den Unfall meldet. Die Notrufsäule ist die direkte Verbindung zur Thüringer Tunnelüberwachungszentrale in Zella-Mehlis. Steiner ist mit seiner Meldung gerade erst fertig, da werden von Zella-Mehlis aus schon die Schranken an den Tunneleinfahrten in Rothenstein geschlossen.

In diesem Augenblick ruft der vermeintliche Lkw-Fahrer den Notruf 112. Er war aus dem Tunnel gerannt, macht einen geschockten Eindruck. Und kann zum Beispiel die Frage nicht beantworten, wie das Gefahrgut auf seinem Transporter heißt: "Die Frachtpapiere, die liegen im Führerhaus."

Frank Steiner gibt einen fiktiven Notruf ab. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

"Gams" - der Plan für den Ernstfall

Nein, Gämse sind auf dem Berg über dem Tunnel noch nicht gesichtet worden. Und doch heißt ein Schlüsselwort für den Einsatz der Retter jetzt "Gams": Gefahrenstelle finden. Absperren. Menschen retten. Spezialkräfte hinzuziehen. Genauso wird es den ersten Feuerwehrleuten am Tunnelportal aufgetragen. Es ist 18:12 Uhr, als sie dort aus den Autos springen. Gut anderthalb Stunde später wird die Übung beendet. Die Spezialisten für Gefahrgut sind da direkt an den Schadstellen des Gefahrguttransporters. Um den kaputten Auslauf des Behälters zu schließen, aus dem der gefährliche Stoff herausläuft.

Ein auslaufender Gefahrenstoffbehälter wird abgedichtet - zumindest dieses Mal ist der Inhalt aber nicht giftig. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Zurück am Tunnelportal wird auf den ersten Blick sichtbar, was bei dieser Übung anders ist. Anders, als bei den bisherigen Trainings. Außer den örtlichen Feuerwehren, den unterstützenden Wehren aus einem größeren Umkreis und dem Rettungsdienst mit Notarzt ist auch der Gefahrgutzug des Saale-Holzland-Kreises alarmiert worden. Gams hat funktioniert. Im Großen und Ganzen. Manches lief noch nicht optimal.

Soll ich jetzt erst das ganze Blatt durchlesen?

Abspracheproblem zwischen Feuerwehr und Rettungsdienst

Beispiel: Die Übergabe eines Verletzten, der in einem Pkw eingeklemmt war. Er wurde aus der Tunnelröhre geholt, dekontaminiert und von der Feuerwehr auf die Trage des Rettungswagens umgelagert. Aber das Team vom Rettungsdienst bekommt von den Feuerwehrleuten nur ein dicht bedrucktes Blatt Papier in die Hand gedrückt - mit Angaben über den Gefahrgutstoff. "Was ist mit dem Verletzten schon gemacht worden? Soll ich jetzt erst das ganze Blatt durchlesen? Da müssen ein paar Sachen einfach direkt bei der Übergabe angesagt werden!"

Im Notfall müssen Feuerwehr, Rettungssanitäter und Polizei möglichst reibungslos zusammenarbeiten. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Herausforderung - 300 Retter und Helfer im Einsatz koordinieren

Frank Steiner ist die Ruhe selbst. Er hat natürlich gesehen, was noch verbessert werden muss. Die Schiedsrichter haben ganze Listen mit Kleinigkeiten notiert. "Die Kommunikation. Die muss verbessert werden. Um bei solchen Einsätzen eine klare Führung zu sichern - in jedem Team und für alle zusammen. Aber: Es sind jetzt am Ende 300 Retter und Helfer beteiligt gewesen. Das hat es hier so ja noch nie gegeben," sagt Steiner.

Es sind jetzt am Ende 300 Retter und Helfer beteiligt gewesen. Das hat es hier so ja noch nie gegeben.

Frank Steiner | Sicherheitsberater

Er kündigt die nächste Übung an, in 48 Stunden. Wieder mit einem anderen Szenario. Vielleicht auch mit der Polizei. Denn die sollte den Tunnel und seine Gegebenheiten für ein gutes Zusammenspiel mit den Feuerwehren und Rettungsdiensten auch kennen. Noch bleibt Zeit, um Schwachstellen auszubessern. Zeit zur Vorbereitung - auf die Tunnelfreigabe. Am 25. August könnte es so weit sein - wenn es keine Sicherheitsbedenken gibt.

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MDR (mar/cfr)

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 27. Juli 2022 | 07:00 Uhr

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