Gutachten vorgestellt Mops-Fledermaus bedroht Neustart der Höllentalbahn

Die Höllentalbahn ist eine von 20 stillgelegten Bahnstrecken, die wieder in Betrieb genommen werden sollen. Die Auswirkungen auf die Natur könnten dem Plan aber ein Strich durch die Rechnung machen. Ein Gutachten ergab, dass im Höllental an der thüringisch-bayrischen Landesgrenze gleich mehrere Naturschutzgebiete zusammenlaufen.

Im Wald eine verlassene Bahnstrecke auf der ein Anhänger steht. 2 min
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MDR THÜRINGEN JOURNAL Di 13.07.2021 19:00Uhr 02:00 min

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Mancher hatte wohl schon gedacht, es sei längst Gras drüber gewachsen. Denn die Natur hat sich das Höllental ohnehin längst zurückgeholt - da, wo seit 1945 kein Zug mehr gefahren ist. Jetzt aber steht die alte Gleisverbindung zwischen Blankenstein in Thüringen und Marxgrün in Franken auf einer besonderen Liste der Deutschen Bahn. Es geht um die Reaktivierung von zunächst 20 Strecken durch die Bundesländer, sogenannte Aufgabenträger und Kommunen.

Thüringen gab Umwelt-Gutachten in Auftrag

Die Idee, die als Kriegsfolge gekappte Gleistrasse wieder nutzbar zu machen, bewegt seit Jahrzehnten eben nicht nur Bahnfans, sondern auch Unternehmer. Denn die Holz- und Papierindustrie könnte mit einem kurzen Weg über die Schienen im Höllental Tag für Tag Hunderte Holztransporte auf Straßen zwischen Tschechien, Bayern und Thüringen ersetzen. Das wäre ohne Zweifel eine ökologisch sinnvolle Variante. Und doch gibt es inzwischen auch bei Naturschützern Bedenken gegen eine Wiederbelebung des Bahnverkehrs im Höllental. Auch deshalb entschied sich das Landesamt für Bau und Verkehr in Thüringen, ein Gutachten zu beauftragen. Das liegt nun vor. Und macht klar: Ohne Eingriffe in die Natur lässt sich die Strecke nicht wiederbeleben. Aber machbar wäre das wohl schon.

"Irrsinn" - die Lage ohne Höllentalbahn

"Eigentlich ist das ein Irrsinn." So brachte es der Rangierer einer Betriebslok in der Zellstoff- und Papierfabrik in Blankenstein auf den Punkt. Das war vor fünf Jahren, als das MDR THÜRINGEN JOURNAL aus dem Werk berichtete, weil dort eine neue Entladestation für Holzlieferungen über die Schiene in Betrieb gegangen war. Das Unternehmen ging damit schon damals in Vorleistung - um mehr Holz und Zellstoff-Transporte von der Straße zu bekommen. Damals wie heute ist das Werk aber nur von Norden her per Schiene erreichbar. Das Gleis Richtung Süden, durchs Höllental, steht ja nicht zur Verfügung. Es hat sich nichts geändert an dem, was 2017 der Geschäftsführer von Mercer Holz Süd, Wolfgang Beck, im MDR-Interview sagte: "Wenn wir unseren Zellstoff beispielsweise auf der Bahn Richtung Italien verfrachten wollen, dann müssen wir erstmal einmal Richtung Norden fahren, um dann Richtung Süden abbiegen zu können. Das heißt: Wir nehmen große Umwege in Kauf."

Noch aber wird viel Fracht statt übers Gleis über die Straße transportiert. Die Befürworter der Höllentalbahn rechnen es so vor: Täglich 200 Lkw weniger auf den Straßen - das wäre erreichbar, wenn die Bahnstrecke zwischen Blankenstein und Marxgrün wieder nutzbar würde.

Nürnberger Experten listen Umwelt-Auswirkungen auf

Was die Reaktivierung des Bahnverkehrs im Höllental für Natur und Umwelt bedeuten könnte, das ist nun auf 53 A4-Blättern nachlesbar, in einem Gutachten der Anuva GmbH Nürnberg. Im Team der Anuva Stadt- und Umweltplanung bringen Biologen, Geografen, Landschaftsökologen, Stadt- und Landschaftsplaner ihr Wissen und ihre Erfahrungen zusammen. 1992 als Start-up gegründet, sind die Anuva-Fachleute inzwischen überregional gefragt. Sie haben im heimischen Franken unter anderem den Managementplan für ein Vogelschutzgebiet erarbeitet, für Straßenbauprojekte zugeliefert und auch Folgen von Wasserkraftanlagen an einem Stausee untersucht. Nun also sind es die Auswirkungen auf die Natur im Höllental, die sich dort aus der Wiederaufnahme des Bahnbetriebes ergeben könnten. Klare Aussage: Das Höllental ist Lebensraum für schützenswerte Wälder und Tiere.

Blick auf Zellstoff- und Papierfabrik Blankenstein
Die Zellstoff- und Papierfabrik Blankenstein hat schon vor Jahren ihre Bahn-Entlade-Möglichkeiten verbessert. Bildrechte: MDR/Kathleen Bernhardt

Bahnstrecke liegt im Schnittpunkt mehrerer Schutzgebiete

Ganz einfach ist die Betrachtung nicht gewesen. Denn das Höllental ist nicht nur ein Landstrich gleich an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Es ist auch ein Bereich, an dem sich gleich mehrere Schutzgebiete verbinden: das Flora-Fauna-Habitat "Selbitz, Muschwitz und Höllental", das Naturschutzgebiet Höllental, der Naturpark "Frankenwald", der Naturpark "Thüringer Schiefergebirge/Obere Saale" und das Nationale Naturmonument "Grünes Band Thüringen". Klar, dass dort sehr sensibel mit den Schutzgütern umgegangen werden muss. Die Anuva-Gutachter nennen zum Beispiel den Umgang mit Weichholzauenwäldern mit Erlen, Eschen und Weiden. Und sie listen auf, dass in der Vergangenheit unmittelbar an der alten Bahnstrecke Fledermäuse in Tunneln nachgewiesen wurden.

Baubedingte Faktoren - Eingriffe in Waldfläche

Sechs Meter breit müsste wohl der Gleisbettbereich werden. Von seiner Mitte gerechnet müssten links und rechts für den Bahnbetrieb dauerhaft neun Meter breite Streifen freigehalten werden. Ein Bereich, um regelmäßig Gehölzrückschnitt oder Felssichergsarbeiten zu gewährleisten. "Die Gesamtbreite des Eingriffs in Waldflächen liegt damit bei 18 Meter", heißt es im Anuva-Papier. Der Trassenabschnitt, um den es geht, ist etwa 7,5 Kilometer lang. Davon liegen sechs Kilometer in Freistaat Bayern.

Auswirkungseinschätzung öffentlich vorgestellt

Was Anuva im Auftrag des Landes Thüringen ermittelt hat, das nennt sich im Amtsdeutsch "Auswirkungseinschätzung". Die ist am Dienstag öffentlich in Blankenstein vorgestellt worden. Inklusive eines wichtigen Hinweises: Noch gibt es kein Genehmigungsverfahren für die Reaktivierung der Höllentalbahn.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | THÜRINGEN JOURNAL | 13. Juli 2021 | 19:00 Uhr

4 Kommentare

maheba vor 13 Wochen

Diese Zahlen sind belastbar durch Angaben des Betreibers der Zellstofffabrik und durch aktuelle Verkehrszählungen.
Konkret stellt sich aber für mich die Frage warum ausgerechnet diese Zellstofffabrik in so ein verkehrstechnisch unterentwickeltes und durch Naturschutz gebeuteltes Tal neu gebaut werden musste. Und vor allem wer die Expansion und die Produktionssteigerungen dieses Wahnsinns genehmigt bzw. genehmigt hat. Da hat auch keiner gefragt wie denn nun die Transporte getätigt werden sollen.

maheba vor 13 Wochen

Meines Wissens nach ist der Streckenabschnutt Blankenstein nach Marxgrün nur sillgelegt worden. Eine Freistellung von Eisenbahnbetriebszwecken nach Paragraph 23 des AEG wurde nie erteilt. Wer sollte denn un verhindern das der Eisenbahnbetrieb wieder aufgenommen wird? Es will doch keiner eine neue Strecke bauen. Es werden nur Instandhaltungen und Erneuerungen zur Wiederherstellung der Verfügbarkeit und Betriebssicherheit durchgeführt.

Basil Disco vor 13 Wochen

Warum nehmen Sie eigentlich die Zahlen der Befürworter als gegeben hin ("200 LKW weniger wären erreichbar") während Sie eine zwar im Artikel nicht genannte, aber sicher durch das Gutachten ermittelte Anzahl von streng geschützten und hoch gefährdeten Fledermäusen als "ein paar" abqualifizieren? Der ökologische Schaden der Reaktivierung ist ja auch viel größer: 13,5 Hektar zerstörte Natur. Das hat mit Ideologie überhaupt nichts zu tun.

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