Landwirtschaft Viele Rinder, viel Mist: Thüringer Agrarbetrieb setzt auf neue Technik gegen Gülle-Flut

25.000 Kubikmeter Gülle fallen bei der Agrargenossenschaft in Geroda im Saale-Orla-Kreis jedes Jahr an. Die kommen erst in die Biogasanlage und später als Dünger aufs Feld. Das Problem: Die Landwirte dürfen nur zu bestimmten Zeiten düngen, die Gülle liegt den Rest des Jahres in Lagertanks. In Geroda müssten sie jetzt eigentlich für viel Geld einen weiteren Tank bauen. Deshalb sucht die Genossenschaft nach Alternativen.

Ein Traktor bringt Gülle auf einem Feld aus
Gülle wird auf einem Feld ausgebracht - hier bei Bad Langensalza. Bildrechte: IMAGO / Bild13

Gleich neben der Bundesstraße 281 bei Porstendorf steht die Milchviehanlage der Agrargenossenschaft Geroda. 600 Kühe stehen hier in den offenen Ställen. Sie geben pro Tag etwa 15.000 Liter Milch. Dafür müssen sie den ganzen Tag fressen. Doch was vorne reingeht, muss auch hinten wieder raus. Im Jahr kommen dabei etwa 25.000 Kubikmeter Gülle zusammen.

Kühe stehen in einem Stall.
600 Milch-Kühe stehen in den Ställen der Agrargenossenschaft Geroda. Bildrechte: MDR: Andreas Dreißel

Eine automatische Anlage reinigt regelmäßig den Stallgang und schiebt die Gülle in einen Schacht. Von dort geht es in die Biogasanlage auf dem Gelände. Dort erzeugt die Gülle in den großen Gärtanks etwa 300.000 KWh Strom, den die Genossenschaft ins Netz einspeist.

Dabei verliert die Gülle Flüssigkeit. Als Rückstände übrig bleiben flüssige Gülle und ein fester sogenannter Gär-Rest. Letzterer wird vollautomatisch über ein Schneckengetriebe nach außen befördert. Von dort bringen ihn die Mitarbeiter als "Kuhmatratze" - also Einstreu für die Liegeflächen in den Stall. "Eigentlich viel zu schade", findet Ralf Voit, Geschäftsführer der Genossenschaft. Denn in den Gär-Resten sind noch alle Nährstoffe der Gülle vorhanden.

Gär-Rest der Gülle liegt vor einer Biogasanlage.
Der Gär-Rest der Biogasanlage wird zu Einstreu für den Stall verarbeitet. Bildrechte: MDR: Andreas Dreißel

Betriebe brauchen Lagertanks für Gülle

Die Genossenschaft muss für die Gülle-Lagerung große Tanks vorhalten. Denn nicht immer dürfen sie mit der Gülle nach der Behandlung in der Biogasanlage aufs Feld. Sonst droht Überdüngung, außerdem würden die Pflanzen geschädigt. Mit Gülle düngen dürfen die Landwirte nur vor der Aussaat und nach der Ernte. Deshalb sind die Genossenschaften gesetzlich verpflichtet, Platzreserven für 180 Tage Güllelagerung vorzuhalten. Die sind irgendwann erschöpft, wenn nicht die gesamte Gülle auf das Feld kommt.

Auch in Geroda müssten sie bald einen neuen Tank bauen. Der würde eine halbe Million Euro kosten. Auch deshalb sucht die Genossenschaft nach Alternativen.

Technologie: Gülle in einzelne Nährstoffe zerlegen

Eine Stunde entfernt fanden die Landwirte hinter der sachsen-anhaltisch-thüringischen Grenze zwei kreative Köpfe. Steffen Koch und Christoph Weidling forschen hier an Vakuumtrocknern. Die Idee war schnell geboren: Mit den Trocknern könnte man der Gülle die feuchten Bestandteile entziehen, nachdem sie die Biogasanlage durchlaufen hat. Dadurch ließe sich auch das Volumen verkleinern. Doch das reichte den Tüftlern nicht, denn solche Technik gibt es bereits. Sie wollen in einem zweiten Arbeitsschritt die Gülle in alle Nährstoffe zerlegen.

Menschen stehen um einen Vacuumtrockner herum.
In diesem Vakuumtrocker sollen dem Gär-Rest aus der Biogasanlage Nährstoffe und Wasser entzogen worden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nicht alle Pflanzen auf dem Feld brauchen alle Nährstoffe in der gleichen Konzentration. Deshalb müssen die meisten Landwirte Dünger zukaufen. In Geroda sind das 400 Tonnen pro Jahr. Doch die Preise für Dünger sind seit dem letzten Jahr geradezu explodiert. Das Kilogramm Stickstoff stieg seit 2021 im Einkauf von 70 Cent auf 3,40 Euro.

In der Gülle sind Phosphor, Stickstoff, Kalium und Schwefel.

Chemiker Uwe Wienhold, der am Projekt beteiligt ist

Mit einem neuen Verfahren könnte die Genossenschaft ihre Felder also bedarfsgerechter düngen und gleichzeitig viel Geld sparen. Außerdem könnten Landwirte größere Flächen mit ihrer Gülle düngen, wenn pro Hektar weniger aufs Feld muss.

Erste Ergebnisse erfolgversprechend

In der Versuchsanlage im Labor sind die ersten Ergebnisse erfolgversprechend. Im ersten Schritt verliert die Gülle im Vakuumtrockner etwa 75 Prozent ihres Volumens. Später werden die Nährstoffe aus dem Feststoff herausgelöst. Übrig bleiben zum Schluss destilliertes Wasser, ein Gär-Rest und 100-prozentige Nährstoffkristalle. Die könnten die Landwirte in Wasser lösen und auf die Felder bringen.

Das Projekt stößt auch bei der Thüringer Landesregierung auf Interesse. Denn vor allem im landwirtschaftlich intensiv genutzten Norden und Osten gibt es noch Gebiete, in denen die Grenzwerte für Nitrat überschritten werden.

Karte mit Thüringer Gebieten, in denen die Nitrat-Grenzwerte 2021 überschritten wurden.
In diesen Gebieten (rot) in Thüringen wurden die Nitratwerte 2021 überschritten. Bildrechte: Thüringer Landgesellschaft

Gerodaer Betrieb denkt über Kooperationen nach

Ralf Voit träumt schon von einem kompletten Kreislauf für die Gülle seiner Kühe. Vom Stall über die Biogasanlage zu den einzelnen Nährstoffen. Noch ist das Zukunftsmusik. Doch wenn alles klappt, könnte das System auch für andere Genossenschaften interessant sein. Deshalb denken die Gerodaer schon über Kooperationen nach.

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MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 23. März 2022 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

kleinerfrontkaempfer vor 27 Wochen

Nach dem Einsatz der Gülle in einer Bio-Gasanlage ergibt sich ein guter und für den Ackerbau tauglicher "Kompost". Der Kreislauf schließt sich dann NACHHALTIG.

Eulenspiegel vor 27 Wochen

Und in ein paar Jahren könnten wir sogar so bis zu 50 % der Russland-Gases ersetzen.

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Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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