Thüringer Musikradar Joyce November und ihre Reise in zwölf Songs durch die Pandemie

Von einer Pandemie lässt sich Joyce November nicht aufhalten. Corona hat zwar ihre Konzert- und Bandpläne zunichtegemacht, ihr musikalischer Tatendrang ist aber ungebrochen. Monat für Monat bringt die Schleizer Singer-Songwriterin einen neuen Song heraus. Sie hat damit ihren eigenen Weg gefunden, Corona in Kunst zu verwandeln.

Eine junge Frau mit Gitarrenkoffen und schwarzem Mantel im Park.
Von der Bühne ins Klassenzimmer und zurück: Joyce November ist Grundschullehrerin in Schleiz aber auf Thüringens Bühnen zuhause. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Joyce November sitzt in einem Wartehäuschen, ein kleines Mini-Piano auf dem Schoss. Gedankenversunken lässt die Singer-Songwriterin ihre Hände über die Tasten gleiten. Über drückend schwere Moll-Akkorde tänzelt eine nachdenkliche Melodie. November stimmt einen Song an, der dieser bleiernen Zeit - der wir uns alle gerade ausgesetzt sehen – einen Klang verleiht. Sie singt vom Warten und der Sehnsucht nach Veränderung.  

Eine Reise in zwölf Songs durch die Pandemie

Tatsächlich gehört der Song "Godot", den die 29-Jährige da in diesem Wartehäuschen spielt, zu ihrer "Corona überbrückenden Selbsttherapie". Im Juni 2020 - als den meisten langsam dämmerte, dass das Virus uns noch länger beschäftigen würde und Konzerte auf absehbare Zeit verboten blieben – entschloss sich November, ein neues Songprojekt zu starten: den Song des Monats. Jeden Monat wollte sie einen Song samt Videotagebuch und Musikvideo produzieren, um trotz Auftrittsverbot weiterhin Musik zu machen. "Jeden Monat einen Song, dann ist man konstant beschäftigt und hat wie so eine Reise, die vor einem liegt." Das war die Idee.

Während dieser Reise sind inzwischen neun Songs entstanden, in denen Anika Joyce Ölsner, wie die Schleizerin eigentlich heißt, ihrer Kreativität freien Lauf lässt. Ende Mai werden es zwölf Pandemie-Songs sein, die als Gesamtkunstwerk verstanden werden können - aber nicht müssen. Denn auch wenn die Lieder Wegpunkte einer Reise sind, so steht doch jedes für sich allein und erzählt eine eigene Geschichte. Dabei schwingt die Pandemie höchstens zwischen den Zeilen mit, wirklich Thema ist nicht.

Eine junge Frau mit einer Gitarre im Tonstudio. Vor ihr mehrer Mikrofone. Sie hat Kopfhörer auf.
Ihre Lieder sind oft verträumt und melancholisch, in Natura ist Joyce November aber eine Frohnatur. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Musik als Projektionsfläche

In der Regel sind die Lieder von Joyce November vielschichtig und selten eindeutig. Beim Texten gelingt der deutschsprachigen Singer-Songwriterin ein beeindruckender Spagat zwischen leicht verständlichen Worten und einem tief poetischen Sinn. Sie schreibt daher keine Radiohits, die enervierend simpel sind, sondern eingängige Lieder, die dem Hörer neue Perspektiven eröffnen und ihm als Projektionsfläche dienen.

Wenn man so will, lassen sich ihre Songs mit verschiedenen Ohren hören. Wer zum Beispiel "Godot" hört und das Lied in seinem zeitlichen Kontext betrachtet, wird darin die eigene Gefühlslage während der Pandemie wiedererkennen. Wer verliebt ist, hört im selben Song, eine Geschichte von ungestillter Sehnsucht und wer gerade trauert, findet zwischen den Zeilen, ein Abschiedslied, das Trost spendet und Mut für die Zukunft macht. Diese Interpretierbarkeit ist eine ganz eigene Qualität im Werk von Joyce November. Ihre Songs sind wie die berühmte Schachtel Pralinen - man weiß nie, was man bekommt.

Eine junge Frau mit Gitarrenkoffen und schwarzem Mantel im Park. Sie schaut auf die Uhr.
Huch, schon wieder Zeit für einen neuen Song. Mit dem "Song des Monats" hat Joyce November sich selbst einen engen Zeitplan für das Corona-Jahr gesteckt. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Pädagogin bei Tag, Rockstar in der Nacht

Auch sonst ist November ein Tausendsassa: Wenn sie nicht gerade Texte schreibt, Musik komponiert oder Videos produziert, nimmt sie Podcasts auf oder bereitet den Unterricht für ihre Schüler vor. Denn Anika Ölsner arbeitet in Schleiz hauptberuflich als Grundschullehrerin. "Ich bin Pädagogin bei Tag und Rockstar bei Nacht", scherzt sie.

Damals habe sie sich bewusst dagegen entschieden, die Musik zum Beruf zu machen, weil sie auf diese Weise finanziell unabhängig und trotzdem kreativ sein könne. "Ich bin super gern Lehrerin, aber definiere mich schon als Musikerin. Das ist eine schöne Balance. In der Musik bin ich ganz bei mir und beim Lehrerin sein, dreht sich alles um andere."

"Da kommt Ölsi, die Musikerin"

Es mag daher kaum überraschen, dass Joyce November ihren ersten Auftritt mit eigener Musik in einer Schule spielte. Damals war sie jedoch selbst noch Schülerin und unter dem Spitznamen "Ölsi", auf dem Schulhof bekannt. Mit 14 oder 15 habe sie das erste Mal eine Gitarre zur Hand genommen und angefangen sich Akkorde und Songs beizubringen. Als Kind hatte sie zuvor Keyboard gelernt, jetzt wollte sie aber ihre Freunde und Mitschüler unterhalten: In Sommernächten am Lagerfeuer sitzen und Die-Ärzte-Lieder spielen, zu denen alle mitsingen können, was gibt es Schöneres?

Im Tonstudio: Ein Mann sitzt im Vordergrund an einem Pult. Im Hintergrund eine junge Frau, die offenbar eine Anweisung gibt.
Im Atomino Studio in Erfurt produziert Joyce November seit 2014 ihre Songs. Ihr Produzent Frithjof Rödel hilft ihr beim Sounddesign. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Auf dem Schulhof hieß es bald "Da kommt Ölsi, die Musikerin" und dieser Ruf, drang auch bis ins Lehrerzimmer vor. Ein Lehrer bat sie, beim Weihnachtskonzert zu spielen. Sie sagte zu und schrieb dafür sogar einen eigenen Song. "Das war mir vorher nicht so klar, aber es ist etwas anders auf die Bühne zu treten und seine eigenen Lieder zu spielen, als einfach etwas Bekanntes zu covern." In der 11. Klasse spielte Joyce November ihr erstes Konzert mit einem eigenen Song und bekam viel Applaus. Es war wohl die Initialzündung zu ihrer musikalischen Karriere.

Corona machte Band-Pläne zunichte

Seither ist viel passiert: Ende 2019 veröffentlichte November ihr bereits drittes Soloalbum "Gegenlicht". Es sollte der Auftakt für eine Konzertreihe 2020 werden, bei der sie ihre Songs zusammen mit ihrer neuen Band spielen wollte. Ein Novum für November, die bis dahin rund 200 Soloauftritte absolviert hatte und sich nach einem kurzen Intermezzo als Gitarristin in der Band "Eule Müller" voll auf ihre Solokarriere fokussiert hatte.

Eine junge Frau mit Gitarrenkoffen und schwarzem Mantel im Park. 16 min
Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 18.03.2021 13:37Uhr 15:44 min

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"Solokünstler zu sein hat enorm viele Vorteile", sagt November. "Du musst dich nicht einigen. Ich kann proben, wann ich will, Konzerttermine ohne Rücksprache vereinbaren und muss bei den Songs keine Kompromisse eingehen." Entsprechend groß war für sie die Umstellung, ihre Songs nun mit einer Band zu proben und einzustudieren. Die Zusammenarbeit lief so gut und machte so großen Spaß, dass sie Anfang 2020 für die Idee brannte, künftig mit Band aufzutreten. Dann kam Corona und erstickte das Feuer im Keim.

"Ich hab' so Bock drauf wieder rauszugehen und zu spielen"

Inzwischen ist ein weiteres Jahr vergangen, das die meisten Musiker als katastrophal empfunden haben. Releases und Touren wurden verschoben und stehen auch für 2021 noch in den Sternen. Joyce November hat die Zeit genutzt. Mit ihren Songs des Monats hat sie einen Weg gefunden, das beste aus der Pandemie zu machen.

Natürlich hofft auch sie, dass Kunst, Musik und Kultur schon bald wieder ein fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens sein können. "Ich hab' so Bock drauf wieder rauszugehen, wieder zu spielen […] das ist das, was mir am meisten fehlt", sagt November, die es kaum erwarten kann wieder Konzerte vor Menschen zu spielen. Doch bis es so weit ist, wartet sie - und warten wir alle - auf Godot.

Quelle: MDR

3 Kommentare

Muh vor 12 Wochen

Warum unterstützt der MDR nicht mit seinen Radiosendern MDR 1Sa/Sah/Thüringen die regionalen Künstler? Muss immer nur Mainstream Mugge gespielt werden? Mit dem Gemageld von gespielten Titel wäre dem Künstler vielleicht mehr geholfen, als ein Bericht der morgen schon vergessen ist.

Alexa007 vor 12 Wochen

Schön, dass die konfuse Thüringer Bildungspolitik in der Coronazeit totz Homeschollingversuchen bei gleichzeitiger extensiver Notbetreuung noch Raum für kreative Phasen lässt.

Alexa007 vor 12 Wochen

Sorry ... gemeint waren natürlich die wenig geglückten Homeschoolingversuche ...

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