Reportage Ein Tag im Pflegeheim unter Pandemiebedingungen

Die Mitarbeiter im Pflegeheim Saalburg-Ebersdorf wissen, was das Coronavirus anrichten kann. Im November gab es dort einen Ausbruch. Für die Bewohner und Pflegekräfte hat sich seitdem viel geändert. Unsere Reporterin Cornelia Hartmann durfte in Vollschutzkleidung den Pflegealltag beobachten.

MDR THÜRINGEN Reporterin Cornelia Hartmann in Schutzausrüstung
MDR THÜRINGEN-Reporterin Cornelia Hartmann verbringt einen halben Tag im Pflegeheim. Bildrechte: MDR/Cornelia Hartmann

Vor dem Seniorenzentrum der Diakonie in Saalburg-Ebersdorf brennen zehn Grablichter. Ende November gab es hier einen Covid19-Ausbruch. Zehn Bewohner starben, viele andere erkrankten, auch viele Pflegekräfte. Der Dienstplan war praktisch außer Kraft. Die, die noch da waren, arbeiteten in Zwölfstundenschichten.

"Wir selber waren körperlich und psychisch an der Belastungsgrenze.", sagt der Pflegedienstleiter. Wenn man nach 12 Stunden, zu Hause war, konnte man nicht abschalten. Das Telefon klingelte weiter.

"Wir sind in dieser Zeit über uns hinausgewachsen.", sagt die Leiterin der Einrichtung. Aber es habe auch Momente gegeben, in denen man kurz dachte, man schaffe es nicht.

Wie in Frischhaltefolie eingewickelt

Jetzt hat sich die Situation wieder ein bisschen entspannt. Was das heißt, darf ich mir ansehen. In Schutzkleidung und nach einem Schnelltest, der negativ ist.

MDR THÜRINGEN Reporterin Cornelia Hartmann in Schutzausrüstung
Schon nach wenigen Minuten beschlägt die Schutzausrüstung von innen. Bildrechte: MDR/Cornelia Hartmann

Schutzkleidung heißt: ein Overall, den ich vorn zuklebe, und dessen Kapuze ich mir überziehen muss. Dazu Handschuhe, FFP-2-Maske und Visier. Das schon nach den ersten beiden Treppenabsätzen beschlagen ist. Und das bleibt auch die nächsten Stunden so.  Manchmal fühle man sich wie in Frischhaltefolie gewickelt, sagt eine Mitarbeiterin.

Pro Station gibt es eine medizinische Fachkraft –  nur sie darf Medikamente geben, Puls, Blutdruck und Sauerstoffsättigung messen. Dreimal am Tag muss das jetzt bei jedem Bewohner gemacht werden. Alles muss dokumentiert werden. Und nach jedem Kontakt heißt es:  Hände desinfizieren, 30 Sekunden lang,  und danach neue Handschuhe anziehen. Zwei Paar übereinander. Das kostet viel Zeit. Alle hier sind ständig unterwegs.  Von Hektik oder Überforderung ist trotzdem nichts zu spüren.

Das Ende der Gemeinschaft

Um Infizierte und Nichtinfizierte zu trennen, mussten viele Bewohner umziehen. Besuche wurden stark eingeschränkt. Das Ende der Gemeinschaft, die veränderte Umgebung – darunter haben viele gelitten, sagt die Leiterin. Demente Bewohner hörten auf zu essen und zu trinken, weil ihre vertrauten Pfleger und Pflegerinnen nicht mehr da waren, oder weil sie sie wegen der Schutzkleidung nicht erkannten. Eine zusätzliche Belastung für alle.

Die Pandemie habe eine Branche getroffen, die schon Schwierigkeiten hatte, Personal zu finden, wenn jemand aus Altersgründen ausschied, sagt Martin Gebhardt von der Diakonie Weimar-Bad Lobenstein. Man sei in den letzten 20 Jahren immer mit Einsparungsmaßnahmen konfrontiert gewesen, optimaler Personaleinsatz war gefordert. Das passte überhaupt nicht zu den aktuellen Bedingungen. Noch immer seien Mitarbeiter wegen der Erkrankung und ihren Folgen nicht arbeitsfähig.

Pflegemitarbeiter im Vollschutz bei der Essensausgabe
Die Personalsituation in vielen Pflegeheimen ist dramatisch schlecht. Bildrechte: MDR/Cornelia Hartmann

Ich will mich nützlich zu machen, helfe einer dementen Dame beim Mittagessen. Nach 17 Minuten ist der Teller immer noch halbvoll. Die Frau schüttelt den Kopf, wenn ich den Löffel zu ihrem Mund führe. Eine Mitarbeiterin sagt freundlich "Den Nachtisch ist sie bestimmt noch. Sie mag Süßes". So ist es. Der Fruchtquark ist ruckzuck aufgegessen. Eine Fremde, wie ich, hätte alles abgeräumt. Auch den Nachtisch.

Diakonie sucht dringend Helfer

In der Küche kann ich nicht helfen - das macht ein Angehöriger der Bundeswehr. Das Seniorenzentrum hat dort um Hilfe gebeten – und sie unkompliziert bekommen. Das entspannt die Lage, aber der Pausentisch der Mitarbeiter bleibt trotzdem die ganze Zeit leer. Wenn ein Bewohner Hilfe braucht, piepst es. Es piepst ständig.

Ich setze mich zu einer Dame ans Bett. Sie freut sich, denn ein bisschen langweilig ist es schon, seitdem sie sich mit den anderen nicht mehr zum Schwatzen treffen kann und Besuchsverbot herrschte. Auch sie musste umziehen. Das war ein bisschen aufregend, aber nötig sagt sie. Sie weiß nicht, wie lange sie jetzt in diesem Zimmer bleibt. "Aber die kümmern sich hier schon", sagt sie freundlich.

In der Stunde, in der ich ruhig an ihrem Bett sitze, lichtet sich der Schleier vor meinen Augen. Die einzige Situation, in der mein Visier mal nicht beschlagen ist.

Die Schutzausrüstung, die ich trage, ist für alle Pflicht. Also auch für alle Besucher. Und für freiwillige Helfer. Aufgrund der dramatischen Personalsituation sucht die Diakonie Mitteldeutschland Menschen, die in den Pflegeheimen helfen. Besonders gebraucht werden Menschen mit einer medizinischen Ausbildung. Aber die gibt es nicht.

Zwei Pflegekräft in Schutzausrüstung im Pflegeheim 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR THÜRINGEN JOURNAL Sa 02.01.2021 19:00Uhr 03:06 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Warten auf den Impftermin

Als ich die Station verlasse, muss ich meine Schutzkleidung nach Anweisung wieder ausziehen. Auch dafür nimmt sich eine Mitarbeiterin Zeit.

Auch ich muss meine Hände 30 Sekunden lang desinfizieren, unter den Handschuhen ist die Haut feucht geworden. Es fühlt sich so an, als ob sich die oberste Schicht gerade auflöst.

Was ich nicht sehen kann, aber ahne, ist der Mehraufwand an Organisation: das Beschaffen der Schutzkleidung, die Koordination der Helfer, das Ermöglichen von Besuchen. Und die ganz persönliche Einschränkung aller, die hier arbeiten. Möglichst wenig Kontakte, Weihnachten nur im engsten Familienkreis, damit man sich nur ja nicht ansteckt und ausfällt.

Am 23. und 24. Dezember hat die Leitung des Seniorenzentrums Emmaus in Saalburg-Ebersdorf die Unterlagen für die Impfung abgeschickt. Das Konzept steht, die Einwilligungen von Bewohnern und Betreuern liegen vor. Eine Information über einen Impftermin gibt es noch nicht.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 02. Januar 2021 | 19:00 Uhr

8 Kommentare

Lyn vor 17 Wochen

Wie Recht Sie haben.

Der Widersinn gipfelt dann darin, dass meine Freundin, da in Quarantäne, obwohl negativ getestet, evtl. nicht zur Beerdigung ihres Bruders kann.

Aber arbeiten kann sie, muss sie, es gibt keinen Ersatz.

Aufgrund der Kombination aus wachsendem Stress und mieser Bezahlung ist die Flucht aus diesem Berufszweig enorm.

Lothar Thomas vor 17 Wochen

@ Lyn

Ich hatte mich vor ein paar Tagen auch mit einer Pflegefachkraft unterhalten und wenn DAS nicht so gehandhabt würde, wäre das Ganze schon längst wie ein Kartenhaus zusammen gebrochen.

Die Pflegekräfte sind auch schon langsam am Ende, die gehen schon jetzt auf dem "Zahnfleisch".

Hoffentlich wird man langsam einmal wach bei den Politikern.

Auf die Zeit des Kaputtsparens, folgt jetzt die Rechnung - mit dem Ergebnis von Unterbesetzung und nicht genügend Nachwuchskräften.

Lothar Thomas vor 17 Wochen

@ Lyn

Oh ja, da haben sie aber Recht, ich kenne da Beispiele.

Wehe demjenigen, der vielleicht sogar unter staatlicher Betreuung steht, da wird zwischen dem Richter am Betreuungsgericht und der staatlichen Betreuerin geschachert, wenn es um das Haus der zu betreuenden Person geht.

Heute wohnt die Tochter der Betreuerin in diesem Haus.

Diese Betreuerin hatte selbst im Kollegenkreis schon den Spitznamen "Elster".

Ich habe mir Das bestimmt nicht ausgedacht, dafür habe ich genug Beweise.

... und ich bin mir sicher, dass es noch viele andere Beispiele für die Korruption an Betreuungsgerichten gibt.

Ich kann nur jedem raten, sich niemals unter staatliche Betreuung stellen zu lassen.
Denn dann hat das Eigentum der Person seinen letzten Herrn gefunden.

Aber ich muss auch zur Ehrenrettung der anderen Betreuer sagen, nicht Alle sind so raffgierig.

Es reichen aber wenige aus um einen ganzen Berufsstand in Misskredit zu bringen.


Mehr aus der Region Saalfeld - Pößneck - Schleiz - Eisenberg

Mehr aus Thüringen