Notfall-Dosen Wie ein Griff in den Kühlschrank Leben retten könnte

Die Situation erscheint grotesk: Der Mann in der alarmroten Kombi hat seinen Notfallkoffer in der Küche abgestellt. Er soll sich um einen Hilfsbedürftigen kümmern, der kaum noch ansprechbar ist. Aber was tut der Retter? Er geht zum Kühlschrank, öffnet die Tür und greift sich eine Dose heraus.

Mehrere Notfall-Dosen auf einem Tisch
Die gut erkennbaren Dosen gehören in den Kühlschrank. Sie enthalten wichtige Informationen. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Hartmut Jacobi hat selbst schon mehrfach den Griff in den Kühlschrank gemacht. Und er sagt: Genau das kann Leben retten. Jacobi arbeitet beim DRK im Saale-Orla-Kreis. Und er hat es oft genug erlebt: Notarzt und Rettungssanitäter sind bei einem Hilfsbedürftigen angekommen. Der ist aber nicht in der Lage, Fragen der Helfer zu beantworten. Oft hilft es dann auch nicht viel, dass noch ein Angehöriger des Patienten anwesend ist. Jacobi erklärt: "Familienmitglieder, auch Nachbarn, sind bei einem Notfall oft so gestresst, dass auch sie uns einfachste Fragen nicht richtig beantworten können."

Der Steckbrief für die Notfall-Helfer

Dabei ist klar: Egal was passiert ist - um rasch und effektiv handeln zu können, brauchen die Notfall-Helfer ein paar grundlegende Informationen über den Hilfsbedürftigen. Hat er Vorerkrankungen? Welche Medikamente nimmt er ein? Gibt es Allergien? Welche Blutgruppe hat der Patient? Wer muss benachrichtigt werden, wer kann Auskünfte geben?

Diese Fragen stehen auf einer Art Steckbrief, nach dem Jacobi und seine Kollegen suchen, wenn sie am Einsatzort in den Kühlschrank sehen. Und zielgerichtet eine Dose herausholen.

Sanitäter liest Notfall-Pass
DRK-Helfer Jacobi wirft einen Blick auf den Patienten-"Steckbrief" aus der SOS-Dose. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Seniorenbüro organisiert Projekt "SOS-Dosen"

SOS-Dosen sagen die einen, Notfall-Dosen die anderen. Ganz neu ist diese Erfindung nicht. In den USA hat man schon vor vielen Jahren damit angefangen, wichtige Informationen für Notsituationen in Blechbüchsen zu deponieren. Die Idee ist längst auch vielerorts in Europa angekommen.

Anne Hofmann hörte davon zum ersten Mal während ihres Studiums. Und fragte sich: Warum wird so etwas Sinnvolles nicht überall nachgenutzt. Kühlschränke gibt es schließlich in nahezu jedem Haushalt.

Die junge Frau hat Pflegemanagement und Gerontologie studiert. Seit ein paar Jahren arbeitet sie in einem Seniorenbüro der Diakonie, ist eigentlich "nur" für Tanna, Gefell und Hirschberg zuständig. Aber rasch kam die 27-Jährige zur Überzeugung: Wenn sie ein Projekt "SOS-Dosen" startet, dann nicht nur für Senioren in drei kleinen Städtchen.

Zwei Damen an einem Tisch .
Anne Hofmann hilft einer Seniorin beim Ausfüllen des „Steckbriefes“ für die SOS-Dose. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Mit der eigenen Begeisterung angesteckt

Anne Hofmann hatte keine Illusionen. Bevor irgendwo nur eine Dose in einem Kühlschrank stehen würde, brauchte sie für ihren Plan Verbündete. Möglichst welche, die in der Lage und Willens sind, für die gute Idee gutes Geld zu zahlen. Also zog die junge Frau los, putzte Klinken, verabredete Telefonabsprachen. Sie fand Unterstützer in fünf, auch überregional bekannten Unternehmen der Holz- und Metallbranche und bei den Werkstätten des Christopherushofes der Diakonie.

Offenbar verstand es Anne Hofmann, mit ihrer eigenen Begeisterung anzustecken. In einer Projektgruppe holte sie seit Sommer 2019 auch Bürgermeister, Sozialplanerinnen vom Landratsamt, Mitarbeiter vom Krankenhaus Schleiz, von Pflegediensten, AOK, DRK und Apotheken "ins Boot". Und doch sollte erst noch eine ganze Menge Wasser die Saale herabfließen, ehe Anfang 2021 endlich die ersten 1.000 SOS-Dosen im mobilen Seniorenbüro in Gefell zum Verteilen auf dem Tisch standen.

Rote Dose im Kühlschrank
Klein und markant: Die rote Dose in der Kühlschranktür. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

40.000 rettende Dosen

Inzwischen hat es sich im Saale-Orla-Kreis herum gesprochen, dass es diese Dosen kostenlos gibt - und nicht nur für Senioren. Der DRK-Mann Hartmut Jacobi ist froh darüber: "Ich spreche da aus eigener Erfahrung - gerade jetzt in dieser Pandemiezeit. Es gibt viele, viele junge Leute, die letztendlich genauso viel Hilfe brauchen, wie ältere Menschen. Auch bei jüngeren Patienten passiert es, dass sie in einer Notlage Schwierigkeiten haben, Auskunft über sich zu geben."

Die ersten 20.000 Dosen sind nun schon zu Verteilstellen gebracht und zum großen Teil dort von Interessenten abgeholt worden. Die leichten, kleinen roten Gefäße gibt es im Saale-Orla-Kreis bei einigen Ärzten, in Seniorenbüros, Rathäusern, bei der AWO, der Volkssolidarität, DRK, Diakonie und in Apotheken. Aus Hirschberg hat Anne Hofmann gehört, dass auch Menschen aus dem angrenzenden Sachsen und Franken schon nach SOS-Dosen gefragt haben. Offenbar kommt die Idee gut an. Deshalb sei nun zum zweiten Mal eine Herstellung von 20.000 Dosen beauftragt worden, sagt Anne Hofmann.

Quelle: MDR THÜRINGEN/nis

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 04. März 2021 | 19:00 Uhr

3 Kommentare

Gotha2020 vor 5 Wochen

Erst musste ich lachen als ich das gelesen habe! Wenn man aber genauer darüber nachdenkt eigentlich eine gute Sache. Den Kühlschrank in einer Wohnung wird jeder schnell finden könne. Und wenn die Dose dann wirklich dort aufbewahrt wird eine Hilfe für die Retter. Super Idee

helmut57 vor 5 Wochen

Wo kann man diese Boxen erhalten?

helmut57 vor 5 Wochen

Echt eine tolle Idee, hoffentlich wird es gut angenommen. SUPER!!!

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