Nahverkehr Kritik an den neuen Tarifen im Verkehrsverbund Mittelthüringen

Seit Mitte Dezember sind die Landkreise Saalfeld-Rudolstadt und Saale-Orla neue Mitglieder im Verkehrsverbund Mittelthüringen (VMT). Doch schon kurz nach dem Start wird Kritik laut: Viele Reisende müssten seitdem mehr bezahlen, heißt es.

Nahverkehrsbus an Haltestelle im Ort
Königsee - am Anfang des nach Osten erweiterten VMT-Gebiets Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Mitte Dezember 2020 gab es den Startschuss für eine Erweiterung des Verkehrsverbundes Mittelthüringen (VMT). Seit 13. Dezember können Reisende mit einem einzigen Ticket von Schleiz bis Eisenach fahren und das auch noch per Handy-App. Der Fahrgastverband "Pro Bahn" sieht die Erweiterung nicht nur positiv. Zwar begrüßt er die Möglichkeit, mit einem Ticket quer durch Thüringen zu fahren. Allerdings bleibt der VMT nach Meinung des Fahrgastverbandes hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Der jetzige Verkehrsverbund ist lediglich ein Tarifverbund. In einem echten Verkehrsverbund müsste auch das verkehrsträgerübergreifende Angebot abgestimmt werden, damit die Fahrgäste das Angebot auch tatsächlich optimal nutzen können.

Olaf Behr, Fahrgastverband "Pro BahnThüringen e.V."

Und schon kurz nach dem Start ist in den zwei neuen Landkreisen die Freude verflogen. Zum Teil gibt es heftige Kritik an den neuen Tarifen.

Man muss da dringend nachschärfen. Also es ist extrem teuer geworden Richtung Ilmenau. Da haben wir aktuell ein bis zwei Tarifzonen zuviel im System. Im Vergleich zur Stadt wird das flache Land klar benachteiligt.

Marco Waschkowski, Bürgermeister Stadt Königsee

Kritik am Ticketsystem

Ursache für die Veränderungen ist die laut Bürgermeister die Umstellung des Ticketsystems im Beitrittsgebiet. Statt nach Kilometern wird nun nach Tarifzonen abgerechnet. Bürgermeister Marco Waschkowski (pl.) sieht die Nachteile ganz klar in den neuen Tarifzonen. Dadurch habe sich zum Beispiel der Fahrpreis für eine einfache Fahrt von Königsee nach Bad Blankenburg selbst mit der günstigeren 4-er-Karte um 20 Prozent verteuert.

Höhere Preise im Saale-Orla-Kreis

Auch im Saale-Orla-Kreis wird es für viele teurer. So kostet ein Ticket für eine einfache Fahrt von Schleiz nach Pößneck statt bisher 5,60 Euro nun 7,90 Euro, ein Anstieg von satten 41 Prozent. Von Schleiz nach Jena zahlen Fahrgäste zukünftig sogar 46 Prozent mehr. Freuen darf sich, wer von Schleiz nach Bad Lobenstein möchte: dort verringert sich der Fahrpreis um etwa 10 Prozent auf 3,70 Euro. Die Umstellung des Preissystems erfolgte dabei nach einem komplizierten Verfahren.

Dabei schauen wir auf den Verbindungen: wie sind die Preise vorher, und welche Einnahmen wurden damit gemacht? Wir versuchen die Strecken dann so zu schneiden, dass in der neuen Zone möglichst die gleichen Einnahmen wie vorher herauskommen.

Christoph Heuing, Geschäftsführer Verkehrsverbund Mittelthüringen

Netz des Verkehrsverbunds Mittelthüringen
Das gesamte VMT-Gebiet nach dem Beitritt der zwei Landkreise Bildrechte: Verkehrsverbund Mittelthüringen

Obwohl es für viele teurer wird: Die Verkehrsunternehmen im Beitrittsgebiet rechnen durch die Umstellung mit Mindereinnahmen von 1,3 Millionen Euro pro Jahr. Trotzdem sehen sie im größeren Verbund mehr Vor- als Nachteile. Der Thüringer Fahrgastverband ist dagegen skeptisch.

Wir sehen, dass es für einige Nutzergruppen wie Familien mit Kindern oder reine Bahn-Fahrer teurer wird. Eigentlich sollte sich das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln doch aber für alle verbessern.

Olaf Behr, Fahrgastverband "Pro BahnThüringen e.V."

VMT wirbt für Abos und Monatskarten

Bürgermeister Marco Waschkowski hat das Thema zur Chefsache gemacht. Er will mit dem VMT ins Gespräch kommen, um Lösungen zu finden. Seiner Meinung nach würden die neuen Tarife den Individualverkehr und nicht den öffentlichen Nahverkehr stärken. Beim VMT sieht man dagegen kein strukturelles Problem, schon gar nicht eine Benachteiligung des ländlichen Raums.

Wir wollen, dass möglichst viele unsere Abos und Monatskarten nutzen. Dort haben wir deutliche Rabattierungen. Da macht es dann einen Riesenunterschied, ob eine Monatskarte eben 120 Euro oder 60 Euro kostet.

Christoph Heuing, Geschäftsführer Verkehrsverbund Mittelthüringen

Ob im neuen Gebiet zukünftig mehr Reisende den öffentlichen Nahverkehr nutzen, wird sich zeigen. Für Extremfälle wie die Verbindung von Schleiz nach Jena hat der VMT gemeinsam mit der Kombus zunächst eine Übergangslösung gefunden. Hier wird jetzt wieder der alte Tarif angesetzt.

Update: Nach der Kritik will das Busunternehmen Kombus einzelne Tarifzonen überarbeiten. Für die Strecke zwischen Schleiz und Jena wurde mit dem VMT bereits eine Übergangslösung gefunden. Dort wird wieder der alte Tarif angesetzt.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | Thüringen Journal | 13. Januar 2021 | 19:00 Uhr

23 Kommentare

Burgfalke vor 45 Wochen

Aus meinem Erleben kann ich mich nur bedanken für die neuen Verbindungen und Möglichkeiten. Die 10 Cent mehr für Hin- und Rückfahrt zahle ich gern.
Bei mir fahren die Züge 1x pro Stunde bzw. jede 2. Stunde 2x (dann 1x Expreß).
Die Züge fahren in aller Regel pünktlich, sind sauber (gewiß abhängig auch von den Reisenden), ich habe keinen Grund zu klagen!
Das Preis-/ Leistungsverhältnis ist o.k. und ich lasse mein Auto da gern am Bahnhof stehen. So bequem und streßfrei kann man mit dem Auto nicht fahren, wenn es solche Möglichkeiten wie hier gibt. Aus dem Zug raus, dann in die Straßenbahn und keine Parkplatzsuche sowie deren Kosten. Zu dem bin ich per Zug hier schneller sowie günstiger unterwegs.

Thueringer Original vor 45 Wochen

Hat der MDR auch die Landesregierung und vielleicht die Opposition gefragt, was die dazu sagen, dass die Preise jetzt so deutlich erhöht werden? Sind Monatstickets günstiger oder teurer als vorher? Gefühlt finanziert man sich auch auf Kosten der Spontannutzer.

maheba vor 45 Wochen

Die Entscheider haben offensichtlich bisher nicht erkannt, dass es nicht nur um die Kosten für Ticket geht. Ich kann es mir leisten ÖPNV zu fahren - mache es aber nicht. Warum?
Der Service, die Bequemlichkeit und die Fahrzeiten kommen im Allgemeinen nicht an das Auto heran.
Man sollte aufhören den Nahverkehr als notwendige "Sozialleistung" zu betrachten sondern als Angebot und Ersatz für den Individualverkehr.

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