Reportage Corona-Schutzimpfung: Mit 85 und dem Bus zur Impfstelle

In Thüringen können sich Menschen über 80 Jahre und Risikopatienten inzwischen in 29 Impfzentren gegen das Coronavirus impfen lassen. Doch obwohl die Impfstellen zentral liegen sollen, sind sie nicht immer gut zu erreichen. Dort hinzukommen ist häufig eine Herausforderung. Vor allem für Senioren, die in den eigenen vier Wänden leben. Ein Beispiel: Die 85-jährige Ruth Weschenfelder aus Saalfeld.

Eine Frau mit Mund-Nasen-Schutz in einem Bus.
Ruth Weschenfelder auf dem Weg zur Corona-Impfung. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Ruth Weschenfelder schließt die Tür hinter sich. Es ist kurz vor 11:30 Uhr. Die 85-Jährige läuft zum Busbahnhof. In einer Viertelstunde fährt der Bus nach Pößneck ab. "Ruth, heb die Beine", sagt sie und lacht "Das sage ich immer". Zum Glück ist sie gut zu Fuß. "Früher bin ich viel gewandert", erzählt die Seniorin. Außerdem fährt sie oft mit dem Bus. Zum Beispiel einmal in der Woche zu ihrer Sportgruppe ins Fitnessstudio. "Das hält fit."

Auf die Reise zur Impfstelle hat sie sich gut vorbereitet: Auf dem Rücken trägt sie einen Rucksack, in der Hand einen Beutel. Darin: Impfausweis, Impfunterlagen, ein paar selbstgeschmierte Stullen und eine Flasche Wasser. In der Jackentasche klimpern eine Handvoll Münzen. Für das Busticket: 3,70 Euro. "Das kommt immer in die Tasche", sagt sie. "Das ist viel einfacher, als im Geldbeutel zu suchen."

"Ich habe ja niemanden, der mich fahren kann."

Den Busbahnhof kennt sie gut. Hier ist sie schon oft eingestiegen. Die rund 20 Kilometer nach Pößneck ist sie aber noch nie gefahren, sagt sie. Doch, einmal war sie doch schon dort, erinnert sie sich dann. Zur Landesgartenschau vor 20 Jahren müsse das gewesen sein. Ruth Weschenfelder zeigt nach oben zu den Monitoren. "Da, Pößneck, 11:45 Uhr auf der drei, da steht's."

Sie geht zum Bussteig, steigt ein und setzt sich. Dass sie alleine mit dem Bus zum Impfen nach Pößneck fährt, sei für sie keine Frage gewesen. "Ich habe ja niemanden, der mich fahren kann." Impfen lassen wollte sie sich trotzdem so schnell wie möglich. Ihre Bauchspeicheldrüse funktioniert nicht mehr richtig. "Da kann ich doch nicht damit warten." Angst hat sie nicht vor der Impfung. "Ich habe ja früher schließlich selbst gepiekst", sagt sie. "Ich war Gemeindeschwester in Lauscha."

Seniorin vor Bus
Ruth Weschenfelder ist auf den Bus angewiesen. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Am Busbahnhof in Pößneck fragt sie sich durch

Nach einer halben Stunde kommt der Bus in Pößneck an. Sie steigt aus. Von hier aus will sie weiter fahren. Wieder mit dem Bus, aber zum Krankenhaus, in dem seit Mitte Januar die Impfstelle ist. Doch wo ist der richtige Bahnsteig?

Sie fragt sich durch und fährt mit dem nächsten Bus. Der fährt jetzt bergauf. Nach ein paar Stationen steigt sie aus. "Das große Gebäude da drüben, das muss es sein", meint sie und geht in die Richtung. Tatsächlich liegt sie richtig: Ein paar Meter vor dem Krankenhaus steht das erste Schild: Ein großer Pfeil zum Impfzentrum.

Ein Schild mit der Aufschrift "Impfstelle".
Die nächstgelegene Impfstelle ist in der Klinik in Pößneck. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Von Bürgern aus dem Saale-Orla-Kreis gab es für die Wahl der Impfstelle in der Klinik in Pößneck Kritik. Sie sei gerade für ältere Menschen zu schwer zugänglich - und für Senioren aus dem Süden des Saale-Orla-Kreises zu weit. Laut einem Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung ist das Impfzentrum ja nur vorübergehend. "Solange, bis die Impfung auch in Arztpraxen stattfinden kann."

75 Menschen werden pro Tag in der Impfstelle in Pößneck geimpft

Am Klinik-Eingang empfängt sie ein freundlicher Mann mit gelber Weste. Sie muss ein Formular ausfüllen und ankreuzen, dass sie kein Corona hat. Dann geht es weiter durch einen Gang, nach rechts, wieder nach rechts, in den Fahrstuhl, nach oben, die Türen gehen auf und sie ist da. Jetzt den Impfausweis und die Unterlagen rausholen, Temperatur messen und ins Wartezimmer gehen.

Rund 75 Menschen werden hier pro Tag von Medizinern geimpft. Jetzt ruft sie der Arzt ins Sprechzimmer. Der Pieks in den Arm geht schnell. Es ist kurz nach 13 Uhr. Eine Viertelstunde muss sie nun warten. Für alle Fälle. "Jetzt ist die Impfung drin und man merkt gar nichts", sagt sie. Sie ist froh, dass sie es geschafft hat. "Aber ich muss ja wiederkommen zur zweiten Impfung. Da muss ich mir alles gut merken."

Ein Stückchen Schokolade aus der Jackentasche

Sie zieht ihre Jacke an, nimmt den Fahrstuhl nach unten. Ihre Reise geht wieder zurück. Zum Busbahnhof in Pößneck will sie jetzt laufen - den Berg hinunter. Die vielen Treppen: "Ach, das macht mir nichts." Sie ist zum Glück ja noch gut zu Fuß. Der Bus nach Saalfeld fährt einmal die Stunde. Eine halbe Stunde bis zur Abfahrt. Sie holt die selbstgeschmierten Brote aus dem Rucksack. "Wir kriegen ja nirgendwo was", sagt sie und zeigt zu einem geschlossenen Imbiss auf der anderen Straßenseite.

Und: Ihre Tabletten muss sie ja auch noch nehmen. Sie greift in ihre rechte Jackentasche, holt ein paar Stückchen Schokolade hervor. "Das geht aber nur im Winter", sagt sie und bleibt stehen. Zum Hinsetzen ist ihr die Bank an der Bushaltestelle zu kalt. Erst 15:30 Uhr - vier Stunden nach ihrem Start - ist sie wieder zu Hause. "Jetzt koche ich mir erstmal einen warmen Tee."

Eine Frau geht eine Treppe hinab.
Gut zu Fuß muss man sein. Die Treppen geht es vom Krankenhaus direkt zum Busbahnhof in Pößneck wieder runter. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Regionalnachrichten | 05. Februar 2021 | 17:30 Uhr

3 Kommentare

pkeszler vor 35 Wochen

Lyn "Bei der Schilderung frage ich mich ernsthaft, ob die Verantwortlichen überhaupt eine Ahnung von der Lebenswirklichkeit vieler alter Menschen haben." Das ist unverantwortlich von den zuständigen Behörden. In der Großstadt werden die Leute sogar auf Wunsch mit dem Taxi oder der Straßenbahn zum Impfzentrum gefahren, allerdings wenn der Impfstoff auch vorhanden ist, sonst gibt es gar keinen Termin. Aber es zeigt sich immer wieder, dass das Impfen gerade für ältere Leute sehr wichtig ist, wenn wir die Corona-Pandemie überwinden wollen.

Lothar Thomas vor 35 Wochen

@ Lyn

Wie schon von mir beschrieben, absolut widersinnig diese ganze Impfkampagne.

Da haben einige Verantwortliche absolut keine Ahnung von dem WAS sie tun.

So kann kein Vertrauen zur Impfung aufgebaut werden.

Pannen über Pannen, da wird seit dem ersten Lockdown 2020 darüber diskutiert, eine Schulcloud einzurichten, aber was Passiert??

Die funktioniert gar nicht Richtig.

Die App zur Anmeldung zum Impfen funktioniert ebenfalls nicht.

Impfstoff??

Fehlanzeige ! !

Impfzentren sind JWD und kaum erreichbar.

Herr Minister, sie beweihräuchern sich ständig, doch die Wahrheit an der Basis sieht anders aus.

Ein Großteil daran, dass es so viele Impfverweigerer gibt, ist alleine IHR Verdienst.

Nur ständig große Sprüche klopfen, bringt uns Alle nicht vorwärts.

Leider gibt es in diesem ach so reichen Land auch Leute, die sich kein Auto leisten können um in eines dieser abgelegenen Impfzentren zu gelangen.

Bedenken sie auch die vielen mobilitätseingeschränkten Menschen.

Lyn vor 35 Wochen

Was für eine Anreise für Hochbetagte.

Für meine Eltern unzumutbar, sowas nur mit Taxi. Theoretisch.

Praktisch kann Mutter wegen eines ihrer Medikamente gar nicht geimpft werden, damit hat sich dieses Thema erst mal erledigt.

Bei der Schilderung frage ich mich ernsthaft, ob die Verantwortlichen überhaupt eine Ahnung von der Lebenswirklichkeit vieler alter Menschen haben.

Offensichtlich nicht.

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