Spaziergänge Corona-Proteste in Ostthüringen: Friedlicher Verlauf, aufgeheizte Stimmung

In Thüringen gab es am Montag wieder Proteste gegen die Corona-Regeln. In Ostthüringen geht ein kleiner Teil der Menschen schon seit mehreren Wochen immer montags zu unangemeldeten Protesten auf die Straße. Ein Blick in die beiden Städte Saalfeld und Bad Lobenstein.

Corona-Spaziergänger in Saalfeld
Rund 1.200 Menschen folgen laut Polizei dem Protestaufruf. Sie liefen von der Fußgängerzone, über den Marktplatz zum Bahnhof und zurück. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Mehrere hundert Menschen drängen sich in der Fußgängerzone in Saalfeld. Sie stehen in Grüppchen. Begrüßen sich mit Umarmung und Küsschen. Man kennt sich. Es wird gelacht. Einige suchen in der Menge nach bekannten Gesichtern. Eine Frau hat bunte Luftballons mitgebracht. Einige zünden Kerzen an. Am Bratwurststand hat sich eine Menschenschlange gebildet. Sie führt direkt in die Menschenmenge hinein. Dort kann man auch Glühwein kaufen.

Die Fußgängerzone - das ist in Saalfeld ein rund hundert Meter langer Boulevard. Rechts und links gibt es Geschäfte, zwei Gaststätten, direkt an der Ecke zum Marktplatz ein Eiscafé. Ab dort stehen die Menschen in Gruppen, fast alle dicht gedrängt. Männer und Frauen mittleren Alters, junge und ältere Paare, Familien mit kleinen Kindern, ältere Menschen. Maske trägt niemand. Wer jetzt hier durchgehen will, braucht starke Nerven. Ein Horn ertönt. Die meisten wissen, was zu tun ist. Sie laufen langsam los.

Corona-Spaziergänger in Saalfeld
Volksfeststimmung zu Beginn des Protests: Luftballons, Bratwurst und Glühwein. Die Menschen stehen dicht gedrängt. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Mobilisierung über soziale Netzwerke und Chatgruppen

An die Spitze setzt sich gleich am Marktplatz der Vorsitzende der Partei "Bürger für Thüringen": der Saalfelder Stadtrat Steffen Teichmann. Er trägt mit anderen ein Plakat mit der Aufschrift "Wir sind die rote Linie". Teichmann hatte seit Beginn der Corona-Pandemie auf dem Marktplatz in Saalfeld Kundgebungen organisiert. Seit Beginn der stillen Proteste mit Kerzen Anfang Dezember ist er immer wieder mit dabei. Die Aufrufe dazu hatte er in den vergangenen Wochen bei Facebook geteilt. Inzwischen werden die Termine vor allem in Chatgruppen des Messengerdienstes Telegram verbreitet.

Die Polizei schätzt, dass an diesem Abend rund 1.200 Menschen gekommen sind. So viele wie nie zuvor. Mit dem Plakat an der Spitze laufen sie am Marktplatz vorbei in Richtung Bahnhof. Auf Gehwegen und Straßen. Autos fahren dicht an Älteren und Kindern vorbei. Viele halten im Gehen ihr Handy nach oben, machen Fotos oder Videos. Einige rufen "Frieden, Freiheit, keine Diktatur."

Eine Frau, die mit ihren vier Kindern, ihrem Partner und ihren Eltern mitläuft, sagt, sie mache sich vor allem Sorgen. Sorgen um Nebenwirkungen der Impfung. Sorgen um die Kinder, die Maske tragen. Sorgen vor weiteren Einschränkungen. Zwei Männer Mitte 60 meinen: "Der Biathlon-Weltcup in Oberhof ohne Zuschauer und dann die Zuschauermenge beim Ski-Weltcup in Adelboden. Wer soll das verstehen?" Auf Nachfrage kommen die Gedanken und Sorgen über Corona-Regeln, Maske tragen und Impfpflicht wie in einem Strudel nur so heraus. Was wahr oder falsch ist, scheint kaum noch zu unterscheiden. Gegenargumente erscheinen zwecklos.

Politik lässt friedliche Proteste gewähren

Wie eine Sprecherin des Landratsamts sagte, war der Protest bei der Versammlungsbehörde nicht angemeldet. Polizeibeamte waren nur wenige zu sehen. Aus dem Landratsamt in Saalfeld heißt es, man wolle die Versammlungen nur auflösen, wenn sie "überwiegend unfriedlich" verlaufen, auch wenn sie nicht angemeldet seien. Auch diesmal sei in Saalfeld alles friedlich verlaufen. Durch die sozialen Netzwerke gehen anschließend die Fotos und Videos von dem Protest. Manche legen Musik darunter, schreiben "Danke Saalfeld" oder "Saalfeld ist immer eine Reise wert" dazu. "Da geht noch mehr", wird in den Netzwerken und Chatgruppen wie schon in den vergangenen Wochen mobilisiert.

Ich denke, dass sich viele Teilnehmer keine Gedanken darüber machen, wer das organisiert oder welche Motivation die Organisatoren haben.

Steffen Kania Bürgermeister Saalfeld

Unter den Aufrufern, die damit mobilmachen, sind auch stadtbekannte Rechtsextreme, heißt es aus dem Rathaus. Saalfelds Bürgermeister Steffen Kania (CDU) sagt: "Ich denke, dass sich viele Teilnehmer keine Gedanken darüber machen, wer das organisiert oder welche Motivation die Organisatoren haben."

Corona-Spaziergänger in Saalfeld
Mit Jubelrufen und Applaus für sich selbst: Nach rund einer Stunde kommen die Teilnehmer wieder in der Fußgängerzone an. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Kommunikation mit Hürden

Auch im eine Dreiviertelstunde von Saalfeld entfernten Bad Lobenstein beginnt etwas später an diesem Abend ein Protest. Dort kommen knapp 200 Menschen auf den Marktplatz und laufen eine Runde durch die Stadt. Viele Teilnehmer sind misstrauisch, wollen anfangs nicht sagen, warum sie mitlaufen. Eine Maske trägt auch hier niemand. Ein Mann hat ein Kofferradio dabei. Musik von Nena kommt aus den Lautsprechern. "Frieden, Freiheit, Gleichberechtigung", rufen einige hier. Langsam kommt man doch ins Gespräch. Eine Frau sagt: "Kein Mensch ernährt sich von seinen eigenen Abgasen." Und meint damit das Masketragen.

Eine andere Frau sagt, sie sei froh, dass der Protest jetzt so friedlich verlaufe. "Das ist beim letzten Mal nicht so gewesen. Das hat mich erschrocken", sagt sie. An diesem Abend begleitet die Polizei den Protest. In den vergangenen Wochen hatte sie die nicht angemeldeten Demonstrationen noch gestoppt und von Teilnehmern Personalien aufgenommen. Einige Teilnehmer hätten sich widersetzt. Es gab Strafanzeigen. Ein Mann sei als Versammlungsleiter ausgemacht worden. Fackeln seien sichergestellt worden.

Bürgermeister äußert Verständnis für Protest

Der Bürgermeister von Bad Lobenstein, Thomas Weigelt (parteilos), der von der Polizei gebeten worden war als Stadtoberhaupt auf die Menschen beruhigend einzuwirken, hatte offenbar noch das Gegenteil bewirkt. Wie die Ostthüringer Zeitung berichtete, sagte Weigelt nach dem Polizeieinsatz, dass die Polizei Gewalt provoziert habe, um die Teilnehmer einzuschüchtern. Deutschland bewege sich in schwer diktatorischen Bereichen, wird Weigelt zitiert.

Die Leute fürchten um ihre Existenz.

Thomas Weigelt Bürgermeister Bad Lobenstein

Auf Anfrage von MDR THÜRINGEN will sich Weigelt dazu nicht äußern. Nur so viel: "Ich mache mir Sorgen um meine Stadt." Dass die Menschen auf die Straße gehen, dafür habe er Verständnis. "Die Leute fürchten um ihre Existenz", meint er. "Viele fragen sich, wie es weitergeht." Das frage er sich auch. So befürchte er zum Beispiel, dass dem Ort die Kurgäste langfristig verloren gehen könnten, weil die Therme geschlossen ist. Und: "Man muss die Corona-Regeln doch auch hinterfragen dürfen", sagt Weigelt. Schließlich sei die Sieben-Tage-Inzidenz in der 6.000-Einwohner-Stadt mit 104 ja niedrig. Da könne man den Unmut verstehen, findet er.

Demonstration in Bad Lobenstein 2 min
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2 min

MDR THÜRINGEN JOURNAL Di 11.01.2022 19:00Uhr 02:01 min

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Spaziergänge bleiben umstritten

Doch nicht jeder in Bad Lobenstein teilt die Meinung des Bürgermeisters und der Demonstranten. Ein Paar Ende 60, das am Nachmittag auf dem Weg ins Stadtzentrum ist, meint zu den Protesten: "Das finden wir katastrophal. Das verstehen wir überhaupt nicht, dass die Leute kein Verständnis für die Allgemeinheit haben. Das ist doch sehr engstirnig gedacht."

Auch im Stadtrat von Bad Lobenstein distanziert man sich von den Aussagen des Bürgermeisters. Für den stellvertretenden Bürgermeister Klaus Möller (Die Linke) ist die vergleichsweise niedrige Inzidenz in Bad Lobenstein ein anderes Zeichen als für den Bürgermeister: "Das zeigt, dass die Mehrheit der Einwohner die Corona-Regeln ja mitträgt. Und dafür muss man sich auch mal bedanken", sagt Möller. Die etwa 200 Teilnehmer machten ja eigentlich nur drei Prozent der Einwohner aus. "Einige kommen auch aus dem Umland her, sogar aus Sachsen", meint er.

Ich teile die Auffassung des Bürgermeisters nicht.

Frank Weidermann Stadtratsvorsitzender Bad Lobenstein

Der Stadtratsvorsitzende Frank Weidermann (AUF) sagt: "Ich teile die Auffassung des Bürgermeisters nicht." Um den Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Ängste und Meinungen zu äußern, in einem neutralen Raum zu diskutieren, will er im Februar ein sogenanntes Seuchenparlament in Bad Lobenstein veranstalten. "Damit man sich in unserer kleinen Stadt auch in Zukunft weiter positiv begegnen und in die Augen schauen kann."

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 11. Januar 2022 | 19:00 Uhr

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