Lebensmittelindustrie Keine Hoffnung mehr für die Herzgut-Molkerei in Rudolstadt

Seit November kämpfte die Herzgut-Molkerei in Rudolstadt-Schwarza ums Überleben. Dort hatten nach eigenen Aussagen der Wegfall eines wichtigen Milchlieferanten und die Kostensteigerung bei Rohstoffen und Verpackungen für eine finanzielle Schieflage gesorgt. Am Wochenende schlug die Gewerkschaft Nahrung, Genuss und Gaststätten Alarm - jetzt ist die Sanierung von Herzgut gescheitert.

In der Produktionsstätte überwacht Anlagenfahrer Christian Gernhardt die Abfüllung frischer Vollmilch.
Ende des Jahres soll die Herzgut-Molkerei schließen. (Archivfoto) Bildrechte: dpa

Dieses Weihnachten werden die Beschäftigten bei Herzgut in Rudolstadt-Schwarza sicher nicht so schnell vergessen. Am Montag vor dem Fest waren sie zur Betriebsversammlung geladen. Punkt 11 Uhr wollte der Insolvenzverwalter den Mitarbeitern verkünden, ob und wie es mit dem Unternehmen weitergeht.

Jetzt ist es offiziell: Alle Mitarbeiter müssen zum Jahresende gehen, der Betrieb wird eingestellt. Die Suche nach einem neuen Eigentümer für das Traditionsunternehmen im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt war umsonst.

Das Interesse am Investorenprozess war zunächst groß. Wir haben mit mehreren potenziellen Übernehmern ausführliche Gespräche geführt.

Simon Leopold ABG Consulting

Sanierung in Eigenverwaltung gescheitert

Eigentlich wollte der Herzgut-Vorstand das Unternehmen in Eigenverwaltung sanieren. Das sah auch der Beschluss des Amtsgerichts Gera vom 8. November vor. Gleich mehrere Fachleute sollten Herzgut auf dem Weg zurück in die Erfolgsspur begleiten. Der Geschäftsführung wurden Insolvenzverwalter Bernd Krumbholz, Sanierungsvorstand Gernot John, Generalbevollmächtigter Stefan Ettelt und der Sanierungsexperte Simon Leopold an die Seite gestellt. Nach MDR-Informationen führten sie unter anderem Gespräche mit einem aktuellen Miteigentümer von Herzgut.

Frische Bio Weidemilch mit dem Label 'Die Faire Milch' wird in der Herzgut Landmolkerei eG abgefüllt.
Seit 2019 hatte Herzgut auch eine eigene Bio-Linie im Angebot. (Archivfoto) Bildrechte: dpa

Investoren gesucht

Auch die Landesregierung prüft die Möglichkeit, den Start etwa über Liquiditätshilfen, Betriebsdarlehen oder Investitionszuschüsse zu unterstützen, allerdings nur, wenn es einen neuen Eigentümer gibt. Im Landwirtschaftsministerium ist man deshalb über den Ausgang der Investorensuche enttäuscht.

Wegen des in der Vergangenheit erheblich defizitären Geschäftsbetriebs und der Kundenabhängigkeiten haben sich jedoch alle Interessenten gegen eine Übernahme entschieden.

Simon Leopold ABG Consulting

Gewerkschaft: Mitarbeiter büßen für Investitionsstau

Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) sieht die Ursache für das Scheitern bei der Investorensuche vor allem im Sanierungsstau in der Molkerei. Die Mitarbeiter müssten jetzt für die fehlenden Investitionen büßen.

In der Betriebsversammlung am Montag war die Stimmung aufgeheizt. Viele Mitarbeiter beklagten, auch in den letzten Wochen sei die wahre Lage im Unternehmen verschleiert worden. Auch in der Region sorgt die Nachricht vom Herzgut-Aus für Entsetzen. Bisher arbeiteten etwa 90 Mitarbeiter bei Herzgut. Nach MDR-Informationen haben sich einige von ihnen mit Beginn des Insolvenzverfahrens bereits neue Arbeitsplätze gesucht.

Herzgutbutter-Herstellung 4 min
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4 min

Einfach genial Di 14.01.2020 19:50Uhr 04:19 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Auswirkungen auf regionale Milchbetriebe

Auch viele Milchbetriebe in der Region müssen jetzt neue Absatzwege finden. Die Probleme bei Herzgut kommen zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Zum Jahresende laufen normalerweise viele Milchlieferverträge aus. Die ersten Milchbetriebe haben nach unseren Recherchen schon beim Bekanntwerden der Insolvenz die Reißleine gezogen und beliefern demnächst andere Molkereien.

Jetzt, wo regionale Produkte immer mehr im Trend liegen, ist der Wegfall eines regionalen Produzenten besonders bitter.

Andreas Schubert Wirtschaftspolitischer Sprecher der Linksfraktion im Thüringer Landtag

Am Donnerstag wollte sich auf Nachfrage keiner der Milchbetriebe zum Thema Herzgut äußern. Auf jeden Fall muss die Rohmilch aus dem Schwarzatal ohne die Molkereigenossenschaft in Zukunft weitere Wege zurücklegen.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 20. Dezember 2021 | 19:00 Uhr

3 Kommentare

Freies Moria vor 33 Wochen

@Kennichseer: Die Butter war (ist) in Schwarza deutlich teurer als im Supermarkt - die Kunden haben also einen Mehrpreis bezahlt. Die Butter im Supermarkt wird allerdings nicht zu Verlust produziert, so sehen die Albrechts (Aldi) und die Schwarz (Lidl) dieser Welt nicht aus.
Übrigens: Gerade im Königseer Gebiet hat Aldi sich in die Landwirtschaft groß eingekauft (Agrargenossenschaft Dröbischau, war auch schon Thema auf MDR), es wird also durchaus auch regional produziert (wenn auch nicht Milch aus Königsee).
Die Investorensuche ist aus gutem Grund geheim, sieht man ja an der erwähnten Personalflucht.
Ist die Personalflucht aber im Gange, so kann man offensiver werden, und das ist hier nicht passiert (wie in vielen anderen Fällen auch).
Das hat meist auch mit den Gebührenstrukturen der Insolvenzverwaltung zu tun - da geht es immer erst um den Insolvenzverwalter und dann erst um alles andere.
Das wäre z.B. anders wenn Insolvenzverwalter staatliche bezahlte Funktionen wären.

Kennichseer vor 33 Wochen

Es ist ja schön, wenn sie regionale Erzeuger durch den Kauf derer Produkte unterstützen. Fehlender Gewinn ist aber kein Defizit, das hängt schlicht und einfach mit den realisierbaren Marktpreisen zusammen. Durch "Geiz ist geil..." sind die im Keller.
Und eine Investorensuche wird nur äußerst selten über Zeitungsannonce oder eBay-Kleinanzeige gemacht. Insofern ist der Spruch mit der Geheimniskrämerei ziemlich nah an einer Verschwörungstheorie dran.

Freies Moria vor 33 Wochen

Das ist wirklich bedauerlich, ich bin nur wegen der guten Butter weite Wege nach Schwarza gefahren, viele Kartons davon über die Zeit gekauft.
Leider wiegen auch viele Fans meiner Art betriebliche Defizite nicht auf, und die Investorensuche war ganz sicher von Geheimniskrämerei belastet, also nicht so weitreichend wie sie hätte sein können.
Schade, und hoffentlich findet sich doch jemand, der es weiterführt!

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