Gestrandet auf dem Rennsteig Wie Thüringer Dorfbewohner einem Obdachlosen von der Straße halfen

Burkhard Wolf hat anderthalb Jahre auf dem Rennsteig in Schutzhütten geschlafen. Als es für ihn nicht mehr weiterging, haben ihn die Menschen in Brennersgrün im Thüringer Schiefergebirge angesprochen - und geholfen.

Ein Mann sitzt mit dem Rücken zur Kamrea auf einer bank an einem Tisch.
Burkhardt Wolf war anderthalb Jahre obdachlos. In Brennersgrün am Rennsteig fand er Hilfe. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Burkhard Wolf hat sich verändert. Sein Gesicht ist voller geworden. Die Gesichtszüge sind ausgeruht. Er trägt gepflegte Jeans und Pullover. Im Rennsteighaus in Brennersgrün öffnet er die Tür zu einem kleinen Zimmer. Bis zum Frühjahr gab es hier einen Tisch, einen Stuhl und einen kleinen Schrank. Auf dem Boden lag eine Matratze. In den Winterwochen durfte der 57-Jährige hier bleiben. "Das war mein Unterschlupf, mein Schutz vor Kälte und Schnee." Davor war er obdachlos auf dem Rennsteig gewandert. Mit ein paar Sachen in einem Rucksack ging er von Ort zu Ort. Manchmal bis zu zwölf Kilometer. Er isst in Imbissbuden oder Bäckereien und schläft nachts in Schutzhütten. Anderthalb Jahre lang.

Eine Karte des Rennsteigs auf einer Schiefertafel.
Auf dem Rennsteig wanderte Wolf von Ort zu Ort und schlief nachts in Schutzhütten. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Plötzlich ist nichts mehr wie früher

Früher hatte Wolf eigentlich ein ganz normales Leben. Er war Koch und arbeitete in Hotels und Restaurants - zuletzt auf der Mittelmeerinsel Korsika als Saisonkraft für einen Pauschalreise-Anbieter aus der Schweiz. Bis zum Sommer 2018. Dann passierte es. Beim langen Stehen in der Küche spürte er immer öfter Schmerzen in seiner Ferse. Ein stechender Schmerz. "Es wurde immer schlimmer", berichtet er. An manchen Tagen konnte er nicht mehr gehen. Er wird zum Notfall. Erst wird er auf Korsika behandelt, kommt dann in ein Krankenhaus nach Deutschland. Die Diagnose: Diabetes.

Was ihm nicht bewusst war: Über seinen Arbeitgeber war er nur in der Schweiz krankenversichert. Die Behandlung in Deutschland muss er selbst zahlen. "Über 20.000 Euro hat das gekostet", sagt Wolf. "Das Geld hatte ich nicht." Dann kam der große Knall, sagt er. Trotz kleiner Arbeitsunfähigkeitsrente: Irgendwie gibt er auf. Hilfe will er nicht annehmen.

Er packt ein paar Sachen in einen Rucksack, verlässt die Wohnung und geht los. Erst lebt er eine Weile in Norddeutschland auf der Straße. Dann fährt er mit dem Zug nach Thüringen. Im Thüringer Wald steigt er aus und wandert auf dem Rennsteig. Seine Familie, die aus dem Harz stammt, ruft er hin und wieder an. Dass er inzwischen obdachlos ist, sagt er ihnen nicht. "Ich wollte nicht, dass sie es wissen." Irgendwann macht sein Körper nicht mehr mit. Er kann kaum noch gehen.

Menschen in Brennersgrün helfen dem Obdachlosen

Im kleinen Ort Brennersgrün, kurz vor der bayrischen Grenze, will er bleiben. Im Rennsteighaus, das tagsüber für Wanderer und Skifahrer geöffnet ist, kann er sich waschen. Dort gibt es Toiletten, Duschen und eine Küche. Er läuft die Ortstraße auf und ab. Die Menschen beobachten ihn. Steffi und Jens Gruhner sehen ihn immer wieder durch ihr Fenster. An einem sehr kalten Tag beschließen sie: "Wir sprechen ihn an und fragen, ob wir ihm helfen können."

Burkhard Wolf lebte anderthalb Jahre obdachlos am Rennsteig.
In Brennersgrün an der bayerischen Grenze traf Wolf Menschen, die ihm halfen. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Sie setzen Burkhard Wolf vor ihre Heizung, geben ihm zu essen und zu trinken. Von da an kümmern sich die beiden immer wieder um den obdachlosen Mann. "Nicht alle im Ort fanden das gut", erzählt Jens Gruhner. "Aber auch wir hatten anfangs unsere Vorurteile." Trotzdem finden sich um die zehn Menschen zusammen. Gemeinsam wollen sie helfen und Burkhard Wolf mit dem Nötigsten versorgen: Essen, Kleidung oder Rasierklingen.

Dann spitzt sich die Situation zu. Draußen wird es immer kälter, es fällt immer mehr Schnee. Das Rennsteighaus wird wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Sie rufen den Bürgermeister an. Der gibt grünes Licht. Burkhard Wolf darf erstmal im Rennsteighaus bleiben. Sie telefonieren mit der Krankenversicherung und den Ämtern. Mit Hilfe des Diakonievereins suchen sie nach einer Wohnung. Es ist Mitte Februar. Bei MDR THÜRINGEN - Das Radio läuft ein Beitrag über Burkhard Wolfs Geschichte. Viele Menschen melden sich. Sie wollen Geld oder Möbel spenden.

Eine offene Tür in einem Treppenhaus.
Im Rennsteighaus konnte Wolf in den Wintermonaten unterkommen. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

"Nur zusammen konnten wir das schaffen"

Zu Ostern dann endlich die gute Nachricht: Im ein paar Kilometer entfernten Wurzbach ist eine Wohnung frei. Die Wohnungsgesellschaft stimmt zu. 30 Quadratmeter, ein Zimmer, Küche, Bad. Sie richten die Wohnung mit gespendeten Möbeln ein. Mit den Geldspenden zahlt Burkhard Wolf die Kaution. Er ist glücklich und erleichtert. "Ich kann wieder beruhigt leben." Möchte sich bedanken, bei allen, die geholfen haben.

Arbeiten so wie früher kann er nicht mehr. Dafür hat die Diabetes den Fuß zu stark geschädigt. Er bekommt eine kleine Rente und schaut nach vorn. Vielleicht kann er für die Diakonie als Koch bei kleinen Veranstaltungen mithelfen. Und die Hilfe aus Brennersgrün geht weiter: "Nur zusammen konnten wir das schaffen. Einer allein hätte das nicht gekonnt", sagen sie dort.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 15. November 2021 | 06:30 Uhr

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