Rudolstadt Nach 28 Todesfällen in Seniorenheim: Das sagen Betreiber und Gesundheitsamt

In einem Seniorenheim in Rudolstadt-Cumbach sind seit Anfang November 28 Bewohner an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben. Die meisten waren nicht geimpft. Wie Betreiber und Gesundheitsamt dies erklären.

Am Eingang des Seniorenheims in Rudolstadt-Cumbach leuchtet ein lebensgroßer aufblasbarer Weihnachtsmann. Inzwischen ist das Besuchsverbot zwar wieder aufgehoben. Noch sechs Bewohner sind an Covid-19 erkrankt. Ihr Zustand sei stabil. Doch die Stimmung ist mehr als getrübt.

Wie das Virus ins Heim kam, ist unklar

Dass seit dem 5. November insgesamt 28 Heimbewohner an den Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus gestorben sind, ist nur schwer zu verkraften. Die Heimleiterin möchte sich nicht dazu äußern. Zu emotional und zu hoch sei die Belastung für sie und ihre Mitarbeiter. Wie das Virus in das Heim kam, ist nach wie vor unklar, sagt Sabine Henkel, Sprecherin des Heimbetreibers K&S mit Sitz in Niedersachsen. "Wir haben versucht, die Quelle zu finden", sagt sie. Aber: Ob das Virus durch Besucher, Mitarbeiter oder die Bewohner selbst in das Heim gelangte - gesicherte Erkenntnisse gebe es dazu bis jetzt nicht.

Bis Anfang November kein Corona-Fall

Henkel verweist darauf, dass Tests und Hygiene-Schutzvorkehrungen das Heim bisher gut geschützt hätten. Seit Pandemie-Beginn habe es keinen Corona-Fall gegeben - bis Anfang November. Warum es ausgerechnet jetzt so ein massiven Ausbruchsgeschehen gab: "Wir können die Ursache nicht benennen." Alle Schutzmaßnahmen seien inzwischen noch einmal intensiv überprüft worden.

Das Foyer eines Pflegeheims ist hell erleuchtet.
Die K&S-Seniorenresidenz in Rudolstadt-Cumbach Bildrechte: dpa

Sorgen vor Nebenwirkungen

Warum mehr als ein Drittel der 141 Heimbewohner nicht geimpft war? Laut dem Heimbetreiber gab es seit rund einem Jahr mehrere Möglichkeiten, sich impfen zu lassen. "Wir haben drei Mal ein mobiles Impfteam im Haus gehabt", sagt die Sprecherin. Viele Impfungen seien auch durch die Hausärzte im Heim gemacht worden. Die Heimleiterin habe mit Angehörigen oder Betreuern gesprochen, die der Impfung nicht zugestimmt hatten. "In diesen Gesprächen kam immer wieder das Argument, dass sie Sorge vor Nebenwirkungen hatten", sagt sie. Aber auch: Dass manche Bewohner hochbetagt waren, ein sehr hohes Alter hatten, dazu mehrere Vorerkrankungen. "Dann war das Argument, dass das Risiko durch eine zusätzliche Belastung durch die Impfung nicht eingegangen werden sollte."

"Da können Sie nur noch hinterherlaufen"

Der Leiter des Gesundheitsamtes im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt, Christian Stiehler, akzeptiert zwar, dass sich Angehörige Sorgen machen, kann diese aber nicht nachvollziehen. "In dieser Altersgruppe auf die Impfung zu verzichten, ist nicht sinnvoll", sagt er. "Das Risiko, Corona zu bekommen und daran zu sterben, ist viel höher, als das Risiko, das eine Impfung vielleicht hat."

Stiehler sieht da keinen Fehler beim Heim, dass sich das Virus so ausbreiten konnte. Für ihn sei vielmehr auffällig, dass in dem Heim eine große Menge von Menschen nicht geimpft war. Laut Stiehler rund 50 Heimbewohner nicht. Der Amtsarzt meint: "In einem Heim, in dem ältere Menschen mit einem reduzierten Immunsystem wohnen, die nicht geimpft sind, da eskaliert die Sache natürlich. Da können Sie nur noch hinterherlaufen. Bevor Sie merken, dass Corona da ist, hat sich das schon längst ausgebreitet."

Seiner Einschätzung nach dürfte es in vielen Pflegeheimen im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt ein ähnliches Bild geben. Im Landkreis sei die Impfquote niedrig - insgesamt unter 60 Prozent. Bei den über 65-Jährigen seien drei Viertel geimpft.

Falschmeldungen verbreiten sich

Schneller als die Informationen des Heimbetreibers verbreiteten sich die Gerüchte über die Situation in dem Heim in sozialen Netzwerken. Dort wird etwa behauptet, dass die Bewohner nach einer Boosterimpfung gestorben sind. Heim und Gesundheitsamt widersprechen. "Das ist glatt gelogen", sagt Stiehler. "Wir haben hier wirklich jemanden, der aggressiv Falschmeldungen vertreibt." Es gebe inzwischen in den sozialen Netzwerken eine Szene, die verbreitet, dass Impfungen in dem Heim viele Menschen umgebracht hätten, sagt er. "Und es gibt eine große Menge Menschen, die unfair gegen die Impfung argumentiert, die frei von wissenschaftlichen Fakten argumentiert."

Rückblick: Das sagt der Heimbetreiber

Kurz vor dem Ausbruch

Vor dem Ausbruch - bis Anfang November - wurden alle geimpften und genesenen Besucher noch ohne Test ins Haus gelassen. So wie das zu dem Zeitpunkt nach der Thüringer Verordnung noch möglich gewesen sei. Alle Besucher ohne Impfung seien mit Antigen-Schnelltests getestet worden - gleich nach Betreteten des Heims. Sie konnten aber auch ein aktuelles negatives Testzertifikat vorlegen. Und: Geimpfte oder genesene Mitarbeiter seien vor Dienstbeginn zwei Mal in der Woche getestet worden. Mitarbeiter ohne Impfung seien drei Mal in der Woche getestet worden. So der Heimbetreiber.

Kurz nach dem Ausbruch

Anfang November wurden die ersten Heimbewohner positiv auf das Coronavirus getestet. Insgesamt steckten sich 60 der 141 Bewohner an. Die Heimleitung habe umgehend reagiert, sagt Sabine Henkel. Die positiv getesteten Heimbewohner wurden auf ihren Zimmern isoliert, für das Heim eine Quarantäne verhängt und ein Besuchsverbot ausgesprochen. Ausgenommen waren Besuche zur Palliativ- und Sterbebegleitung nach einem im Heim gemachten Schnelltest. Die Mitarbeiter seien täglich mit Antigenschnelltests getestet worden. Die Bewohner alle zwei Tage. Auch bei Verdacht, wenn die Temperatur stieg oder der Sauerstoffgehalt im Blut gesunken war. Vom Gesundheitsamt gab es mehrere Labortestreihen - für Bewohner und Mitarbeiter. Außer den Bewohnern seien später auch Mitarbeiter positiv getestet worden.

Einen Monat nach dem Ausbruch

Zwischen 5. November und 8. Dezember sind 28 Heimbewohner am Coronavirus gestorben. Die meisten Menschen verstarben im Heim, einige in Krankenhäusern. 22 der insgesamt 28 Verstorbenen waren laut Heimbetreiber nicht geimpft. Fünf Verstorbene waren zwei Mal geimpft. Ein Verstorbener war drei Mal geimpft (sogenannte Booster-Impfung). Unter den Verstorbenen waren hochbetagte und palliativmedizinisch betroffene Menschen.

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Johannes und der Morgenhahn | 09. Dezember 2021 | 07:23 Uhr

110 Kommentare

Tschingis1 vor 5 Wochen

@Freies Moria
Nun haben sie mich neugierig gemacht. Würden sie mir bitte den korrekten Titel und auch die Erscheinung unter welche diese wissenschaftlich publiziert wurde benennen?
Vorab Dankeschön

Tschingis1 vor 5 Wochen

@DermbacherIn
Na dann zeigen sie mir doch bitte nur einen Kommentar von mir, in welchem ich sie beleidigt oder diffamiert hätte.

Und nun bin ich mal auf ihre Antwort gespannt.

astrodon vor 5 Wochen

@Felix: "Ihre Sicht ist mit Verlaub absolut einseitig, wissenschaftsfern und nicht objektiv" - dafür aber realitätsnah.
Natürlich sterben in Pflegeheimen jeden Tag Menschen. Und in einem Fall wie diesem sind die von Ihnen angefragten Daten schlicht ohne Interesse, da nichts davon, einzeln oder in beliebiger Kombination, eine solche exorbitante Häufung der Sterbefälle begründen oder auch nur erklären könnte.

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