Wo bleibt das Leergut? Mehrere Thüringer Brauereien unterstützen höheres Flaschenpfand

10. Mai 2023, 14:00 Uhr

Die Brauereien in Deutschland sind in Sorge. Von ihren Mehrwegflaschen kommen zu wenige zu langsam in die Brauerei zurück. Zudem ist der Sortieraufwand durch immer mehr unterschiedliche Flaschen enorm hoch. Teil der Lösung könnten deutlich höhere Pfandsätze sein. Die sollen Verbraucher animieren, ihre Kisten und Flaschen schneller zurückzugeben. Doch so einfach wie es scheint, ist es nicht. Viele Brauereien könnten sich die höheren Pfandsätze nicht ohne weiteres leisten.

Jan Schlennstedt inspiziert eine Lieferung mit einigen tausend neuen Flaschen. 0,33 Liter Longneck, in braun. Einer der gefragtesten Flaschentypen überhaupt und gerade in kleinen Brauereien sehr beliebt. "Die ist nicht so schwer. Die Leute nehmen sie am Flaschenhals und das Bier bleibt länger frisch", erklärt der Gründer der Braumanufaktur Heimathafen in Erfurt.

Doch das Leergut ist für seine Brauerei ziemlich teuer. 22 Cent kostet jede neue Flasche. "Das müssen wir auf unsere Biertrinker umlegen." Mit 650 Hektolitern Ausstoß im vergangenen Jahr lohnt sich eine eigene Flaschenwaschanlage noch nicht. Die Brauerei kauft also neue Flaschen, kann ihren Kunden wiederum nur 8 Cent Pfand berechnen.

"Jede fünfte Flasche verschwindet"

Die Differenz wird umgelegt auf die Kunden. Auch andere Thüringer Getränkehersteller haben Probleme mit ihren Flaschen. In der Brauerei Neunspringe beschäftigt das Geschäftsführer Bernd Ehbrecht. "Bei den alkoholfreien Getränken verschwindet jede fünfte Flasche", sagt er. Die Limonaden aus dem Eichsfeld kommen in weißen Halbliterflaschen, die auch bei Club Mate oder Fritz Cola genutzt werden - und in weißen Drittelliterflaschen.

"Und in unseren Kästen landen dann oft auch größengleiche Steinie-Flaschen." Die Flaschen würden in den Supermärkten einfach nicht besser sortiert. Was dann beim Hersteller aussortiert werden muss, kann von einem Dienstleister abgeholt werden, der dafür dann aber nicht den vollen Preis zahlt.

Zu viele Flaschensorten

Ein Grund für die Misere sind die zahlreichen unterschiedlichen Flaschen. Steinie-Flasche, NRW-Flasche, Euro-Flasche, Longneck-Flasche, Relief-Flaschen - es gibt sie meist in verschiedenen Größen, oft in braun, grün und weiß, manchmal auch in bunten Farben. "Deswegen boomen die Flaschensortierer", sagt Ehbrecht.

Ein Problem, das es auch im Kreis der Mineralwasser-Lieferanten gibt, wie Thomas Heß, Chef der Hassia-Gruppe, sagt. Die füllt unter anderem in Schmalkalden Thüringer-Waldquell-Mineralwasser und Vita Cola ab. Auch hier gibt es zunehmend individuelle Flaschen, etwa bei Gerolsteiner, Adelholzener oder andere großen Marken. Der Thüringer Hersteller versucht es im Mehrweg-Bereich mit Standard-Flaschen.

Höheres Pfand als Lösung?

Die Sortier-Leistungen wegen der Flaschenvielfalt müssen die Brauereien und Wasser-Abfüller neben dem Flaschenschwund mitbezahlen. Denn viele Flaschen landen im Müll, den Verbrauchern tut das oft nicht weh - und wenn ein paar Dutzend Flaschen in der falschen Brauerei landen, lohnt es unter Umständen nicht, die aufzuheben.

Die Kosten für neues Leergut passen einfach nicht mehr zu den Pfandsätzen.

Jürgen Kachold Bürgerliches Brauhaus Saalfeld

Eine Lösung für die Probleme könnte höheres Pfand sein, denn die Pfandhöhe wurde grundsätzlich seit Jahrzehnten nicht geändert. Mit der Euro-Umstellung wurden aus 15 Pfennigen 8 Cent. "Eine neue Flasche kostet je nach Form und Größe 20 bis 30 Cent, eine Kiste je nach Ausführung sicher 4,50 Euro", so der Neunspringe-Chef Ehbrecht. Also etwa 10 Euro, während das Pfand für eine Bierkiste bei 1,50 Euro liegt und der Pfand für die meisten Bierflaschen bei 8 Cent.

Eine volle Kiste mit Halbliter-Flaschen bringt also 3,30 Euro Pfand. "Die Kosten für neues Leergut passen einfach nicht mehr zu den Pfandsätzen. Bei uns kostet eine neue Flasche mit Bügel 40 Cent. Mit Kasten kommen wir auf 15 oder 16 Euro", sagt auch Jürgen Kachold, Chef im Bürgerlichen Brauhaus in Saalfeld.

Ein höheres Pfand könnte Menschen davon abhalten, Bierkisten als Möbelersatz zu nutzen oder Flaschen einfach wegzuwerfen, weil die Pfandbeträge zu wenig ins Gewicht fallen. Das sehen die von uns befragten Thüringer Brauereien so. Für die Köstritzer Schwarzbierbrauerei, die zur Bitburger-Gruppe gehört, antwortet der Brauer-Bund allerdings weniger eindeutig.

"Fast die Hälfte der Mehrwegnutzer bringt Flaschen und Kästen innerhalb einer Woche zum Händler zurück", schreibt Verbands-Geschäftsführer Holger Eichele auf Anfrage von MDR THÜRINGEN. Nur 22 Prozent der Verbraucher hätten in einer Umfrage angegeben, ihre Flaschen bei höherem Pfand schneller zurückgeben zu wollen.

Glas aus Ukraine und Russland fällt aus

"Wir kommen auf etwa drei Umläufe pro Jahr bei unseren Flaschen", sagt der Saalfelder Brauereichef Kachold. "Vier wären schon viel besser." Da könnte höheres Pfand helfen. Denn insgesamt können Bierflaschen bis zu 50 Mal durchhalten, ehe sie zu abgenutzt aussehen. So droht gerade in diesem Sommer ein Engpass, meint der Brauer-Bund. "In diesem Jahr droht ein Härtetest", heißt es da. Zahlreiche Glashütten aus der Ukraine und Russland seien wegen des Kriegs ausgefallen, die Preise deutlich gestiegen.

Kosten durch Umstellung befürchtet

Als großes Problem des höheren Pfands wird aber der Übergang dorthin gesehen. Denn sobald Kunden wissen, dass es zu einem bestimmten Stichtag mehr Pfand gibt, könnten sie Flaschen und Kisten horten, um damit Gewinn zu machen. "Eine Kennzeichnung zur Unterscheidung von Kästen und Flaschen mit altem und neuem Pfand ist technisch nicht möglich", schreibt der Brauer-Bund.

Schon eine Erhöhung um 7 Cent von 8 auf 15 Cent würde bei vier Milliarden Mehrweg-Flaschen im deutschen Markt zu einem Aufwand von 280 Millionen Euro führen.

Brauer-Bund

Die Brauereien müssten also letztlich die Mehrkosten schultern, wenn Kästen mit 3,30 Euro Kastenpfand gekauft und mit beispielsweise 10 Euro zurückgegeben werden. Das potenzielle Risiko beziffert der Brauer-Bund: "Schon eine Erhöhung um 7 Cent von 8 auf 15 Cent würde bei vier Milliarden Mehrweg-Flaschen im deutschen Markt zu einem Aufwand von 280 Millionen Euro führen." Auf alle Fälle kommen durch die Umstellung Mehrkosten - und man muss es sich leisten können, die über die nächsten Jahre aufzufangen, sagt Brauereichef Kacholdt. Der Brauer-Bund spricht von Überschuldungsgefahr.

"Wegen mir können wir sofort alle Flaschen standardisieren"

Heimathafen-Gründer Schlennstedt in Erfurt stört sich neben dem niedrigen Pfandsatz auch daran, dass es zu viele Flaschensorten gibt - und Reliefflaschen, die mit ihrem Becks- oder Köstritzer-Aufdruck nur von genau dieser Brauerei genutzt werden können. Das sei nicht nur Eitelkeit, erklärt Jürgen Kachold. Die Saalfelder sind über einen individuellen Bügel auch gekennzeichnet. Auch in seiner Brauerei ist der Sortieraufwand groß, was auch Zeit und Geld kostet. Aber das soll verhindern, dass andere Brauereien die Flaschen nutzen, die selbst keine Flaschen in das System einspeisen.

Denn so wie die Heimathafen-Braumanufaktur aus Erfurt alle ihre Flaschen neu kauft und ins Pfand-System einspeist, so gibt es auch Brauereien, die das überhaupt nicht machen. "Trittbrettfahrer", nennt Kachold das. "Wegen mir können wir sofort alle Flaschen standardisieren. Dann müssen aber auch alle Brauereien Neuglas einspeisen."

Viele Knoten also, die sich nicht leicht auflösen lassen. "Wer als Unternehmer ein künftiges Kastenpfand von zehn Euro ausruft, hat den Bezug zur Realität verloren", schreibt der Brauer-Bund. Diskussion beendet. So klingt es zumindest.

MDR (flog/cfr)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 09. Mai 2023 | 19:00 Uhr

22 Kommentare

Thueringer Original am 11.05.2023

Es geht darum, wie die Brauereien schneller die Pfandflaschen zurück bekommen. Ein höheres Pfand könnte dazu beitragen, dass die Leute Ihr Pfandgut schneller zurückbringen.

Tom0815 am 11.05.2023

Ich bin persönlich absolut davon überzeugt, dass ein Pfandsystem eher für weniger, statt für mehr herumliegenden Müll sorgt. Meinen Standpunkt kann ich mir auch logisch erklären, da potentieller "Müll" zurückgebracht und gegen Geld getauscht wird und eben nicht als Müll herumliegt. Ihren Standpunkt @DanielSBK kann ich mir dagegen logisch nicht erklären. Klar kann es sein, dass irgendwo der Müll öfter weggeräumt wird, aber das bedeutet ja nicht, dass es deshalb weniger Müll ist. Ich denke, da liegt Ihr "Denkfehler".

Einweg halte ich grundsätzlich für deutlich besser. Etwas herzustellen, damit man es einmal benutzt und danach zu verbrennen oder irgendwo abzukippen mag bequem sein, aber auch "dumm" wie die Müllberge groß. Aber ich kann mich auch irren und unserer Ressourcen sind unendlich und unsere Umwelt unzerstörbar.

emlo am 10.05.2023

In der DDR konnte man Flaschen und Konservengläser ebenfalls gegen Bares wieder abgeben. Wenn ich mich recht erinnere, ging das bis zum Ende der DDR.

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