Pflege in der Corona-Pandemie "Gesundheit ist heute eine Ware und Personal kostet Geld"

Tobias ist 39 Jahre alt und arbeitet als Krankenpfleger in einem Thüringer Krankenhaus. Zu dem Beruf ist er durch den Zivildienst auf einer Intensivstation gekommen. Besonders hat ihm die Arbeit im Team gefallen, aber auch die Versorgung von kranken Menschen sei ihm wichtig, sinnvoll und nützlich erschienen. Deshalb arbeitet er noch immer in der Pflege, blickt aber mit Skepsis und Sorge in die Zukunft des Pflegesektors.

Krankenpfleger Tobias
Für Tobias ist es eine gesellschaftliche wichtige Aufgabe, in der Pflege zu arbeiten. Bildrechte: MDR/Christian Franke

Gefragt nach seinem Berufsalltag fällt Tobias sofort eine Sache ein, über die er sprechen möchte: die Bürokratie. Die empfindet er als ausufernd. "Ich verstehe schon, warum das gemacht werden muss", sagt er. "Ich verstehe nur nicht, warum es doppelt und dreifach gemacht werden muss. Auch die Patienten merken, dass wir Dinge immer und immer wieder fragen. Dabei entsteht Frust." Er habe manchmal das Gefühl, von der Dokumentation an der Arbeit am Patienten gehindert zu werden.

Personalmangel ist kein Corona-Phänomen

Im Personalmangel in der Pflege sieht Tobias ein "Riesenproblem". "Das zieht sich durch alle Pflegebereiche und betrifft nicht nur die Intensivstationen", sagt er. Die Abwanderung aus den Pflegeberufen sei kein neues Phänomen der vergangenen zwei Jahre. Er habe das Gefühl, dass sich der Trend, dass Pflegekräfte einfach aufhören oder ihr Glück in anderen Berufen suchen, durch die Corona-Pandemie nur weiter verschärft habe. "Viele Stellen bleiben dann auch unbesetzt", berichtet er. Dabei spiele auch der finanzielle Faktor eine große Rolle. "Gesundheit ist heute eine Ware und Personal kostet Geld."

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Tobias arbeitet als Krankenpfleger in einem Thüringer Krankenhaus. Er spricht über Ursachen, weshalb die Pflege als unattraktiv gilt.

MDR FERNSEHEN Fr 29.10.2021 10:56Uhr 00:34 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/audio-pflege-tobias-ware-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Tobias arbeitet als Krankenpfleger in einem Thüringer Krankenhaus. Er spricht über Ursachen, weshalb die Pflege als unattraktiv gilt.

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Pflegeberufe: hart und ungesund

Dass die Pflege, wie jeder andere Beruf auch, gewisse Anstrengungen mit sich bringe, sei keine Frage. Aber gerade in diesem Sektor komme viel zusammen. "Es ist einfach ein harter und im Großen und Ganzen ungesunder Beruf. Du musst nicht nur sehr viel im Kopf behalten und darfst nichts vergessen, sondern hast auch mit Medikamenten und Chemikalien zu tun. Die dauernde Desinfektion während der Corona-Pandemie führt zum Beispiel bei vielen zu ernsthaften Hautproblemen."

Als Pflegekraft kannst du eigentlich nie wirklich sicher sein, dass du wirklich frei hast.

Tobias Krankenpfleger

Ein anderes Thema sei der Freizeitausgleich. Die Pflegekräfte könnten eigentlich nie wirklich sicher sein, dass sie tatsächlich frei haben und nicht irgendwo einspringen müssen - und das in einem Dreischichtsystem. "Da muss man einfach manchmal stark sein und nein sagen, aus Rücksicht auf sich selbst. Und dann musst du mit dem schlechten Gewissen klarkommen."

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MDR FERNSEHEN Fr 29.10.2021 10:56Uhr 00:27 min

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Nicht alles ist schlecht

Den Schritt, in die Pflege gegangen zu sein, bereut Tobias dennoch nicht. "Es ist bei Weitem nicht alles negativ", betont er. Auch ihn motiviere die breite Welle an Dankbarkeit und zu sehen, wenn sich der Einsatz für die Patienten lohnt und ihnen zum Beispiel durch eine schwere Zeit hilft. "Natürlich ist es ein gutes Gefühl, wenn Menschen wieder gesund werden. Aber genauso wichtig ist, dass sie auf den richtigen Weg kommen und ihre Krankheit besser verstehen lernen. Dann können sie in Zukunft vielleicht leichter damit umgehen."

Wenn ich merke, dass es mir und darüber auch anderen nicht mehr gut damit geht, dann ist Schluss.

Tobias Krankenpfleger

Für seine Zukunft als Krankenpfleger wünscht er sich, dass mehr kommuniziert wird. Sowohl mit den Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten, als auch untereinander. "Vernetzung und Austausch sind wichtig", sagt er. Ob er in fünf oder zehn Jahren immer noch in der Pflege ist? "Tja ... ich denke schon", schätzt Tobias. Wie aus der Pistole geschossen kommt das nicht. "Das wird die Zeit zeigen", ergänzt er. Er hoffe einfach, dass es sich so lange wie möglich durchhalten lässt. Schließlich arbeite er ja auch gerne in dem Beruf und mit seinen Kolleginnen und Kollegen. "Wenn ich merke, dass es mir und darüber auch anderen nicht mehr gut damit geht, dann ist Schluss."

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Quelle: MDR

10 Kommentare

Frank 1 vor 7 Wochen

Der Konstruktionsfehler unseres Gesundheits- und Pflegewesen ist dessen Privatisierung. Wo der Profit regiert bleibt der Humanismus auf der Strecke. Hier hat die Politik auf der ganzen Linie versagt und versagt weiterhin. Eine Wille zur Korrektur ist nicht einmal im Ansatz erkennbar.

Matthi vor 7 Wochen

Politik kann zwar Versprechungen machen aber das wars. Eine Ausbildung dauert mehrere Jahre auch ich der Pflege. Mit der Aussage hat sich unser noch Gesundheitsminister unglaubwürdig gemacht. Politik kann Rahmenbedingungen schaffen mehr aber nicht, dazukommt bei den Klinik.- und Pflegekonzernen zählt nur eins Gewinn und nicht was der Staat gerne hätte.

Matthi vor 7 Wochen

Es muss sich doch keiner wundern wenn in einem Kapital. Staatlichen System auch das Gesundheitssystem den Marktbedingungen unterworfen wird. Es ist doch ganz einfach wenn ich an Kliniken gute Fachärzte haben will muss ich dementsprechend mehr guten Lohn zahlen, da ich aber nur begrenzte Mittel als Klinik für Lohn habe muss woanders am Personal oder Lohn gespart werden. Am Lohn kann ich nicht mehr sparen da der Pflegeberuf unattraktiv ist, also kann ich nur an Pflegestellen sparen. Das uns das jetzt auf die Füße fällt in der Pandemie muss keinen Wundern. Die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte lassen sich nicht innerhalb von 2 Jahren lösen auch wenn es die Politik gerne hätte. Wer will denn noch Berufe erlernen mit schichten auch am Wochenende mäßigen Verdienst und Körperlich anstrengender Arbeit, wenn es bessere Berufe wie zum Beispiel Büroarbeit in Öffentlichen Dienst gibt. Es fehlt auch an Wertschätzung ob in der Pflege oder anderen Berufen von seitens gewisser Leute.

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