Gesundheit Alltag in der Pflege: Drei junge Menschen aus Thüringen berichten

Nicht erst seit der Corona-Pandemie ist der Pflegesektor in den Schlagzeilen. Immer wieder ist von Personalmangel, schlechter Bezahlung und Überlastung die Rede. Aber warum ist das so und sind Pflegeberufe wirklich so unattraktiv? MDR THÜRINGEN hat mit drei Thüringer Pflegekräften aus verschiedenen Bereichen über ihre Erfahrungen gesprochen.

Eine Pflegefachkraft geht mit einer Bewohnerin durch das Seniorenheim.
In Thüringen arbeiten laut Gesundheitsministerium mehr als 33.000 Menschen in Pflegeberufen - Auszubildende nicht mit eingerechnet. Bildrechte: dpa

Positive Nachrichten aus dem Pflegesektor gibt es selten - nicht erst seit Corona. Erst am Mittwoch beklagte der Jenaer Klinik-Direktor Michael Bauer die massiven personelle Verluste auf den Intensivstationen der Thüringer Kliniken. Aber wie kommt es dazu? Und was macht Pflegeberufe so unattraktiv? MDR THÜRINGEN hat mit drei Thüringer Pflegekräften über ihren Beruf, über ihre Erfahrungen und über ihre Sorgen und Wünsche gesprochen.

Psychiatrische Pflege: Berufseinstieg unter Corona-Bedingungen

Sophie ist 23 Jahre alt und arbeitet in der psychiatrischen Pflege. Dass sie diesen Berufsweg einmal einschlagen wird, habe für sie schon früh festgestanden, erzählt sie. Ihre Eltern arbeiten ebenfalls in diesem Bereich. "Ich habe schon als Kind ganz viele verschiedene Eindrücke aus dem Pflegesektor gewinnen können und mich später bewusst dafür entschieden, in einer psychiatrischen Einrichtung zu arbeiten."

Nach ihrer Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpflegerin startete Sophie 2019 ins Berufsleben und wurde wenige Monate später mit der Corona-Pandemie konfrontiert. "Mit Abstand war die Corona-Zeit das Prägendste für mich", erzählt sie. "Die Arbeitsbedingungen sahen so aus, dass wir einen Notstand an Schutzmaterialien hatten." Vor allem habe sie aber der Umgang mit Menschen gestört, die mit einer Corona-Infektion gestorben sind, sagt sie. "Für mich war ganz schlimm, dass wir Menschen, die an Corona verstorben sind, nicht ihre letzte Waschung geben durften. Wir mussten sie in schwarze Leichensäcken packen. Das war für mich schlimm, weil es so ein Wegpacken war."

Psychiatrische Pflegerin Sophie 2 min
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MDR FERNSEHEN Fr 29.10.2021 10:56Uhr 01:41 min

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Pflege mit Hürden: Bürokratie, Lohn und Ausbildung

Bei der Frage, ob sich ihre persönlichen Erwartungen erfüllt hätten und wie sie es sich erkläre, dass Pflegeberufe so unattraktiv erscheinen, muss Sophie überlegen. "Manche ja, manche nein", sagt sie schließlich. Was sich nicht erfüllt habe, sei die Erwartung einer Eins-zu-eins-Betreuung. Dafür gebe es zu wenig Personal und damit auch zu wenig Zeit. Ein anderer Punkt sei, dass ein großer Teil der Arbeit gar nicht am Patienten selbst passiere. "Die meiste Zeit verbringe ich mit der Dokumentation", klagt sie. Die Bürokratie habe überhandgenommen, sagt sie.

Die Pflege ist nicht lukrativ genug.

Sophie Psychiatrische Pflegerin

Dass wenige Menschen in einem Pflegeberuf arbeiten wollen, macht Sophie an verschiedenen Punkten fest. "Generell ist die Pflege einfach nicht lukrativ genug", meint sie. "Das fängt an beim Lohn - und junge Leute zieht man mit Lohn - das geht weiter bei Urlaubs- und Erholungstagen und endet bei der Ausbildung an sich." Natürlich mache eine gute Ausbildung die Pflege professionell, betont sie, aber oft seien die Bedingungen für Auszubildende nicht optimal und es müsse zu viel Stoff in zu kurzer Zeit gelernt werden. "Während der Ausbildung sind viele gescheitert. Ich kann jeden verstehen, der das Handtuch wirft."

Verzerrtes Berufsbild macht Pflege unattraktiv

Trotz aller Widrigkeiten würde Sophie aber immer wieder in die Pflege gehen und nie in einem anderen Beruf arbeiten wollen. "Weil es an sich ein schöner Beruf ist und man ganz viel Dankbarkeit und Wertschätzung von Patienten und ihren Angehörigen bekommt. Das ist auch wichtig, um weiterzumachen", berichtet Sophie. Sie habe den Eindruck, dass in der Gesellschaft ein verzerrtes Bild der Pflege existiere. Oft sei nur von Personalmangel und schlechter Bezahlung die Rede - und das seien auch tatsächliche Probleme. Aber dass der Fokus nur darauf gelenkt werde, sei eben auch eine Ursache dafür, dass sich nur wenig junge Menschen für den Pflegesektor entschieden. "Ich habe auch viele schöne Moment in dem Beruf."

Eigentlich wäre es an der Zeit, nein zu sagen.

Pflegerin Sophie

Für die Zukunft wünscht sich Sophie, dass mehr mit dem Pflegepersonal kommuniziert wird. "Die arbeiten täglich mit den Patienten und wissen, wie viele Leute gebraucht werden, um einen Dienst abzudecken." Im Moment sei es so, dass das Pflegesystem nur funktioniere, wenn die Pflegekräfte immer wieder ja sagen. Wenn sie immer wieder zurücksteckten und auch an einem eigentlich freien Tagen einspringen. "Wenn alles so weiterläuft, glaube ich schon, dass das noch die nächsten fünf oder zehn Jahre so weitergehen kann. Aber eigentlich wäre es auch an der Zeit, nein zu sagen."

Psychiatrische Pflegerin Sophie 1 min
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Krankenpflege: Bürokratie nimmt Überhand

Tobias ist 39 Jahre alt und arbeitet als Krankenpfleger in einem Thüringer Krankenhaus. Zu dem Beruf sei er durch den Zivildienst auf einer Intensivstation gekommen. Besonders habe ihm die Arbeit im Team gefallen, aber auch die Versorgung von kranken Menschen sei ihm wichtig, sinnvoll und nützlich erschienen.

Gefragt nach seinem Berufsalltag fällt ihm sofort eine Sache ein, über die er sprechen möchte: die Bürokratie. Ähnlich wie Sophie beschreibt auch Tobias die Dokumentation als ausufernd. "Ich verstehe schon, warum das gemacht werden muss", sagt er. "Ich verstehe nur nicht, warum es doppelt und dreifach gemacht werden muss. Auch die Patienten merken, dass wir Dinge immer und immer wieder fragen. Dabei entsteht Frust." Auch er habe das Gefühl, oftmals von der Dokumentation an der Arbeit am Patienten gehindert zu werden.

Personalmangel ist kein Corona-Phänomen

Im Personalmangel in der Pflege sieht Tobias ein "Riesenproblem". "Das zieht sich durch alle Pflegebereiche und betrifft nicht nur die Intensivstationen", sagt er. Die Abwanderung aus den Pflegeberufen sei kein neues Phänomen der vergangenen zwei Jahre. Er habe das Gefühl, dass sich der Trend, dass Pflegekräfte einfach aufhören oder ihr Glück in anderen Berufen suchen, durch die Corona-Pandemie nur weiter verschärft habe. "Viele Stellen bleiben dann auch unbesetzt", berichtet er. Dabei spiele auch der finanzielle Faktor eine große Rolle. "Gesundheit ist heute eine Ware und Personal kostet Geld."

Krankenpfleger Tobias 1 min
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Hart und ungesund

Dass die Pflege, wie jeder andere Beruf auch, gewisse Anstrengungen mit sich bringe, sei keine Frage. Aber gerade in diesem Sektor komme viel zusammen. "Es ist einfach ein harter und im Großen und Ganzen ungesunder Beruf. Du musst nicht nur sehr viel im Kopf behalten und darfst nichts vergessen, sondern hast auch mit Medikamten und Chemikalien zu tun. Die dauernde Desinfektion während der Corona-Pandemie führt zum Beispiel bei vielen zu ernsthaften Hautproblemen."

Als Pflegekraft kannst du eigentlich nie wirklich sicher sein, dass du wirklich frei hast.

Tobias Krankenpfleger

Ein anderes Thema sei der Freizeitausgleich. Die Pflegekräfte könnten eigentlich nie wirklich sich sein, dass sie tatsächlich frei haben und nicht irgendwo einspringen müssen - und das in einem Dreischichtsystem. "Da muss man einfach manchmal stark sein und nein sagen, aus Rücksicht auf sich selbst. Und dann musst du mit dem schlechten Gewissen klarkommen."

Nicht alles ist schlecht

Den Schritt, in die Pflege gegangen zu sein, bereut Tobias dennoch nicht. "Es ist bei Weitem nicht alles negativ", betont er. Auch ihn motiviere die breite Welle an Dankbarkeit und zu sehen, wenn sich der Einsatz für die Patienten lohnt und ihnen zum Beispiel durch eine schwere Zeit hilft. "Natürlich ist es ein gutes Gefühl, wenn Menschen wieder gesund werden. Aber genau so wichtig ist, dass sie auf den richtigen Weg kommen und ihre Krankheit besser verstehen lernen. Dann können sie in Zukunft vielleicht leichter damit umgehen."

Für seine Zukunft als Krankenpfleger wünscht er sich, dass mehr kommuniziert wird. Sowohl mit den Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten, als auch untereinander. "Vernetzung und Austausch sind wichtig", sagt er. Ob er in fünf oder zehn Jahren immer noch in der Pflege ist? "Tja ... ich denke schon", sagt Tobias. Wie aus der Pistole geschossen kommt das nicht. "Das wird die Zeit zeigen", ergänzt er. Er hoffe einfach, dass es sich so lange wie möglich durchhalten lässt. Schließlich arbeite er ja auch gerne in dem Beruf und mit seinen Kolleginnen und Kollegen. "Wenn ich merke, dass es mir und darüber auch anderen nicht mehr gut damit geht, dann ist Schluss."

Krankenpfleger Tobias 1 min
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MDR FERNSEHEN Fr 29.10.2021 10:56Uhr 00:27 min

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Altenpflege: Wertschätzung als Antrieb

Felix ist Altenpfleger in einem Pflegeheim. Zu dem Beruf sei er über Umwege gekommen, erzählt der 27-Jährige. Nach dem Abbruch seines Studiums der Politikwissenschaft und der Philosphie habe für ihn lediglich festgestanden, dass er im sozialen Bereich arbeiten wolle. Entschieden habe er sich dann für ein Praktikum in der Altenpflege. Die Arbeit mit Senioren habe ihm gleich gefallen, weil man eine Bindung zu den Leuten aufbaue.

Wie auch Sophie und Tobias nennt Felix vor allem die Dankbarkeit und die Wertschätzung der betreuten Menschen, die ihn antreibt, weiterzumachen. "Ich würde nie einen anderen Beruf wählen." Lediglich ein Fachwechsel innerhalb der Pflege komme für ihn infrage.

Ohne Pflegekräfte geht nichts

Felix arbeitet in Regel mit Patienten, die älter als 70 Jahre sind. Einige davon seien in ihrem Alltag vollständig auf ihn angewiesen, erzählt er. "Da sind alle Einschränkungen des Bewegungsapparates dabei, die man sich so vorstellen kann. Das geht bis zur Komplettübernahme nahezu aller Tätigkeiten. Ich gestalte den Menschen den kompletten Tagesablauf, samt Pflege, Mobilisierung und Nahrungsaufnahme." Im Moment habe er zum größten Teil mit Schwerstpflegefällen zu tun. Oftmals seien auch Patienten dabei, die nicht mehr kommunizieren könnten - nicht mal per Handzeichen oder Zwinkern.

Als Pflegekraft braucht man Empathie und ein dickes Fell.

Felix Altenpfleger

Psychisch könne er das gut verkraften, sagt Felix. "Die tägliche Konfrontation stumpft auch ein bisschen ab - aber nicht im negativen Sinne. Ich kann einfach viel wegstecken, ohne dem Patienten gegenüber kalt zu sein." Körperlich hingegen sei die Belastung wesentlich größer. "Man braucht ein dickes Fell. Das merkt man, wenn man alleine für viele Patienten mit einem hohen Pflegegrad verantwortlich ist - und das auch noch unter Zeitdruck." Nach fünf bis sechs Schichten am Stück sei der Körper erstmal am Ende. "Die typischen Rückenprobleme sind, glaube ich, allen Pflegern bekannt."

Pflegerin mit Maske 8 min
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Exakt Mi 15.09.2021 20:15Uhr 08:16 min

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Personalmangel als Strukturproblem

Dass sich die Leute zweimal überlegen, ob sie in die Pflege gehen, liege aber nicht nur an der konkreten Pflegetätigkeit. "Ich denke, das ist ein strukturelles Problem", sagt Felix. "Wir haben einen Personalmangel und das ist nicht nur ein Fachkräftemangel. Auch Hilfskräfte könnten viel erreichen, aber selbst die fehlen. Und die kommen auch nicht." Die Gesellschaft lasse die Pflegekräfte in manchen Belangen alleine.

Es müssen Möglichkeiten für Pflegekräfte geschaffen werden, in ihren Schichten vernünftig leben zu können.

Felix Altenpfleger

"Pflegeberufe sind für Familien unglaublich unattraktiv", führt er aus. "Es würde viel bewegen, wenn Strukturen drumherum geschaffen werden." Als Beispiel führt er Kinderbetreuungsplätze an, die sich an den tatsächlichen Arbeitszeiten orientieren. Dafür brauche es Möglichkeiten für Pflegekräfte, in ihren Schichten vernünftig leben zu können. "Wir werden immer in Schichten arbeiten und es geht immer um eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung. Das kriegt man nicht weg."

Altenpfleger Felix 1 min
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"Mit einem Bein im Knast"

Ein generelles Problem in der Pflege sieht Felix auch in der Haftbarkeit. Es werde immer scherzhaft gesagt: "Als Pfleger steht man mit einem Bein im Knast." Doch lustig sei das eigentlich nicht. "Für Entscheidungen haften Pfleger. Und die sind ein wenig schwerwiegender als die Frage, wo welches Möbelstück hinkommt, sondern die betreffen Menschenleben."

Mit weniger Personal werden Pflegeberufe nicht nur für die Patienten, sondern auch für die Pflegerinnen und Pfleger gefährlicher. Weil viel weniger Zeit für Entscheidungen bleibt.

Felix Altenpfleger

Es komme immer wieder zu Situationen, in denen in kurzer Zeit Entscheidungen mit schwerwiegenden Konsequenzen gefällt werden müssten. Dabei baue die Haftbarkeit einen gewaltigen Druck auf und als Pfleger fühle er sich damit gesellschaftlich oftmals alleine gelassen. Gerade deshalb, weil Pfleger immer mehr Menschen alleine betreuen müssten. "Wenn man sich die Zeit nimmt, fehlt sie woanders. Das ist die Realität. Wir müssten zeitlich entlastet werden, um Probleme wirklich vernünftig lösen zu können. Vieles ist Glückssache."

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 26. Oktober 2021 | 19:00 Uhr

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