Bilanz nach sechs Monaten Polizeipfarrer Ulrich Spengler: "Polizisten stehen zwischen allen Fronten"

Ulrich Spengler war viele Jahre lang Gemeindepfarrer im Weimarer Land. Im Juli dieses Jahres hat er eine neue Aufgabe bei der Thüringer Polizei angetreten. Was seine neuen Aufgaben als Polizeipfarrer sind, und welche Erfahrungen er in den ersten Monaten gemacht hat.

Ein Mensch trägt eine "Polizeipfarrer"-Warnweste.
Ein Pfarrer aus Thüringen ist seit ein paar Monaten bei der Polizei. Eine erste Bilanz. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / Becker&Bredel

Über viele Jahre war Ulrich Spengler einfach ein Gemeindepfarrer in Bad Berka im Weimarer Land. Doch im Juli dieses Jahres hat er eine neue Aufgabe angetreten: Er ist als Pfarrer zur Thüringer Polizei gegangen. Aber nicht etwa, um den Talar gegen eine Polizei-Uniform zu tauschen. In seinem neuem Amt geht es vor allem um die zwischenmenschliche Ebene in der Polizeiarbeit. Nach einem halben Jahr zieht Pfarrer Ulrich Spengler eine erste Bilanz.

Offiziell hat die Stelle einen recht sperrigen Namen: "Landeskirchliche Pfarrstelle für den berufsethischen Unterricht an den Bildungseinrichtungen der Thüringer Polizei". Dass Spengler für diese Stelle angefragt wurde, hat vor allem auch damit zu tun, dass die Polizeiarbeit ihm nicht fremd ist: Seit Jahren arbeitet er in der Notfall- und Polizeiseelsorge, gibt dazu beispielsweise auch Unterricht an der Landesfeuerwehrschule in Bad Köstritz.

Seelsorge gehört allerdings nicht in erster Linie zum berufsethischen Unterricht, betont er. Wichtig ist der zwischenmenschliche Umgang in den alltäglichen Polizeiaufgaben: "Dass man erstmal überhaupt ein Bewusstsein dafür bekommt, dass die Dinge nicht einfach stoisch, maschinell abgearbeitet werden, sondern dass ich es als Mensch mit Menschen zu tun habe."

Und dass es da nicht immer schwarz und weiß gibt, sondern auch Grauzonen.

Ulrich Spegnler, Polizeipfarrer

Pfarrer Ulrich Spengler
Ulrich Spengler Bildrechte: MDR/Privat

Zwischenmenschlicher Umgang ist wichtig

Als Beispiel nennt er eine klassische Verkehrskontrolle. Wie diese abläuft, haben Beamte in ihrer Ausbildung gelernt - es ist Handwerk, so Spengler. Aber die Tatsache, dass der oder Kontrollierte womöglich verunsichert ist und Angst hat, etwas falsch zu machen, müssen sich die Beamten in dem Moment auch bewusst machen. Und dass es auch sein kann, dass das Gegenüber plötzlich aggressiv reagiert. Dass die Beamten ihr Handeln in solchen Situationen reflektieren, sollen sie im berufsethischen Unterricht lernen.

Exkursionen zu KZ-Gedenkstätten Teil des Unterrichts

Zum Unterricht gehören auch Exkursionen: Zur KZ-Gedenkstätte Buchenwald und Mittelbau-Dora, ins ehemalige Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR in Erfurt und an den Erinnerungsort Topf & Söhne - die Ofenbauer von Auschwitz. Bei diesen Exkursionen geht es dann um die Frage, wie ein normaler Schutzpolizist zum Begleiter von Transporten ins KZ werden konnte.

Dabei hat Spengler bereits erlebt, wie sich die Haltung einiger Polizisten von einem eher sachlichen, distanzierten "Das ist Unterricht, da müssen wir jetzt hin" hin zu Betroffenheit gewandelt hat. Eine Schnittstelle war der Moment, als sie zu einer ehemaligen Erschießungsanlage auf dem KZ-Gelände gingen. "Da war zu merken, wie sich auch die Körpersprache verändert und sie begriffen: Das waren im Grunde junge Leute wie wir. Also wenn wir in der Zeit gelebt hätten, hätte uns das auch treffen können." Bei dieser inneren Auseinandersetzung steht Ulrich Spengler den Polizisten auch als Seelsorger bei.

Ein Polizei-Seelsorge Aufnäher.
Auch als Seelsorger steht Pfarrer Spengler den Polizisten bei. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Zwischen den Fronten

Insgesamt stellt der Pfarrer fest, dass Polizisten es heutzutage alles andere als leicht haben. Die größte Herausforderung ist seiner Meinung nach, dass sie zwischen allen Fronten stehen. Und sich für alles rechtfertigen müssen. "Leider häufig Generalverdacht - da läuft nicht alles rund und diese pauschalen Verdächtigungen 'Die Polizei hat ein rechtes Problem' und all diese Dinge, die ich auch als Begleitender ziemlich unerträglich finde, weil Verallgemeinerungen immer schlecht sind."

Zu den besonders schwierigen Aufgaben gehören Spengler zufolge Demonstrationen. Es werde oft vergessen, dass Polizisten da sind, um das Demonstrationsrecht zu schützen und nicht die Inhalte der Demonstrierenden. Die Polizei würde aber oft mit den Inhalten zusammengebracht, so Spengler. Und selbst müssten sie oft Situationen schützen, die sie innerlich völlig ablehnen: "Was sie dann durchaus auch zerreißt, dass sie gewähren müssen, dass Rechte demonstrieren dürfen oder Linke eine Kundgebung haben und innerlich würden sie sagen, ich habe gar nichts damit zu tun, aber mein Auftrag ist es, den Schutz zu gewähren."

Dass Polizisten dabei immer häufiger angegriffen werden und wie vor ein paar Wochen bei einer Corona-Demonstration in Greiz 14 Polizisten verletzt wurden, verurteilt der Pfarrer scharf. Auch nach solchen Situationen will er für die Beamten als Seelsorger ansprechbar sein: "Dass sie jemanden haben, der unter der Schweigepflicht steht, dem sie alles erzählen können, der sie begleitet und Situationen mit aushält und sie auf diese Weise auch stark macht, für das was sie zu tun haben." Darüber hinaus Spengler, dass die Arbeit der Polizei wieder mehr wertgeschätzt wird.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Nachmittag | 26. Dezember 2021 | 13:00 Uhr

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