Der Redakteur | 10.03.2022 Wie ist Thüringen auf den Ernstfall vorbereitet?

Wie ist Thüringen auf den Ernstfall vorbereitet? Unser Redakteur Thomas Becker hat zu Sirenen und Warnapps recherchiert - und erklärt, warum Jodtabletten im Moment sinnlos sind.

Mehrere Notstromaggregate
Notstromaggregate: Wie ist Thüringen auf den Ernstfall vorbereitet? Bildrechte: MDR/Christian Franke

Über Jahre war das Thema Zivilschutz in Deutschland ein Tabuthema. Wer auch immer ansetzte, über Bunker oder ein Schutzraumkataster nachzudenken, war dem Vorwurf ausgesetzt, Panik zu schüren oder - wenn er denn in verantwortlicher Position war - mehr zu wissen, als er sagt. Und so befinden wir uns aktuell in einer Situation, die nicht optimal ist.

Der Katastrophenwarntag ist uns noch in schlechter Erinnerung und die Kommunikationspannen und Fehleinschätzungen der Lage beim Hochwasser in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz ebenso. Und auch wenn wir daraus Schlussfolgerungen gezogen haben, vieles davon ist schlicht noch nicht umgesetzt. Stichwort Sirenen, oder Benachrichtigung per SMS an alle in einer Funkzelle eingeloggte Handys (Cell-Broadcast).

Wir müssen aber auch so ehrlich sein: Für den wirklichen absoluten Ernstfall, also irgendjemand drückt auf den berühmten Knopf, kann es gar keinen Schutz geben. Wir haben dafür weder Schutzräume noch helfen die Jodpillen, die sich derzeit die Überängstlichen unnötigerweise aus der Apotheke holen. Das sind ohnehin die falschen Tabletten und für ganz andere Zwecke gedacht.

Was der Umgang mit einem minderschlimmen Szenario angeht, also konventionelle Bedrohungen oder der Zwischenfall in einem Atomkraftwerk in der Ukraine, können wir immerhin dahingehend beruhigen, dass wir außerhalb der Regionen liegen, die akut betroffen wären. Und selbst wenn der Wind ungünstig steht und uns Teile einer dann auch schon sehr verdünnten atomaren Wolke erreichen, sind genügend "Jod-Tabletten" da, die Frage ist allerdings, ob auch am richtigen Ort.

Wie sinnvoll sind Jod-Tabletten?

Die eindringliche Warnung bei diesem Thema lautet: Bloß nicht vorsorglich Jod-Tabletten einnehmen für den Fall, dass in der Ukraine etwas passiert. Das ist nicht nur sinnlos, sondern wegen der Nebenwirkungen auch gefährlich. Zunächst muss man verstehen, welchen Sinn eine Einnahme hat.

Nämlich den, die Schilddrüse zum richtigen Zeitpunkt mit "sauberem" Jod anzureichern, sodass für radioaktives Jod kein Platz mehr ist. Denn: Bei einem atomaren Störfall entweicht radioaktives Jod als einer der ersten Stoffe und die Wolke verteilt sich je nach Windrichtung und verdünnt sich natürlich auch. Deswegen ist ein Umkreis von 100 Kilometer um den Ort des Störfalls herum besonders gefährdet. In Thüringen betrifft das Teile des Nordens wegen der Nähe zum AKW Grohnde in Niedersachsen.

Deutschland hat eine sehr gute Überwachung der Radioaktivitätswerte durch ein dichtes Netz an Messstellen, sodass die Bevölkerung sehr schnell informiert werden kann und zwar mit sehr konkreten Anweisungen. Das betrifft auch die Einnahme der viel diskutierten "Jod-Tabletten". Seit 2020 sind die dafür gedachten und korrekt dosierten Kaliumiodid-Tabletten in ausreichender Zahl auf die Bundesländer verteilt, für die Verteilung an die Bürger müssen die Kommunen Pläne erarbeiten und hier ist das Bild sehr uneinheitlich.

Das hat eine Befragung von MDR THÜRINGEN in den Landkreisen ergeben. Die meisten Kreise verweisen auf dezentrale Lagerorte, auf vorhandene Verteilungspläne und vorgesehene Ausgabestellen vor Ort. Das können Feuerwehrgerätehäuser, Gemeinderäume, Verwaltungen oder ortsübliche Wahllokale sein. Es gibt aber auch Landkreise und kreisfreie Städte wie zum Beispiel der Kyffhäuserkreis, der Wartburgkreis, Erfurt oder Weimar, die die Tabletten zentral lagern.

Jod-Tabletten nur bis 45 Jahre

Für die vom Land veranschlagte Zeit von fünf Stunden bis zur Verteilung ist eine solche Vorgehensweise im ländlichen Raum sicher anspruchsvoll. Der Ilm-Kreis hat - wie andere Kreise auch - die genauen Lagerorte verschwiegen, aber darauf verwiesen, dass die Verteilung an die Ausgabestellen in zwei Stunden zu schaffen ist. Allerdings sollte sich jeder darüber im Klaren sein, dass die Einnahme der Kaliumiodid-Tabletten nicht für jeden sinnvoll ist.

Nach den Erfahrungen mit den Vorwürfen im Rahmen der Corona-Schutzimpfungen und den Unsicherheiten rund um Astrazeneca, man wolle die Alten "totspritzen", sollte sich jeder nicht erst im Ernstfall mit der Materie beschäftigen, damit dann an den Ausgabestellen in Abhängigkeit von der Bedrohungslage keine Diskussionen darüber entstehen, warum zum Beispiel unter 18-Jährige und Schwangere Tabletten bekommen und über 45-Jährige nicht.

Mit steigendem Alter treten häufiger Stoffwechselstörungen der Schilddrüse auf. Eine solche sogenannte funktionelle Autonomie erhöht die Gefahr von Nebenwirkungen einer Jodblockade.

Bundesministerium für Umwelt und Verbraucherschutz

Was macht radioaktive Strahlung mit dem Körper?

Zudem nimmt mit steigendem Alter die Wahrscheinlichkeit stark ab, an durch ionisierende Strahlung verursachtem Schilddrüsenkrebs zu erkranken. Hinzu kommt leider auch, dass radioaktives Jod nur ein Teil der Bedrohung ist - in diesem Fall für die Schilddrüse. Gefährliche Bestandteile radioaktiver Strahlung sind auch die Radionuklide Strontium 90 und Cäsium 137, diese lagern sich im Knochengewebe ab, was auch zu einem erhöhten Krebsrisiko führt.

Verpackungen von Jodid Tabletten
Nutzlos und mit Nebenwirkungen, solange es keine erhöhte Radioaktivität gibt - Jodtabletten. Bildrechte: dpa

Zudem verwechselt der Körper diese Substanzen mit Calcium und baut sie in die physiologischen Prozesse im Muskel- und Knochengewebe ein. Die Auswirkungen von Strahlungen auf das Erbgut sind hinlänglich bekannt und rund um kontaminierte Gebiete wie Tschernobyl leider auch zu beobachten.

Wie aufwändig die Dekontamination ist, das zeigen die Arbeiten rund um Fukushima, das ist ein Marathonlauf, dessen Kapazitäten auch dann erst geschaffen und zusammengezogen werden müssen, wenn der Ernstfall eingetreten ist.

Trotzdem führt uns die Diskussion um einen möglichen Störfall in der Ukraine erneut vor Augen, welche Gefahren doch von Atomanlagen ausgehen. Und auch wenn wir von einem Störfall dort nicht wirklich betroffen sind, nicht alle Antworten aus den Landkreisen bezüglich der Bevorratung an Jod-Tabletten deuten auf eine perfekte Planung hin.

Je ländlicher ein Kreis ist, umso ungünstiger erscheint eine zentrale Lagerung. Fraglich ist auch, ob jede Gemeinde weiß, wie ihre Ausgabestelle zu den Tabletten kommt. Es wusste auch nicht jeder Landkreis auf Anhieb, dass er zuständig ist für die Verteilung auf die Kommunen, deshalb wurden wir bei unserer Anfrage bezüglich der Jod-Tabletten auch schon mal an die Landesapothekerkammer verwiesen.

Wie werden wir im Ernstfall gewarnt?

Das ist der vielleicht heikelste Teil der Betrachtung heute. Dass die Situation signifikant besser ist als am Katastrophenwarntag 2020, das ist fraglich. Wir erinnern uns: Das modulare Warnsystem MoWaS mit den Ausgabestellen (Apps) Nina und KatWarn hat damals weitgehend versagt, zumindest auf der Empfängerseite.

Verschiedene Warn-Apps, darunter die Notfall-Informations- und Nachrichten-App "Nina" des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, sind auf auf einem Smartphone zu sehen.
Noch nicht wirklich in Form - Warnapps Bildrechte: dpa

Viele Sirenen blieben stumm, oft sogar deshalb, weil es sie gar nicht mehr gab. Und auf vielen Handys kamen die Entwarnungen noch vor den Warnungen an, aber beide mit inakzeptablen Verspätungen. Dass die Systeme einschließlich der Apps - die übrigens bei den aktuellen Corona-Meldungen und Unwetterwarnungen gut funktioniert haben - verbessert wurden, das bestätigte das Thüringer Innenministerium.

So wurde zum Beispiel die Priorisierung und Verarbeitung der gewollt dezentralen Eingaben überarbeitet, sodass es nicht mehr passieren kann, dass bei einer großen Zahl an Eingaben von Warnmeldungen zum Beispiel durch einzelne Landkreise die "große" Warnmeldung der Bundesbehörde gar nicht mehr durchkommt.

Warten auf Cell-Broadcast

Immer noch nicht aktiv ist aber Cell-Broadcast, also die gezielte Warn-SMS an alle in eine Funkzelle eingeloggten Handys. Das ist auch für Brandfälle (Rauchgas!) oder Hochwasser sehr sinnvoll, weil hier punktgenau die unmittelbar Betroffenen erreicht werden. Diese Warnungen können aber ohnehin nur der Anstoß sein, sich anderswo ausführlicher zu informieren. Auch wir Medien sind deshalb in das MoWaS-System eingebunden, bekommen die Meldungen direkt auf die Bildschirme, die je nach Priorisierung auch direkt zu einer Programmunterbrechung führen müssen, ähnlich wie bei den Falschfahrermeldungen.

Deshalb ist es Teil des Plans, dass die Bevölkerung im Falle eines auf- und abschwellenden Sirenentones Radio oder Fernsehen einschalten sollte, weshalb ein batteriebetriebenes Radio (Stichwort Stromausfall) zur Standardausstattung eines jedes Haushalts gehören sollte.

Unsere Sirenen - zum Heulen!

Leider gibt es nach wie vor bundes- und auch thüringenweit keinen genauen Überblick darüber, wie viele Sirenen denn überhaupt existieren, die das einminütige Katastrophensignal ausgeben können. Denn für die Sirenen sind die Kommunen zuständig. Auch wenn uns die meisten Landkreise auf Anfrage mitgeteilt haben, dass sie die Sirenen über die Leitstellen zentral auslösen können, so blieb unklar, wie viele Sirenen in Thüringen letztlich auch den richtigen Signalton ausspielen können.

Sirene auf einem Dach
Vorsichtig gesagt: Ausbaufähig - das Sirenennetz Bildrechte: dpa

Während sich zum Beispiel das Altenburger Land sicher ist, dass das funktioniert, teilte der Landkreis Gotha mit, dass eine Bevölkerungswarnung nur bei einem Teil der Sirenen möglich ist. Die Sirenen im Saale-Holzlandkreis werden von der Leitstelle in Jena ausgelöst, die meisten kennen aber aktuell auch nur "Feuer" und "Probe", für den Katastrophenton seien Umbauten nötig. Im südlichen Saaletal seien die ersten Sirenensteuerempfänger aber bereits im Aufbau. Der Landkreis Saalfeld-Rudolstadt will den Umbau gar bis Ende 2022 abschließen.

Der Kreis Weimarer Land verweist darauf, dass die Sirenen dafür da sind, die örtliche Feuerwehr zu alarmieren, ist momentan aber dabei, die entsprechenden technischen Voraussetzungen für die Bevölkerungswarnung zu schaffen. Der Landkreis Nordhausen teilte ebenfalls mit, dass seine Sirenen im Ernstfall nur das Signal "Feueralarm" ausgeben können, allerdings liefe gerade ein Förderprogramm des Landes, diese Sirenen zu erneuern oder mit anderen Steuerempfängern auszustatten.

Viel Bürokratie und Papierbewegung

Und an dieser Stelle offenbaren sich erneut die Schwachstellen unseres viel zu bürokratischen Gesamtsystems. Hierzulande vermitteln Behörden und Ministerien schon dann einen zufriedenen Eindruck, wenn Gesetze, Verordnungen, Pläne und Förderrichtlinien erarbeitet worden sind. Dazu gehört im Falle unserer Sirenenerneuerung, dass es Kommunen tatsächlich schaffen können, durch die erlaubte Kombination der Förderprogramme des Landes und des Bundes ihre Sirene zu 100 Prozent gefördert bekommen.

Das mag auf den ersten Blick positiv klingen, heißt aber: Die Behörden beschäftigen sich einmal mehr gegenseitig mit dem Ausfüllen und Bewilligen von Förderanträgen. Offenbar ist es in der Organisation unseres Staatswesens nicht möglich, zum Beispiel über die Landkreise, einfach vor Ort den Ist-Stand abzufragen, den Bedarf zu ermitteln und die Rechnung je nach Vereinbarung anteilig von Bund und Ländern begleichen zu lassen. Vor allem dann, wenn die Mittel ohnehin bereitgestellt sind. Die Schulen verzweifeln übrigens aus den gleichen Gründen immer noch am Thema Digitalisierung und sind damit nicht alleine. 

Weiteres zum Zivilschutz

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 10. März 2022 | 16:10 Uhr

8 Kommentare

Jedimeister Joda vor 16 Wochen

Ich habe genau hier eine Erinnerung an die Uni. In der Prüfung ganz wichtig. Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit. Da fällt mir noch eine Frage ein. Woher wissen denn Regierungen und Behörden ob sie das Richtige tun? Oder ist es einfach nur Glückssache? Viel Erfolg Joda

Hobby-Viruloge007 vor 16 Wochen

Machen wir uns doch nichts vor, bereits ein überregionaler Stromausfall von einer Woche würde zu vielen Toten (z.B. bei Menschen mit elektrischen Atemhilfen) führen. Es gäbe für die Mehrheit weder zu trinken noch zu essen.

Der von den Katastrophenschutzbehörden empfohlene Notvorrat für 14 Tage macht hochgradig Sinn.

Hobby-Viruloge007 vor 16 Wochen

Der Zivil- und Katastrophenschutz kommt bei größeren regionalen Ereignissen bereits an seine Grenzen (Ahrtal). Bei einem überregionalem Problem werden Sie sich selbst helfen müssen.

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