Der Redakteur | 25.11.2021 Was ist dran an der "Studie" zu höherer Sterblichkeit durch Impfungen?

In den sozialen Netzwerken kursiert eine angebliche Studie der Uni Jena, die einen Zusammenhang herstellt zwischen einer hohen Impfquote und einer angeblichen Übersterblichkeit. Nicht nur die Autoren selbst halten diese Schlussfolgerung für völlig falsch. Wie aber kam sie dann überhaupt ungeprüft ins Netz?

Grafik - Sterblichkeit
Ein Papier von Rolf Steyer zum angeblichen Zusammenhang von Impfungen und Übersterblichkeit sorgt für Fassungslosigkeit bei Fachkollegen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Reaktionen auf die Veröffentlichungen sind gewaltig. Facebook, Telegram, Twitter, Youtube, einschlägige Seiten, die sich als "freie" und "unabhängige" Medien bezeichnen, feiern die These als einen weiteren Beweis dafür, dass die Impfungen nichts bringen, schlimmer noch: tödlich sind. Und was macht die Fachwelt? Sie ist fassungslos:

Die Kurzfassung wäre, dass mir unerklärlich ist, was Herr Steyer da tut. Aus der methodischen Perspektive hat das so viele Probleme und Mängel, dass ich mich im Wesentlichen gefragt habe, wie es dazu kommen konnte.

Dr. Frank Renkewitz, Akademischer Rat, Fachgebiet Psychologie, Uni Erfurt

Begonnen hat alles bei Dr. Ute Bergner, Landtagsabgeordnete in Thüringen, fraktionslos und Landesvorsitzende bei "Bürger für Thüringen e. V.". Als studierte Physikerin ist sie vertraut mit wissenschaftlichem Arbeiten. Sie hat Daten vom Statistischen Bundesamt und vom Robert-Koch-Institut verglichen und eine vermeintliche Auffälligkeit entdeckt.

Da habe ich mir die Frage gestellt, gibt es eine Korrelation zwischen Übersterblichkeit und Impfquote?

Dr. Ute Bergner, Landtagsabgeordnete in Thüringen

Diese Frage hat sie weitergeleitet an Prof. Rolf Steyer, Professor im Ruhestand und bis 2020 Inhaber des Lehrstuhls für Methodenlehre und Evaluationsforschung am Institut für Psychologie der Universität Jena. Entstanden ist daraufhin ein Papier, das Prof. Steyer als "Notiz" bezeichnete, Ute Bergner in ihrer eigenen Pressemitteilung als "Studie".

Ute Bergner 17 min
Bildrechte: dpa

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 25.11.2021 14:59Uhr 16:54 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/audio-1893682.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Das mag für den Laien als Wortklauberei erscheinen, der Unterschied ist aber ungefähr so groß wie zwischen einer Bauanleitung für ein Kellerregal und der Statikberechnung für das ganze Haus. Mittlerweile sind wir aber offenbar wieder beim Kellerregal.

Das ist keine Studie. Daran sehe ich dann auch immer wieder, wie sich Dinge verselbstständigen und dass sich Wissenschaftler an ihrer Ehre gekitzelt fühlen, wenn eine solche Berechnung als Studie dargestellt wird.

Dr. Ute Bergner, Landtagsabgeordnete in Thüringen

Fassungslosigkeit der Fachkollegen

"An der Ehre gekitzelt" ist eine harmlose Beschreibung dessen, was die an diesem Papier beteiligten Wissenschaftler von ihren Fachkollegen zu hören bekamen. Deren Mailfächer liefen voll in den vergangenen Tagen, weshalb Prof. Steyer ein bereits zugesagtes Interview mit MDR THÜRINGEN wieder abgesagt hat.

Nun könnte man auf die Idee kommen, hier würden (mal wieder) "mutige Wissenschaftler, die eine vom Mainstream abweichende Meinung vertreten, mundtot gemacht - und das auch noch mit Hilfe der gleichgeschalteten Presse". Doch diese Auffassung verringert die Fassungslosigkeit der Fachkollegen nicht. Tenor: Unter keinen Umständen kann man mit diesen Daten eine solche Behauptung aufstellen.

Da ist man wirklich zum Teil dann auf dem Niveau bei diesem klassischen Beispiel: Es gibt Zusammenhänge zwischen Störchen und Geburten.

Prof. Helmut Küchenhoff, Statistiker LMU München
Professor Dr Helmut Küchenhoff, LMU 5 min
Bildrechte: Ludwig-Maximilians-Universität München

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 25.11.2021 14:59Uhr 05:08 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/audio-1893676.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Nun beschäftigen sich Prof. Küchenhoff und Kollegen seit Monaten mit ihren regelmäßigen CODAG-Berichten mit genau solchen statistischen Fragestellungen zur Corona-Krise. Als die ersten Berichte zu der Thüringer Veröffentlichung bekannt wurde, erschien das Ignorieren als beste Möglichkeit.

Das ist ungewöhnlich, normalerweise tun Wissenschaftler genau das Gegenteil, wenn es abweichende Erkenntnisse gibt. Dann bittet man um Prüfung, tauscht sich aus und unterstützt sich. Es sei denn, es käme jemand ernsthaft mit dem rechnerischen Nachweis, die Erde sei eine Scheibe.

Viele Studien ignoriert und Korrelation mit Kausalität verwechselt

Es gibt unzählige mehrfach geprüfte Publikationen zum Thema, die Zulassungsstudien, Studien zu Nebenwirkungen - und das weltweit. Wenn man sich diesem Thema ernsthaft widmen würde, dann müsste man genau diese mit einbeziehen und nicht einfach nur zwei Kurven von vier beliebigen Wochen übereinander legen und Korrelation mit Kausalität verwechseln.

Ein Beispiel: Die Corona-Fallzahlen gehen jedes Wochenende nach unten (Stichwort: Meldeverzug). Wer jetzt ernsthaft auf die Idee käme, das könnte daran liegen, dass die Corona-Viren gewerkschaftlich organisiert wären, läuft Gefahr, direkt eingewiesen zu werden.

Gegendarstellung nur schwer zu platzieren

Nun bekommt man die Angelegenheit aus den sozialen Netzwerken nicht mehr heraus. Der Versuch der Autoren, die Sache wieder einzufangen, zeugt jedenfalls von wenig Kenntnis bezüglich der Mechanismen der modernen Medienwelt. Eine Gegendarstellung ist im Internet nur schwer zu platzieren. In einer Stellungnahme bitten die Autoren, diese überall dort zur Kenntnis zu bringen, wo aus der Notiz zitiert wird, oder diese gar in Gänze übernommen wurde.

Unsere Notiz beweist keineswegs, dass eine erhöhte Impfquote zu einer erhöhten Sterbewahrscheinlichkeit führt. Wir möchten auch nicht, dass sie dahingehend fehlinterpretiert wird.

Stellungnahme Prof. Rolf Steyer und Dr. Gregor Kappler

Stellungnahme von Prof. Rolf Steyer und Dr. Gregor Kappler

Am 16. November haben wir für die Abgeordnete des Thüringer Landtags, Frau Dr. Ute Bergner, eine kurze Notiz verfasst. Der Anlass war eine Aktuelle Stunde des Landtags zur Corona-Maßnahmenpolitik. Der Bericht war ausschließlich für diesen Zweck bestimmt. Wir haben der Weitergabe an das Thüringer Gesundheitsministerium zugestimmt und, nach deren Anfrage, auch an die CDU-Fraktion. Die berichtete und überraschende Korrelation sollte Anlass für weitere Diskussionen und Analysen sein. Wir bedauern, dass diese Notiz eine solche Verbreitung gefunden hat. Die Verbreitung und Weitergabe der Notiz im Internet und den sozialen Medien haben wir nicht autorisiert oder sie gar veranlasst.

Zur Klarstellung: Es handelt sich bei der Notiz weder um eine wissenschaftliche Publikation noch um eine fundierte wissenschaftliche Studie, die unseren eigenen Qualitätsstandards genügt. Unsere Notiz beweist keineswegs, dass eine erhöhte Impfquote zu einer erhöhten Sterbewahrscheinlichkeit führt. Wir möchten auch nicht, dass sie dahingehend fehlinterpretiert wird. Es gibt zahlreiche Gründe, welche die gefundene positive Korrelation erklären könnten, ohne einen negativen Effekt der Impfquote auf die Übersterblichkeit zu implizieren. Um die aktuelle Übersterblichkeit zu erklären, sind umfassendere wissenschaftliche Analysen geboten. Unter Hinzunahme der jetzt verfügbaren KW 41 ist übrigens die von uns letzte Woche berichtete positive Korrelation nahezu gleich null.

Wir bitten, dass diese Stellungnahme überall dort zur Kenntnis gebracht wird, wo aus unserer Notiz zitiert wird, oder diese gar in Gänze übernommen wurde.

24. Nov. 2021 

Rolf Steyer und Gregor Kappler

Ute Bergner will weitermachen

Dafür ist es leider zu spät. Schlimmer noch: Frau Bergner sieht nicht, irgendetwas falsch gemacht zu haben und will die Analyse fortsetzen mit "Profi-Instituten" des Landes. Die Frage wird sein, ob diese aktuell Schlange stehen.

Natürlich ist das Rechnen nicht verboten, nur stellt sich die Frage, welche Schlüsse anschließend gezogen werden, also, ob die Datenlage einen gezogenen Schluss überhaupt zulässt, nämlich, dass das Impfen am Ende tötet.

Aus diesen Daten und diesen Auswertungen diesen Schluss abzuleiten, das ist wirklich aberwitzig, geht einfach in keinerlei Weise.

Dr. Frank Renkewitz, Akademischer Rat, Fachgebiet Psychologie, Uni Erfurt
Haupteingang der Universität Erfurt 10 min
Bildrechte: MDR/Patricia Geissler

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 25.11.2021 14:59Uhr 10:08 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/audio-1893672.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Was einmal in der Welt ist

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass zum wiederholten Male eine These oder Frage in den Raum gestellt wurde, die Medien und Wissenschaft beschäftigen in dem vergeblichen Bemühen, diese wieder einzufangen. Dahinter - das war der Tenor heute - ein Versehen zu vermuten, fällt sehr schwer.

Es haben sich wirklich alle zitierten und nicht zitierten Wissenschaftler bemüht, achtungsvoll mit eigentlich geschätzten Kollegen umzugehen. Doch es steht zu befürchten, dass die Geschichte noch weitere Kapitel bekommt. Ute Bergner hat schon angekündigt, den Landtag auch mit neuen Erkenntnissen zu konfrontieren.

Dass der sich nun damit beschäftigen sollte, halte ich tatsächlich auch für einen schlimmen Irrtum. Damit muss man sich tatsächlich gar nicht beschäftigen.

Dr. Frank Renkewitz, Akademischer Rat, Fachgebiet Psychologie, Uni Erfurt

Weitere Informationen zum Thema finden Sie beim ARD-Faktenfinder und zu vielen anderen Corona-Mythen bei den Kollegen von correctiv.org.

Mehr zum Impfen in Thüringen

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 25. November 2021 | 15:10 Uhr

Mehr aus Thüringen