Rückblick Zwischen Lockdown und neuem Alltag: Ein Jahr Coronavirus in Thüringen

Vor genau einem Jahr wurde das Coronavirus zum ersten Mal in Thüringen nachgewiesen. Seitdem wurden 75.000 Menschen positiv getestet, es gab fast 3.000 Todesfälle. Die Menschen im Freistaat mussten Einschränkungen ihres Alltags und ihrer Grundrechte wie noch nie in der Geschichte des Freistaats hinnehmen. Ein Rückblick.

Corona Abstrich Test
Testen in der Frühphase der Pandemie: Der Arzt und SPD-Landtagsabgeordnete Thomas Hartung (MItte) mit einem Patienten in der Abstrichstelle Weimar Mitte März 2020. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

März 2020 | Das Coronavirus erreicht Thüringen

Am 2. März 2020 wurde das neuartige Virus SARS-CoV-2 bei einem 57-jährigem Mann aus dem Saale-Orla-Kreis nachgewiesen. Es handelte sich um den ersten bekannten Fall in Thüringen. Dass sich innerhalb eines Jahres rund 75.000 Thüringer infizieren und es fast 3.000 Todesfälle zu beklagen gibt, konnte sich zu diesem Zeitpunkt kaum jemand vorstellen.

Der erste Lockdown

Im März 2020 reagierte die Thüringer Politik zügig auf die sich immer weiter ausbreitende Pandemie. Für immer mehr Veranstaltungen wurden Teilnehmerzahlen beschränkt und Großveranstaltungen gänzlich verboten. Am 17. März schlossen die Schulen und Kindergärten. Notbetreuung gab es für Eltern der sogenannten systemrelevanten Berufe. Kurz darauf wurden Bars, Kinos und Sportanlagen geschlossen - Restaurants durften nur eingeschränkt öffnen. Der Zutritt selbst für Spielplätze wurde mit rot-weißen Absperrbändern um Schaukeln un Rutschen verboten. Das Land reagierte mit einem ersten Hilfspaket im Umfang von über 300 Millionen Euro.

83-Jähriger aus Jena stirbt

Am 20. März wurde in Thüringen der erste Todesfall in Zusammenhang mit Corona bekannt. Es handelte sich um einen 83-Jährigen aus Jena. Zu diesem Zeitpunkt waren in Thüringen laut Robert-Koch-Institut 161 Infektionen bekannt. Ab 25. März galten zum ersten Mal Kontaktbeschränkungen. Treffen waren nur noch mit einer haushaltsfremden Person möglich.

Neustadt im Rennsteig im Thüringer Wald war die erste und bisher einzige Gemeinde in Thüringen, die wegen hoher Infektionszahlen zwei Wochen lang komplett abgeriegelt wurde. Mediziner untersuchten später den Abschottungseffekt in einer Studie.

April 2020 | Maskenpflicht und Lockerungen

Die Stadt Jena führte Anfang April bundesweit als erste Kommune die Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ein. Die Regelung galt für Einkaufsmärkte, beim Bus- und Bahnfahren sowie beim Betreten öffentlicher Gebäude. Nach anfänglichem Widerstand führte die rot-rot-grüne Landesregierung zum 24. April die Maskenpflicht in ganz Thüringen ein. Sie gilt bis heute.

Lockerungen für Thüringen

Kontaktbeschränkungen und Abstandregelungen zeigten offenbar Wirkung. Zumindest stagnierte die Zahl der Infizierten. Ab 23. April ermöglichte das Land wieder Kundgebungen und Gottesdienste. Zu diesem Zeitpunkt gab es knapp 2.000 nachgewiesene Infektionen und 64 Todesfälle. Geschäfte bis zu einer Verkaufsfläche von 800 Quadratmetern durften ab 24. April wieder öffnen. Drei Tage später wurden Schulen und Kindergärten wieder schrittweise geöffnet oder die Notbetreuung wurde erweitert.

Ein mit Wünschen beschriebenes Laden-Schaufenster in der Innenstadt von Erfurt.
Ein mit guten Wünschen beschriebenes Laden-Schaufenster in der Innenstadt von Erfurt kurz vor dem Ende des Lockdowns für den Einzelhandel im April 2020. Bildrechte: MDR /Karina Heßland

Mai bis September 2020 | Ein (fast) Corona-freier Sommer

Am 4. Mai durften auch größere Geschäfte, Friseure und Spielplätze wieder öffnen. Restaurants und Hotels empfingen am 15. Mai wieder Gäste. Als erstes Bundesland in Deutschland hob Thüringen am 13. Juni die Kontaktbeschränkungen wieder auf. Die Pflicht zum Maskentragen in bestimmten Bereichen blieb bestehen.

"Neue Normalität" prägt den Alltag

Im Sommer sank die Zahl der Infizierten merklich. Am 22. Juli 2020 gab es lediglich 48 aktive Fälle in Thüringen. So wenig wie nie seit Beginn der Pandemie. Im August wurden insgesamt 270 Neuinfektionen im Freistaat gemeldet. Zum Vergleich: Im Oktober wurden innerhalb eines Monats 3.100 Neuinfektionen registriert. Im Sommer bestimmte das Coronavirus zwar weiterhin die öffentliche Debatte, doch vielerorts kehrte eine "neue" Normalität ein. Campingplätze und Parkplätze für Wohnmobile waren thüringenweit nahezu ausgebucht und sehr gefragt. Auch Tierparks, Museen und Ausstellungen verzeichneten nach langen Schließzeiten wieder mehr Zulauf.

Badegäste im Freibad Mihla
August 2020: Badegäste im Freibad Mihla im Wartburgkreis. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Hilfspaket in Milliarden-Höhe

Um den finanziellen Schaden abzufedern, beschloss der Thüringer Landtag am 5. Juni ein 1,26 Milliarden Euro umfassendes Corona-Hilfspaket für Kommunen, Unternehmen und Solo-Selbstständige. Bis zum Sommer fiel die Zahl der Neuinfektionen in Thüringen täglich auf einen niedrigen einstelligen Wert. Bis Ende Juni starben 181 Menschen mit einer Corona-Infektion bei mehr als 3.200 Infektionen.

September bis November 2020 | Im Herbst steigen die Zahlen

Ende September stieg die Zahl der Neuinfektionen wieder deutlich an. In den darauffolgenden Wochen und Monaten gab es mehr aktiv Infizierte und auch deutlich mehr Todesopfer zu beklagen als noch während der ersten Welle im Frühjahr. Die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen (Inzidenz) stieg Mitte Oktober zuerst im Kreis Eichsfeld über den Wert von 50. Oberhalb dieses Schwellenwerts drohten wieder schärfere Maßnahmen. Bis Ende des Monats überschritt fast die Hälfte aller Kreise diese Marke.

Corona-Hinweis in der Wilhelmstraße in Heiligenstadt
Corona-Hinweis in der Wilhelmstraße in Heiligenstadt Mitte Oktober 2020. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

"Lockdown light"

Bund und Länder reagierten. Anfang November schlossen in Thüringen Restaurants, Freizeit- und Sporteinrichtungen sowie Museen - vorerst bis Ende November. Außerdem traten Kontaktbeschränkungen in Kraft. Erstmals wurde der Thüringer Landtag in die Entscheidungen mit einbezogen und erwirkte beispielsweise kleinere Änderungen im Sportbereich. Durch diesen "Lockdown light" - so die Hoffnungen - sollten die Zahlen nach unten gedrückt werden, ohne dass das Leben der Menschen wieder so stark eingeschränkt wurde wie im März.

Debatte im Hildburghausen

Bundesweit in die Schlagzeilen geriet der Kreis Hildburghausen. In den letzten beiden Novemberwochen stieg der Wert der Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen pro 100.000 Einwohner auf bundesweit zuvor noch nie ermittelte 630. Der Landkreis verhängte daraufhin eine Ausgangsbeschränkung und schloss Schulen und Kindergärten. Heftige Diskussionen löste eine Demonstration von rund 400 Menschen gegen die Beschränkungen aus. Landrat Thomas Müller (CDU) stand unter Polizeischutz, nachdem er Drohungen erhielt.

Menschen auf einer Demonstration gegen Corona-Regeln in Hildburghausen am 25.11.2020
Menschen auf einer Demonstration gegen Corona-Regeln in Hildburghausen am 25.11.2020. Bildrechte: MDR/News5

Dezember 2020 | Harter Lockdown in Thüringen

Zum 1. Dezember traten abermals verschärfte Kontaktbeschränkungen in Kraft. Unter anderem wurden private Treffen auf den eigenen und einen weiteren Haushalt mit maximal fünf Personen beschränkt. Doch es sollte vorerst nichts helfen. Zu diesem Zeitpunkt registrierten die Gesundheitsämter teilweise über 1.000 Neuinfektionen pro Tag. In vielen Landkreisen helfen mittlerweile Soldaten der Bundeswehr den Gesundheitsämtern bei der Ermittlung von Kontakten. Der Inzidenzwert in Thüringen erreichte mit 160 den zweithöchsten Wert hinter Sachsen.

Schulen und viele Geschäfte schließen

Mit den neuen Maßnahmen wuchs auch der Widerstand gegen die Corona-Politik. In Erfurt beteiligten sich rund 500 Menschen an einer verbotenen Kundgebung gegen die Corona-Maßnahmen. Die Polizei ging dagegen vor. Am 13. Dezember ließ das Land Geschäfte, Schulen und Kindergärten schließen. Zudem wurde eine nächliche Ausgangsbeschränkung von 22 bis 5 Uhr eingeführt. Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) appellierte, das Weihnachtsfest im kleinen Familienkreis zu feiern. Über die Feiertage wurden Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperre leicht gelockert.

Ein Frau schiebt ein Fahrrad über die sonst menschenleere Krämerbrücke
So gut wie menschenleer: Erfurts Touristenattraktion Krämerbrücke im Januar 2021. Bildrechte: MDR /Karina Heßland

Die erste Impfung

Nach Weihnachten wurde in Zeulenroda-Triebes im Landkreis Greiz die erste Thüringerin gegen das Coronavirus geimpft. Die 94-Jährige bewohnt dort ein Seniorenheim. Am Ende des von der Corona-Pandemie geprägten Jahres können die Thüringer nur mit Einschränkungen Silvester feiern. Veranstaltungen zum Jahreswechsel und das bei vielen Menschen beliebte Feuerwerk auf öffentlichen Plätzen werden verboten.

Pflegeheim-Bewohnerin in Zeulenroda erhält als erste Thüringerin eine Impfung gegen das Coronavirus.
Diese Pflegeheim-Bewohnerin in Zeulenroda erhält als erste Thüringerin eine Impfung gegen das Coronavirus. Bildrechte: MDR/Tassilo Klöppel

Januar bis Februar 2021 | Corona bestimmt weiter den Alltag

Bei der Impfung gibt es eine klare Rangfolge. Zunächst werden Risikogruppen über 80 Jahre sowie medizinisches Personal und Pflegemitarbeiter geimpft. Doch der Impfstart in Thüringen verlief holprig. Ein Hacker-Angriff legte gleich zu Beginn das Thüringer Impfportal lahm. Sowohl telefonisch als auch auf dem Onlineportal beklagten die Thüringer lange Wartezeiten.

In die Kritik geriet Thüringen anfangs auch wegen der bundesweit niedrigsten Impfquote auf die Einwohnerzahl gerechnet. Mittlerweile weist Thüringen aber eine der höchsten Impfquoten auf. Seit Ende Februar können sich sowohl Thüringer der zweiten Prioritätsgruppe unter 65 als auch Mitarbeiter aus dem Bildungsbereich impfen lassen.

Lockdown verlängert

Auch Anfang Januar entspannte sich die Corona-Lage nicht - im Gegenteil. Fast täglich registrierten die Thüringer Gesundheitsämter 1.000 Neuinfektionen, Tage mit bis zu 60 Todesfällen blieben keine Seltenheit. Bund und Länder einigten sich darauf, den seit Dezember geltenden harten Lockdown länger als ursprünglich bis zum 10. Januar zu verlängern. Zunehmend Sorgen bereiten die beobachteten Mutationen des Coronavirus, vor allem die deutlich ansteckendere Variante mit Ursprung in Großbritannien.

Kinder und Jugendliche sollen nach wie vor zu Hause betreut werden, Schulen und Kindergärten bleiben weiterhin bis auf die Notbetreuung geschlossen. Erstmal in der Geschichte Thüringens werden Ferien verschoben. Bildungsminister Helmut Holter (Linke) ordnet an, die Winterferien von der zweiten Februarwoche auf Ende Januar vorzuverlegen. Die Hoffnung, ab 1. Februar Schulen und Kindergärten wieder öffnen zu können, sollte sich nicht erfüllen. Stattdessen bekamen die Schülerinnen und Schüler ihre Zeugnisse "to go" von den Pädagogen überreicht oder per Post zugeschickt.

Einige Lockerungen

Im Februar stabilisierte sich die Situation etwas: Die Zahl der Neuinfektionen als auch die Inzidenz sanken wie in allen anderen Bundesländern auch. Einige Lockerungen traten mit der neuen Verordnung ab 19. Februar in Kraft. Unter anderem fiel die Ausgangsbeschränkung von 22 bis 5 Uhr weg. Kinder und Jugendliche dürfen ab dem 15. Februar wieder in Schulen und Kindergärten gehen. Ob diese öffnen dürfen, liegt jetzt zum Teil im Ermessen der Landkreise und hängt im Wesentlichen von der Corona-Inzidenz der jeweiligen Region ab. Seit 1. März dürfen wieder Friseure, Gartenmärkte und Floristen öffnen.

Ein Jahr nach dem ersten Coronavirus-Fall ist Thüringen das Bundesland mit der höchsten Inzidenz, und das bereits seit Wochen. Aber auch in anderen Dingen belegt der Freistaat einen Spitzenplatz. Mittlerweile haben etwa 120.000 Menschen ihre erste Impfung erhalten (Stand Anfang März). Die Quote der Erstimpfungen liegt bei 5,6 Prozent, so hoch wie in keinem anderen Bundesland. Dennoch: Ein Ende des Lockdowns ist momentan noch nicht in Sicht.

Quelle: MDR THÜRINGEN/sar, dpa

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 01. März 2021 | 19:00 Uhr

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