Angriff auf die Ukraine "Was haben denn die russischen Menschen mit dem Krieg von Putin zu tun?"

Eine Russin in Thüringen erzählt

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In Thüringen leben viele Russen. Der Krieg in der Ukraine hat auch ihr Leben verändert. Mascha ist eine von ihnen und war gerade in Russland zu Besuch, als der Krieg begann. MDR THÜRINGEN hat mit ihr über ihre Erlebnisse, Gedanken und Gefühle gesprochen.

Demonstration vor dem angestrahlten Brandenburger Tor.
Weltweit gibt es Proteste gegen den Krieg in der Ukraine wie hier vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Bildrechte: imago images/ZUMA Wire

Jeden Tag ruft ihre Schwester sie an. Sie macht sich Sorgen um Mascha. Die Schwester fragt, wie es ihr geht, wie die Lage ist, wie es den Russen hier geht. Mascha sagt dann, es sei alles gut, "mach dir keine Sorgen".

Ausgegrenzt, weil sie Russin ist?

Mascha, die eigentlich anders heißt, aber unerkannt bleiben und auch nicht fotografiert werden möchte, lebt in Thüringen, ihre Schwester in Russland. Dass sie sich Sorgen um Mascha macht, liegt am Krieg in der Ukraine und dass sie gehört und gelesen hat, dass Russen angefeindet werden, weil Putin diesen Krieg begonnen hat. Sie fürchtet, dass Mascha in Deutschland Probleme auf ihrer Arbeit bekommen, dass sie ausgegrenzt werden könnte, weil sie Russin ist.

Alle sind genauso freundlich zu mir wie zuvor.

Mascha eine Russin in Thüringen

"Nein", sagt Mascha, sie selbst habe noch keine Anfeindungen erlebt. "Meine Kollegen sind sehr tolerant und gar nicht nationalistisch. Alle sind genauso freundlich zu mir wie zuvor." Doch das, was sie von anderen hört, macht sie unruhig. Sie liest bei Facebook, wie russische Menschen für das, was in der Ukraine passiert, verantwortlich gemacht werden. Auch deshalb möchte sie ihre eigene Meinung hier nicht lesen.

Ein Mann hält ein Schild hoch bei einer Demonstration
Auch in Moskau demonstrieren Menschen gegen den Krieg und riskieren damit teils hohe Gefängnisstrafen. Bildrechte: dpa

"Ich habe permanent ein unruhiges Gefühl. Es geht eigentlich nicht um mich. Aber der allgemeine Hass Russen gegenüber, diese Spaltung, die jetzt entsteht, macht mich fertig." Es interessiere keinen, "ob du etwas damit zu tun hast, wie du darüber denkst. Du bist eine Russin, zack, bist du eingestuft. Die Leute denken nicht weiter darüber nach", sagt Mascha. "Was haben denn die russischen Menschen mit dem Krieg von Putin zu tun?"

Deutschland ist Maschas zweites Zuhause

Mascha, die ihre russische Staatsbürgerschaft behalten hat, lebt schon lange hier. Sie kam noch zu DDR-Zeiten durch ihre Arbeit nach Thüringen, heiratete einen Deutschen und blieb. Hier leben ihre Tochter und ihre Enkeltochter. Hier ist ihr zweites Zuhause. Dass sie Russin ist, gehörte immer zu ihrem Selbstverständnis.

Natürlich liebe ich mein Land. Die russische Kultur, die Sprache. Was da gerade passiert, ist eine Katastrophe.

Mascha eine Russin in Thüringen

Doch jetzt fühlt sie sich zerrissen zwischen der Verbundenheit mit ihrem Heimatland und dem, was aktuell dort geschieht und den weltweiten Auswirkungen dessen. "Natürlich liebe ich mein Land. Die russische Kultur, die Sprache. Was da gerade passiert, ist eine Katastrophe."

Angst um die Verwandten in Russland

Dazu kommt die Angst um ihre Verwandten in Russland. "Man weiß nicht, was das ändert." Die 55-Jährige erzählt, dass ihre Schwester Angst um ihre Söhne habe. Beide sind Familienväter, im mittleren Alter und nun ist da auf einmal die Befürchtung, dass sie zum Kriegsdienst eingezogen werden. "Meine Schwester macht sich Gedanken darüber, wo sie sie verstecken könnte", sagt Mascha.

Russische Infanterie-Panzer an der Grenze zur Ukraine
Am 24. Februar sind russische Truppen in die Ukraine einmarschiert. Damit hat Russland den Krieg begonnen. Bildrechte: imago images/SNA

Als Russland in der Ukraine einmarschierte, war Mascha gerade zu Besuch bei Ihrer Familie in Russland. Ihr Vater hatte Covid-19, dem 90-Jährigen ging es nicht gut. Mascha blieb einen Monat lang, auch sie steckte sich mit dem Virus an. Am Ende hatten alle die Krankheit überstanden, doch nun war Krieg. Mascha buchte ihren Flug für den Dienstag nach Kriegsbeginn, ohne sich Gedanken darüber zu machen, dass dieser Krieg sie unmittelbar persönlich betreffen könnte. Doch auch auf sie hatte dieser Krieg Auswirkungen. Heute sagt sie: "Das war ein Schock."

Logistikzentrum in Moskau
Moskau ist eine Millionenmetropole. "In Moskau habe ich Panik bekommen", sagt Mascha. Sie hatte Angst davor, nicht mehr zurück nach Deutschland zu kommen. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Noch am Vortag sei sie ganz optimistisch in den Zug nach Moskau gestiegen und vierzehn Stunden später gut dort angekommen. "Doch morgens machte ich mein Handy an und stellte fest, dass mein Flug gecancelt wurde." Da stand sie, 1.000 Kilometer weit weg von Zuhause, mit ihrem schweren Gepäck. "In Moskau habe ich Panik bekommen. Ich hatte Angst, gar nicht mehr herauszukommen. Ich hatte gedacht, so etwas könnte mir nicht passieren."

Der direkte Weg nach Deutschland war nicht mehr möglich

Die Nacht verbrachte sie in der Wohnung von Freunden. Von dort aus buchte Mascha neue Tickets. Der direkte Weg von Russland nach Deutschland war nun nicht mehr möglich. Also buchte sie einen Flug von Helsinki nach Frankfurt. "Das war so teuer, dass ich geheult habe. Aber mein Mann sagte, das ist jetzt egal, du musst da raus."

Ein Schild der Sberbank
Russiche Kreditkarten waren schon gesperrt, als sich Mascha auf dem Weg zurück nach Deutschland befand. (Foto: russische Bank, Archivbild) Bildrechte: dpa

Am nächsten Tag fuhr Mascha mit dem Zug nach Petersburg, verbrachte dort eine Nacht im Hotel und fuhr dann mit dem Zug nach Helsinki. Die russischen Kreditkarten waren schon gesperrt, den erforderlichen PCR-Test in Helsinki zahlte sie über ihr Smartphone. "Letztendlich hat es funktioniert, Gottseidank." Der Flug nach Frankfurt klappte auch und von dort holte ihr Mann sie ab. "Erstmal kam die Erleichterung. Ich habe wirklich Glück gehabt", sagt Mascha. Auf der Fahrt nach Thüringen habe sie nur geschlafen. Sie war über 50 Stunden unterwegs gewesen, sagt sie.

Demonstranten und Polizisten bei einer nicht genehmigten Demonstration.
"In Russland kannst du gar nichts öffentlich sagen", sagt Mascha. Auf dem Bild sieht man eine Demonstration in Russland gegen den Krieg in der Ukraine. Bildrechte: dpa

Hier, zurück in Deutschland, erinnert sie sich an den Abschied in Russland. "Meine Freundinnen haben geweint, als ich weggefahren bin. Sie haben Angst." Wovor genau, das will Mascha nicht näher sagen. Auch sie hat Angst. Die Gesellschaft in ihrem Heimatland sei sehr gespalten, sagt sie. "Meine Freundin sagt, Putin will uns retten und wird uns retten. Mein Neffe und meine Schwester sagen, Putin dreht komplett durch und ist ein grausamer Mörder." Auf die Frage, ob sie darüber reden, antwortet sie: "In Russland kannst du gar nichts öffentlich sagen."

Ein geschlossener Louis Vuitton Shop in Moskau.
Ein geschlossener Louis Vuitton Shop in Moskau. Die Sanktionen des Westens treffen vor allem die Reichen, sagt Mascha. Bildrechte: dpa

Sind die Sanktionen des Westens in Russland zu spüren? Mascha antwortet: "Die reichen Menschen merken das schon. Aber die meisten Leute haben viel zu wenig Geld, so etwas merken sie nicht. Menschen wie meine Schwester denken nur ans Überleben."

Die Leute sind wirklich arm. Meine Schwester kann von ihrer Rente gerade mal Lebensmittel für eine Woche kaufen.

Mascha eine Russin in Thüringen

Ihre Schwester bekomme knapp 150 Euro, jetzt, seit der Rubel gefallen ist, nur noch 100 Euro Rente. "Die Leute sind wirklich arm. Meine Schwester kann davon gerade mal Lebensmittel für eine Woche kaufen." Die Preise seien fast so hoch wie in Deutschland. Hinzu kämen die Nebenkosten. So muss ihre Schwester weiterarbeiten, um etwas Geld zu verdienen.

300 Euro gelten laut Mascha in Russland als gute Rente

Zusätzlich pflegt sie den bettlägerigen Vater und lebt auch von dessen Rente. "Je älter man in Russland ist, desto mehr Rente bekommt man. Die Veteranen haben für russische Verhältnisse eine gute Rente", erzählt Mascha. Ihr Vater bekommt fast 300 Euro monatlich.

Wladimir Putin bei einer Pressekonferenz
Wladimir Putin bei einer Pressekonferenz (Archivbild) Bildrechte: imago images/SNA

"Das nehme ich dem Putin ziemlich übel. Die ganzen Oligarchen, das Steuersystem, die Korruption. Die Menschen sind entweder superreich oder bitterarm", sagt Mascha.

Ich wünsche mir Frieden wie jeder normale Mensch und dass dieser Krieg beendet wird und alles gut ausgeht.

Mascha eine Russin in Thüringen

Und nun? Wie empfindet sie die aktuelle Situation? "Es ist schrecklich und ich weiß nicht, wie es sich weiter entwickelt." Maschas Angst ist, dass sie nicht mehr nach Russland zu ihrer Familie kann. Normalerweise würde sie im August nach Hause fahren, wie immer. "Ich hoffe sehr, dass das noch geht." Doch vor allem wünscht sie sich eines: Frieden "wie jeder normale Mensch und dass dieser Krieg beendet wird und alles gut ausgeht."

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MDR (caf)

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