Bildung Keine Präsenzpflicht vor den Ferien: Schulen reagieren mit Unverständnis

Auf ein geteiltes Echo stößt die Entscheidung des Thüringer Bildungsministeriums, dass Eltern ihre schulpflichtigen Kinder an den drei Tagen vor den Weihnachtsferien zu Hause lassen können. Schulleiter kritisieren die spontane Entscheidung. Die Bildungsgewerkschaft GEW und die Landeselternvertretung stellen sich hinter die neue Regelung. Die Awo fordert verlängerte Weihnachtsferien.

Schüler mit Masken im Unterricht, eine Schülerin meldet sich.
In der Schule oder im Kinderzimmer lernen: An den drei Tagen vor den Weihnachtsferien können in Thüringen die Eltern darüber entscheiden. Bildrechte: dpa

Die Entscheidung, dass die Präsenzpflicht für Schüler für die drei Schultage vor den Weihnachtsferien aufgehoben wird, stößt in Thüringer Schulen auf Unverständnis und Kritik. Das zeigt eine stichprobenartigen Umfrage von MDR THÜRINGEN an Schulen im Freistaat.

Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke) hatte am Mittwoch mitgeteilt, dass aufgrund der aktuellen Corona-Infektionslage die Eltern darüber entscheiden können, ob sie ihre Kinder Montag bis Mittwoch kommender Woche zum Unterricht schicken. Volljährige Schüler treffen die Entscheidung selbst. Schüler, die zu Hause bleiben, sollen dort Aufgaben bearbeiten.

"Eine Schließung wäre konsequenter gewesen", sagte Carolin Raufeisen, die Leiterin der Thomas-Mann-Schule in Erfurt. "Die Verantwortung wird nun den Eltern übertragen. Wir hätten uns eine eindeutigere und deutlich frühere Regelung gewünscht." Zudem "grusele" es das Kollegium vor dem 3. Januar. Auch für diese Woche würde eine klare Regelung gebraucht, "besonders, wenn nach Weihnachten die Corona-Zahlen wieder steigen."

Aus der Parkschule in Weimar heißt es, man habe die Entscheidung aus der Presse erfahren. "Wir wissen noch nicht, wie viele Schüler diese Option in Anspruch nehmen werden", sagte die Stellvertretende Schulleiterin Marita Hahnemann. "Jetzt wird von uns erwartet, dass wir den Kindern Unterlagen für zu Hause zukommen lassen, das schaffen wir in der Zeit doch gar nicht." Auch für Eltern sei das Vorgehen "unmöglich, weil die Entscheidung nun auf ihnen lastet". Der Schulalltag sei aufgrund des hohen Infektionsgeschehens schon jetzt unruhig genug: "Unsere Sekretärin ist nur noch am Telefon wegen Corona-Meldungen, Eltern rufen die ganze Zeit an, wir kommen eh schon nicht mehr zum Tagesgeschäft."

"Die Kommunikation war ein Desaster", heißt es aus dem Evangelischen Gymnasium in Meiningen. "Wir haben es von einem Schüler mitbekommen, der es aus der Presse wusste", sagt Schulleiterin Corinne Schenka. Man habe gleich eine Elternumfrage gestartet, um zu ermitteln, wie viele von der Aufhebung der Präsenzpflicht Gebrauch machen werden, damit der hybride Unterricht entsprechend vorbereitet werden kann.

Schulen erwarten doppelten Aufwand

"Besser wäre eine einheitliche Lösung gewesen - Videounterricht zu Hause oder über die Schulcloud", sagt Rüdiger Marx, Leiter der Paul-Greifzu-Schule in Suhl. "Nun stellt der organisatorische Aufwand eine doppelte Belastung dar."

Roland Peterson, Leiter des Angergymnasiums Jena, zeigte sich enttäuscht darüber, dass es keine klare Entscheidung gibt und diese wieder auf Schulen, Lehrer und Eltern abgewälzt worden sei. Vorsorglich habe das Gymnasium den 22. Dezember schon als frei verfügbaren Ferientag genommen.

"Das ging mir jetzt etwas zu holprig", sagt Volker Vogt, Leiter des Humboldt-Gymnasiums in Nordhausen. Erst Mittwochabend habe er davon erfahren. Abmeldungen für diese Tage seien bis Sonntag per E-Mail möglich.

Aus Sicht von Ralf Oschatz, Stellvertretender Leiter der Gemeinschaftsschule Triptis, "hätte man auf die drei Tage auch gut verzichten können". Er erwartet nun doppelte Arbeit für die Lehrerinnen und Lehrer: "Den Unterricht absichern und zudem Aufgaben für die nicht erscheinenden Schüler erstellen - und das sehr kurzfristig."

Thüringen

Symbolbild zum Thema Corona-Virus in Thüringen
Bildrechte: MDR/Panthermedia

Verband kinderreicher Familien: "richtige Entscheidung"

Aus Sicht des Thüringer Lehrerverbandes ist das Aussetzen der Präsenzpflicht vor den Weihnachtsferien die "denkbar ungünstigste Lösung". Landeschef Rolf Busch sagte, für die Schulen bedeute das, parallel zum Präsenzunterricht auch noch Fernunterricht stemmen zu müssen. Die jetzige Regelung sorge für maximalen Frust und Unverständnis. Erfreut zeigte sich hingegen der Verband kinderreicher Familien Thüringen. Minister Holter habe alles richtig gemacht, der jetzt gefundene Kompromiss komme den Familien entgegen.

Elternvertretung unterstützt die Regelung

Die Bildungsgewerkschaft GEW und die Landeselternvertretung haben sich hinter die neue Regelung gestellt, dass Eltern selbst entscheiden sollen, ob sie ihre Kinder kurz vor den Ferien noch in die Schulen schicken. "Grundsätzlich kann man die Entscheidung mittragen", sagte Landeselternsprecher Roul Rommeiß. Dass diese Entscheidung erst am Mittwoch verkündet worden sei, sei allerdings deutlich zu kurzfristig gewesen. Die Debatte um ein mögliches Vorziehen der Weihnachtsferien laufe immerhin schon seit Wochen.

Ähnlich äußerte sich die Landesvorsitzende der GEW, Kathrin Vitzthum. Es sei richtig, die Entscheidung über den Schulbesuch unmittelbar vor Weihnachten den Eltern zu überlassen. "Ich gehe davon aus, dass viele Eltern von der Möglichkeit Gebrauch machen werden, ihre Kinder zu Hause zu lassen." Dadurch würden die Klassen leerer, was auch eine Entlastung für Lehrerinnen und Lehrer sei.

Schüler-Union für Distanzunterricht vor Ferien

Die Schüler-Union Thüringen teilt in einer Pressemeldung mit, dass sie drei Tage Distanzunterricht für alle sinnvoller gefunden hätte, "da anzunehmen ist, dass wenige Schüler am Präsenzunterricht teilnehmen werden". Die Schulleiter sollten aus Sicht der Schüler-Union eine klare Entscheidung zum Distanzunterricht treffen: "Alle Schüler im Freistaat freuen sich auf die Weihnachtsferien mit Ihren Familien und wünschen, diese Zeit nicht in Quarantäne zu erleben."

Awo fordert verlängerte Weihnachtsferien

Der Awo-Landesverband Thüringen hat die Entscheidung des Bildungsministeriums begrüßt. Gleichzeitig unterstützt die Awo die Forderung der Liga der Freien Wohlfahrtspflege nach verlängerten Weihnachtsferien. Zusätzliche Ferientage in der ersten Januarwoche - bis einschließlich 7. Januar, "könnten zu einer deutlichen Entspannung der Infektionsketten an Schulen führen - und damit auch in den Familien und der ganzen Gesellschaft", sagte Awo-Landesgeschäftsführerin Katja Glybowskaja.

"Über Weihnachten und Silvester kommen viele Menschen zusammen; Ansteckungen zeigen sich aber erst danach, wenn die Schule wieder losgeht", sagt laut Awo-Mitteilung der Leiter der Schlossschule im Saale-Orla-Kreis, Robert Steinäcker. Mit einem Schulstart am 10. Januar könne verhindert werden, dass viele Schüler, eventuell sogar ganze Schulklassen, direkt zu Jahresbeginn wieder in Quarantäne müssen.

Quelle: MDR (mm)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 16. Dezember 2021 | 19:00 Uhr

22 Kommentare

Sigrun vor 22 Wochen

@Tpass: In Verantwortung für die Kinder sind zuallererst die Eltern der Kinder. Viele Eltern wünschen sich deshalb auch mehr Mitspracherechte, wenn es um die Bildung ihrer Kinder. Sie hingegen scheinen dies anders zu sehen, für Sie soll offensichtlich der Staat alles für Ihre Kinder regeln.
Wenn ich in meinem Umfeld Familien mit Kindern sehe, dann gehören Sie zur Minderheit.

MDR-Team vor 22 Wochen

Gehört für Sie der Bildungsminister etwa nicht zur Regierung? Mehr als genau das tun, was Sie fordern, können wir nicht.
Freundliche Grüße aus der Online-Redaktion

Tpass vor 22 Wochen

Man hätte auch vom MDR erwarten können sich mal mit der Verantwortlichen Regierung über das Problem auszutauschen um uns besser zu informieren. Recherchen als öffentlich rechtliche Anstalt.????

Mehr aus Thüringen