Sparmaßnahmen Freie Schulen: Gesundheits-Azubis in Thüringen müssen wieder Schulgeld zahlen

Thüringen Berufsschüler, die an freien Schulen Gesundheitsberufe erlernen, müssen müssen rückwirkend ab Januar wieder Schulgeld bezahlen. Grund sind Einsparungen im Landeshaushalt. Erst im vergangenen Jahr hatte das Land erstmals das Schulgeld übernommen. Der DGB-Hessen-Thüringen spricht von einem "Kürzungsfetisch" der CDU und einem Fiasko. Die CDU schiebt die Verantwortung zur Landesregierung, die an der "falschen Stelle" spare. Die FDP spricht von einer "Schnapsidee".

Eine Pflegerin betreut einen älteren Mann
Da der Landtag beschlossen hat, in diesem Jahr kräftig zu sparen, übernimmt Thüringen nicht mehr das Schulgeld bei Freien Schulen. (Symbolfoto) Bildrechte: Colourbox.de

In Thüringen müssen Auszubildende in Gesundheitsberufen müssen rückwirkend ab Januar wieder Schulgeld zahlen. Das kündigte ein Sprecher des Bildungsministeriums in Erfurt an. Betroffen sind demnach Freie Schulen.

Bildungsministerium muss kräftig sparen

Das Bildungsministerium begründet die Entscheidung mit fehlenden Haushaltsmitteln angesichts der verhängten globalen Minderausgabe. Sie zwingt die Regierung, im Jahresverlauf 330 Millionen Euro einzusparen. Das Bildungsministerium muss eigenen Angaben zufolge rund 74 Millionen Euro beitragen. Der Vorschlag kam von der CDU.

Die Kostenübernahme des Schulgeldes durch das Land war erst im vergangenen Jahr eingeführt worden. Laut Ministeriumssprecher handelt es sich um eine freiwillige Leistung, keine gesetzliche.

Freie Schulen kritisieren Kurswechsel

Die Landesarbeitsgemeinschaft der freien Schulträger in Thüringen kritisierte den unerwarteten Kurswechsel. Er führe zu Verunsicherungen sowohl bei den Trägern als auch bei Schülerinnen und Schülern.

Der unerwartete Kurswechsel führt zu Verunsicherungen sowohl bei den Trägern als auch bei Schülerinnen und Schülern der Gesundheitsfachberufe.

Manja Bürger stellv. Sprecherin der LAG

Nach Angaben der Landesarbeitsgemeinschaft sind etwa 1.000 Berufsschülerinnen und -schüler von der Streichung betroffen. Das Schulgeld an den freien Schulen beträgt oft weit mehr als 100 Euro im Monat - auch knapp 200 Euro sind keine Seltenheit.

Angehende Ergotherapeuten, Physiotherapeuten oder Logopäden in Thüringen bezahlen so für ihre dreijährige Ausbildung bis zu 10.000 Euro und mehr. Miete, Essen und Fahrtkosten nicht eingerechnet. Nach der Ausbildung gibt es etwa 2.000 Euro brutto als Einstiegsgehalt. Für die Berufe herrscht auch aus diesem Grund Nachwuchsmangel.

DGB spricht von Fiasko

Am Donnerstag äußerte sich auch der DGB Hessen-Thüringen mit heftiger Kritik auf die Ankündigung der Landesregierung. Der DGB sprach von einem "Kürzungsfetisch" der CDU und von einem Fiasko.

Die Vizevorsitzende des DGB-Bezirks Hessen-Thüringen, Renate Sternatz.
Die stellvertretende Vorsitzende des DGB Hessen-Thüringen Renate Sternatz kritisiert die Landesregierung. Bildrechte: MDR/Jens Borghardt

Seit Jahren gebe es eine permanente Unterbesetzung im Gesundheitssektor, sagte Renate Sternatz, stellvertretende Vorsitzende des DGB Hessen-Thüringen.

Die von der CDU erpresste Kürzungspolitik raubt den Auszubildenden jedwede Planungssicherheit. Erst werden Schulgeldzuschüsse eingeführt und dann werden sie ausgesetzt.

Renate Sternatz Stellvertretende Vorsitzende des DGB Hessen-Thüringen

Die Kostenübernahme sei ein gutes Mittel gewesen, um dem Mangel an Fachleuten entgegenzuwirken. Umso erschreckender sei nun der Schritt zurück.

CDU richtet Vorwürfe an Landesregierung

Die CDU sprach von einer "politischen Bankrotterklärung" seitens der Landesregierung. Sie spare an der falschen Stelle, sagte der sozialpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Thadäus König. Das Kabinett habe Hunderte Millionen Überschuss, kürze aber ausgerechnet bei den Schülern in den Gesundheitsberufen. Ausbildungsabbrüche und Schulwechsel in andere Bundesländer seien schon jetzt absehbar.

AfD fordert statt Schuldgeldfreiheit andere Einsparungen

Scharf reagierte auch die AfD. Sie forderte eine Schulgeldfreiheit ohne Wenn und Aber. Der Fraktionssprecher für Soziales, René Aust, sagte, wenn die Landesregierung sparen müsse, dann solle sie "bei den linksgrünen Luxusprojekten sparen wie etwa bei der Subventionierung von Lastenfahrrädern". Im Jahr 2020 unterstützte das Land Thüringen den Kauf von Lastenfahrrädern nach eigenen Angaben mit rund einer Million Euro.

Helmut Holter (Die Linke), Minister für Bildung, Jugend und Sport von Thüringen, spricht im Plenarsaal des Thüringer Landtags.
Die FDP kritisiert Bildungsminister Helmut Holter (Linke) für die Entscheidung, die Übernahme des Schulgelds in Gesundheitsberufen zu streichen. Bildrechte: dpa

FDP-Gruppe: "Holters jüngste Schnapsidee"

Die FDP-Gruppe im Landtag sprach an Bildungsminister Helmut Holter (Linke) gerichtet von "Minister Holters jüngster Schnapsidee". Gerade in der Pflege fehlten Fachleute über Fachleute, sagte Gruppensprecher Thomas Kemmerich.

MDR, dpa, ls

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 19. Mai 2022 | 07:00 Uhr

18 Kommentare

Kukull vor 5 Wochen

Es ist nicht zu fassen. Ich bin selbst Physiotherapeut seit 25 Jahren und mein Sohn ist gerade in Ausbildung zum Physiotherapeuten. Er wohnt in einer kleinen Wohnung und wird von den Eltern unterstützt. Neben der Ausbildung muss er Abends arbeiten, um das zu finanzieren. Vom Staat wird er nicht unterstützt. Und jetzt fällt wieder 200€ Schulgeld an. Nach der Ausbildung fallen noch viele Tausende Euro über die Jahre an Fortbildung an. Der Verdienst am Ende ist sehr überschaubar. Warum sollte sich das denn unsere Jugend antun Hr Holter? Seit Jahren haben wir Nachwuchsprobleme im Bereich der Physiotherapie. Es tut mir Leid, aber alle sprechen nur von Pflegemangel,aber dabei wird schon in der Ausbildung der Pflege Lehrlingsgeld gezahlt. Die Therapeuten spielen anscheinend keine größere Rolle im Gesundheitswesen. Dabei wird keiner Jünger in Thüringen und Körperliche Beschwerden werden kommen. Viel Spaß auf der Suche nach einem Therapeuten. Das mußte mal gesagt werden.

Christine55 vor 5 Wochen

Es ist nicht zu fassen. Wir brauchen dringend Nachwuchs in allen Gesundheitsberufen und hiermit verhindert man das regelrecht. Für jeden Mist und absolut sinnfreie "Projekte" ist Geld da. Unbegreiflich und ein weiterer Grund diese Leute nicht wieder zu wählen.

Matthi vor 5 Wochen

Auf der einen Seite wird Ausbildung behindert auf der anderen Seite wird nach Fachkräften gerufen die nur durch ausländische Arbeitnehmer befriedigt werden kann. Muss man das verstehen ich glaube nein. Mit solchen Aktionen wird der Medizinische- u. Pflegerische Beruf nicht attraktiver. Anscheinend fehlt der Thüringer Politik Weitsichtigkeit.

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