Wasserstoff-Züge Neue Chance für die Schwarzatalbahn?

2020 hat die Thüringer Umweltministerin Anja Siegesmund die Wasserstoff-Strategie des Freistaats vorgestellt. Der Klimaschutz sollte damit gestärkt und die wirtschaftlichen Chancen der Technologie ausgelotet werden. Eines der ersten Projekte sollte der Wasserstoff-Zug durchs Schwarzatal werden. Sollte – denn das Projekt hat eine harte Notbremsung erfahren. Bisher ist noch unklar, ob und wie es weitergeht.

Wasserstoff- und Sauerstoff-Moleküle sind schematisch auf den Sitzen im Vorserienzug des neuen Wasserstoffzugs vom Typ Coradia iLint dargestellt
Bild aus dem Wasserstoff-Zug Coradia iLint des Zugbauers Alstom. Bildrechte: dpa

Marcus Malsch schüttelt den Kopf. Der verkehrspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion muss sich ein wenig beruhigen. Denn eigentlich ist er sauer. Sauer auf die Rot-Rot-Grüne Landesregierung und ein Versprechen, das gegeben wurde, aber nicht gehalten werden kann. "Anpreisen, Foto, Zeitung und dann über die Zeitung verkünden, es wird doch nichts", sagt Malsch.

Marcus Malsch, CDU-Abgeordneter
Marcus Malsch, CDU-Landtagsabgeordneter. Bildrechte: dpa

Der Landtagsabgeordnete spricht von der Schwarzatal-Bahn. Deren Triebwagen sollten ab 2023 mit Wasserstoff angetrieben werden. Umwelt- und Infrastruktur-Ministerium sprachen von einem großen Schritt in Richtung umweltfreundlicher Fortbewegung. Nur der Plan liegt auf Eis. Die Kosten sind explodiert.

Besuch vor Ort im Schwarzatal in Südthüringen. Ein tiefer Einschnitt in das Schiefergebirge. Der Wald wächst dicht an den Hängen. Durchs Tal schlängeln sich der Fluss Schwarza, eine Straße und eine eingleisige Bahnlinie. Auf 25 Kilometern verbinden die Gleise Rottenbach und Katzhütte. Lebensader für das Tal. So sieht es Ulf Ryschka, Chef der Verwaltungsgemeinschaft Schwarzatal: "Die Bahn – das kann man gar nicht mit Worten beschreiben. Sie hat die industrielle Entwicklung dieses Tals vorangebracht. Und deshalb sind die Leute sehr stolz auf ihre Bahn."

Anspruchsvolle Steigungen und enge Kurven

Einmal pro Stunde fährt ein Dieseltriebwagen in den Cursdorfer Bahnhof ein. Fünf Menschen steigen aus, zwei steigen ein. Insgesamt zählt die Thüringer Bergbahn als Betreiber etwa 160.000 Fahrgäste im Jahr. Wenn nicht gerade Pandemie ist. Diana Saager kennt die Strecke wie ihre Westentasche. Immerhin ist sie Chefin der Bergbahn: "Das besondere an der Schwarzatal-Bahn ist natürlich einerseits das Landschaftliche. Gerade in dem Abschnitt zwischen Rottenbach und Obstfelder-Schmiede führt die Strecke entlang der Berghänge. Man hat eben einen tollen Ausblick. Und was für uns Eisenbahner interessant ist: Die Strecke hat einige Steigungen, weswegen es ab und zu Probleme gibt, wenn es viel geregnet hat. Wir haben enge Kurvenradien und viele Brücken."

Die geografische Lage und die Anforderungen an den Zugverkehr waren es, die das Schwarzatal empfohlen haben als Teststrecke für die Antriebsart Wasserstoff. Die Hoffnungen auf einen touristischen Schub für das Tal und die anliegenden Orte – sie waren groß, erzählt Ulf Ryschka, Chef der Verwaltungsgemeinschaft Schwarzatal: "Es war ja als Modellprojekt gedacht und natürlich ist das ein Antrieb, der getestet werden muss. Und insofern gibt es natürlich auch Menschen, die sagen: Das ist eine spannende Technologie, lass uns doch mal ins Tal fahren und das angucken."

Thüringer Angebot sprengte finanziellen Erwartungswert

Die Hoffnungen sind verflogen bei den Menschen. Man ist enttäuscht, denn aus dem Wasserstoff-Modellprojekt wird nichts. Das Infrastruktur-Ministerium in Erfurt hat das Vergabeverfahren gestoppt. Aus finanziellen Gründen, wie Konstanze Gerling erklärt, die Sprecherin des Ministeriums: "Wir haben in einem Vergabeverfahren, das europaweit gelaufen ist, festgestellt, dass wir nur ein Angebot bekommen haben. Und dieses Angebot, was eingereicht wurde, deutlich über dem Erwartungswert lag und zwar um ein Mehrfaches."

In Zahlen ausgedrückt. Das Ministerium hatte bei einer Laufzeit von 10 Jahren mit Kosten von maximal 55 Millionen Euro gerechnet. Das einzige Angebot kam von der Thüringer Bergbahn und kalkulierte mit 90 Millionen Euro.

Alles sollte einkalkuliert werden

Marcus Malsch wundert der preisliche Unterschied nicht. Im Gegenteil. Mit Blick auf die Vergaberichtlinien sagt der verkehrspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion: "Die Anforderungen waren so eng gestrickt, dass sie als Betreiber sagen mussten: Wir machen jetzt eine knallharte Kalkulation, auch mit den Modulen, mit den Brennstoff-Zellen usw. Also alle Eventualitäten sind eingepreist worden."

Doch wofür braucht es die angegebenen 90 Millionen Euro – oder 9 Millionen Euro aufs Jahr gerechnet. Nicht allein für die Anschaffung neuer Triebwagen, Diana Saager zählt weiter auf: "Dazu gehört eine neue Tankstelle, die hätte gebaut werden müssen. Was dann auch oft im Hintergrund läuft, ist ja die Instandhaltung der Triebwagen. Gerade bei Wasserstoff hätte auch die Werkstatt umgerüstet werden müssen. Zum Beispiel auch mit Wasserstoff-Detektoren, das ist ja auch nicht ganz ungefährlich."

Neue Ausschreibung in zweiter Jahreshälfte

Ein Wasserstoffzug Coradia iLint des Zugherstellers Alstom steht auf dem Werksgelände.
Ein Wasserstoffzug Coradia iLint des Zugherstellers Alstom. Bildrechte: dpa

Nun aber ist das Projekt erst einmal gestoppt. Es soll geklärt werden, welche Antriebsart die Dieseltriebwagen am umweltfreundlichsten und kostengünstigsten ersetzen könnte: "Es gibt akkubetriebene Fahrzeuge, es gibt alternative Treibstoffe, also zum Beispiel grünen Diesel, es gibt die Diesel-Hybrid-Fahrzeuge und natürlich die Wasserstoff-Züge, das wäre das nächste", erklärt Konstanze Gerling, die Sprecherin des Erfurter Infrastruktur-Ministeriums.

Mitte des Jahres soll die Empfehlung des Gutachtervereins vorliegen. Danach kommt eine neue Ausschreibung. Heißt im Umkehrschluss aber auch: Es ist gar nicht sicher, ob die Schwarzatal-Bahn überhaupt einmal mit Wasserstoff betrieben wird.

Diana Saager, die Chefin der Thüringer Bergbahn, ist dennoch gespannt auf das neue Vergabeverfahren. Ihr Unternehmen wird wieder ein Angebot abgeben. Auch Marcus Malsch wartet schon: "Wir sind natürlich gespannt, ob die Wasserstoff-Technologie da drin ist in der Ausschreibung, oder ob man auf die bisherige Technologie abzielt, um den Verkehr bestellbar zu machen, aber nicht zukunftsorientiert, wie man es angekündigt hat."

Er weiß, dass die Zeit drängt. Der Betreibervertrag der Thüringer Bergbahn für die Schwarzatal-Strecke läuft bis Ende 2023. Gibt es bis dahin keine Nachfolge-Regelung, heißt es im wildromantischen Einschnitt des Schiefergebirges in Südthüringen: Kein Zug wird kommen.

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 26. Mai 2022 | 06:47 Uhr

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