Abhängigkeit Zahl der Selbsthilfegruppen für Suchterkrankte in Thüringen sinkt

Sie heißen Dieter, Anett, Gerd, Uwe oder Mirko. Jeden Donnerstag treffen sie sich in Zeulenroda-Triebes, um über ihren Alltag und ihre Probleme, vor allem aber über ihre Sucht zu sprechen. Seit 36 Jahren gibt es die Selbsthilfegruppe "Sucht" in Zeulenroda. Mehr als zehn Betroffene kommen selten zu den Treffen. Die Zahl der Mitglieder sinkt kontinuierlich. Der Altersdurchschnitt dagegen steigt. Ein Problem, dass nicht nur in Zeulenroda besteht.

Mehrere Menschen sitzen auf Stühlen in einem Raum.
Selbsthilfegruppen gelten als wichtiger Baustein im Umgang mit Suchterkrankungen. Bildrechte: MDR/Beate Sieg

Die Wände sind in einem warmen Gelb gestrichen, an der Wand vorn prangt ein großes Kreuz. Sieben von zehn Stühlen sind an diesem Donnerstagabend im Gemeinderaum in Zeulenroda-Triebes besetzt. Die Menschen, die hinter den Tischen sitzen, sind krank, abhängig vom Alkohol und spielsüchtig. Einmal in der Woche treffen sie sich, um über ihren Alltag, ihre Ängste und Sorgen und über Sucht zu sprechen. Der Altersdurchschnitt an diesem Abend: 60 plus. Der jüngste Teilnehmer der Selbsthilfegruppe "Sucht" ist gerade einmal 42 Jahre alt.

Strukturen bei Selbsthilfegruppen oft zu starr

105 Selbsthilfegruppen mit mehr als 1.500 Mitgliedern gibt es in Thüringen noch. Seit Jahren sinkt ihre Zahl kontinuierlich. 2008 gab es noch 160, 2018 nur noch 115 Gruppen im Freistaat. Nicht nur die Corona-Pandemie ist schuld an dem langsamen Aussterben der Selbsthilfegruppen.

Die Betroffenen konnten sich stellenweise wochenlang nicht persönlich sehen, viele sind daraufhin gar nicht mehr zu den Treffen gegangen. Auch die starren Strukturen der Gruppen selbst passen nicht zur Lebenswelt gerade jüngerer Suchtkranken.

Treffen immer Dienstag von 18 bis 20 Uhr? Das ist vielen jüngeren Abhängigen zu unflexibel. Weil es immer weniger Selbsthilfegruppen in Thüringen gibt, vor allem auf dem Land, müssen Betroffene zudem oft weite Wege in Kauf nehmen. "Viele Abhängige haben kein Auto, manche nicht mal einen Führerschein. Die müssen dann auf Bus und Bahn zurückgreifen, die aber dann in den Abendstunden eben nicht überall mehr fahren," weiß der Leiter der Thüringer Landestelle für Suchtfragen (TLS), Sebastian Weiske. Die Gruppen würden so immer kleiner, die Mitglieder weniger, die finanzielle Förderung fällt dadurch weg. Das Ende vom Lied? Gruppen lösen sich auf, auch weil Nachwuchs fehlt, der sich engagiert.

Ein Mann im Gespräch.
Sebastian Weiske leitet die Thüringer Landestelle für Suchtfragen. Er beobachtet die sinkende Zahl der Selbsthilfegruppen mit Sorge. Bildrechte: MDR/Beate Sieg

Mehrheit ist alkoholabhängig

80 Prozent der Mitglieder in den Selbsthilfegruppen sind alkoholabhängig, stellenweise gibt es Tabletten-, Spiel- und Drogensüchtige. Doch die werden mit dem Angebot am wenigsten erreicht. Knapp zwei Drittel ist älter als 51 Jahre.

"Solange es Jüngeren körperlich noch gut geht, sind die kaum dazu zu bewegen, dass sie zu uns in die Gruppe kommen", sagt Gerd Heinig, der stellvertretende Leiter der Selbsthilfegruppe aus Zeulenroda-Triebes. Er selbst hat vor 15 Jahren den Absprung geschafft. Da mussten erst Ehe kaputt, Job und Führerschein verloren gehen, ehe er vom Alkohol losgekommen ist. Hätte es die Selbsthilfegruppe nicht gegeben - Heinig weiß nicht, ob er es allein geschafft hätte. "Ich gehe regelmäßig in die Gruppe, will anderen Menschen helfen von ihrer Sucht loszukommen."

Ein Mann sitzt an einem Tisch.
Gerd Heinig, stellvertretender Leiter der Selbsthilfegruppe Sucht aus Zeulenroda-Triebes: Er selbst hat vor 15 Jahren den Absprung geschafft. Bildrechte: MDR/ Beate Sieg

Andere Angebote fehlen in Corona-Pandemie

Ganz weg vom Alkohol ist Annett noch nicht. Auch sie zählt nicht mehr zu den Jüngsten und ihr Rückfall liegt noch nicht allzu lange zurück. "Momentan gibt es keine Angebote und Veranstaltungen in den Reha-Kliniken und ich merke, dass mir das fehlt. Ich bin froh, dass ich wenigstens hier in die Gruppe kommen kann. Es wird noch einige Zeit ins Land gehen, aber ich hoffe, dass ich irgendwann die Finger vom Alkohol lassen kann", erzählt sie.

Selbsthilfegruppen sind ein zentrales Feld im Kampf gegen die Sucht, auch weil sie in jedem Stadium der Abhängigkeit helfen können. Es bedarf keinerlei Anträge, die Betroffenen sind unter sich und reden auf Augenhöhe. "Wir reden nicht den ganzen Tag nur über Alkohol, sondern auch mal darüber, was wichtig ist, wie sich jeder helfen kann und wie die Familie dazu steht. Meistens ist die Selbsthilfegruppe für die Leute, die herkommen, die Familie", weiß auch Dieter Pruschik, der Leiter der Zeulenrodaer Gruppe aus eigener Erfahrung.

Ein Mann im Gespräch.
Dieter Pruschik, Leiter der Selbsthilfegruppe Sucht in Zeulenroda-Triebes: "Meistens ist die Selbsthilfegruppe für die Leute, die herkommen, die Familie", berichtet er. Bildrechte: MDR/Beate Sieg

85 Prozent der Mitglieder, die regelmäßig an Treffen teilnehmen, werden nicht mehr rückfällig, so die Experten. Und die, die doch ihrer Sucht erneut verfallen, können sich dank der Gruppentreffen stabilisieren. "Wir befürchten, dass die Suchtselbsthilfe ausstirbt, weil es immer weniger Gruppen und immer weniger Personen gibt, die sich engagieren," sagt TLS-Leiter Sebastian Weiske.

Wir befürchten, dass die Suchtselbsthilfe ausstirbt, weil es immer weniger Gruppen und immer weniger Personen gibt, die sich engagieren.

Sebastian Weiske, Leiter der Thüringer Landestelle für Suchtfragen (TLS)

Schon deshalb will die Landesstelle wieder mehr junge Menschen auf die Gruppen aufmerksam machen, sei es direkt in den Kliniken oder auch über Social-Media-Känale im Internet. Noch seien die Hürden für rein digitale Treffen sehr hoch, doch man arbeite daran, die Angebote flexibler zu gestalten. Eben damit sich der sinkende Trend nicht weiter fortsetzt.

MDR (mm)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 05. Februar 2022 | 19:00 Uhr

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