Situation der Suchtkranken Spielsucht und Corona: Lockdown hat Vor- und Nachteile

Die Corona-Krise als Chance? Zumindest für einen Teil der rund 11.000 Spielsüchtigen in Thüringen könnte der Lockdown nach Angaben von Suchtberatern positive Folgen haben - wegen der geschlossenen Spielhallen. Denn viele der Betroffenen zocken vor allem an Glücksspiel-Automaten.

Symbole auf einem Spielautomaten
Zumindest für einen Teil der Spielsüchtigen in Thüringen könnte die Coronakrise auch Erleichterung bringen - wegen der geschlossenen Spielhallen. Bildrechte: dpa

Geschlossene Spielhallen in der Coronakrise könnten sich aus Sicht von Suchtberatern durchaus positiv auf spielsüchtige Menschen auswirken. "Die meisten Spieler an Geldspielautomaten nehmen die Schließung von Spielhallen als Befreiung wahr", sagte Claudia Frisch von der Thüringer Fachstelle Glücksspielsucht. Betroffene weichen zudem nach bisherigen Beobachtungen kaum auf Onlinespiele aus. Unklar sei allerdings, ob dieser Effekt auch nach dem Ende des Lockdowns anhalten werde, so Frisch. Dies könne noch nicht bewertet werden.

Tausende in Thüringen süchtig nach Glücksspiel

In Thüringen leben nach Schätzungen 11.000 Glücksspielsüchtige. Rund 83 Prozent der Hilfesuchenden in diesem Bereich wenden sich Frisch zufolge wegen des Spielens an Automaten an die Beratungsstellen. Während die jährliche Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bis 2017 lange Zeit einen fallenden Trend bei der Spielsucht verzeichnet habe, seien die Zahlen 2019 erstmals wieder leicht angestiegen. Das Einstiegsalter sank von durchschnittlich 30 auf 25 Jahre.

Zunahme der Fälle bei anderen Süchten befürchtet

Online-Casino auf Tablet
Online-Glücksspiel: Bei anderen Süchten könnte es Experten zufolge durch die Corona-Krise eine Zunahme der Fälle geben. Bildrechte: imago images / Panthermedia

Die Experten befürchten durch die Coronakrise und die Lockdowns hingegen deutliche Steigerungen bei anderen Süchten, die nicht - wie etwa bei Drogenabhängigkeit - an bestimmte Substanzen gekoppelt sind. Das betreffe auch Medien-, Handy- oder Kaufsucht, erklärte Sebastian Weiske, Koordinator bei der Landesstelle für Suchtfragen. Weil im Lockdown Alternativen fehlten, verlagerten sich derzeit viele Aktivitäten auf den virtuellen Raum. "Darunter sind sicher auch Fälle, die bedrohlich für die Entwicklung einer Sucht sind."

Bis die Folgen einer solchen Sucht sichtbar würden und die Betroffenen bereit seien, Hilfe bei einer Beratungsstelle zu suchen, könnten zwei bis drei Jahre vergehen. "Wir erwarten in den kommenden Jahren definitiv einen Anstieg bei den nicht stofflich gebundenen Süchten.", sagte Weiske. Besonders tückisch an diesen sei der fließende Übergang aus Alltagsgewohnheiten heraus.

Ob Handy, Medien, Sport oder Arbeit: Im Prinzip kann fast jede Verhaltensweise zu einer Sucht führen.

Sebastian Weiske, Koordinator bei der Landesstelle für Suchtfragen

Anzeichen für eine Sucht seien zum Beispiel das Verhalten der Betroffenen, die oft gereizt reagierten, wenn der Gegenstand ihrer Sucht nicht verfügbar sei. Auch die Vernachlässigung sozialer Kontakte, der Verlust des Arbeitsplatzes oder finanzielle Probleme könnten Zeichen sein.

Glücksspielsucht: Krankheitsbild und Folgen Glücksspielsucht ist ein eigenständiges Krankheitsbild. Neben psychologischen und sozialen Folgen wirkt sich diese Sucht laut Fachstelle Glücksspielsucht wirtschaftlich aus. So haben Glücksspieler in der Regel die höchste Verschuldung unter Suchtkranken. Im Schnitt beläuft sich diese in Thüringen auf etwa 47.000 Euro pro Betroffenem. Über 80 Prozent der hilfesuchenden pathologischen Glücksspieler in Thüringen sind männlich. Etwa 70 Prozent davon sind ledig, und in 60 Prozent der Fälle zwischen 20 und 39 Jahre alt.

Der Umsatz aller Glücksspiele in Deutschland betrug 2018 rund 46 Milliarden Euro, fast 30 Milliarden davon entfielen auf den Umsatz bei Spielautomaten. Das beliebteste Glücksspiel in Deutschland ist Lotto. Die Zahl der pathologischen Glücksspieler in Deutschland wird auf etwa 200.000 Personen geschätzt.

Klare Regeln und Strukturen auch im Lockdown

Doch es gebe auch Rezepte, um eine Suchtentwicklung zu verhindern. Weiske empfiehlt vor allem klare Regeln und Strukturen. "Auch während des Lockdowns sollte sich jeder seinen Tag strukturieren, wie gewohnt früh aufstehen und soziale Kontakte aufrecht erhalten - etwa über Videotelefonie." Kaufsüchtige könnten sich wöchentlich finanzielle Limits setzen, die nicht überschritten werden. Bei Handy- und Spielsucht könnten zeitliche Rahmen gesetzt werden.

Für die Therapie von Süchtigen allgemein bringe der Lockdown unterschiedlich harte Einschnitte, erklärt Weiske. "Prekär ist die Situation derzeit vor allem bei Selbsthilfegruppen." Die meisten Gruppen könnten sich derzeit überhaupt nicht treffen, es fehle vor allem an geeigneten Räumlichkeiten.

Die ambulanten Beratungsstellen seien mit dem zweiten Lockdown besser zurechtgekommen als im März, allerdings sei die Arbeitsbelastung deutlich höher als in normalen Zeiten. In der klinischen und Reha-Betreuung gebe es Aufnahmestopps oder Einschränkungen bei der Aufnahme, weil die Kliniken Corona-Betten vorhielten.

Quelle: MDR THÜRINGEN; dpa

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 30. Januar 2021 | 10:00 Uhr

6 Kommentare

MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT vor 14 Wochen

Bravo !

So erhalten Sie wenigstens ein paar Arbeitsplätze in den Brauereien !

Sie trinken doch hoffentlich nur einheimische Markenprodukte ?! ;-)

MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT vor 14 Wochen

" Spielsüchtig ! " - sind wir Theaterschaffende auf unseren Theaterbühnen auch !

Als Therapie und als Glücksfall würde ich die seit Monaten
bundesweit geschlossenen Theater-, Konzert- und Opern-
häuser dennoch nicht bewerten wollen - ganz im Gegenteil...

Na gut,
einigen unserer "moralischen Anstalten" bekommt diese Generalpause
vielleicht zur Hygiene ihrer Ensembles recht gut und das Phänomen der "Rampensäue" wird durch die Pandemie auch eingedämmt, jedoch . . .

Wie das mit allen Süchten ist: es braucht Faktoren, die die menschlichen Süchte fördern und Menschen, die sich diesen Faktoren hingeben, während andere Menschen eher kritisch von außen die Situation analysieren und für schlecht befinden !



Was sagt das alles aber über den Geisteszustand unserer Gesellschaft aus...?

Paula Musterfrau vor 14 Wochen

Zitat: *Geschlossene Spielhallen in der Coronakrise könnten sich aus Sicht von Suchtberatern durchaus positiv auf spielsüchtige Menschen auswirken. "Die meisten Spieler an Geldspielautomaten nehmen die Schließung von Spielhallen als Befreiung wahr", sagte Claudia Frisch von der Thüringer Fachstelle Glücksspielsucht.*
Diese Aussage von Frau Frisch verwirrt oder ist bewußt zweideutig gehalten. Selbstverständlich ist das Nichtaufsuchen einer, wie auch immer gearteten, Einrichtung für Glücksspiel gut für einen Menschen, der Probleme damit hat. Aber hier zu implementieren, dass alle Gäste von Spielhallen die coronabedingte Schließung derselbigen als "Befreiung" empfinden, halte ich für unseriös. Wie kann denn Frau Frisch überhaupt valide Zahlen zu diesem Thema in Zeiten der absoluten Kontaktbeschränkung ermitteln? Meiner Meinung nach werden hier bewußt Halbwahrheiten vermittelt.

Am besten wir verbieten Jetzt noch Alkohol und Tabak. Wo bleibt die Eigenverantwortung des mündigen Bürgers?

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