Stadtentwicklung 30 Jahre Städtebauförderung in Thüringen

Seit 30 Jahren teilen sich Bund, Freistaat und Kommunen auch in Thüringen die Kosten, wenn sie in Sanierungsgebieten bauen. Nach der Wende kam das vor allem den leerstehenden Plattenbauten zugute. Doch schon lange hilft das Instrument auch bei der Entwicklung von Brachflächen und Stadtzentren. Und die Erfahrungen zeigen: das Geld wird mehr denn je gebraucht.

Pößneck im Saale-Orla-Kreis. In der Neustädter Straße arbeiten die Zimmerer im Dachstuhl eines leerstehenden Hauses. Heute werden neue Dachfenster angeliefert, schon bald könnte hier ein neuer Eigentümer die Sanierung vollenden. Denn die Stadt ist nur Eigentümer auf Zeit. Ein neues Dach, neue Fenster, Zwischendecken und eine frische Fassade sollen Investoren anlocken. Denn anders als in den Großstädten wie Erfurt oder Jena finden sich für solche sanierungsbedürftigen Häuser auf dem Land nur schwer neue Eigentümer.

Ein eingerüstetes Haus in der Neustädter Straße in Pößneck
Sanierung eines Hauses in der Neustädter Straße in Pößneck Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Es gab Zeiten, da hatten wir nicht die Möglichkeit, private Investoren zu finden, weil einfach zu viele Bereiche in einem prekären Zustand waren. Dass die gesagt haben, hier kannst du nur Geld verlieren.

Frank Bachmann, Leiter Fachbereich Bau und Stadtentwicklung in Pößneck

Doch die Mittel in den Kommunen sind begrenzt, und gerade kleinere Städte und Gemeinden können nur wenige Projekte umsetzen. Deshalb unterstützen Bund und Freistaat die Städte und Gemeinden mit Fördermitteln. Frank Bachmann weiß: Geld gibt es nicht nur für die Sicherung von Häusern.

Wir können mit Hilfe der Städtebauförderung ganze Quartiere entwickeln. Dazu gehört dann natürlich auch die Infrastruktur. Außerdem haben wir zum Beispiel das Gymnasium sanieren können. Unser Schützenhaus hat Fördermittel erhalten. Und jetzt beginnen wir mit der Sanierung des Freibades. Auch mit Geld von der Städtebauförderung.

Frank Bachmann

Das "Schützenhaus" in Pößneck
Das Schützenhaus in Pößneck Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Die Kommunen müssen dabei lediglich einen Eigenanteil aufbringen. Dieser schwankt in der Regel je nach Programm zwischen 25 und 33 Prozent. Aber auch eine Förderung ohne Eigenbeteiligung der Kommune ist möglich. So wird zum Beispiel die Notsicherung von Häusern zu 100 Prozent übernommen. Dabei werden sowohl die Kommunen als auch private Eigentümer unterstützt.

Gründerzeithäuser in Gera gerettet

In Gera wurde seit 1991 von etwa 135 Millionen Euro Fördermitteln ungefähr ein Drittel an private Bauprojekte vergeben. Die fünf Sanierungsgebiete und drei Stadtumbaugebiete haben dort viel von den privaten Eigenmitteln profitiert. So konnten im Stadtteil Untermhaus nach der Wende viele der maroden Gründerzeithäuser gerettet werden.

Eckhaus in der Leipziger Straße in Gera
In der Leipziger Straße in Gera Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Die Geraer Stadtväter sehen die Städtebauförderung als Erfolgsgeschichte für die Stadt. Die Förderung vom Land hätte auch später viel privates Geld in die Sanierungsgebiete geholt. Der Anschub mit öffentlichen Mitteln sorgte für einen Schub bei den Sanierungen.

Für die Zukunft wünscht sich die Stadtverwaltung mehr mittel- und langfristige Planungen zwischen Freistaat und Kommunen, damit auch die Eigenmittel im städtischen Haushalt zur Verfügung stehen.

Das Gymnasium "Am weißen Turm" in Pößneck
Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

3,5 Mrd. Euro Fördermittel seit 1995

Seit 1991 wurden über 3,5 Milliarden Euro an Städtebaufördermitteln an die Kommunen überwiesen. Gut angelegtes Geld, um den Bevölkerungsschwund aufzuhalten und attraktive Wohnbedingungen vor allem im ländlichen Raum zu schaffen. Doch seit 1991 haben sich auch die Anforderungen geändert.

Deshalb hat die Landesregierung 2020 die Städtebauförderung auf drei Säulen gestellt:

  1. Programm "Lebendige Zentren"
  2. Programm "Sozialer Zusammenhalt"
  3. Programm "Wachstum und nachhaltige Entwicklung"

Denn die neuen Herausforderungen beim Klimaschutz, der Entwicklung in den Stadtzentren und der Mobilität fordern auch neue Ideen für die Förderinstrumente.

Wir leiden ja darunter, dass die kleinen Läden verschwinden. Kaufen aber alle im Internet ein. Und dem in der Stadtentwicklung Rechnung zu tragen, ist zum Beispiel das Megathema nach der Pandemie in der Städtebauentwicklung.

Benjamin-Immanuel Hoff, Minister für Infrastruktur und Landwirtschaft

Die Landesregierung sieht in Zukunft auch einen erhöhten Förderbedarf vor allem beim Stadtgrün und bei der Barrierefreiheit. Und auch der Bedarf an Fördermitteln für die Sanierung von Häusern dürfte vor allem im ländlichen Raum nicht sinken.

Pößneck wurde seit 1991 mit etwa 92 Millionen Euro an Fördermitteln aus der Städtebauförderung bedacht. Geld, das aufmerksame Besucher im Stadtbild sehen können. Doch immer noch warten neue Quartiere darauf, aus dem Dornröschenschlaf geweckt zu werden. Frank Bachmann und seinem Team dürften die Projekte also in den nächsten Jahren nicht ausgehen - das Geld hoffentlich auch nicht.

Die Seigsche Schönfärberei in Pößneck
Die Seigsche Schönfärberei in Pößneck Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 04. Juni 2021 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

DermbacherIn vor 7 Wochen

Schwierig wird es, wenn die Städtebauförderung nach dem Gießkannenprinzip verteilt wird, noch schwieriger wird es, wenn die Städtebauförderung bezüglich der Stadtentwicklung auf inkompetente Mitarbeiter in den Thüringer Stadt- und Kreisverwaltungen trifft.

Ritter Runkel vor 7 Wochen

Kitsch, Schmalz, Pathos sind die Zutaten der Träume von schöner Architektur sowohl von Hitler als auch Mussolini und Stalin. Der Rationalismus, Funktionalismus z. B. der Italiener und des deutschen Bauhauses sowie der sowjetischen Architekten war vorher schon stilbildend und modern bis futuristisch, später nannte man es international Style. Leider gibts zur Zeit einen schicken bis schicklichen Revanchismus am Bauhaus, der exemplarisch die Moderne der damaligen Zeit postmodern verwursten möchte und dem ganzen Laden erst eine Nähe, dann eine Affirmation zum Faschismus unterjubelt und am Ende meine Einschätzung dann wohl den Antisemitismus auspackt. Motto: KZs waren hochfunktional angelegt. Das Bauhaus als Brutstätte deutscher Vernichtungskunst.
Was das Ganze soll, ist mir eh schleierhaft. Und dass in Thüringen in neuerer Zeit bei Großprojekten architektonisch fast nur Mist hingestellt wurde, ist auch jedem klar, der noch ein wenig ästhetisches Verständnis mitbringt.

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