Energiewende Strom vom Acker: Studie sieht großes Potenzial in Thüringen

In Thüringen kann deutlich mehr Agri-Photovoltaik für die Stromerzeugung genutzt werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Photovoltaik-Unterstützervereins Solarinput. Umweltministerin Siegesmund (Grüne) kündigte eine Bundesratsinitiative an, die den Bau der Anlagen erleichtern soll.

Visualisierung einer Agri-Photovoltaik-Anlage
Mit so genannten Agri-Photovoltaik-Anlagen soll auf Äckern gleichzeitig Strom erzeugt und Landwirtschaft betrieben werden. Bildrechte: Solar Provider Group

Nach Ansicht von Experten können Thüringens Felder deutlich mehr für die Produktion von Solarstrom genutzt werden. Wie aus einer Studie des Vereins Solarinput hervorgeht, sinken zwar durch die Installation von Solarmodulen die Ernteerträge. Allerdings könne der wirtschaftliche Gewinn pro Fläche durch die doppelte Nutzung um mindestens 60 Prozent gesteigert werden.

Senkrechte Solarmodule
Zweifache "Ernte": Sonnenenergie und Weidegras. Bildrechte: Next2Sun

Agri-Photovoltaik soll Böden schützen

Die Solaranlagen könnten so über Feldern oder Obstbauflächen angebracht werden, dass Landwirtschaftsmaschinen weiterhin eingesetzt werden können, sagte Kerstin Wydra, die Vizevorsitzende des Vereins und Professorin an der Fachhochschule Erfurt ist. Eine andere Variante sei die Anordnung der Solaranlagen ähnlich wie Zäune auf den Agrarflächen. Um zumindest einen Teil des laut Studie nötigen Solarausbaus bis 2040 zu erreichen, würden 8.500 Hektar mit Solaranlagen bestückte Agrarfläche genügen. Laut Ministerium sind etwa 50 Prozent der Landesfläche im Freistaat Acker, hinzu kämen rund 10 Prozent Grünland.

Die beweglichen Anlagen hätten dabei auch positive Effekte für den Wasserhaushalt der Böden und könnten Ernten vor starkem Regen, Hagel oder zu starker Sonneneinstrahlung schützen, sagte Wydra.

Umweltministerin kündigt Bundesratsinitiative an

Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne), die die Studie in Auftrag gegeben hatte, sprach durch die sogenannte Agri-Photovoltaik von der Möglichkeit doppelter Ernten - von Sonnenenergie einerseits und Ackerfrüchten und Obst andererseits.

Die Ministerin verwies allerdings auf noch bestehende rechtliche Hürden bei der Genehmigung solcher Anlagen, von denen es nach Angaben von Fachleuten bundesweit erst etwa 20 gibt. Eine Hürde sei allerdings bereits genommen, weil der Bund eine Förderung sowohl des Ökostroms als auch der Ernten ermöglicht habe. Siegesmund plädierte dafür, auch in Thüringen erste Pilotprojekte zu starten und kündigte eine Bundesratsinitiative an, die den Bau der Anlagen erleichtern soll.

Schafe grasen zwischen Modulen eines Solarkraftwerks.
Schafe grasen zwischen Modulen eines Solarkraftwerks - ein Modell für Thüringen? Bildrechte: dpa

Bauernverband weiter skeptisch

Agri-Photovoltaik ist vor allem bei bisher Naturschützern umstritten - sie bezweifeln positive Effekte für die Artenvielfalt, von der die Studie ausgeht. Grund seien Schatten und rein rechtlich eine Versiegelung von Böden. Auch Thüringens Bauernverband äußerte sich skeptisch. Photovoltaikausbau ja, normale Freiflächenanlagen auf Ackerland nein, hieß es. Denkbar seien jedoch Varianten von Agri-Photovoltaik vor allem im Obst- und Gemüseanbau.


Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Fassung des Textes hatten wir geschrieben, dass die Studie von der FH Erfurt erstellt wurde. Dem ist jedoch nicht so, vielmehr hat der Verein Solarinput die Studie erstellt. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen und haben den Text entsprechend korrigiert.

Mehr zur Agri-Photovoltaik

MDR (hl,dst), dpa

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 20. Juli 2022 | 19:00 Uhr

25 Kommentare

martin vor 9 Wochen

Wenn Sie nicht zwischen 'Naturlandschaft' und 'Kulturlandschaft' unterscheiden können oder wollen, habe ich kein Problem damit. Aber wer seine Kinder ernst nimmt, sollte ihnen keinen Blödsinn erzählen. Und ja - auch in Kultur- und Industrielandschaften gibt es hübsche Anblicke.

LA Paul vor 9 Wochen

Agrar-PV ist meiner Meinung nach sehr sinnvoll, vor allem bewegliche Anlagen. Für die Energiewirtschaft sind solche dynamischen Komponenten unverzichtbar. Sie können bei Netzbedarf (bedeckter Himmel, Winter) für die Energieausbeute maximiert werden, bei Überangebot kann die Sonne den Kulturen zugute kommen. Bei extremer Hitze werden die Kulturen aktiv beschattet, Verdunstung reguliert. Zur Bearbeitung der Früchte werden die Panele in die ideale Position für den Maschieneneinsatz gestellt. Die PV-Flächen werden keine Ernterekorde in idealen Jahren bringen, aber gleichmäßigere Erträge über alle Jahre. Im Winterhalbjahr, wenn die Kulturen durch sind, sinkt die PV-Leistung auf den Dächern, dann werden die Agrar-Module für den Stromertrag maximiert. Bei Schnee können beidseitige aktive Agrar-Module weiter ernten, wenn Dach-Module aussteigen. Klar, der "Steuer-Strom" der Landwirte muss besser vergütet werden als ungeregelter. Die doppelte Ernte (PV+Agrar) im Sommer, die 3. (PV) im Winter.

GuterMensch vor 9 Wochen

@martin, na dann gehen Sie mal in nicht zugespargelte und nicht mit Solarmodulen zugepflasterte Natur die auch gern landwirtschaftlich betrieben wird.
Im Spätsommer ein goldgelbes Getreidefeld oder eine Weide mit Kühen, gern auch mal kleinen Kindern zeigen !
Ach so, stimmt ja Kühe sind auch wieder ganz schlecht fürs Klima, hatte ich fast vergessen !
Solarmodule auf der Weide sind da schon viel besser !

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