Energiemarkt Strompreise Thüringer Anbieter zwischen unschlagbar und unannehmbar

Reihenweise haben Billig-Stromanbieter in den letzten Monaten ihren Kunden die Verträge gekündigt. Die landeten in der Ersatzversorgung der Stadtwerke und der Teag. Viele waren überrascht, wie günstig dort plötzlich die Preise sind. Doch die Thüringer Versorger sind mit ihren neuen Kunden nicht immer glücklich. Viele wollen vor allem ihre treuen Stammkunden nicht verärgern.

  • Zahlreiche private Stromanbieter haben Pleite gemacht und können auch Thüringer Kunden daher nicht mehr beliefern.
  • Die fallen automatisch in die Grundversorgung der Regionalversorger. Und deren Preise sind erstaunlich günstig.
  • Doch weil nun mehr Kunden beliefert werden müssen, wird der Strom teurer. Neukunden werden nicht mehr angenommen.

"Stromanbieter wechseln und sparen!", "Klicken Sie hier!", "Zum neuen Anbieter in nur fünf Minuten!" - So hat sie bisher funktioniert: die Welt der cleveren Strompreis-Füchse. Auf den Seiten von kostenlosen E-Mail-Portalen, Zeitschriftenverlagen oder in den sozialen Medien - Links zu den Billigangeboten waren allgegenwärtig.

Die Angebote: zuverlässig preiswert. Auch für alle Thüringer, die beim Strom noch den letzten möglichen Cent sparen wollten, hieß die Devise: Tarife im Auge behalten, mit häufigen Wechseln viele Boni einsammeln, und bloß weg bleiben von den teuren Stadtwerken und Regionalversorgern. Deren Preise wurden auf den Vergleichsportalen meist als Messlatte und Abschreckung eingeblendet. Wer noch teurer war als die Grundversorgung vor der Haustür, den konnte man gleich ignorieren.

Kunden ohne Vertrag werden sicher aufgefangen

Diese Welt steht inzwischen Kopf. Jene Kunden, die die Regionalen gern versorgt hätten, die aber zu Günstig-Anbietern wie Yello-Strom und Co. wechselten, fallen jetzt den Regionalversorgern in den Schoß. Mit ersten schmerzlichen Preissteigerungen auf dem Strommarkt gingen im Sommer 2021 auch weitere Billig-Anbieter in Insolvenz. Immer mehr Haushalte saßen ohne Verträge da.

Allein in den letzten sechs Monate haben 40 bundesweite Stromanbieter ihre Kunden nicht mehr beliefert. Und so lernen auch in Thüringen jetzt Tausende Haushalte, die dort unter Vertrag waren, was es mit der Sicherheit einer Ersatzversorgung auf sich hat. Wie vom Gesetzgeber geregelt, werden sie nun vom örtlichen Grundversorger mit Strom beliefert, ohne dass sie einen Finger rühren müssen. Und das Kuriose: manchmal zu unschlagbar günstigen Preisen.

Der Hauptsitz der Thüringer Energie AG.
Regionale Energieanbieter wie die Thüringer Energie AG müssen Stromkunden ohne Vertrag nun auffangen. Bildrechte: dpa

Grundversorgung in Erfurt konkurrenzlos günstig

Wem das in Erfurt passiert ist, der bewegt sich am besten gar nicht. Die SWE Energie bietet die Kilowattstunde Strom in der Grund- und Ersatzversorgung immer noch für 29,57 Cent an. Sie suchen einen Lieferanten, der billiger ist? Googeln Sie sich ruhig die Finger wund!

Der nächste Anbieter, den die gängigen Vergleichsportale auf der Liste haben, kostet einen Zwei-Personen-Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 2.500 Kilowattstunden 25 Euro mehr pro Monat als die Stadtwerke. 3.000 Kunden sind in den vergangenen sechs Monaten auf diese Art zu einem Stromtarif gekommen, der so auf dem Markt nicht mehr angeboten wird.

Als Geschäftsführer der SWE Energie weiß Karel Schweng im Moment nicht so genau, ob er sich darüber freuen soll oder nicht. Denn zu Zeiten, als er diese Haushalte gern aufgenommen hätte, wollten die ja partout nicht. Weil sie die Risiken und Verpflichtungen, die die Stadtwerke tragen müssen, nicht mitfinanzieren wollten. Das ist und bleibt deren gutes Recht. Jetzt stehen sie ohne Vertrag da und Schweng muss sie aufnehmen. Und gerade jetzt kommen sie ungelegen. Eigentlich.

Preiswerter Strom reicht nicht für alle Interessenten

Schweng führt ein kommunales Unternehmen, das mehr Verpflichtungen hat als Rendite-Erwartungen von Aktionären zu bedienen. Energie-Stadtwerke müssen die Grundversorgung absichern - egal was kommt. Und Energie-Stadtwerke müssen Schwimmbäder, Busse, Straßenbahnen und Freizeiteinrichtungen mitfinanzieren. Dafür füllen sie die Kassen von Kommunen zuverlässig mit Gewinnen. Und haben deshalb ein scharfes Auge auf die Risiken an den Energiemärkten.

Wie Karel Schweng kauft auch Tino Schäfer als Geschäftsführer der Stadtwerke Suhl/Zella-Mehlis den Strom für seine Kunden weit im Voraus ein. "Wir haben sehr früh unsere gesamte Strommenge für 2022 eingekauft. Schon vor dem Frühsommer, bevor die Preise richtig nach oben gingen. Aber eben nur eine begrenzte Menge für eine begrenzte Kundenzahl."

Je später und vor allem kurzfristiger ein Lieferant eingekauft hat, umso heftiger trifft ihn jetzt der Höhenflug bei den Preisen. Schäfer hat zwischen 400 und 500 neue Kunden aus den Insolvenzen. Die kann sein Portfolio verkraften. Noch.

Stromleitung, Hochspannungsleitung
Energieanbieter müssen Strom nachkaufen, um alle Kunden beliefern zu können. (Symbolbild) Bildrechte: imago/Frank Sorge

Unternehmen beschränken Zugang für Neukunden

Wer jetzt noch schnell wechseln will - zu den Stadtwerken Erfurt oder Suhl/Zella-Mehlis - kommt zu spät. In Erfurt werden momentan nur noch Kunden aufgenommen, die automatisch in der Ersatzversorgung landen und nicht abgelehnt werden dürfen. Andere Neuverträge sind im Moment nicht im Angebot.

Im März wolle man die Preise in der Ersatzversorgung anheben, eventuell ab April auch wieder Verträge für Neukunden anbieten, erläutert Schweng im Interview mit MDR THÜRINGEN. Momentan sei es aber so gut wie unmöglich, Preise im Voraus zu kalkulieren. Preisschwankungen von 100 Prozent von einem Tag auf den anderen seien keine Seltenheit, die Preisspitzen exorbitant.

Auch die Stadtwerke Suhl/Zella-Mehlis haben den Zugang beschränkt. Neukunde kann nur noch werden, wer über die Ersatzversorgung ins Netz kommt oder im Versorgungsgebiet wohnt.

Grund- und Ersatzversorgung für Haushalte

Wer in einer Region der Grundversorger ist, regelt das Energiewirtschaftsgesetz EnWG in §36. Dabei handelt es sich um den Versorger, der "in einem Netzgebiet der allgemeinen Versorgung die Mehrzahl der Haushaltskunden versorgt". Als Grundversorger sind Unternehmen verpflichtet, alle Kunden mit Strom zu beliefern, die dafür keinen anderen Vertrag abgeschlossen haben. Die Rahmenbedingungen, die für die Grundversorgung gelten, können Energieversorger nicht selbst festlegen, sondern sie sind zum großen Teil gesetzlich geregelt. Dazu gehört, dass alle Verbraucher, die von einem anderen Lieferanten gekündigt werden oder selbst kündigen oder aus anderen Gründen ihren Lieferanten verlieren, automatisch in die Ersatzversorgung aufgenommen werden.

Die Ersatzversorgung kommt zustande, sobald der Verbraucher an seinem Anschluss Strom verbraucht. Wer länger als drei Monate in der Ersatzversorgung war, wechselt automatisch in die Grundversorgung. Die Preise für die Grund- und Ersatzversorgung kalkulieren die Unternehmen selbst. Sie müssen sie als allgemeine Preise veröffentlichen. Für die Ersatzversorgung von Haushaltskunden dürfen die Preise nicht über denen der Grundversorgung liegen.

Normalerweise sind sie bei den Unternehmen identisch, einige Unternehmen sind aber in den letzten Monaten davon abgewichen. Der Gesetzgeber hat wichtige Fristen festgelegt: Eine Ersatzversorgung kann der Verbraucher täglich beenden, sobald er einen anderen Vertrag abschließt. Für die Grundversorgung gelten zwei Wochen Kündigungsfrist. Preisänderungen müssen sechs Wochen im Voraus angekündigt werden, bevor sie wirksam werden können.

Thüringer Anbieter schützen langjährige Bestandskunden

Als Chef der SWE Energie tut sich Karel Schweng schwer mit Entscheidungen, die andere Thüringer Versorger schon getroffen haben. 18 der insgesamt 30 Grundversorger im Freistaat haben zwischen dem 15. und dem 30. Dezember 2021 Preise für die Ersatzversorgung in Kraft gesetzt, die ausschließlich für neue Kunden gelten. Zwischen 47,53 Cent (Stadtwerke Ilmenau) und 86,57 Cent (Stadtwerke Gotha) kostet hier nun eine Kilowattstunde für alle, die man nicht ablehnen darf.

Der Grund dafür scheint einzuleuchten: Kommen zu viele neue Kunden hinzu, muss kurzfristig Strom an der Börse nachgekauft werden. Zum Vielfachen dessen, was für langfristig gebuchte Mengen fällig wird. Diese Kosten wollen viele Versorger nicht an ihre langjährigen, treuen Bestandskunden weitergeben. Vielfach wurden auch bei denen die Tarife angehoben. Doch die Preisdifferenzen sind zum Teil atemberaubend: Bei der Energie- und Wasserversorgung Altenburg zahlen Bestandskunden in der Grund- und Ersatzversorgung 27,97 Cent pro Kilowattsunde. Neukunden dagegen müssen 46,41 Cent drauflegen und landen bei 74,38 Cent pro Kilowattstunde.

Der Stecker einer Mehrfachsteckleiste liegt auf Euro-Geldscheinen und Münzen
Neukunden müssen bei Stromanbietern deutlich mehr zahlen als Bestandskunden. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Ex-Kunden der Billig-Anbieter sind nicht willkommen

Natürlich sagt niemand, dass mit solchen Preisen Kunden vergrault werden sollen. Der Effekt wird ganz von selbst eintreten. In Gotha muss man sich nach einem besseren Anbieter nicht die Finger wund tippen: Ein bekanntes Vergleichsportal errechnet trotz der allgegenwärtigen Preissteigerungen auf Anhieb 28 preiswertere Alternativ-Tarife bei bundesweiten Anbietern für einen Zwei-Personen-Haushalt mit 2.500 Kilowattstunden Jahresverbrauch. Die gleiche Zahl erscheint unter der Postleitzahl von Altenburg. Die unausgesprochene Botschaft der Regionalen an die Ex-Kunden der Billiganbieter könnte nicht eindeutiger sein: Da habt ihr einfach Pech gehabt!


Nachtrag der Redaktion: Nach Veröffentlichung dieses Beitrags haben die Stadtwerke Gotha angekündigt, ihren Ersatzversorgungstarif von aktuell 86,57 Cent pro Kilowattstunde Ende Januar zu senken.  

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 11. Januar 2022 | 10:00 Uhr

175 Kommentare

hansfriederleistner vor 18 Wochen

Wer bezahlt denn in Deutschland den Strom? Und wer subventioniert die Windräder? Auch in Frankreich zahlt der Verbraucher den von ihm verbrauchten Strom.

Freies Moria vor 18 Wochen

@AlexLeipzig: Deutschland hat allein für 200 Jahre Steinkohle. Wurde schon unter Dr. Kohl begraben. Und jetzt eben noch die Braunkohle dazu, noch mal zig Jahre. Chemisch gesehen, ist das dem Öl gar nicht so unähnlich, könnte man mit entsprechender Forschung richtig was draus machen. Aber wir lassen ja lieber die Chinesen unsere Solartechnik kopieren und gehen dran pleite.

Freies Moria vor 18 Wochen

@max mueller:
Die neue Regierung hat die Atomkraftwerke nicht weiterlaufen lassen. Oder gar neue in Auftrag gegeben, wie es Frankreich und Polen machen.
Und die alte Regierung hat Erneuerbare nicht massiv behindert sondern im Gegenteil ganz massiv subventioniert - das ist ein ziemlich großer Teil des aktuellen Strompreises!

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