Campus Allein vorm Laptop: Studieren an Thüringer Hochschulen in Corona-Zeiten

Im April hat an den Thüringer Hochschulen das Sommersemester begonnen. Es ist das nunmehr dritte Semester unter Corona-Bedingungen. MDR THÜRINGEN hat nachgeforscht, wie es den Studierenden damit geht. Ein Besuch auf dem Campus der Universität Erfurt.

Bibliothek der Uni Erfurt
Der Campus der Universität Erfurt ist leerer als vor der Pandemie. Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Das Studium, heißt es oft, sei die beste Zeit im Leben. Nicht nur, weil man sich Wissen aneignet, sondern auch, weil man in diesen Jahren Freundschaften für‘s Leben knüpft. Weil man Netzwerke aufbaut, im Kleinen ausprobiert, was man später im Großen machen will und dabei persönlich reift. Doch gerade das ist zurzeit nur sehr eingeschränkt möglich. Das dritte Semester unter Corona-Bedingungen hat begonnen. Es ist - wie die beiden zuvor - ein virtuelles.

Keine Partys, keine Kneipenbesuche

"Alle Präsenzveranstaltungen sind ausgesetzt", heißt es auf der Website der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Gleiches gilt an den Hochschulen in Erfurt, Weimar, Ilmenau, Schmalkalden und Nordhausen. Der Alltag des Großteils der rund 75.000 Studierenden in Thüringen sieht so aus: Allein vorm Laptop sitzen und lernen. Keine Treffen mit anderen Studierenden, keine Partys, keine abendlichen Kneipenbesuche, keine Kulturveranstaltungen. Aber auch keine Lerngruppen, keine Vorträge, keine Podiumsdiskussionen und so gut wie keine Praktika.

Soziale Kontakte fehlen

"Man trifft sich im virtuellen Raum", sagt Martina Abbas aus Ostfriesland, die an der Universität Erfurt Kinder- und Jugendmedien studiert. "Ich habe meine Kommilitonen gefühlt ein Jahr nicht gesehen. Es gibt wenig Austausch untereinander." Die sozialen Kontakte fehlten ihr am meisten. Immerhin: Die Bibliothek - sie bietet 200 Einzelarbeitsplätze - ist geöffnet und gut besucht. "Da kommt man schon mal ins Gespräch oder macht mal eine Pause zusammen." Martina Abbas ist froh um diese Möglichkeit. "Die Bibliothek ist mein Arbeitsort. Dann freut man sich auch, wenn man nach Hause kommt."

Studentin vor der Bibliothek der Uni Erfurt
Martina Abbas studiert an der Universität Erfurt Kinder- und Jugendmedien. Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Auch die Mensa auf dem Campus ist geöffnet. Studenten und Studentinnen sitzen in der Frühlingssonne und essen Mittag, wenn auch nicht so viele wie vor der Pandemie. Die Stimmung ist entspannt. Was möglicherweise auch daran liegt, dass in Thüringen vor Kurzem beschlossen wurde, die Regelstudienzeit aufgrund der Einschränkungen während der Corona-Pandemie um zwei Semester zu verlängern. "Das hat viel Druck genommen", sagt Lena, die hier Primäre und Elementare Bildung und Romanistik studiert.

Pandemie beschleunigt die Digitalisierung

Das Studieren unter Corona-Bedingungen musste sich erst finden, da wurde - wie auch beim Homeschooling und Homeoffice - viel ausprobiert. An der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, mit rund 18.000 Studierenden die größte Hochschule im Freistaat, wurden "umfangreiche Digitalisierungsmaßnahmen ergriffen", wie Sebastian Hollstein von der dortigen Pressestelle mitteilt.  

Virtuelle Vorlesungen haben auch ihr Gutes

Aber auch der Umgang mit den neuen Studienformen musste erst erprobt werden. "Im ersten Corona-Semester gab es sehr viele Aufgaben von den Dozenten, weil alle dachten, wir hätten so viel Zeit", erzählt Lena. "Und am Anfang war bei den Studenten die Hürde sehr hoch, online überhaupt etwas zu sagen."

Mittlerweile sei das kein Problem mehr. "Alle geben ihr Bestes. Die Dozenten sind sehr kulant", sagt die 23-Jährige. Und virtuelle Vorlesungen hätten auch ihr Gutes. Lenas Freundin Jade studiert Internationale Beziehungen und Romanistik und findet Online-Veranstaltungen "einfacher und geordneter. Man muss nicht von Ort zu Ort. Ich kann mich besser konzentrieren, wenn nicht so viele Leute um mich herum sind."

Zwei Studentinnen an einem Tisch
"Was am allermeisten fehlt, ist das Campusleben". Die Studentinnen Lena und Jade vor der Mensa der Universität Erfurt. Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Dass neue Lernformate auch positive Seiten haben, stellte eine Umfrage unter Studierenden und Lehrenden der Universität Jena fest. Dazu zähle etwa die zeitliche und räumliche Flexibilität.

Aber: Es sei nicht Dasselbe. "Was mir am allermeisten fehlt, ist das Campusleben", sagt Lena. Jade vermisst Kulturveranstaltungen, Ausstellungen und Vorträge. "Die meisten Leute waren noch nicht mal im Bauhausmuseum." Sie kenne viele Kommilitonen, die mit dieser Art des Studierens nicht klargekommen seien, keinen Anschluss gefunden und immer weniger Kurse gewählt hätten. Einige hätten ganz aufgegeben und das Studium abgebrochen.

Einsamkeit, Depressionen, Ängste

Wie stark sich das Studentenleben gewandelt hat, veranschaulicht Tim Große, Student in Jena und Redakteur bei der Studierendenzeitung "Akrützel": "Wenn man die Mensa betritt, ist das ein bisschen wie eine Parallelwelt. Sonst arbeitet man immer allein, und plötzlich sitzt man mit 80 anderen in einem Raum". Er erzählt, dass es einen erhöhten Bedarf bei der psychosozialen Beratung für Studierende in Jena gebe. Die Gründe: Einsamkeit, Depressionen, Ängste. Verständlich, ist man doch als Student oftmals das erste Mal weg von zu Hause, das erste Mal wirklich auf sich allein gestellt. Fehlt die Gemeinschaft, die gerade dann so wichtig ist, kann das eine Krise auslösen.

Krise verändert den Alltag der Studierenden

Das Wegfallen fester Strukturen im Studienalltag, das Herunterfahren des öffentlichen Lebens, die Unsicherheit, die Zwangsentschleunigung - die Auswirkungen dessen hat auch Manuel Urschel zu spüren bekommen. Er ist kurz davor, sein Masterstudium in "Global Communication: Politics and Society" an der Universität Erfurt abzuschließen. "In der ersten Corona-Phase hatte ich bestimmt drei Monate, in denen ich gar nichts gemacht habe, weil ich mit mir beschäftigt war. Man wird aus seinem Alltag, aus seiner Routine herausgerissen." Inzwischen gehe es ihm wieder gut. Er sagt sogar: "Ich bin dankbar für diese Zeit. Ich versuche jetzt, meine Zufriedenheit weitgehend ohne äußere Umstände zu finden."

Student vor der Biblitohek der Uni Erfurt
Manuel Urschel, der in Erfurt studiert, sieht das Gute an der Zwangsentschleunigung. Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Auch Lena, Jade und Martina Abbas haben ihren Frieden mit den Umständen gefunden. Martina Abbas, die zurzeit ihre Masterarbeit schreibt, sagt: "Eigentlich ist jetzt der beste Zeitpunkt dafür, weil ich nichts verpasse". Und Lena meint lächelnd: "Wir sind schon das glückliche Beispiel von Studentinnen in Corona-Zeiten."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | THÜRINGEN JOURNAL | 01. Mai 2021 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

sporthenne vor 21 Wochen

Wenn Abschlussklassen unterrichtet werden, dürfte es doch für Unis relativ leicht sein, Studierende in die Präsenz zu bringen. Man hat es doch mit älteren, intelligenten Menschen zu tun, die willens sind, sich an Vorgaben zu halten.
Oder hat man sich seitens des Lehrkörpers schon an die Vorzüge des Online-Unterrichtes gewöhnt?

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28.09.2021 | 19:32 Uhr

Di 28.09.2021 19:23Uhr 01:11 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/mitte-thueringen/erfurt/video-rohre-unterirdischer-kanal-clara-zetkin-strasse-100.html

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