Exzessiver Medienkonsum Instagram, TikTok, Online-Spiele und Co: Wenn Medien zur Sucht werden

Juliane Maier-Lorenz
Bildrechte: MDR/privat

Sie heißen Minecraft, League of Legends oder Instagram, TikTok und Snapchat: PC-Spiele und soziale Medien können Kinder und Jugendliche süchtig machen. Schon jetzt bemerken die Thüringer Beratungsstellen, dass immer mehr von ihnen Hilfe brauchen.

Kinder spielen auf ihren Ipads das Open-World-Computerspiel Minecraft.
Gerade während der Corona-Pandemie haben viele Kinder und Jugendliche ihre Zeit online verbracht. Bildrechte: dpa

In Thüringen sind viele Kinder und Jugendliche zunehmend abhängig von Internet, PC, Spiele-Konsolen und Fernsehen. Laut der Drogenaffinitätsstudie von 2020 zeigen rund neun Prozent der 12- bis 19-Jährigen zumindest episodenhaft einen exzessiven Onlinegebrauch bis hin zu süchtigen Mediennutzungsverhalten. 2020 haben sich 47 Kinder und Jugendliche deshalb Hilfe in den Beratungsstellen im Freistaat gesucht.

Teaserbild zur Podiumsdiskussion zu "PLAY" - Video 77 min
Bildrechte: MEDIEN360G

Die Dunkelziffer, so schätzt Sebastian Weiske, Leiter der Thüringer Landesstelle für Suchtfragen (TLS), ist deutlich höher. "Außerdem waren 2020 viele Beratungsstellen wegen der Pandemie geschlossen, das macht sich in den Zahlen bemerkbar. Wir rechnen aber 2021 mit viel mehr Kindern und Jugendlichen, die deshalb in die Beratung kommen", sagt Weiske. Noch sind aktuelle Zahlen dazu nicht veröffentlicht.

Anzeichen für zu viel Medienkonsum

Diesen Eindruck bestätigt auch Judith Vockrodt-Reich, Suchttherapeutin im Jugendprojekt Boje in Mühlhausen. Allein in den vergangenen zwei Jahren haben sich zehn Familien mit dem Problem der exzessiven Mediennutzung an sie gewandt. In diesem Jahr sind es schon drei Jugendliche, die die Therapeutin aktuell betreut. "Bei vielen fällt es wirklich das erste Mal so richtig auf, wenn sich das schulische Verhalten ändert, keine oder nur wenige Hausaufgaben gemacht werden, Fehltage hinzukommen", nennt Vockrodt-Reich erste Anzeichen einer Sucht.

Suchtberaterin Judith Vockrodt-Reich sitzt hinter einem Schreibtisch.
Suchtberaterin Judith Vockrodt-Reich erreichen immer mehr Anfragen. Bildrechte: MDR/ Judith Vockrodt-Reich

Auch wenn die Kinder und Jugendliche gar nicht mehr oder zu viel Junk-Food essen, keine Freunde mehr treffen und keinen Hobbies nachgehen, stattdessen nur im Netz surfen oder spielen, dann sollten Eltern aktiv werden. Körperhygiene und die Gesundheit wird stellenweise ebenso vernachlässigt, wenn zu viel gezockt oder am Handy gehangen wird.

Handys und Co sind Teil der Gesellschaft

Die Ursachen dafür, von Medien, Handys und Co abhängig zu werden, sind vielfältig. "Alle Generationen, die ab Mitte der 90’er Jahre geboren worden sind, sind mit Internet und zahlreichen Medien aufgewachsen. Die kennen es gar nicht anders. Das Handy komplett einzuschränken, das geht heutzutage gar nicht mehr", sagt der TLS-Leiter Sebastian Weiske. Das bestätigt auch Judith Vockrodt-Reich: "Die ausgiebige Mediennutzung hat sich in die Gesellschaft verlagert. Schauen Sie sich doch einmal im Warteraum einer Arztpraxis um, 95 Prozent der Wartenden sitzt mit dem Handy da."

Sebastian Weiske, Leiter der Thüringer Landesstelle für Suchtfragen e.V.
Sebastian Weiske ist Leiter der Thüringer Landesstelle für Suchtfragen e.V.. Bildrechte: MDR/Beate Sieg

Auch die Corona-Pandemie habe dazu beigetragen, dass Kinder und Jugendliche mehr hinter Tablet und PC hängen. Home-Schooling, fehlende soziale Kontakte während der Lockdowns, keine bis extrem eingeschränkte Möglichkeiten seinen Hobbies nachzugehen - vieles sei nur online möglich gewesen. Die Pandemie sei Schuld daran, dass Kinder und Jugendliche viel mehr Ängste entwickelt und Depressionen entwickelt hätten. Beides ist häufig der Auslöser dafür, nicht mehr von der Online-Welt loszukommen. "Wir gehen davon aus, dass sich deshalb die Fälle zukünftig weiter häufen werden", sind sich die Sucht-Experten einig.

Eltern spielen eine zentrale Rolle

2020 sank zudem das Alter, in dem der Medienkonsum erstmals bewusst für problematisch gehalten wird, auf etwa 13,8 Jahre. 2019 lag dieses noch bei 17,9 Jahren, 2018 bei 15,7 Jahren. Diejenigen, die sich Hilfe in Beratungsstellen suchen, sind laut der TLS überwiegend männlich, die Hälfte bricht die Betreuung durch Therapeuten vorzeitig ab.

Eltern sollten als Vorbilder fungieren.

Suchttherapeutin Judith Vockrodt-Reich

Eltern würden eine zentrale Rolle bei der Bewältigung dieser Sucht ihrer Kinder und Jugendlichen spielen. "Sie sollten mit den Kindern im Gespräch bleiben, sich darüber unterhalten, was für ein Spiel gespielt wird und auch klare Familienregeln aufstellen, die von allen befolgt werden. Etwa, wenn es heißt, keine Handys am Essenstisch, dann darf eben auch der Vater nicht mal einfach seine Whats-App-Nachrichten lesen. Das funktioniert sonst nicht. Eltern sind hier ganz besondere Vorbilder", ist sich die Suchttherapeutin sicher. Alles sollten die Eltern nicht verbieten, sondern auf einen gesunden Umgang mit Medien Wert legen und auch darauf achten, dass weiter reale Freunde getroffen werden.

Stilisierte Person beißt an Schokoladentafel ab, dazu der Schriftzug: So halten uns Glückshormone online. 1 min
Bildrechte: MDR MEDIEN360G
1 min

Wer hat sie nicht gerne - Glücksgefühle? Doch was hat das mit Smartphones, Apps und sozialen Medien zu tun?

MEDIEN360G Mi 01.09.2021 12:00Uhr 00:58 min

Rechte: MEDIEN360G | MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Mediensucht ist Teil der Prävention

Die Beratungsstellen planen auch in der Prävention ihr Konzept an das veränderte Medienverhalten von Kindern anzupassen. "Schon im Kindergarten sollte der Umgang mit Medien gelernt und Sozialkompetenzen dahingehend geschult werden", sagt TLS-Leiter Sebastian Weiske. Zugleich forderte er den Gesetzgeber auf, verstärkt Kinder und Jugendliche zu schützen. So könnten etwa Spiele, die Glückspielelemente enthalten, stärker gekennzeichnet und auch beschränkt werden. Auch sollte der Alterszugang für bestimmte Spiele strenger kontrolliert werden.

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 03. April 2022 | 18:00 Uhr

3 Kommentare

lulu2020 vor 7 Wochen

Kritische
Das ist leider wahr, Man beobachtet nur noch Leute mit Blick aufs Handy ohne die Umgebung wahr zu nehmen.
Im Artikel steht, Eltern sollen darauf achtenm dass Kinder REALE Freunde haben, wenn die Kids zusammen sind, beschäftigt sich aber jeder nur mit seinem Handy als miteinander.

Leider ist das Medienangebot heutzutage sehr fragwürdig. Zeichentrickfiguren werden nur noch hektisch und mit schrillen Stimmen dargestellt. Von Hänsel und Gretel gibt es mittlerweile 3 Horrorfilmversionen und fragt man nach Rotkäppchen denken die meisten zuerst an den Sekt. 😜

Bria21 vor 7 Wochen

Auch wenn Videospiele oder Filme eine Alterskennzeichnung haben, gibt es Möglichkeiten durch ältere Geschwister oder Freunde ran zu kommen. Eine Freundin arbeitet im Kino, wo die Altersfreigaben der Filme gesetzlich bindend sind,weswegen die Mitarbeiter sehr oft von den Eltern beschimpft und beleidigt werden, die der Meinung sind, sie können entscheiden ob ihr Kind einen blutigen Horror oder Actionfilm sehen darf.
Wir leben in einem Zeitalter wo selbst die Kleinsten ein eigenes Handy oder Computer haben. Viele berufstätige Eltern haben weder die Zeit oder Lust, sich kreativ mit ihren Kindern zu beschäftigen oder zu kontrollieren, was dieses sich in den Medien ansehen.
Was ist aus den Märchen und Trickfilmen meiner Kindheit geworden? Die heutigen Fernsehsendungen, selbst die am Nachmittag laufen, werden immer hektischer und brutaler, wo Figuren, die um sich schießen als Superhelden gelten. Also wo fängt die Verantwortung an ?

Kritische vor 7 Wochen

Eltern sind eben häufig keine positiven Vorbilder. Das geht mit dem Kinderwagen schieben los, da wird nicht mehr wie früher mit dem Kind geredet und eine Beziehung aufgebaut, sondern die ganze Zeit mit dem Smartphone rumgemacht. Später am Spielplatz ebenso, an der Haltestelle beim Warten und im Arztwartezimmer ebenfalls. Wir haben noch vorgelesen, erzählt, die Umgebung beobachtet und kleine Entdeckungen am Wegesrand gemacht. Den Hund, die Katze, die Blümchen....Wenn das schon im Kleinkindalter nicht mehr stattfindet, muss man sich nicht wundern. Homeschooling war für Kinder, deren Eltern nicht ebenfalls im Homeoffice waren, eine absolute Katastrophe. Da wurde die Mediensucht sozusagen von staatlicher Seite gefordert und generiert. Da mussten Grundschüler plötzlich mehrere Stunden am Tag Computer und Handy nutzen. Hinterher war es plötzlich wieder ganz böse. Eltern werden mit den Folgen allein gelassen.

Mehr aus Thüringen