Alkohol | Drogen | Medikamente Suchthilfe in Thüringen berät in Corona-Krise weiterhin persönlich

Thüringen verfügt über ein flächendeckendes Netz von Suchtberatungsstellen - doch deren Koordinator kritisiert eine "chronische Unterfinanzierung". Mit einem Aktionstag wollen die Beratungsstellen an diesem Mittwoch auf die prekäre Lage aufmerksam machen.

Silouette eines Mannes mit Weinflasche.
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Anders als im ersten Corona-Lockdown im Frühjahr bieten die Suchtberatungsstellen in Thüringen weiterhin persönliche Gespräche an. Das sagte Sebastian Weiske, Koordinator der Landesstelle für Suchtfragen, MDR THÜRINGEN. Es gebe aber keine Gruppengespräche.

Nach wie vor groß seien Angebot und Nachfrage bei der telefonischen Beratung. Die Berater seien bemüht, die persönlichen Kontakte so gering wie möglich zu halten und gleichzeitig bestmögliche ambulante Hilfe anzubieten, sagte Weiske. Angesichts der Herausforderungen in der Pandemie verweist er auf eine chronische Unterfinanzierung der Suchthilfe.

Aktionstag zur Suchtberatung am 4. November

Mit einem bundesweiten Aktionstag wollen die Beratungsstellen an diesem Mittwoch auf die prekäre Lage aufmerksam machen. Die Einrichtungen sind in kommunaler Hand und werden unterschiedlich finanziert. Meist ist das Gesundheitsamt der wichtigste Geldgeber, auch die Jobcenter beteiligen sich. Die Einrichtungen müssen zudem einen Eigenanteil aufbringen. Der beträgt laut Weiske im Einzelfall bis zu 40 Prozent. Der Koordinator fordert deshalb die Kommunen auf, sich bei der Finanzierung an den Fallzahlen und an den Aufgaben der jeweiligen Einrichtungen zu orientieren. Nur mit einer zuverlässigen Regelfinanzierung könne Betroffenen und Angehörigen wirklich geholfen werden.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig (CSU), findet noch deutlichere Worte. Viele Beratungsstellen stünden angesichts klammer Kassen mit dem Rücken zur Wand; die Pandemie habe die Situation weiter verschärft. Wenn die Hilfsangebote wegfielen, seien viele Suchtkranke und ihre Familien auf sich allein gestellt, warnt Ludwig.

Auswirkungen der Corona-Pandemie

Ob und wie stark sich die Zahl der Betroffenen seit Beginn der Corona-Krise verändert hat, lässt sich laut Landesstelle bisher noch nicht beziffern. Belastbare Aussagen dazu seien erst im kommenden Jahr möglich. Es zeichne sich aber ein Anstieg im Vergleich zum Vorjahr ab, so Weiske. Demnach meldet etwa die Beratungsstelle in Eisenberg schon jetzt so hohe Fallzahlen wie im gesamten vergangenen Jahr. Die Pandemie wirke sich auf die psychische Stabilität der Menschen und auf ihr Konsumverhalten aus, so die Experten. Die Menschen seien angespannt; diese Anspannung nehme in Krisenzeiten weiter zu, und das könne gerade bei Suchtgefährdeten große Probleme bringen. Deshalb seien zuverlässige, niedrigschwellige Hilfsangebote in den Städten und Gemeinden gerade jetzt sehr wichtig.

Alkohol ist Hauptthema der Suchtberatung

Hauptthema in der Suchtberatung ist nach wie vor der Alkohol. Dabei suchen längst nicht nur direkt Betroffene Hilfe, sagte Sebastian Weiske. Auch viele Angehörige seien überfordert und wüssten nicht mehr weiter. Aber auch Cannabis oder Crystal Meth hinterlassen in Thüringen seit Jahren Spuren. Landesweit gesehen läge der Konsum dieser Drogen etwa auf gleichem Niveau, es gebe aber regionale Unterschiede. So werde im Norden und Osten Thüringens deutlich mehr Crystal Meth konsumiert als anderswo. Aber auch das Thema Medikamentenmissbrauch beschäftigt die Suchtberater seit Jahren.

Hilfe im Weimarer Land anders organisiert

Trotz leichten Rückgangs in den vergangenen Jahren verfügt Thüringen nach wie vor über ein flächendeckendes Netz von Suchtberatungsstellen. Insgesamt gibt es 34 sogenannte Beratungszentren, die weitere 14 Außenstellen betreiben. Die Aufgaben sind vielfältig, sie reichen von der Beratung Betroffener über Präventionsarbeit in Schulen bis hin zur Medizinisch-Psychologischen Untersuchung. Zurzeit gilt laut Landesstelle für Suchtfragen lediglich das Weimarer Land als unterversorgt. Dort wird die Hilfe anders organisiert als im Rest des Landes, eine direkte Beratungsstelle existiert nicht.

Unterstützt werden die Forderungen der Landesstelle vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Thüringen. Geschäftsführer Stefan Werner sagte, eine Hängepartie von Jahr zu Jahr sei weder für die Mitarbeiter noch für die Suchtkranken zumutbar. Das Konjunkturpaket des Landes habe die Kommunen finanziell entlastet. Es brauche nun ein klares Bekenntnis der Kommunen für die Beratungsstellen, das müsse sich in deren Finanzierung widerspiegeln, so Werner.

Quelle: MDR THÜRINGEN/mm

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 04. November 2020 | 07:00 Uhr

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