Corona-Infektionsgeschehen Hohe Inzidenz im Kreis Hildburghausen: Zwischen Frust und Ratlosigkeit

Am zweiten Tag in Folge ist der Landkreis Hildburghausen am Samstag bundesweit der Kreis mit einer Sieben-Tage-Inzidenz über 100. Im ganzen Kreis rätseln die Menschen, warum ausgerechnet hier die Zahlen höher sind. Unternehmern steht das Wasser bis zum Hals. Gastronomen fürchten um ihre Existenz.

Ein leerer Marktplatz
Nicht nur am Markt in Hildburghausen hoffen die Gastronomen, dass sie bald wieder richtig loslegen können. Bildrechte: MDR/Bettina Ehrlich

Gleichgültig, wen man im Landkreis Hildburghausen fragt, warum ausgerechnet diese Region nicht runter kommt von seinem unrühmlichen Spitzenplatz: Die Leute zucken mit den Schultern und schauen ratlos. Eine Lehrerin, die ihren Namen nicht nennen möchte, sagt, dass sie auf Arbeit, beim Einkaufen und überall dort, wo man Maske tragen muss, auch eine trägt. "Wir halten uns an alles und trotzdem habe ich mich im April angesteckt. Wie diese hohen Zahlen momentan gerade zustande kommen, ist mir rätselhaft."

Dass die Leute ausgerechnet hier ständig wilde Partys feiern würden, hält sie für ein Gerücht. Andere Befragte reagieren sarkastisch. "Ich denke, die würfeln im Landratsamt nicht richtig", sagt ein Passant in Eisfeld. "Klar ist das Ironie, aber mal ehrlich, irgendwo müssen die Zahlen doch herkommen", schiebt er nach.

Die Nerven im Landkreis liegen blank

Die Stimmung im Landkreis wird zunehmend gereizter. Ein Vater von zwei Schulkindern berichtet, dass seine Tochter erst acht Tage nach einem positiven Befund in der Klasse vom Gesundheitsamt in Quarantäne geschickt wurde. Auch der Unternehmer Lutz Rockenstein aus Schleusingen sieht Defizite im Landratsamt. "Dort läuft es nicht rund", sagt er. Mitarbeiter hätten auch ihm berichtet, dass sie viel zu spät in Quarantäne geschickt worden seien.

Einer seiner Leute hätte zudem schon wieder eine Woche arbeiten können, habe das Okay dafür vom Gesundheitsamt ebenfalls nicht rechtzeitig bekommen. "Das kann doch nach einem Jahr nicht sein", sagt Rockenstein. Irgendwie gehe dort alles ziemlich langsam. Der Landkreis hätte sich nach Ansicht des Unternehmers auch um mehr Impfstoff bemühen sollen. "Mir reicht das alles nicht, da hätte man mehr Initiative zeigen müssen."

Landrat blickt besorgt auf private Kontakte

Im Landratsamt wird solche Kritik nur sehr ungern gehört. Sie sei auch nicht richtig, ließ Landrat Thomas Müller (CDU) per Pressemitteilung verkünden. Den Angaben zufolge gibt es im Landkreis keine Ausbrüche von Corona-Infektionen in Schulen, Kindergärten oder Seniorenheimen. Stattdessen mache der private Bereich große Sorgen. Müller nennt die beiden Dörfer Rieth und Gompertshausen im Heldburger Unterland. Bei jeweils etwas mehr als 300 Einwohnern haben sich in kurzer Zeit sechs und acht Einwohner mit dem Coronavirus infiziert.

Das Landratsamt in Hildburghausen
Auch im Landratsamt wird über die in Thüringen höchste Corona-Inzidenz gerätselt. Bildrechte: MDR/Bettina Ehrlich

Was genau da in den beiden Orten im südlichsten Zipfel des Kreises passiert ist, bleibt unklar. Wie ein Sprecher des Landratsamts auf Nachfrage sagte, gibt es Hinweise darauf, dass Corona-Regeln nicht eingehalten wurden. Aber den Menschen im Heldburger Unterlande den Schwarzen Peter zuzuschreiben, funktioniert nicht. Die Infektionszahlen verteilen sich auf den ganzen Landkreis. Geht die Entwicklung so weiter, könnte Hildburghausen kommende Woche der einzige Landkreis in Deutschland sein, in dem die Bundesnotbremse angezogen bleibt. Gaststätten und Hotels oder Freizeiteinrichtungen bleiben bis auf Weiteres geschlossen.

Gastronomen fürchten weiteren Lockdown

Sascha Böttger aus Schleusingen schaut jeden Tag auf die neuesten Zahlen des Robert-Koch-Instituts. Erst im September hat er die frisch sanierte "Teutsche Schule" übernommen und in dem Fachwerkbau einen Gasthof eröffnet. Mit frischen Speisen, ein Angebot, das in der Region selten ist. Doch nach zwei Monaten kam der Lockdown. Böttger musste Waren im Wert von mehr als 10.000 Euro buchstäblich in den Müll werfen. Das To-Go-Geschäft habe sich nicht gelohnt, deshalb steht Böttger von Mittwoch bis Freitag in einer kleinen Hütte auf dem Markplatz und hält sich mit einem Imbiss über Wasser.

Das deckt noch nicht mal die Fixkosten für die "Teutsche Schule". "Aber ich bin auf dem Markt und die Leute können den Geschmack schon mal testen und vergessen ihn nicht", sagt Böttger. Er öffnet seine Gaststätte erst, wenn das Ganze wirklich sicher sei - und nicht nur für ein paar Tage. "Ich würde das sonst finanziell nicht überleben", sagt der Gastwirt und schöpft die Rote-Beete-Suppe in den Styroporbehälter.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 05. Juni 2021 | 19:00 Uhr

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