Erneuerbare Energien "Entsetzlich": Habecks Windkraft-Pläne stoßen in Südthüringen auf Widerstand

In Thüringen gibt es rund 840 Windräder. Ihre Zahl könnte demnächst deutlich steigen. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) will mit einem neuen Gesetz dafür sorgen, dass Windräder künftig schneller genehmigt werden. Eckpunkte dafür hat er bereits vorgestellt. Doch in Schleusingen, im Landkreis Hildburghausen, stößt das bei einer Bürgerinitiative auf wenig Gegenliebe. Das neue Gesetz findet man hier entsetzlich.

Ein Windrad auf einem Feld in der Nähe von Schleusingen.
Die Bürgerinitiative "Gegenwind im Kleinen Thüringer Wald" kämpft gegen die Pläne zum Bau von Windrädern bei Schleusingen. Bildrechte: MDR/Bettina Ehrlich

In Thüringen können momentan rund eine Million Haushalte mit Strom aus Windenergie versorgt werden, das geht aus Daten der Landesenergieagentur ThEGA hervor. Die installierte Leistung liegt demnach bei rund 1.694 Megawatt. Die Zahl der Windräder hat sich in den vergangenen beiden Jahren allerdings praktisch nicht erhöht. Zwar kamen im Jahr 2020 16 neue Anlagen hinzu, genau 16 wurden in diesem Jahr aber auch wieder abgebaut. Im vergangenen Jahr gab es neun neue Windräder und sieben verschwanden. Die Leistung stieg dank neuer Technik aber immerhin um 24 Megawatt.

Doppelt so viele Flächen für Windräder

Die Windvorrangebiete, also die Flächen auf denen Windräder gebaut werden dürfen, weisen in Thüringen die Kommunen über die regionale Planungsgesellschaft aus. In Nord- und Südwestthüringen wird gerade an der Fortschreibung der sogenannten Regionalpläne gearbeitet. Bisher musste ein Prozent der Fläche für Windräder eingeplant werden, künftig sollen es zwei Prozent sein. Und dann soll es auch möglich sein, unter bestimmten Bedingungen, Windräder in Landschaftsschutzgebieten aufzustellen. In Habecks Eckpunktepapier sieht das Thüringer Energieministerium die "richtigen Ansätze". "Wann und inwieweit sich draus eine tatsächliche Beschleunigung für die Genehmigung von Windrädern ergibt, kann zum jetzigen Zeitpunkt jedoch noch nicht eingeschätzt werden", sagt Ministeriumssprecher Tom Wetzling.

Minsiter Habeck hält einen Stoß Akten in seiner linken Hand während einer Pressekonferenz.
Bundespressekonferenz: Wirtschaftsminister Robert Habeck präsentiert sein Eckpunktepapier. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gegenwind aus Schleusingen

Andreas Chmiemelewski aus einem Ortsteil bei Schleusingen in Südthüringen ist ein Gründungsmitglied der Bürgerinitiative "Gegenwind im Kleinen Thüringer Wald". Er und seine Mitstreiter wollen vor allem Windräder direkt im Wald verhindern. Das Eckpunktepapier Habecks findet Chmiemelewski entsetzlich.

"Über die Erklärung, dass der Ausbau der Windenergie im nationalen Sicherheitsinteresse ist und eine erhöhte Bedeutung hat, hebelt der Bundeswirtschaftsminister hier den Umweltschutz, den Gesundheitsschutz und den Naturschutz aus. Die Akzeptanz ist weder bei uns dafür da noch bei der Bevölkerung", so Chmiemelewski.

Windräder im Wald sind auch für den Schleusinger CDU-Stadtrat Klaus Brodführer nach wie vor tabu. "Wir Menschen brauchen auch noch Lebensraum für uns", sagt er. Energie sei enorm wichtig, deshalb müsse zuallererst dafür gesorgt werden, dass immer eine Grundlast zur Verfügung steht. Windstrom, das wisse jedes Kind, steht nicht immer zur Verfügung. Deshalb sollte die Politik auch weiter auf Atomstrom setzen. Und die Dächer der Stadt sollen mit Fotovoltaik-Anlagen ausgerüstet werden. Das Glaswerk in Schleusingen zum Beispiel plane so etwas schon.

Das Feld daneben wäre besser

Spaziergänger vor Windrad
Ein solcher Spaziergang unter Windrädern könnte bald auch bei Schleusingen Realität werden. Bildrechte: IMAGO / Jochen Tack

Auf einer Anhöhe bei Beinerstadt im Landkreis Hildburghausen sollen drei rund 250 Meter hohe Windräder entstehen. Das Genehmigungsverfahren läuft bereits und die Fläche ist im Regionalplan Windvorrangebiet. Sehr zum Ärger von Christian Vogler und seinen Mitstreitern in der dortigen Bürgerinitiative gegen die geplanten Windräder. Etwa 80 Prozent im Dorf seien dagegen. "Das ist einfach viel zu nah an den Häusern dran", sagt Vogler. Ein Feld etwas abseits sei seiner Meinung nach viel besser geeignet. Aber im aktuellen Regionalplan sei nun mal genau diese Fläche vorgesehen. "Mir ist das alles zu kurz gedacht, es fehlt ein ganzheitliches Konzept", so Vogler.

Im Nachbardorf St. Bernhard stehen schon Windräder. Obwohl es gerade windig ist, stehen die Rotoren still. "Wahrscheinlich, weil gerade zu viel Windstrom produziert wird und die Abnahme- und Speicherkapazitäten nicht ausreichen", sagt Vogler. Auch wenn die Windräder wohl kaum noch zu verhindern sind, will die Bürgerinitiative bis zum bitteren Ende dagegen ankämpfen.

Windrad das geringste Übel?

Skepsis und Ablehnung schlägt auch dem Meininger Grünen-Lokalpolitiker Ullrich Töpfer entgegen. Im Meininger Stadtrat waren schon die Vorplanungen für geplante Windräder gescheitert. "Dort hat man noch nicht mal Windmessungen zugelassen", sagt Töpfer und schüttelt mit dem Kopf. "Windräder sollen ja keinen Schönheitspreis gewinnen, sie sollen alternative Energie liefern." Klar richteten auch Windräder Schäden in der Natur an, so Töpfer. "Aber was sind die im Vergleich zu dem, was Kohle- oder Atomkraftwerke anrichten. Da ist doch so ein Windrad viel leichter zu ertragen."

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MDR (ask)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 17. April 2022 | 19:00 Uhr

256 Kommentare

martin vor 10 Wochen

Zupflastern sollte man sie auch nicht, wenn man ausreichende Speicherkapazitäten hat.

Ich stimme Ihnen zu, dass es zu kurz gesprungen ist, wenn man meinen würde, dass die Windenergie allein unsere Stromversorgungsprobleme lösen würde. Aber sie sind ein wesentlicher Baustein, der meines Erachtens dringend ausgebaut werden muss.

Im Übrigen widerspreche ich Ihrer Behauptung, dass das Thema von den Befürwortern nicht zu Ende gedacht ist. Es liegen reichlich Konzepte für eine vermaschte und auf einer Reihe von nicht-fossilen Energieträgern basierenden Energieversorgung nebst intelligenter Netze vor. Und ja, die sind nicht alle von heute auf morgen umzusetzen - aber je länger wir warten, desto teurer wird der Umstieg unter dem Strich.

martin vor 10 Wochen

@guter schwabe: Von der Forstwirtschaft und den Einkaufsquellen einer großen Kette mit schwedischem Flair scheinen Sie nur begrenzt Kenntnisse zu haben. Die meisten Produkte werden nicht in Schweden produziert und auch das Holz stammt größtenteils aus östlichen Gefilden.

Schweden ist fast abgeholzt? Nun ja, im Vergleich zu Finnland mag das so aussehen. Aber noch hat es in Schweden reichlich Bäume.

Und unser heimischer Wald hat andere Bedrohungen als ein paar Dutzend Windräder.

martin vor 10 Wochen

@guter schwabe: Sie können auch als Privatperson bereits heute ihren Strom von sehr unterschiedlichen Anbietern beziehen. Und es steht jeden Anbieter in der EU offen, auch in allen Gebieten in D seinen Strom zu verkaufen, sofern die Spielregeln eingehalten werden. Sie können in Erfurt auch keinen Diesel aus Slowenien kaufen - obwohl es den dortigen Unternehmen nicht verboten ist, ihre Produkte auch in Erfurt anzubieten. Macht nur ökonomisch für die Unternehmen keinen Sinn.

Für manche Zeitgenossen mag "billig" das entscheidende Kriterium sein. Andere lehnen aber die mit "Geiz ist geil" verbundenen Nachteile ab.

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