Medizinische Versorgung Immer weniger Geburtsstationen in Thüringen

Die Geburtsstation am Regiomed-Klinikum in Hildburghausen gibt es ab April nicht mehr. Was Außenstehende angesichts fast zwei Dutzend weiterer Geburtskliniken im Land als Bagatelle empfinden könnten, ist längst nicht nur für die direkt Betroffenen ein schwerwiegender Verlust. Zumal es nicht die erste Schließung dieser Art in Thüringen ist.

Hände von Baby und Hebamme
35 Kliniken mit Abteilungen für Frauenheilkunde und Geburtshilfe gab es in Thüringen noch 1991, heute sind es noch 22. Bildrechte: MDR/Julia Schäfer

Elf Betten, die fehlen werden. Elf Betten, die bereitstanden für schwangere, gebärende und niedergekommene Frauen. Eine Zahl, die wenig aussagt und doch so viel. Wer selbst einmal von vorzeitigen Wehen überrascht wurde, wer selbst einmal wegen medizinischer Komplikationen während der Schwangerschaft "engmaschig" überwacht werden musste, der kann nachempfinden, wie wichtig ein solches Angebot in der Nähe ist und wie viel Sicherheit es gibt.

Sicherheit, die doch selbstverständlich ist in einem Land mit bester und modernster medizinischer Versorgung. Doch - ist sie das wirklich? Selbstverständlich?

Ein Drittel weniger Abteilungen für Geburtshilfe

"Der Versorgungsauftrag" - regional oder überregional - "schließt grundsätzlich das Betreiben einer geburtshilflichen Station ein." So heißt es im Thüringer Krankenhausplan. Was aber, wenn ein Krankenhaus eine solche Station nicht mehr betreiben kann? Wenn kein Chefarzt gefunden werden kann? So ist die Situation in Hildburghausen, und so war sie wohl auch in einigen jener Geburtskliniken, die seit 1991 nicht mehr da sind.

35 Kliniken mit Abteilungen für Frauenheilkunde und Geburtshilfe gab es in Thüringen noch vor 30 Jahren, heute sind es noch 22. Ein Rückgang um mehr als ein Drittel. Und wirft man einen Blick auf den Krankenhausplan, dann scheint sicher, dass auch Hildburghausen nicht das Ende der Entwicklung ist.

Standen 2017 noch 596 Betten auf diesen Stationen zur Verfügung, so prognostiziert das Zahlenwerk für 2022 bereits ein Minus von etwa zehn Prozent. Und nur eine einzige Klinik sieht einen leichten Mehrbedarf. Die anderen Häuser sagen mindestens zwei, manchmal aber auch fünf oder sechs Betten weniger voraus. Im Klinikum Meiningen sind es sogar sieben.

Vergangener Winter zeigt Risiken auf

Die Entwicklung lässt sich einerseits mit der demografischen Veränderung erklären, kann diese zugleich aber auch beeinflussen. So ist Annika Wanierke, Vorsitzende des Hebammen-Landesverbandes Thüringen, davon überzeugt, dass auch ein gutes Netz an Geburtsstationen die Qualität und das Bild eines Landes bestimmt.

Wird dieses Netz immer mehr ausgedünnt, wirkt das wenig überzeugend beim Zuzug junger Familien und Fachleute in ländliche Regionen. Es sei auch ein wichtiger Standortfaktor zu wissen, dass Schwangere jederzeit bestens versorgt werden können, sagt sie.

Allein der Blick auf den vergangenen Winter mit Massen von Schnee zeige doch, dass der Verweis auf weiter entfernt liegende Kliniken unglücklich ist. Wenn sogar Rettungswagen kaum noch durch den Thüringer Wald kommen, kann auch ein "Storchentaxi", wie es das Klinikum Hildburghausen jetzt anbieten will, nur wenig ausrichten.

Verwaltungsakt ändert nichts an Situation

Das Land Thüringen ist der Meinung, dass die umliegenden geburtshilflichen Kliniken die "bedarfsgerechte Versorgung sicherstellen". Vor- und Nachsorge sei keine stationäre Leistung und könne durch niedergelassene Hebammen und Ärzte abgesichert werden, heißt es auf Nachfrage.

Wenn ein Krankenhaus entscheidet, die Geburtsstation zu schließen, so werde der Versorgungsauftrag für das Fachgebiet Frauenheilkunde/Geburtshilfe dennoch uneingeschränkt erteilt. Damit soll gewährleistet werden, dass zumindest im Bereich Frauenheilkunde Patientinnen weiterhin stationär behandelt werden.

"Auf das Fehlen einer geburtshilflichen Station wird jedoch im Feststellungsbescheid hingewiesen", so das Gesundheitsministerium. Ein solcher Feststellungsbescheid ist jedoch in erster Linie ein Verwaltungsakt, durch den Bescheid wird eine Klinik in den Krankenhausplan aufgenommen. An der Situation ändert es nichts.

Fahrtzeiten liegen über vorgeschriebenen Notfallzeiten

Auch aus Sicht der Landeskrankenhausgesellschaft (LKHG) ist die geburtshilfliche Versorgung junger Mütter in der Region Hildburghausen weiterhin gesichert, auch wenn "im Einzelfall bedauerlicherweise weitere Wege in Kauf genommen werden müssen". Bewerten möchte die Gesellschaft den Vorgang in Hildburghausen aber nicht.

Deutliche Worte findet dagegen der Hebammen-Landesverband. Von "steigenden Risiken für Schwangere" ist die Rede und auch von einer Unterversorgung mit Hebammen, die das gesamte Leistungsspektrum anbieten (können).

Werdende Mütter im Raum Schleiz kennen das Problem. Dort war im vergangenen Jahr die Geburtsstation im Kreiskrankenhaus geschlossen worden. Schwangere müssen seitdem auf Kliniken in Greiz, Gera, Saalfeld, Plauen und Hof (Bayern) ausweichen. Die Fahrtzeiten lägen während des Berufsverkehrs deutlich über den vorgeschriebenen Notfallzeiten, warnt der Hebammen-Landesverband.

Geburtszahlen im Kreis Hildburghausen unverändert

Die Geburtszahlen im Landkreis Hildburghausen haben sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. Das Statistische Landesamt weist Zahlen aus, wonach zwischen 1999 und 2019 jedes Jahr etwa 500 Babys im Landkreis zur Welt kamen, mal waren es mehr, mal etwas weniger.

Einen Rückgang in den vergangenen Jahren gab es nicht. Etwa die Hälfte der Kinder - im Schnitt 260 - holten Ärzte und Hebammen im Klinikum Hildburghausen ins Leben. Doch stabile Geburtenzahlen bedeuten längst nicht, dass sie für ein Krankenhaus lukrativ sind.

Nach Branchenangaben muss ein Klinikum pro Jahr rund 700 Geburten betreuen, um wirtschaftlich zu sein. Davon waren die Hildburghäuser jederzeit weit entfernt. Nun soll ein Belegmodell dafür sorgen, dass wenigstens die gynäkologische Versorgung gewährleistet ist. Geburten im Haus werden ab April die absolute Ausnahme sein.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 31. März 2021 | 07:00 Uhr

3 Kommentare

Matthi vor 1 Wochen

Das Problem ist nicht nur in Thüringen sondern Bundesweit. Unrentabel arbeitende Abteilungen werden Geschlossen es geht nicht um den Menschen sondern nur ums Geld. Auch wenn es jetzt überheblich klingt, dafür entschuldige ich mich aber wer will schon von den Ärzten in die Provinz wo nichts los ist Arbeiten, Leben und vielleicht noch mit weniger Gehalt dazu kommen noch Karrierechancen die an UNI Kliniken in Großstädten besser sind. Ich stehe auch auf dem Standpunkt es ist genug Geld im Gesundheitssystem es ist nur falsch verteilt. Das ist auch ein Punkt von vielen warum immer mehr Leute vom Ländlichen Raum in die Großstadt ziehen.

Erichs Rache vor 1 Wochen

Schafft das Ehegattensplitting AB! .. und fördert steuerlich Familien und Kinder.. dann braucht ihr auch nicht die Geburtsstationen in Thüringen schliessen!

Matthi vor 1 Wochen

Das hat nichts mit Ehegattensplitting zu tun. Die Krankenhaus Konzerne machen gute Gewinne.

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