Musik Wie ein Thüringer mit einer App die Musik revolutionieren will

Gabriel Gatzsche hat die Audanika erfunden, eine App zum gemeinsamen Musizieren - egal, ob Profimusiker oder Laie. Ein Besuch bei dem Thüringer Erfinder in Geschwenda im Ilm-Kreis.

Zwei Männer zeigen etwas auf ihren I-Pads.
Gabriel Gatzsche (links im Bild) und Jonas Lepper spielen Musik auf der Audanika Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Einst hatte Gabriel Gatzsche aus Thüringen den Traum, dass das Startup, bei dem er damals arbeitete, von Apple gekauft wird. "Wir waren die ersten, die Klang von einer App in die andere schicken konnten", sagt er. Das mit Apple hat nicht geklappt. Die Leidenschaft für digitale Lösungen ist geblieben.

Neue Sprache für Musik

Heute, zehn Jahre später, gibt es ein anderes Startup und einen anderen Traum. Das Startup heißt Grace Cloud GmbH und der Traum heißt gemeinsames Musizieren für alle, ohne zuvor Noten oder Akkorde verstehen und lernen zu müssen. Dafür hat Gabriel Gatzsche eine App entwickelt, die er Audanika nennt. Seit einem halben Jahr ist sie auf dem Markt. Die App basiert auf einer völlig neuen Sprache für Musik, die Gatzsche erfunden hat.

Musik ist wie ein Urwald, in dem sich die guten Klänge verstecken.

Gabriel Gatzsche, Erfinder der Audanika-App

Es ist nicht ganz einfach für Laien, das Neuartige daran zu verstehen. Gabriel Gatzsche erklärt es so: "Musik ist wie ein Urwald, in dem sich die guten Klänge verstecken. Durch das Audanika-System habe ich eine Landkarte im Kopf, wo ich die guten Klänge finde." Die Grundfrage für ihn sei gewesen: "Wie beschreibe ich komplizierte Musik?" Und so hat er eine visuelle Sprache für Musik geschaffen, die aus Mustern statt Noten besteht, eine Sprache, die jeder versteht und intuitiv anwenden kann.

Tatsächlich ist es leicht, gute Klänge mit der Audanika zu spielen. Auf den ersten Blick sehen die Tasten auf dem Tablet oder Smartphone wie farbige Klaviertasten aus und so klingen sie auch. Jede Taste ein Ton, es gibt hellere und dunklere, sie liegen über- und nebeneinander.

Spielt man die hellen Tasten, die nebeneinander liegen, passen die Töne zusammen, spielt man verschiedene Reihen, ändert sich der emotionale Charakter der Musik. Bleibt man auf einer Taste, baut sich automatisch ein Akkord zusammen, mehrere Töne werden gleichzeitig gespielt, und ein Sound, eine Harmonie, ist zu hören. Jede Tonart hat ihre eigene Farbe. "Ich glaube, dass das auch die Musiktheorie revolutionieren wird", sagt Gabriel Gatzsche.

Wir arbeiten dort, wo uns der Geist hintreibt.

Jonas Lepper von der Grace Cloud GmbH

In seinem Haus stehen diverse Musikinstrumente, er selbst spielt seit seiner frühen Kindheit Klavier. Das kleine Unternehmen hat seinen Sitz im Wohnhaus von Gabriel Gatzsche in Geschwenda im Ilm-Kreis. Der Gründer hat fünf Kinder, der jüngste ist zehn Monate alt, die Älteste geht in die vierte Klasse.

Gerade sitzen Gabriel Gatzsche und Jonas Lepper, der erste Mitarbeiter des Unternehmens, in der großen Wohnküche, mitten im Familiengewusel. Es gibt Kaffee. Die Stimmung ist eine Mischung aus Konzentration und Kreativität, Ordnung und Chaos. "Das Produkt ist stark auf Kinder und Familien ausgerichtet, da ist es gut, von Kindern umgeben zu sein", sagt Gabriel Gatzsche. "Wir arbeiten dort, wo uns der Geist hintreibt", fügt Jonas Lepper hinzu. Ob es nun die Terasse ist, das Büro im Erdgeschoss oder der nahe Wald. Man spürt den Geist des Gründertums, das Brennen für eine Idee, für diese neue Erfindung, die sich Audanika nennt. Und fühlt sich mitten im Thüringer Wald ein wenig ans Silicon Valley in Kalifornien erinnert.

Die Vision von Gabriel Gatzsche

"Wir wollen Menschen in einem Raum zusammenbringen, damit sie gemeinsam musizieren können, und zwar Profis und Laien. Das heißt, wir wollen ein System entwickeln, durch das Laien die einfachen Parts spielen, aber auch gut üben, und diese einfachen Parts dann so gut spielen, dass die Profis Lust haben, mit den Laien zusammen die komplizierten Parts zu spielen.
Wir stellen uns vor, dass vielleicht sogar das Publikum live mitspielen kann. Dadurch wollen wir ein komplett neues Klangerlebnis schaffen, ein Raumklangerlebnis. Wenn da 50 oder 100 Smartphones Klang liefern, kriegen wir einen unglaublich schönen räumlichen Klang. Wenn das gelingt, wollen wir eine Kompositionsplattform schaffen, wo Menschen für solche großen neuen Musikarrangements Noten und Musikcontent schaffen und dann über unsere Plattform vertreiben."

Das ist gar nicht so abwegig. Gabriel Gatzsche hat seine Dissertation am Fraunhofer-Institut für digitale Medientechnologie in Ilmenau unter Karlheinz Brandenburg geschrieben, der als Vater der MP3-Technologie gilt. "Bei ihm ging es ganz viel um Audio und Klang und Wahrnehmung", sagt Gabriel Gatzsche über seinen Doktorvater. Das passt. Denn genau darum geht es bei der Audanika auch. Um Klang und Wahrnehmung, um das Fühlen von Musik, könnte man sagen. Und darum, gemeinsam zu musizieren.

Zwei Männer sitzen vor einem Keyboard in einem Büro
Gabriel Gatzsche (links im Bild) und Jonas Lepper im kleinen Büro der Grace Cloud GmbH Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Begonnen hat alles viel früher. Eine erste Idee zu dem System, das der Audanika zugrunde liegt, entwickelte sich bereits in Gatzsches Kindheit. "Das ging schon mit meinem Vater los, als er sah, wie wir uns mit Musiktheorie quälten. Er hat dann ein System auf Papier aufgemalt und es uns auswendig lernen lassen hat. Ich habe das System heute noch im Kopf, das hilft mir sehr."

App soll langfristig kostenlos werden

Gabriel Gatzsche ist ein bescheidener Mensch. Sein Unternehmen will er nach und nach aufbauen. Langsamer, aber langfristiger, sagt er. Die App soll eines Tages möglichst kostenlos zu haben sein. Aber noch ist es nicht so weit. "Wir müssen die Entwicklungskosten der nächsten Jahre finanzieren", sagt Gatzsche. Es gebe Gespräche mit Stiftungen, die möglicherweise einen Teil der Finanzierung übernehmen könnten.

Im Moment koste die App etwas über zwei Euro, der Preis werde sich aber zeitnah erhöhen, weil mehr Features dazukämen. Je mehr Leute die App kauften, desto mehr Möglichkeiten gebe es, sie weiterzuentwickeln. Gabriel Gatzsche: "Bei geringeren Umsätzen geht es eben langsamer vorwärts". Aber es gehe jedenfalls vorwärts, denn das Projekt sei ihm ein echtes Anliegen.

Unser Anliegen ist es, eine neue Form von Musik und Gemeinschaft zu schaffen.

Gabriel Gatzsche, Erfinder der Audanika

"Es ist mir wichtig, für den Zusammenhalt der Gesellschaft zu arbeiten", sagt Gabriel Gatzsche. "Unser Anliegen ist, eine neue Form von Musik und Gemeinschaft zu schaffen. Zwei oder mehr Menschen können mit der Audanika sehr schnell miteinander musizieren." Wo also normalerweise viel Übung im Zusammenspiel nötig ist, wo zwei oder mehr Musiker möglichst auf einem ähnlichen musikalischen Level stehen müssen, könnten dank der Audanika Laien und Profis gleichermaßen miteinander musizieren. "Alle haben etwas davon", sagt Jonas Lepper.

Grundschüler komponieren eigene Melodien

Zurzeit arbeitet das Startup mit zwei Grundschulen zusammen. Ein Jahr lang leitet Jonas Lepper hier sogenannte Melodiebaukasten-AGs. Es geht um Gewaltprävention und Persönlichkeitsentwicklung. Die Kinder komponieren eigene Melodien. Das Musizieren soll den Kindern helfen, Emotionen zu spüren und über Gefühle zu sprechen. Gerade an Nicht-Musiker-Kinder richte sich das Angebot, erzählt Gabriel Gatzsche. "Mit der Audanika entwickelt man einen leichten Einstieg, um zu improvisieren und selbst zu komponieren, weil man hier weiß, welche Klänge zusammenpassen." Das Angebot soll ausgebaut werden. "Wir sind auf der Suche nach Stiftungen, die Projekte in Schulen und Kindergärten fördern", sagt Gabriel Gatzsche.

Zwei Männer sitzen auf einer Bank, im Hintergrund Wald.
Gabriel Gatzsche (links im Bild) und Jonas Lepper mit der Audanika Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Bei einem Waldspaziergang erzählen der Gründer und sein Mitarbeiter, was sie sich noch alles vorstellen. Die Begeisterung der beiden ist beinahe greifbar. "Nach oben sind keine Grenzen gesetzt. Ich selbst entdecke ständig etwas Neues", sagt Gabriel Gatzsche.

Zwei Fußgänger kommen ihnen entgegen, Mutter und Sohn, wie sich herausstellt. Man kommt ins Gespräch, Jonas Lepper erklärt ihnen, was sie machen. "Schöne Idee, das spricht mich an", antwortet der Mann, "Musik bringt Menschen wirklich zusammen. Ganz viel Glück!" Jonas Lepper und Gabriel Gatzsche lächeln. Solche Begegnungen haben sie häufig. Das Feedback ist bisher durchweg positiv.

Wir wollen schon global werden, aber wir bleiben in Thüringen verankert.

Gabriel Gatzsche, Gründer der Grace Cloud GmbH

Gabriel Gatzsche möchte seine Idee in die Welt tragen. Doch er habe nicht vor, sein Startup an einen großen Player zu verkaufen. Denn diese Strategie sieht er inzwischen sehr kritisch. "Wir wollen schon global werden, aber wir bleiben in Thüringen verankert", sagt er. "Ich möchte ein mittelständisches Familienunternehmen aufbauen, das in Thüringen beheimatet ist und langfristig über Generationen existiert. Und ich möchte andere Gründer unterstützen."

Quelle: MDR THÜRINGEN

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