Keine Treffpunkte Jugend auf dem Land: Vergessen, abgeschnitten, nicht geduldet

Mangelhafte ÖPNV- und Freizeitangebote machen es den Jugendlichen in ländlichen Gebieten schwer, Treffpunkte für Hobbys und Freunde zu finden. Örtliche Jugendclubs, wie in Langewiesen bei Ilmenau, versuchen, den Defiziten entgegenzuwirken – aber auch ihre Mittel sind begrenzt. Welche Möglichkeiten hat die Jugend auf dem Land aktuell noch?

Junge Leute spielen Tischtennis
Das Herzstück im Jugendclub Langewiesen ist definitiv die Tischtennisplatte. Hier ist immer etwas los. Bildrechte: MDR/Anna Hönig

Gelächter, eilige Schritte, zahlreiche Stimmen und der Duft von frischen Plätzchen erfüllen den Raum. Beim Betreten des Jugendclubs in Langewiesen merkt man sofort: Hier herrscht Leben. Einige rennen um die Tischtennisplatte, andere haben es sich auf der großen Club-Couch bequem gemacht und in der Küche wird der Zuckerguss zum Verzieren der Plätzchen angerührt. Ein fröhliches und friedliches Miteinander. Doch so unkompliziert wie hier im Jugendclub ist die Freizeitgestaltung für die Jugendlichen in den abgelegenen Ortsteilen von Ilmenau nicht immer.

Zu wenig Busse – Fahrrad zu gefährlich

Enrico Leclère ist Azubi, 18 Jahre alt und arbeitet auf Minijob-Basis im Jugendclub Langewiesen. Dank Führerschein ist er mittlerweile mobil. Doch das war nicht immer so. "Vor allem für die Jüngeren wäre es schön, wenn ein paar mehr Busse fahren würden", sagt er. Nach 20 Uhr habe man eigentlich keine Möglichkeit mehr, von zu Hause wegzukommen und so hätten auch seine Freunde und er öfter mal das elterliche Wohnzimmer für Treffen nutzen müssen.

Jungs sitzen vor einem großen Fernseher und spielen ein Video-Spiel
Wer nicht gerade backen oder Tischtennisspielen möchte, kann es sich natürlich auch auf dem Sofa bequem machen und sich im virtuellen Fußballspiel messen. Bildrechte: MDR/Anna Hönig

Die erste Wahl der Jugendlichen, um von A nach B zu gelangen, sei das Fahrrad, erzählt Stefanie Domhardt (15). Doch auch mit dem Rad sind es von Gehren bis Ilmenau laut Stefanie gerne mal 45 Minuten. "Außerdem muss man mindestens einmal die große Straße überqueren", sagt sie. Jugendpflegerin Annika Schmidt ergänzt, dass deshalb viele Eltern nicht wollten, dass insbesondere die Jüngeren diese weite Strecke allein mit dem Rad zurücklegen. Doch wenn kein Bus fährt und der Weg mit dem Fahrrad zu lang, zu gefährlich oder aber im Winter schlichtweg zu kalt ist, welche Möglichkeiten bleiben den Jugendlichen dann noch, zu den Freizeitangeboten zu kommen?

Die Oma-Option

Stefanie erzählt, dass bei ihren Freunden und ihr öfter mal die "Omis" eingesprungen seien. So hätten beispielswiese an einem Abend die Omas die Mädchen zum Bowling gefahren – wollten dafür allerdings selbst mitspielen. Dass sei eigentlich ganz cool gewesen, sagt Stefanie. "Aber eigentlich ist es auch nicht ihre Aufgabe, mit 70 oder 80 uns noch irgendwo hinzufahren", merkt die 15-jährige an.

Junge Frauen beim Plätzchenbacken 1 min
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Stefanie Domhardt (15) ist froh, dass die Oma manchmal den Fahrdienst übernimmt, aber ein bisschen Unabhängigkeit wäre schon auch schön.

MDR THÜRINGEN - Das Radio So 05.12.2021 13:42Uhr 00:32 min

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Aber nicht nur Omas Fahrdienste hat Stefanie genutzt, auch die Wohnstube wurde schon das eine oder andere Mal zum Treffpunkt für Freunde. "Oder halt der Partykeller oder die Garage", sagt Stefanie. Doch all diese Optionen sind mit Absprachen und Genehmigungen der Eltern oder eben der Großeltern verbunden und von deren Gunst abhängig. Im Gegensatz dazu setzt der Jugendclub zwar auch auf Regeln, ermöglicht jedoch mehr Selbstbestimmung.

Jugendclubs in Selbstverwaltung

"Einige Jugendclubs in kleineren Orten funktionieren komplett in Selbstverwaltung", erklärt Annika Schmidt. Und auch in Langewiesen wird den älteren Jugendlichen regelmäßig der Schlüssel überlassen, damit sie die Räumlichkeiten unabhängig von den Öffnungszeiten und auch am Wochenende nutzen können.

Zwei junge Frauen basteln mit Kronkorken und einer Heißklebepistole
Vor kurzem ist die Glasplatte dieses Tisches kaputtgegangen. Die Mädels verschönern ihn als Bastelprojekt jetzt mit Bierdeckeln. Darauf wird Epoxidharz gegossen – das sollte diesmal länger durchhalten. Bildrechte: MDR/Anna Hönig

Doch trotz aller Bemühungen von Annika Schmidt und ihrer Kollegin – sie erreichen nicht alle Jugendlichen. "In Gehren zum Beispiel treffen sich einige dann im Schlosspark", erzählt Schmidt. Und auch die Bushaltestelle oder der Spielplatz seien beliebte Outdoor-Treffpunkte. "Und wenn dann mal eine Dose oder sowas stehen bleibt, beschweren sich natürlich die Anwohner." Die beiden Jugendpflegerinnen sind für insgesamt neun Einrichtungen zuständig. Sechs davon funktionieren zwar weitgehend in Selbstverwaltung, aber dennoch ist das eine Menge Arbeit für die beiden Frauen.

Vergessen und nicht geduldet

"Durch die Gebietsreform ist schon einiges aus den kleinen Orten in die Stadt gegangen", sagt Enrico. "Manchmal hat man so ein bisschen das Gefühl, von denen in der Stadt vergessen zu werden", ergänzt er. Dass genau das nicht passiert, dafür setzt sich der Kinder- und Jugendbeirat (KJB) Ilmenau ein.

Volker Lohe (17) ist Mitglied im Beirat. Er kennt die Situation der Jugendlichen selbst sehr gut und hat bei verschiedenen Ortsbegehungen gesehen, wie schwierig die Situation vielerorts ist. "Es gibt Orte, da haben wir das Feedback bekommen, dass dort wirklich gar nichts ist. Nicht mal ein Spielplatz, auf dem man sich treffen könnte", sagt er.

Ein Schild mit der Aufschrift "Jugendclub Langewiesen" an einem Haus 1 min
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Annika Schmidt hat das Gefühl, dass Räume für Jugendliche immer weniger geduldet und sogar als störend empfunden werden.

MDR THÜRINGEN - Das Radio So 05.12.2021 13:42Uhr 00:43 min

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Annika Schmidt hat das Gefühl, "dass es immer weniger geduldet wird, dass Räume für Jugendliche geschaffen werden". Für kleinere Kinder würde mehr getan, Jugendliche hingegen seien vielen zu laut und zu unordentlich, würden von einigen Dorfbewohnern gar als störend empfunden. "Das macht es den Jugendlichen unglaublich schwer, einen Ort zu finden, an dem sie ungestört das tun können, was sie möchten", sagt Schmidt.

Die Wünsche: Fahrradstrecke und mehr Sportangebote

Die Angebote vor Ort sind, gelinde ausgedrückt, mangelhaft. Neben dem Jugendclub gibt es in Langewiesen noch einen Volleyball- und Fußballverein, den die Jugendlichen gern in Anspruch nehmen. Für andere Sportarten müssten sie nach Ilmenau fahren, sagt Stefanie.

Zwei Menschen stehen im Gespräch beieinander. 1 min
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Volker Lohe (17) setzt sich als Mitglied im Kinder- und Jugendbeirat (KJB) Ilmenau für die Interessen seiner Generation ein.

MDR THÜRINGEN - Das Radio So 05.12.2021 13:42Uhr 00:29 min

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Besonders eine Mountainbike-Strecke, ein sogenannter Pumptrack, wird von den Jugendlichen schmerzlich vermisst. "Wir haben immer wieder mitbekommen, dass viele sehr gerne Fahrrad fahren", erzählt Volker Lohe vom KJB. "Da war sogar in den kleinen Ortsteilen bekannt, dass in Ilmenau auf dem Sportplatz ein Erdhügel zum Fahren aufgeschüttet wurde", sagt er.

Vor allem Rückhalt nötig

Mehr Busse, Sportangebote und ein Erdhügel zum Fahrradfahren – das sind die Wünsche, die im Gespräch mit den Jugendlichen deutlich werden. Jugendpflegerin Annika Schmidt wünscht sich für die Jugendarbeit vor allem mehr Zuspruch und Rückhalt aus den einzelnen Ortsteilen. "Ich hab das Gefühl, Jugendbeteiligung klingt für viele wie ein Wohlfühlthema, aber das ist es nicht", sagt Volker Lohe zum Abschluss.

Die Arbeit des KJB ist zumindest eine Möglichkeit, die Situation der Jugendlichen öffentlich zu machen und ihre Wünsche zu besprechen. Doch bis zu deren Umsetzung bleiben die Jugendclubs der wichtigste Treffpunkt für Stefanie und ihre Freunde.

Quelle: MDR

2 Kommentare

Freies Moria vor 6 Wochen

Es ist absolut beschämend, was der Jugend an "Maßnahmen" zugemutet wird. Die Situation auf dem Lande ist, wie sie ist, das ist auch den Jugendlichen klar. Aber sie dann durch Dinge zu erschweren, die nicht wirklich gegen die Pandemie helfen, wie es jeden Tag geschieht, kann nicht richtig sein, denn schließlich haben wir ein ernstes demographisches Problem, und diese Jugend ist die Zukunft des Landes.
Das scheint aber bei den verschiedenen Regierungsebenen überhaupt nicht angekommen zu sein - allerhöchstens kurz vor der Wahl mal eine Forderung nach Absenkung des Wahlalters, als ob das irgendwie helfen würde.

Jedimeister Joda vor 6 Wochen

Immer das gleiche Thema. Für die Eingeborenen vom Lande ist nix da. ÖPNV ist sehr knapp bis unvöllig unzulänglich. Wenn dieser Staat für die Jugend nix übrig hat wird es eng für den Staat. Die Truppe ist nachtragend und merken können die auch. Irgendwann treten die an die Urne oder auch nicht. Den Rest könnt könnt ihr euch denken, wenn ihr einen Apparat dazu habt. Und um die Lage zu verschärfen gibt es die Einwohnerveredlung. Demokratie nahe Null- Schulnote unzureichend. Joda Dagobasystem

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