Traditionelles Handwerk Die Manebacher Maskenmacher: Eine fast vergessene Erfolgsgeschichte

Fasching, Fastnacht, Karneval - egal wie das bunte Treiben genannt wird, gefeiert wird es fast überall auf der Welt. Doch kaum noch jemand weiß, dass viele Masken, die Narren noch immer weltweit tragen, aus Manebach kommen. Die Maskenherstellung im Thüringer Wald, eine fast vergessene Erfolgsgeschichte.

Maskenmacher Meinhard Assing stellt Maske aus Pappmaché her
Maskenmacher Meinhard Assing beherrscht die alten Techniken noch. Er hat schon als Kind beobachtet und gelernt, wie die Papiermasken hergestellt werden. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Mitten im Thüringer Wald liegt der kleine Ort Manebach. Die Hänge links und rechts des Tales konnten kaum landwirtschaftlich genutzt werden. Einen Eisenbahnanschluss bekam der Ort erst 1904. Die Manebacher mussten in den Jahrzehnten davor mit wenig auskommen. Wer konnte, verließ den Ort, um in Ilmenau oder weiter entfernt eine Arbeit zu finden. Doch das änderte sich 1832: Denn damals wurde die erste Maskenfabrik im Ort gegründet. Bis in die 1970er-Jahre wurden in zwei Fabriken in Manebach Masken und Scherzartikel hergestellt. Fast 600 Menschen arbeiteten für die Firmen "Eilers&Mey" und "Heintz&Kühn".

Um dies zu erforschen, hat ein Autorenteam um Katharina Kerntopf und Monika Meyer fünf Jahre lang nach Dokumenten gesucht, Archive durchforstet und Zeitzeugen gesprochen. Entstanden ist ein Buch, das auf 208 Seiten über Anfänge, Geschichte und Niedergang von mehr als 150 Jahren Maskenherstellung in Manebach erzählt. Dabei geht es um Heim- und Fabrikarbeit, die Vielfalt der närrischen Produkte, um Familiengeschichten und eine fast ausgestorbene Handwerkskunst.

In Handarbeit hergestellte Masken in Museum
In der Manebacher Heimatstube zeugen zahlreiche Beispiele von der Handwerkskunst der Maskenmacher. Sogar Mickey Mouse durfte früher in Lizenz hergestellt werden. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Schon Kinder halfen bei der Maskenherstellung mit

Meinhard Assing ist 76 Jahre alt. Schon sein Großvater, eigentlich Tischler, fertigte nach Feierabend Masken. Seine Mutter half im Alter von 10 Jahren bereits mit. Aus diesem Kinderspaß wurde ihr Beruf, wie ihr Sohn sagt. Sie arbeitete nach seinen Worten nach dem Schulabschluss in der Maskenfabrik, so wie viele in dieser Zeit. Die jungen Menschen mussten den Ort nicht mehr verlassen. Und so wuchs auch Meinhard Assing mit dem Handwerk auf.

Früher sei das ganz interessant gewesen, sagt er. Seine Mutter habe ihm gezeigt, wie die Maskenherstellung funktioniert. Da habe er einfach mitgemacht. Kleine Weihnachtsmannmasken habe er anfangs gemacht. Mit seinen kleinen Fingern konnte er das leimgetränkte Papier gut auflegen und in die Falten im Gesicht drücken, wie der Manebacher erzählt. Er erinnert sich noch genau daran, wie es roch - nach Farbe und nassem Papier.

Er denkt gerne an die Zeit zurück, scheint es. Es sei immer ein großes Abenteuer gewesen, wenn er die Mutter in die Fabrik begleiten durfte. Im Keller lagerten die Papierrollen und Etage für Etage in diesem für Manebach ungewöhnlich großen Haus gab es andere aufregende Dinge zu entdecken. Als Junge schaute er den Modelleuren oder den Maskenmalern über die Schulter.

Herstellung einer Maske in Handarbeit
Meinhard Assing trägt leimgetränktes Papier auf eine vorbereitete Maskenvorlage auf. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Maskenproduktion in Heimarbeit

Zu Hause angekommen, ging die Arbeit für seine Mutter weiter. Dann wurde Form für Form eingeölt, das Schrenzpapier einkleistert und zum Schluss nur eine einzige Schicht davon auf die Maske aufgelegt. Anschließend wurde alles gut angedrückt und in die Falten eingearbeitet. Zum Schluss wurden die Masken auf Bretter gelegt und im Sommer auf dem Hof, auf Gartenzäunen oder auf Jauchegruben getrocknet.

Im Winter versuchten die Heimarbeiterinnen die Masken in den Wohnstuben zu trocknen. Bemalt wurden sie dann in der Fabrik. So entstanden unzählige Masken, die vom Thüringer Wald millionenfach in die ganze Welt exportiert wurden. Tierköpfe, Fantasiefiguren, riesige Schwellköpfe - der Fantasie der Modelleure waren keine Grenzen gesetzt. Sogar Mickey Mouse durfte in Lizenz bis zur Machtübernahme Hitlers hergestellt werden. Außerdem gab es Filmstarmasken von Hans Albers über Greta Garbo bis hin zu Charlie Chaplin.

In Handarbeit hergestellte Masken in Museum
Alte und junge Gesichter, Tierköpfe, Fantasiefiguren, riesige Schwellköpfe - der Fantasie der Modelleure in Manebach waren keine Grenzen gesetzt. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Feuchtigkeit als größter Feind der Papiermasken

Obwohl die Maske so dünn sind, hatte Meinhard Assing als Kind keine Angst, sie kaputt zu machen. Er lacht, wenn er erzählt, dass missglückte Masken den Kindern willkommenes Spielzeug waren. Sie malten sie demnach an, wie es ihnen gefiel, und rannten damit durch die Gassen.

Noch heute beherrscht Meinhard Assing das Maskenmacher-Handwerk - als einer der letzten seiner Zunft. Die Maskenformen mit denen er heute für Interessierte noch sein Handwerk vorführt, sind mehr als 100 Jahre alt. Von Modelleuren wurden sie in der Fabrik gefertigt. Dann wurden Gipsabdrücke gemacht, die hundertfach vervielfältig und von den Heimarbeiterinnen mit nach Hause genommen wurden. Dort legten die Frauen das Schrenzpapier auf und stellten so die Masken her. Dass die Masken in alle Welt geliefert wurden, das heißt nach Amerika, Asien und Afrika - für ihn als Kind kein Thema.

Er erinnere sich, dass er als Junge gesehen habe, wie große Kisten und Pakete immer an den Bahnhof geschafft wurden. Im Sommer mit dem Pferdefuhrwerk und im Winter mit dem Schlitten. Die für Amerika bestimmten Pakete seien extra in Blech eingefasst und zugelötet worden, sagt er. Schließlich mussten sie ja den Transport mit dem Schiff überstehen. Die Feuchtigkeit sei der größte Feind der Papiermasken gewesen.

Maskenmacher bringt Schwellköpfe wieder zusammen

Lange bevor Meinhard Assing auf die Welt kam, ereignete sich nach seinen Worten eine tragische Trennungsgeschichte eines sogenannten Schwellkopf-Paares aus Manebach. Eine Karnevalsgesellschaft aus Bonndorf im Schwarzwald hatte sie einst bestellt. Angekommen war aber nur die Sonne. Der Mond sei verloren gegangen, sagt er. Schwellköpfe sind übergroße Masken, die dem Träger bis zur Hüfte reichen. Wie sich ein übergroßer Mond in Luft auflösen konnte, ist bis heute ungeklärt.

Maskenmacher Meinhard Assing stellt Maske aus Pappmaché her
Im Maskenmuseum: Schwellköpfe sind übergroße Masken, die dem Träger bis zur Hüfte reichen. Meinhard Assing arbeitet an einem kleineren Modell. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Unklar war den Bonndorfern lange auch, dass ihre Masken vor mehr als 100 Jahren im thüringischen Manebach bei "Eilers&Mey" gefertigt wurden. Wie Assing sagt, hatten die Bonndorfer erst gedacht, die Masken wären aus der Schweiz. Nach einer Recherche stießen sie aber auf den wahren Ursprungsort ihrer Sonne - Manebach.

Die Bonndorfer reisten 2017 also nach Manebach - und trafen auf Meinhard Assing. Sie bestellten einen Mond bei einem der letzten Maskenmacher. Er habe dann eine Form nach dem Vorbild alter Zeichnungen gemacht. Denn es sei ja nichts mehr da gewesen, was er hätte nutzen können. Und irgendwann war er dann fertig, der übergroße Mond-Schwellkopf, und wurde abgeholt von einem Herrn aus Bonndorf.

Doch eigentlich ist Meinhard Assing der Mann, der der Sonne ihren Mond zurückgebracht hat. Seitdem muss die Sonne beim Kinder-Karnevals-Umzug im Schwarzwald nicht mehr allein unterwegs sein, sondern hat den Mond wieder an ihrer Seite. Ein Happy End nach mehr als einem Jahrhundert.

Materialmangel, Absatzschwierigkeiten und Liquidierung führten 1960 zur Schließung von "Heintz&Kühn" und dann 1971 bei "Eilers&Mey". Dann war in Manebach Schluss mit der Maskenmacherei im großen Stil. Thüringen hat bis dahin die Welt bunter gemacht. Und noch heute tragen Karnevalfans in Brasilien, Togo oder auch in Köln Originalmasken aus Manebach.

Maskenmuseum in Manebach bei Ilmenau
Katharina Kerntopf und Monika Meyer (rechts) haben gemeinsam mit anderen Autoren ein Buch über die Maskenherstellung in Manebach verfasst. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Literatur-Tipp Die Manebacher Maskenmacher im Thüringer Wald: Geschichte, Formen, Technik, soziale Umstände.

Herausgeber: Verein für Heimatgeschichte & Touristik Manebach e. V.
Autorinnen und Autoren: Monika Meyer, Helga Koleczko, Katharina Kerntopf und andere

208 Seiten, gebunden
Verlag: mini-print
Erschienen im Oktober 2020

ISBN-10: 3947383088
ISBN-13: 978-3947383085

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Kulturnach | 14. Februar 2021 | 22:05 Uhr

3 Kommentare

ICHE vor 12 Wochen

Klar gibts hier Holz. Aber Holzmasken sind schwerer als Papiermasken. 1+1=2

Graf von Henneberg vor 12 Wochen

Das sind Manbacher Larvenmacher! Schön, daß es sie noch gibt.

nophi vor 12 Wochen

Masken aus Papier? Gibt's in Thüringen kein Holz?

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