Justiz Totschlag nach abgelehntem Kuss: 58-Jähriger vor Gericht

Vorm Erfurter Landgericht hat der Prozess gegen einen 58-Jährigen aus Geraberg bei Ilmenau begonnen. Er soll im November 2020 eine 86-jährige Frau erstickt haben. Vorausgegangen war der Tat ein Streit um einen Kuss und eine Umarmung.

Der Angeklagte hält einen Ordner vor sein Gesicht.
Ein 58-jähriger Mann muss sich seit Donnerstag vor dem Landgericht Erfurt unter anderem wegen Totschlags verantworten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Tatverdächtige hatte nach eigenen Angaben versucht, die Frau zu umarmen und zu küssen. Weil sie schrie, soll er ihr erst ein Taschentuch und dann einen Lappen in den Mund gedrückt haben. Laut einem vorläufigen psychiatrischen Gutachten gilt der Tatverdächtige als vermindert schuldfähig. Ihn erwartet bei Verurteilung wegen Totschlags eine Haftstrafe zwischen fünf und 15 Jahren, wenn er als voll schuldfähig angesehen wird. Mit einem Urteil kann laut Staatsanwaltschaft Anfang Juli gerechnet werden.

Angeklagter entschuldigt sich: "Es war nicht richtig, was ich getan habe"

Reiner B. wirkt aufgewühlt und sichtlich bewegt, als er in den Gerichtssaal am Erfurter Landgericht geführt wird. Gleich zu Beginn der Verhandlung entschuldigt er sich. "Es war nicht richtig, was ich getan habe." Diesen Satz wird er mehrfach wiederholen am ersten Verhandlungstag. Das Reden fällt ihm nicht leicht. Er sucht nach Worten. Nicht jede Frage versteht er sofort. Reiner B. gilt als intelligenzgemindert und hatte zwei Schlaganfälle. Er ist berufsunfähig und pflegte seine Mutter bis zu deren Tod.

Reiner B. bereut die Tat. Er ist voll geständig. Er stimmt sogar einer Videorekonstruktion der Tat zu. Staatsanwalt Martin Scheler sagt, das passiere äußerst selten. Der Tag der Tat wurde mit Reiner B. nachgestellt - vom Herauslaufen an seinem Haus bis zur Rückkehr dorthin nach der Tat. Angeklagt ist Reiner B. wegen Totschlags und Unterschlagung. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Tötung nicht im Fokus stand.

Die Spurensicherung am Tatort.
Die Spurensicherung am Tatort in Geraberg. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

58-Jähriger wollte Opfer küssen und umarmen

Als er Maria P. im vergangenen Jahr in ihrem Garten besucht hatte, spielte diese gerade mit ihren Katzen. Die Situation habe ihn an einen lustigen Faschingstag erinnert, deshalb habe er sie versucht zu umarmen und zu küssen. Das lehnte Maria P. ab und schrie. Das Laute habe er nicht ertragen können. Und er habe Angst gehabt, dass die Schreie jemand hört und anschließend schlecht über ihn im Ort gesprochen wird.

Deshalb habe er ihr ein Taschentuch in den Mund gesteckt. Doch sie schrie weiter, sagt er aus. Es kam zum Streit. Sie rangelten, gelangten zum Schuppen. Dort kamen beide zu Fall. Weil sie nicht aufhörte zu schreien, umwickelte er Kopf und Hals mit Klebeband und drückte ihr anschließend einen Lappen aufs Gesicht. Er prüfte, ob ihr Herz noch schlägt. Das schlug irgendwann nicht mehr, sagte er. Anschließend habe er den Geldbeutel und die Schlüssel des Opfers mitgenommen. Eine Nachbarin fand die tote Frau und informierte die Polizei.

Angeklagter stellte sich der Polizei

Einen Tag später nimmt die Kriminalpolizei Speichelproben in Geraberg. Auch von Reiner B. Doch bevor diese ausgewertet werden konnten, stellte sich der Mann selbst der Polizei in Ilmenau. In seinem Haus hinterließ er einen Brief an seine Cousine, geschrieben wie ein Testament. An Selbsttötung habe er nicht gedacht, sagte er aus. Wohl aber daran, dass er lange Zeit ins Gefängnis muss. Mehrere Verhandlungstage sind noch angesetzt.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | THÜRINGEN JOURNAL | 20. Mai 2021 | 19:00 Uhr

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