Tiere Würgeschlangen in Thüringen auf Beutefang

Würgeschlangen in Thüringen in freier Wildbahn - das kann doch nicht sein! Aber es gibt sie tatsächlich - heimische Würgeschlangen. Schlingnattern nämlich erlegen ihre Beute nicht mittels Giftzähnen, sondern sie erwürgen ihre Opfer. Auch in Stadtilm fühlen sich Schlingnattern seit zehn Jahren sehr wohl. Sie haben sich das Gelände um den Bahnhof als Lebensraum erobert.

Eine Schlange schlängelt sich auf Schottersteinen
Extrem seltener Anblick: Eine Schlingnatter sonnt sich auf einem Gleisbett bei Stadtilm. Bildrechte: MDR/Bernd Rödger

Schlingnattern sind die einzige Würgeschlangenart, die in Deutschland vorkommt. Sie sind wie ihre Artgenossen der Ringelnattern und Kreuzottern sehr scheue Tiere, sagt Ulrike Nüßler vom Umweltamt des Ilm-Kreises, der unteren Naturschutzbehörde. Schlingnattern fliehen bei Gefahr und verstecken sich in Spalten oder Mauselöchern. Außerdem verschmelzen sie durch ihre grau-braune Färbung mit dunklen Flecken förmlich mit dem Untergrund, auf dem sie liegen. Deshalb sind sie auch in Stadtilm kaum zu Gesicht zu bekommen.

Erstes Foto nach fünf Jahren

Bernd Rödger aus Kranichfeld aber hatte am 12. August 2021 Glück. Fünf Jahre hat er sich regelmäßig auf die Lauer gelegt mit seinem Fotoapparat. Und nun endlich: An einem sonnigen, warmen Tag sah er eine Schwanzspitze unter den Matten auf den Gleisübergängen hervorschauen, erzählt er.

Jetzt hieß es schon wieder Geduld haben. Eine Stunde saß Rödger regungslos neben dem Gleisbett. Als er schon aufgeben wollte, geschah das, worauf er Jahre gewartet hat. Nicht nur eine, sondern mehrere Schlingnattern schlängelten sich auf die Matten und begannen sich zu sonnen. Er drückte auf den Auslöser, so oft er konnte. Endlich hatte er schöne Fotos von den scheuen Tieren.

Eine Schlange schlängelt sich auf Schottersteinen
Für dieses Bild saß Bernd Rödger aus Kranichfeld fünf Jahre lang immer wieder auf der Lauer. Bildrechte: MDR/Bernd Rödger

Schlingnatter verirrt sich in Seniorenheim

Darum beneidet ihn Ulrike Nüßler von der unteren Naturschutzbehörde ein bisschen. Denn auch sie hat oft auf der Lauer gelegen - in der Hoffnung, Fotos machen zu können. Sie hat eine Infotafel erarbeitet zum Lebensraum um den Bahnhof.

Seit 2019 kann man sich auf dieser Tafel auch über Schlingnattern informieren. Sie steht direkt am Bahnhof Stadtilm. Allerdings hat Ulrike Nüßler schon mal eine Schlingnatter gerettet. Das Tier hatte sich in den Keller eines Seniorenheimes in Stadtilm verirrt. Von dort hat sie Nüßler wieder in die Freiheit entlassen. Für ein Foto im Eimer hat es gereicht, sagt sie. Aber für ein Foto in freier Wildbahn war die Schlange zu schnell.  

Schlingnatter
Kreuzottern haben geschlitzte Pupillen, Schlingnattern runde. Bildrechte: dpa

Wegen ihrer Musterung werden Schlingnattern oft mit Kreuzottern verwechselt. Denn wenn sich die Schlingnatter schnell bewegt, wirken die dunklen Balken auf ihrem Rücken wie Zick-Zack-Linien. Wer sich unsicher ist, sollte dem Tier tief in die Augen schauen, rät Nüssler. Kreuzottern haben geschlitzte Pupillen, Schlingnattern runde.

Zähnchen statt Gifthauer

Mit 70 Zentimetern ist die Schlingnatter die kleinste heimische Schlangenart. Sie hat Zähnchen statt Gifthauer. Atemberaubend würgt sie ihre Opfer. Ihre Lieblingsspeise sind Eidechsen. Aber auch Mäuse, andere Schlangen und den eigenen Nachwuchs verschmäht sie nicht.

Schlingnattern sind ungefährlich für den Menschen. Denn wir stehen nicht auf ihrem Speisezettel. Zu nah sollte man ihr dennoch nicht kommen. Denn wenn sie sich bedroht fühlt, sondert sie ein stinkendes Sekret ab, weiß Nüßler. Das soll Fressfeinde wie Marder, Igel oder Greifvögel abwehren. Für uns ist es einfach nur eklig. Schlingnattern stehen auch bei Wildschweinen übrigens hoch im Kurs.

Wildschweine
Wildschweine haben Schlingnattern zum Fressen gern. Bildrechte: IMAGO

Versteckt in Steinhaufen, Mauselöchern und kleinen Höhlen

Eine weibliche Schlingnatter ist im Alter von zwei Jahren geschlechtsreif. Alle zwei Jahre bringt sie dann lebenden Nachwuchs zur Welt. Schlingnatter legen keine Eier ab. Je nach Ernährungszustand des Muttertieres werden drei bis 15 Jungtiere geboren.

Ab Oktober ziehen sich die Tiere in Winterquartiere zurück. Das können Steinhaufen sein oder Spalten, kleine Höhlen oder auch Mauselöcher. Sie verfallen in eine Winterstarre und kommen erst im Frühjahr wieder aus ihrem Unterschlupf heraus. Wer sie in der Herbstsonne also noch entdecken möchte, muss sich beeilen.

Bahnstrecken dienen der Ausbreitung

Bernd Rödger wird sich auf jeden Fall immer wieder auf die Lauer legen, sagt er. Immer, wenn er in Stadtilm zu tun hat, wird er am Bahnhof vorbeischauen. Wer wie er auch mal eine Schlingnatter vor die Linse bekommen möchte, dem rät er, sich möglichst ruhig zu verhalten, Abstand zu wahren und viel Geduld zu haben.

Gleise an Bahnsteig
Gleisübergang am Bahnhof in Stadtilm: Hier fühlen sich die Schlingnattern richtig wohl. Bildrechte: MDR/Bernd Rödger

Auch Ulrike Nüßler von der unteren Naturschutzbehörde bittet, die Tiere nur mit gebührendem Abstand zu beobachten, um ihnen die Ruhe zu geben, die sie brauchen. Der Bestand der Schlingnattern geht zurück. Auf der Roten Liste wird die Schlingnatter deshalb als gefährdet geführt. Aber sie nimmt die Bahn, um was dagegen zu tun. Über die Gleisbetten der Bahnstrecken breitet sie sich nämlich wieder aus.

Tierisches aus Thüringen

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 08. September 2021 | 15:00 Uhr

2 Kommentare

Stealer vor 5 Wochen

Ich habe vor etlichen Jahren bei Jena mal eine Schlingnatter entdeckt, ein graues Exemplar. Die Hänge des Saaletals sind ein recht gutes Habitat, daher schätze ich, dass es dort immer noch eine Population gibt.

Um Schlangen zu entdecken, braucht es in der Tat entweder Geduld oder Glück. Die einzigen andere Schlange in freier Wildbahn, auf die ich gestoßen bin, waren eine Kreuzotter auf Rügen und eine schwimmende Ringelnatter. Aber gut, ich habe sie auch nicht gezielt gesucht.

Die Überschrift des Artikels ist aber schon etwas reißerisch, wenn auch korrekt. Der Begriff "Würgeschlange" bezieht sich nur auf die Art des Beutefangs, nicht auf eine Gruppe verwandter Schlangen. Mit Pythons oder Boas (an die man da wohl als erstes denkt) hat unsere kleine Natter von nebenan nichts zu tun.

Stanilaus vor 5 Wochen

Ob die Veröffentlichung des genauen Standortes inkl. Foto so eine gute Idee war?
Ich hoffe, daß die geschützen Tier auch nächstes Jahr dort noch Unterschlupf finden können.

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