Ärztemangel Was spricht für ein Leben als Landarzt?

In der Stadt Kaltennordheim im Landkreis Schmalkalden-Meiningen gibt es zurzeit nur eine Hausarztpraxis. Eine angespannte Situation für die knapp 6.000 Einwohner. Im vergangenen Jahr sind zwei Ärzte in Rente gegangen. Medizinischen Nachwuchs für ländliche Regionen zu finden, ist oftmals nicht leicht. Für Kaltennordheim naht jetzt Rettung: eine junge Ärztin eröffnet ihre Praxis.

Manuela König, im Hintergrund das Schloss in dem sie ihre Praxis haben wird
Manuela König, im Hintergrund das Schloss, in dem sie ihre Praxis haben wird, sobald es saniert ist.  Bildrechte: MDR/Marlene Drexler

"Die Lage ist angespannt", berichtet Erik Thürmer, der Bürgermeister von Kaltennordheim. In den letzten Wochen hätten viele Menschen angerufen und gefragt: Wann ändert sich endlich etwas?

Nur eine Hausarztpraxis in der Stadt

Derzeit gibt es in Kaltennordheim nur einen Hausarzt. Die Kleinstadt in der Rhön zählt etwa 6.000 Einwohner. Normalerweise habe es hier immer drei Hausarztpraxen gegeben, sagt Erik Thürmer. Im vergangenen Jahr seien allerdings mehrere Ärzte auf einmal in Rente gegangen. Damals sei unklar gewesen, ob es überhaupt Nachfolger geben werde.

Freigewordene Arztsitze werden von der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen (KVT) ausgeschrieben. Sie legt auch fest, wie viele Sitze es pro Region gibt. Kaltennordheim gehört zum Planungsbereich Meiningen. Ein in Kaltennordheim freigewordener Sitz wird nicht zwangsläufig wieder dort vergeben. Denkbar für eine Neuzulassung ist jeder Ort innerhalb des Planungsbereichs. Für Patienten bedeutet das im Zweifel, auf eine Praxis in den umliegenden Orten ausweichen zu müssen und damit eine längere Anfahrt zu haben.

Die erste gute Nachricht kam im vergangenen Herbst

Die erste gute Nachricht für die Bürger und Bürgerinnen in Kaltennordheim kam im vergangenen September. Die KVT vergab einen Sitz innerhalb des Planungsbereichs an Burkhard Strauß, einen jungen Arzt, der gerade seine Ausbildung zum Allgemeinmediziner in Hannover abgeschlossen hatte. Der 35-Jährige kommt gebürtig aus Kaltennordheim. Die Entscheidung, nach der Facharztausbildung wieder in die Heimat zurückzukehren, hat er gut durchdacht. In der Ausbildung habe er gemerkt, dass er nicht für immer im Krankenhaus arbeiten möchte, erzählt er. Unter den derzeitigen Bedingungen seien da die Aussichten auf ein ausgewogenes Verhältnis aus Arbeit und Freizeit gering. Auch die Anonymität in den Städten habe bei seiner Entscheidung, wieder aufs Land zu ziehen, eine Rolle gespielt.

Burkhard Strauß, der aktuell einzige Hausarzt in Kaltennordheim
Burkhard Strauß, der aktuell einzige Hausarzt in Kaltennordheim. Bildrechte: MDR/Marlene Drexler

Seit Mitte Oktober führt Burkhard Strauß nun seine eigene Praxis in Kaltennordheim. An der hausärztlichen Tätigkeit gefalle ihm, dass er sich wirklich Zeit nehmen könne, um mit den Patienten zu sprechen. Das Zuhören, um herausfinden wo genau der Schuh drückt, sei für ihn ein wichtiger und persönlich erfüllender Teil seiner Arbeit. Schön sei auch, dass er von den Bürgern eine große Wertschätzung erlebe. Zur Zeit habe er allerdings kaum eine freie Minute: "Das mit der Work-Life-Balance klappt bisher noch nicht so gut".

Bürgermeister Erik Thürmer weiß das zu bestätigen: "Die Praxis von Dr. Strauß liegt direkt neben dem Rathaus. Ich kann von meinem Fenster aus sehen, wie groß der Andrang da tagtäglich ist". Schon jetzt, nach nur einem halben Jahr, kann Burkhard Strauß eigentlich keine neuen Patienten mehr aufnehmen. Auch wenn er aktuell gerne über die Acht-Stunden hinaus arbeitet, sei es auf Dauer nicht ausreichend für die Stadt, nur einen Hausarzt zu haben.

Bürgermeister Erik Thürmer
Bürgermeister Erik Thürmer bekam viele Anrufe aufgrund des Ärztemangels. Bildrechte: MDR/Marlene Drexler

Die zweite gute Nachricht folgte im April

Als im April die Nachricht kam, dass sich eine zweite junge Ärztin in Kaltennordheim niederlassen wolle, war ein allgemeines Aufatmen zu spüren, berichtet Erik Thürmer: "Seitdem klingelt mein Telefon nicht mehr so oft".

Die 39-jährige Manuela König hat sich in Bad Neustadt zur Allgemeinmedizinerin ausbilden lassen. Auch sie kommt gebürtig aus Kaltennordheim. "Ich war schon immer heimatverliebt", erzählt sie. Trotzdem sei nach ihrer Ausbildung nicht sofort klar gewesen, ob sie in die alte Heimat zurückzieht. Auch weil ein Angebot vom Universitätsklinikum in Würzburg vorlag. Für Manuela König, die heute einen 8- und einen 4-jährigen Sohn hat, sei schon immer klar gewesen, neben dem Beruf muss genug Zeit für die Familie bleiben. Am Ende seien es dann mehrere Faktoren gewesen: die Familie, die Möglichkeit für ihre Kinder, in einer ländlichen Umgebung aufzuwachsen, aber auch die hausärztliche Tätigkeit: "Allgemeinmedizinerin zu sein - das ist ein sehr schöner Beruf, weil man direkt mit den Menschen zu tun hat."

Aktuell sei sie in der heißen Planungsphase - das Team zusammenstellen, die medizinischen Geräte beschaffen. Am 1. Juli soll ihre Praxis öffnen. Von der Stadt hat sie das Angebot erhalten, mittelfristig in das Schloss in Kaltennordheim zu ziehen. Allerdings müssen die Räumlichkeiten vorher noch saniert werden. Für die erste Zeit wird es daher eine Zwischenlösung geben. Einen Patientenstamm aufbauen, diese Arbeit fällt für Manuela König weg. Es vergehe kein Tag, an dem nicht jemand bei ihr klingelt, um sich zu registrieren: "Über den großen Zuspruch freue ich mich sehr".

Schloss Kaltennordheim
Mittelfristig soll im Schloss eine neue Arztpraxis eröffnen. Bildrechte: MDR/Marlene Drexler

In welchen Regionen in Thüringen fehlen die meisten Ärzte?

Freie Kassensitze werden von der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen (KVT) ausgeschrieben. Die Vergabe verläuft über eine Bedarfsplanung, innerhalb derer festgelegt ist, wie viele Stellen je nach Region zu besetzen sind. Nach Angaben der KVT sind derzeit 42 Hausarztstellen in Thüringen unbesetzt. Die Regionen Eisenach-Land und Gera-Land stechen mit je sechs unbesetzten Stellen besonders hervor. In den Regionen Schmölln-Gößnitz und Hildburghausen sind jeweils 4,5 und in Greiz vier Stellen frei. Laut KVT ist die Versorgung durch Hausärzte in Thüringen dennoch grundsätzlich gut. Keine Region gelte als unterversorgt.

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Quelle: MDR THÜRINGEN/nis

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Fazit | 13. Mai 2021 | 18:35 Uhr

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