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März 2022: Unter dem Fallbachlift in Oberhof schmilzt der letzte Schnee. Doch wie viele gute Winter wird es noch geben? Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Thüringen 2100Winter ohne Schnee? Was der Klimawandel für den Wintersport in Oberhof bedeutet

von Andreas Kehrer, MDR THÜRINGEN

Stand: 12. Juli 2022, 19:28 Uhr

Für die Biathlon- und Rodel-WM 2023 hat Thüringen viel Geld in die Oberhofer Wintersportanlagen investiert. Langfristig sollen die Sportstätten nachhaltiger werden. Doch wie nachhaltig können Investitionen sein, wenn der Klimawandel an den Grundfesten des Ski- und Kufen-Sports rüttelt? Klimaszenarien zeigen, dass die Wintersporttradition im Thüringer Wald schon in einigen Jahrzehnten Geschichte sein könnte.

Die Schlagzeilen aus dem Januar 2020 gerieten für Oberhof und den Wintersport zum PR-Desaster: "Schnee aus Gelsenkirchen", "Mehr als 30 Lastwagen", "Chaos in Oberhof", "Tonnenweise Kunstschnee", "Klimadebatte überschattet Biathlon-Weltcup" lauteten einige der Überschriften verschiedener Medien. Zum Jahreswechsel hatte starkes Tauwetter eingesetzt und die Schneereserven schmolzen dahin. Um den lang geplanten Biathlon-Weltcup zu retten, karrten Dutzende Lkw den Schnee über Hunderte Kilometer hinweg in den Thüringer Wald.

Medienschaffende im ganzen Land stürzten sich auf das Thema und sahen in den schneebeladenen Lastwagen von Oberhof ein Sinnbild für den klimaschädlichen Wintersport, dessen Verantwortliche die Bedeutung des Klimawandels für die eigene Existenz noch nicht begriffen hätten.

Im Zentrum der Kritik stand damals unter anderem Oberhofs Bürgermeister Thomas Schulz (Freie Wähler). "Das war meine Entscheidung und dazu stehe ich bis heute", sagt er heute und fügt dann schmunzelnd hinzu: "Ich hätte den Schnee nur lieber besser versteckt, damit es die Medien nicht mitkriegen." Für den heute 58-Jährigen war klar: Eine Absage hätte den Anfang vom Ende des Wintersports in Oberhof bedeutet. "Dass das früher oder später so kommen wird, ja! Aber man muss die Leute darauf vorbereiten", sagt Schulz. Wird das Ende des Wintersports also irgendwann unausweichlich?

Was Klimamodelle über Oberhofs Zukunft sagen

Der Wintersport in Oberhof verändert sich schon jetzt durch den menschengemachten Klimawandel, welchen der sechste Klimabericht des unabhängigen wissenschaftlichen Weltklimarates IPCC jüngst untermauerte. Zwar glauben manche hier, der Klimawandel könnte den gesamten Golfstrom zum Erliegen bringen und damit eine neue Eiszeit auslösen - was Unsinn ist. Doch die meisten Verantwortlichen und Sportfunktionäre haben begonnen, das Problem ernst zu nehmen.

Denn dass die Lage ernst ist und sich weiter verschlechtern wird, zeigt ein regionales Klimamodell, das das Kompetenzzentrum Klima des Thüringer Umweltamtes auf Basis des Mitteldeutschen Kernensembles (MDK) im Januar 2022 erstellt hat. Es zeigt, worauf sich Oberhof einstellen muss: höhere Temperaturen, mehr Niederschlag, weniger Frost- und Eistage bis zum Ende des Jahrhunderts. Das Modell basiert dabei auf drei gängigen Klimaszenarien, die auch der IPCC verwendet: RCP 2.6, RCP 4.5, und RCP 8.5.

Was die Klimaszenarien und RCP-Werte bedeuten

RCP steht für Representative Concentration Pathways (zu Deutsch: Repräsentative Konzentrations-Pfade). Die Werte beschreiben also unterschiedliche Treibhausgaskonzentrationen, die für die Zukunft angenommen werden, je nachdem wie stark oder schwach die weltweiten Klimaschutzbemühungen ausfallen. Der Zahlenwert nach RCP gibt dabei an, wie hoch der Strahlungsantrieb ist, der als direkte Folge der CO2-Konzentration zur Erderwärmung führt. Repräsentativ bedeutet, dass diese Klimaszenarien immer eine größere Anzahl wissenschaftlicher Studienergebnisse zusammenfassen und somit den allgemeinen Stand der Klimawissenschaften abbilden.
 
RCP 2.6 beschreibt das Klimaschutz-Szenario, in dem der Klimaschutz dazu führt, dass der weltweite CO2-Ausstoß bis 2080 auf null sinkt, ein massives Bevölkerungswachstum verhindert wird und Bemühungen unternommen werden, CO2 aus der Atmosphäre auf oder unter der Erde zu binden. In diesem Szenario wäre bis 2100 ein globaler Temperaturanstieg von weniger als zwei Grad gegenüber dem Vorindustriellen Zeitalter zu erwarten (Ziel des Pariser Klimaabkommen). Allerdings wird dieses Szenario zunehmend unwahrscheinlicher.

RCP 8.5 steht für das "Weiter wie bisher"-Szenario ohne nennenswerten Klimaschutz, ein starkes Bevölkerungswachstum und einen weiteren Anstieg des CO2-Ausstoßes. Dieses Szenario würde bis 2100 zu einem globalen Temperaturanstieg von etwa 4,8 Grad gegenüber dem Vorindustriellen Zeitalter führen und hätte wohl spätestens im 22. Jahrhundert, in der Generation unserer Enkel und Urenkel, katastrophale Auswirkungen.

RPC 4.5 steht für einen Mittelweg, der bis zum Jahr 2100 einen leichten Anstieg des CO2-Ausstoßes vorsieht, in dem ein starkes Bevölkerungswachstum durch Klimaschutzmaßnahmen annähernd kompensiert werden kann. Im Vergleich zum Vorindustriellen Zeitalter würde die globale Temperatur im Mittel um etwa 2,6 Grad ansteigen. Unsere Enkel und Urenkel im 22. Jahrhundert stünden damit ebenso vor enormen Herausforderungen.

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Oberhof verliert Großteil seiner Frosttage

Das Modell zeigt: Im Vergleich zu den Beobachtungsdaten von 1961 bis 1990 wird Oberhof selbst im günstigsten Klimaszenario (RCP 2.6) rund ein Viertel seiner Frost- und rund ein Drittel seiner Eistage bis 2100 verlieren. Die mittlere Temperatur steigt um 1,6 Grad. Weil die Szenarien eine große Spannweite der wahrscheinlichen Änderungen angeben, enthalten sie zum Teil große Unschärfen.

Was bedeuten die Unschärfen?

Unschärfen in den Szenarien werden häufig falsch interpretiert, nämlich als Hoffnungsschimmer frei nach dem Motto: Die Modelle irren sich eh, so schlimm wird's schon nicht. Das Gegenteil sollte der Fall sein. Das zeigt sich besonders am Beispiel der Jahresniederschläge, die schwer zu modellieren sind und daher große Änderungsspannen beinhalten. 

So weist das RCP8.5-Szenario eine Spanne von +20,6 Prozent (Niederschlagszuwachs) bis hin zu -13,8 Prozent (Niederschlagsrückgang) aus. Die obenstehende Grafik zeigt hingegen nur die Mittelwerte. Diese beinhalteten Minima- und Maxima-Werte erklären auch, warum das RCP 2.6-Szenario für Oberhof einen mittleren Zuwachs der Jahresniederschläge in Höhe von 2,1 Prozent bis 2100 (Max +7,9 Prozent, Min -3,0 Prozent) annimmt, während dieser Wert schon durch die reellen Messwerte von 1991 bis 2020 fast um das Vierfache übertroffen wurde.

Eine circa 50 Zentimeter dicke Schneedecke Ende März 2022 im Biathlonstadion Oberhof. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Wichtiger als die konkreten Zahlen der Szenarien sind ohnehin ihre Tendenzen. Sie zeigen, dass Temperatur und Niederschläge in Oberhof zunehmen werden, während Frost- und Eistage abnehmen. Alle vier Faktoren bedeuten, dass die Schneewahrscheinlichkeit in Oberhof abnehmen wird. Die reellen Messwerte zeigen schon heute, dass im Vergleich zu den Beobachtungsdaten von 1961 bis 1990 die Schneedeckentage (Schnee 20 Zentimeter oder höher) in den vergangenen 30 Jahren um 28,4 Prozent abgenommen haben. Auch die Beschneiungstage, an denen sich die Konstellation von Luftfeuchte und Temperatur für den Einsatz von Schneekanonen eignet, sind seit 1990 um 16,7 Prozent zurückgegangen.

Der Wintersport in Oberhof ist "too big to fail"

"Es ist keine Frage, dass wir einen Klimawandel erleben. Auch bei uns merken wir, dass die Winter zum Teil ausfallen oder kürzer werden", sagt Hartmut Schubert (SPD), der seit 2018 Thüringens WM- und Oberhof-Beauftragter im Thüringer Finanzministerium ist. Es sei aber viel zu früh, um den Wintersport am Standort infrage zu stellen: "Das ist ein Prozess, der sich noch über Jahre hinziehen wird, bis wir an einem Punkt sind, wo wir fragen müssen, ob das noch Sinn macht", so Schubert.

Dass die Thüringer Politik die Sinnfrage hinausschiebt, ist wenig verwunderlich: Denn der Wintersport ist für Oberhof und den Freistaat "too big to fail" - zu groß, um zu scheitern. Jahr für Jahr stellt der Skisport die Region ins Schaufenster der internationalen Berichterstattung. Der Biathlon-Weltcup begeistert regelmäßig mehr als vier Millionen Fernsehzuschauer allein in Deutschland. Der Rennrodel-Weltcup erreicht etwa dreieinhalb Millionen Zuschauer.

Hinzu kommen Zehntausende, die die Rennen an den Strecken verfolgen und üppige Einnahmen bescheren. Mit rund 40 Millionen Euro Umsatz taxiert Oberhofs Bürgermeister Thomas Schulz allein den Biathlon-Weltcup 2020. Geld, von dem der Tourismus und die Sportvereine im ganzen Thüringer Wald profitieren.

Auch die Oberhofer Erfolge müssen hier genannt werden: Jahr für Jahr holen Thüringer Wintersportler zahlreiche Medaillen - allein acht bei den diesjährigen olympischen Winterspielen in Peking. Oberhof sei eine weltweit einmalige Wettkampfstätte und Kaderschmiede für Nachwuchssportler, meint auch Horst Hüttel, DSV-Teammanager der deutschen Nationalmannschaft für Nordische Kombination und Skisprung. Deshalb sei der Standort für den deutschen Skisport "essenziell wichtig", so Hüttel.

Millionen-Investitionen in die Oberhofer Sportstätten

Vor diesem Hintergrund müssen auch die Investitionen des Freistaats in den Wintersport betrachtet werden. Seit 2015 investierte Thüringen rund 83 Millionen Euro in die Ertüchtigung der Oberhofer Sportstätten, 18 Millionen Euro kamen zusätzlich vom Bund. Der Großteil dieser staatlichen Gelder - rund 80 Millionen Euro - fließt in die Vorbereitungen auf die Biathlon- und Rennrodel-WM Anfang 2023.

Umbaumaßnahmen an der Oberhofer Rennrodelbahn im März 2022 Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Zum Vergleich: Auf Anfrage von MDR THÜRINGEN gab das Thüringer Finanzministerium an, dass der Freistaat über 50 Millionen Euro für die Ertüchtigung von kommunalen Sportanlagen in Gemeinden und Gemeindeverbänden zur Verfügung stellte. Weiter heißt es wörtlich: "Addiert man hierzu noch die Mittel (von mehr als 95 Millionen Euro) für den Bau der Stadien in Erfurt und Jena, so lässt sich erkennen, dass sich die Investitionen in die zentralen Leistungs-, Nachwuchsleistungs- und Breitensportstätten am Standort Oberhof in ressortgebundene Förderkulissen einbetten, die in keinem Missverhältnis zu gesamten Sport-/Investitionsförderung im Freistaat stehen."

Dass hier "kein Missverhältnis" bestehen soll, ist eine Deutung, die das Finanzministerium womöglich exklusiv hat. Gerade im Hinblick auf die Mitgliederzahlen der Thüringer Sportvereine, wo der Wintersport nur auf Platz elf rangiert, erscheinen die Investitionen in Oberhof außerordentlich hoch. Zwar spielen die Sportveranstaltungen hier immer wieder Millionenbeträge ein, die auch vielen Vereinen im Thüringer Wald zugutekommen - trotzdem ist hier die Rede von einem Ort mit nur rund 1.500 Einwohnern, in dem allein 83 Millionen Euro verbaut werden.

Wintersportvereine im Mitgliederranking weit abgeschlagen

Die enorme Außenwirkung des Wintersports wird von Sportfunktionären und Politikern oft benutzt, um den Wert der Oberhofer Sportstätten für die Allgemeinheit hervorzuheben. Das Argument funktioniert so: Weil Thüringen ein fußballerisches Niemandsland ist und auch nur vereinzelte Leichtathleten der Spitzenklasse zu bieten hat, die als Vorbilder taugen, spiele der Wintersport in Thüringen eine umso größere Rolle, um Kinder und Jugendliche für Sport zu begeistern.  

Zahlen des Landessportbundes Thüringen zeigen aber etwas anderes. Mit nur 90 Vereinen und 7.801 Mitgliedern liegt der Wintersport (Skisport, Schlitten, Bob, Skeleton und Schlittenhunde zusammengenommen) nur auf Rang elf der mitgliederstärksten Thüringer Sportarten. Noch hinter dem Berg- und Klettersport oder Kegeln, für die es in Thüringen nun wirklich gar keine öffentlichkeitswirksamen Vorbilder gibt. Zumal die Argumentation im Zeitalter von Instagram und TikTok antiquiert erscheint: Im Zweifelsfall eifern die Kids eher einem Fußballstar aus München nach, als sich für den Rennrodler zu interessieren, der direkt vor ihrer Haustür Erfolge feiert.

Der Wintersport bewegt in Thüringen also weit weniger Menschen, als gemeinhin angenommen oder behauptet wird. Zumal die enorme Werbewirkung der Oberhofer Sportveranstaltungen Freizeitsportler nicht darüber hinwegtäuschen dürfte, dass der Skisport hohe Hürden bereithält: Er benötigt teure Ausrüstung und ist häufig mit weiten Anreisen in die Schneegebiete verbunden.

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Investitionen in nachhaltigen Thüringer Sport

Das Thüringer Finanzministerium betont, dass sämtliche Investitionen unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit in den Standort Oberhof fließen. Neben der grundsätzlichen Erneuerung der Rennrodelbahn und der Biathlon-Arena für sportliche Zwecke - insbesondere für die Wettkämpfe zur WM 2023 - setzt der Freistaat hier nach eigener Aussage auf ökologische, ressourcenschonende und ganzjährige Nutzungskonzepte.

Bei einem Umbau wurde die Rennrodelbahn in Segmente unterteilt, die unabhängig voneinander gekühlt werden können. Das reduziert die Energiekosten. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Am ehesten funktioniert das bei der ganzjährigen Nutzung. Schon jetzt wird die Rennrodelbahn in der warmen Jahreszeit zur Sommerrodelbahn umfunktioniert. Auf der Skischanze fanden zuletzt mehrere Wettkämpfe im Frühling und Herbst statt, darunter Deutsche Meisterschafen und drei internationale Wettkämpfe wie der FIS Sommer Grand Prix (März 2022). Außerdem bieten sich hier Mountainbike- und andere Events an.

Die Biathlonarena soll nach der WM künftig stärker für Konzerte und andere Spaß-Events genutzt werden. Und die Skihalle ist ohnehin auf den ganzjährigen Skilanglauf ausgelegt. In der Koordinierungsstelle für Oberhof und die WM im Thüringer Finanzministerium sieht man sich hier also voll im Soll: "Mit Blick auf die Oberhofer Sportstätten kann mittlerweile von einer nachhaltigen und ganzjährigen Nutzung aller (!) Anlagen gesprochen werden", heißt es hier.

Ressourcenschonend und ökologisch zu werden, ist dagegen deutlich schwieriger. Um die eigenen Bemühungen schon bald sichtbar zu machen, soll für die WM 2023 das Verkehrskonzept noch stärker auf den ÖPNV ausgerichtet werden. "Bei den Tickets für die WM ist ein ÖPNV-Anteil mit drin, mit dem man in Erfurt in den Zug einsteigen kann und hochfahren kann", erklärt Oberhof-Beauftragter Hartmut Schubert.

Dadurch soll der Individualverkehr weiter reduziert werden. Außerdem soll beim Catering auf ein Mehrwegsystem umgestellt werden, um Müll zu vermeiden. An sich eine gute Idee, allerdings wird es hier auf die Umsetzung ankommen, denn Mehrwegsysteme sind nicht per se umweltfreundlicher.

Bikefliegen oder Skispringen: Die Oberhofer Skisprungschanze am Kanzlergrund wird ganzjährig für Events genutzt. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Von solchen kleineren Anpassungen abgesehen, muss sich Oberhof bei Thema Nachhaltigkeit ohnehin mit drei viel schwerwiegenderen Problemen auseinandersetzen. Woher kommt der Schnee? Woher kommen die enormen Mengen Energie? Und Stichwort Nachwuchs: Wie soll der Wintersport langfristig am Standort Bestand haben?

"Snowfarming" - wie Oberhof sein Schneeproblem lösen will

Um Lkw voller Schnee wie 2020 zu verhindern, hat Oberhof sein Schneemanagement umgestellt. "Snowfarming" ist das Zauberwort, das sowohl die Lagerung von Naturschnee, also auch das "Schießen" von Kunstschnee beschreibt. Was viele Laien nicht wissen: Selbst wenn üppige Mengen Naturschnee gefallen sind, kommt bei professionellen Wettkämpfen immer auch Kunstschnee zum Einsatz: "Für die Präparation [der Strecken] brauchen wir auch Kunstschnee. Der ist griffiger und hat eine andere Körnung", erklärt Ronny Knoll, Pressesprecher des Thüringer Wintersportzentrums (TWZ). Das heißt, der Naturschnee bildet den Untergrund, der Kunstschnee die Oberfläche.

Schneedepot an der Skisprungschanze am Kanzlergrund. Hier lagert der Schnee im Sommer unter einem Isolationsvlies. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Damit bei der WM genügend Untergrundschnee zur Verfügung steht, soll im September 2022 die Schneelagerhalle in Betrieb gehen. Mit ihr gibt es dann fünf Schneedepots nah an den Oberhofer Wettkampfstätten, in denen bis zu 45.000 Kubikmeter Naturschnee übersommern können. Das reicht, um das Biathlonstadion (circa 13.000 Kubikmeter) und die Skischanze (circa 2.500 Kubikmeter) zwei- bis dreimal zu präparieren. Drei dieser fünf Lagermöglichkeiten sind zwar ungekühlt, werden jedoch durch ein spezielles Vlies isoliert. Zwischen 75 und 80 Prozent des hier gelagerten Schnees überstehen so die warme Jahreszeit.

  • Depot hinter der Skihalle - 12.500 Kubikmeter
  • Depot Biathlon-Arena - 20.000 Kubikmeter
  • Depot Kanzlersgrund - 3.000 Kubikmeter
  • Schneelagerhalle (ab September 2022 nutzbar) - 7.500 Kubikmeter
  • Skihalle (Zentralbereich) - 2.500 Kubikmeter

Mit diesen Schneereserven könnte Oberhof theoretisch Monate ohne Schneefall auskommen.

Denn Schnee lässt sich häufig länger konservieren, als gemeinhin angenommen wird. In diesem Jahr zum Beispiel wurde das Biathlon-Stadion Anfang Januar 2022 letztmalig präpariert. Die verdichtete Schneeschicht von etwa 50 Zentimetern Höhe hielt bis Anfang April und überdauerte sogar Tagestemperaturen von mehr als 15 Grad Celsius. "[Nächtlicher] Frost und die richtige Behandlung durch unser Team - und der Schnee hält für Monate", erklärt Ronny Knoll und betont, dass dabei keine Chemie eingesetzt werde. In der Praxis treten aber immer wieder Wetterkonstellationen auf, die den Schnee regelrecht "wegfressen" - Regen oder Fönwetterlage in etwa.

Deshalb wird Kunstschnee in Zukunft wohl noch wichtiger werden, als er ohnehin schon ist. Um ihn zuverlässig und ressourcensparend "schießen" zu können, hat Oberhof Wasserdepots angelegt. 12.500 Kubikmeter Wasser werden in zwei Teichanlagen gespeichert. Das Wasser dafür wir aus insgesamt drei eigenen Quellen eingespeist.

In Jahren mit guten Wintern entnimmt das TWZ deutlich weniger Wasser als durch die untere Wasserbehörde des Landkreises Schmalkalden-Meiningen genehmigt sind. Im vergangenen Jahr waren es nur etwa 29.000 Kubikmeter, die für das "Snowfarming" gebraucht wurden - erlaubt sind bis zu 125.925 Kubikmeter im Jahr.

Nur einer von vielen TWZ-Mitarbeiter: Schanzenmeister Tino Feix kümmert sich seit 1998 um die Schanzenanlage in Oberhof und pflegt hier auch das Schneedepot. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Energie - wie Oberhof den Stromverbrauch halbieren will

Das wohl wichtigste Problem auf dem Weg zur ökologischen Nachhaltigkeit ist der Stromverbrauch. Für Industriehallen-große Eisschränke wie die Ski- und die Schneelagerhalle oder offene Tiefkühlröhren wie die Rennrodelbahn bedarf es jeder Menge Strom. Im Jahr 2019 verbrauchten die Sportstätten des Thüringer Wintersportzentrums knapp 4,4 Millionen Kilowattstunden Energie pro Jahr - das entspricht in etwa dem Jahresstromverbrauch von 2.500 Menschen, ist aber im Vergleich zum Spitzenfußball noch relativ wenig. Das größte deutsche Fußballstadion in Dortmund verbraucht locker dreimal so viel. Um auch hier seinen Klimaschutzbemühungen Nachdruck zu verleihen, bezieht das Thüringer Wintersportzentrum schon jetzt Öko-Strom aus Norwegen. 

Auch in der Skihalle wird Schnee über den Sommer eingelagert. Hier herrschen ganzjährig -4 Grad Celsius. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Trotzdem soll der Stromverbrauch durch Umbaumaßnahmen bis 2025 reduziert werden. Dann will das Thüringer Wintersportzentrum (TWZ) nur noch circa zwei Millionen Kilowattstunden Strom verbrauchen. Das geschieht aber kaum durch Einsparmaßnahmen.

Im Gegenteil: Der Gesamt-Strombedarf wird sogar auf fast sieben Millionen Kilowattstunden steigen. Allerdings will das TWZ selbst in die Strom- und Wärmeproduktion einsteigen. Zum einen sollen Solar-Anlagen auf den Dächern und zum Teil auch an den Seitenwänden der Ski- und Schneehalle, der Rennrodelbahn, der Biathlonarena und verschiedener Funktionsgebäude mehr als eine Million Kilowattstunden Energie pro Jahr erzeugen.

Zum anderen ist eine Bioenergiezentrale geplant, die in einem Blockheizkraftwerk Strom erzeugt: Rund 3,8 Millionen Kilowattstunden sollen so jährlich produziert werden. Dafür werden Holzabfälle und Biogas aus der Region verarbeitet.

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Schließlich soll die Energiezentrale die bei Kühlprozessen anfallende Abwärme nutzbar machen. Mit der hier gewonnenen Wärmeenergie sollen die Gebäude des TWZ, aber auch verschiedene städtische Gebäude wie etwa die Bundeswehrkaserne, und das H2Oberhof Wellness & Erlebnisbad beheizt werden.

Sollten diese Pläne so aufgehen, würde das Oberhofer Wintersportzentrum in den sechs Jahren von 2019 bis 2025 seinen Stromverbrauch mehr als halbieren und seine Abwärme sinnvoll zweitverwerten. Auf dem Weg zu klimaneutralen Sportstätten wäre das ein großer Schritt nach vorn.

Blick von oben ins Biathlon-Stadion in Oberhof. Auch hier sollen PV-Anlagen auf den Dächern künftig Strom produzieren. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Sportnachwuchs - wer wird in Zukunft noch Ski fahren? 

Eine andere Frage, an die im Hinblick auf den Klimawandel zunächst niemand denkt, ist, wer in Zukunft überhaupt noch Ski fährt? Wenn im Thüringer Wald perspektivisch weniger Schnee fällt, wird es mit Sicherheit schwerer, Nachwuchs an den Wintersport heranzuführen. Besonders in den Langstrecken-Sportarten wie Biathlon und Ski-Langlauf könnte es eng werden. "Früher habe ich die Grünen belächelt", sagt Sebastian Kleiner von Nordheim. "Heute nicht mehr."

Der 50-Jährige ist Langlauf-Trainer des Thüringer Skiverbands. Am Sportgymnasium Oberhof formt er die zukünftigen Medaillenhoffnungen. Wenn der Schnee wegbleibt, brauche es viel Kreativität und Manpower, sagt er. Oft werde dann Kunstschnee geschossen und eine Bahn geschaufelt. Auf kurzen Strecken würden seine Schüler und Schülerinnen dann im Kreis laufen. Spaß mache das oft nicht. Ohne Naturschnee bleibe vor allem die Motivation auf der Strecke: "Die Athleten freuen sich natürlich auf den Winter. Wenn der Schnee ausbleibt, kann man das ein bis anderthalb Monate auch mal kaschieren, aber eine ganze Saison wird schwierig. Und wenn dann noch eine zweite Saison der Schnee schlecht ist, dann stellt sich für viele spätestens die Sinnfrage."

Im Biathlon-Stadion trainieren auch die Medaillenhoffnungen von morgen. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Dabei biete Oberhof "paradiesische Verhältnisse", schwärmt Kleiner von Nordheim. Während andere im Oktober aufwendige Trainingslager auf Gletschern veranstalten müssten, könnten die Oberhofer Schüler einfach in die Halle oder auf die Rollerbahn. Das Problem ist dann aber, dass Skilaufen in der Halle oder auf Rollerskier am Ende das Skilaufen in der Natur, das den Langlauf so besonders macht, nicht ersetzen können. Auch in Hinblick auf Wettbewerbe: "Bei Rollerskier gewinnen oftmals die Kräftigeren oder Schwereren und auf Schnee eher die, die konditionell ein gutes Kraft-Leistungs-Verhältnis haben. Auf Schnee merkst du jedes Gramm, das du zu viel hast."

Sorgen macht sich Kleiner von Nordheim aktuell vor allem um die Regionen rund um Oberhof, das es mit 815 Höhenmetern noch gut habe. "95 Prozent der Schüler kommen aus dem Thüringer Wald", sagt Kleiner von Nordheim und führt weiter aus: "Ich kenne Vereine, wo gute Arbeit gemacht wird. Aber die kriegen die Kinder zum Teil nicht mehr auf die Skier, weil sie hier keinen Schnee mehr haben. Die trainieren halt im Flachland oder nur auf 600, 700 Metern Höhe. Da bricht uns der Nachwuchs weg, weil kein Schnee mehr liegt."

Bestätigen wollte das auf Anfrage von MDR THÜRINGEN kein Verein. So erklärte Jens Walther, vom Suhler SWV Goldlauter, dass es hier noch keine Nachwuchsprobleme gebe. Suhl habe aber auch einen größeren Einzugsbereich als manch anderer Vereine. Reinhard Kurtz vom WSV Bad Lobenstein e.V. sagte, dass es kaum negative Auswirkungen im Nachwuchsbereich oder Vereinsleben gebe. Allerdings seien die schneereichen Winter mit einer Dauer von Dezember bis April seltener geworden, so Kurtz.

Für den Nachwuchs bietet Oberhof "paradiesische Verhältnisse", sagt Kleiner von Nordheim. Aber im Flachland breche die Nachwuchsarbeit weg, weil kein Schnee mehr liegt. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

"Langlauf und Biathlon wird ein Problem": Klima- und Kulturwandel gestalten

Schneereiche Winter von Dezember bis April - bisher war genau das die Basis für "eine lange und große Tradition", die der Wintersport im Freistaat laut Thüringens Oberhof-Beauftragtem Hartmut Schubert hat. Bürgermeister Thomas Schulz drückt es noch etwas pathetischer aus: "Ich glaube, dass der Wintersport zur Seele der Leute hier dazugehört. Ich glaube, dass die Menschen im Thüringer Wald das als Tradition ansehen und sich damit identifizieren. Genauso, wie sie ihren Wald lieben und ihr Rennsteiglied."

Beiden ist aber auch klar, dass der Wintersport in Oberhof und im Allgemeinen vor tiefgreifenden Veränderungen steht: "Skispringen geht, Bobfahren auf Rädern geht. Skeleton geht. Langlauf und Biathlon wird ein Problem", sagt Schulz und gibt eine Prognose ab. "Die Sportstätten wird es 2050 so nicht mehr geben. Da bin ich überzeugt davon, dass es so ist." Schubert sieht die Sportstätten auf die nächsten zehn vielleicht auch 20 Jahre abgesichert. Für 2050 oder 2100 fehle ihm jedoch jede Fantasie. "Wenn es aber deutlich wärmer wird, dann wird es den Wintersport nicht mehr geben", sagt auch Schubert.

Die Ski einfach an den Nagel hängen, kommt für Oberhofer und viele andere Menschen im Thüringer Wald eigentlich nicht infrage. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Weil genau darauf alle ernstzunehmenden Klimamodelle hinauslaufen, sehen Schulz und Schubert sich selbst und die Landespolitik in der Verantwortung, diese Entwicklung zu begleiten. "Man muss da sicher jetzt in eine Diskussion kommen und die Bevölkerung mitnehmen und den Klima- und dadurch auch Kulturwandel mit Angeboten gestalten", sagt Schubert. Schulz sieht vor allem die heutigen Politiker in der Verantwortung, auch einen wirtschaftlichen Wandel zu vorzubereiten: "Wenn der Schnee eines Tages nicht mehr verkaufbar ist, dann müssen wir schon fertig sein, mit der Alternative."

Schulz denkt dabei vor allem an den Tourismus: "Die Schanze kriegt ein Seil und die Leute können angegurtet rüberfliegen. Im Biathlonstadion habe ich dann Go-Cart-Rennen und finden Konzerte statt. Und die Rodelbahn wird touristisch genutzt, indem ich da Bobfahren auf Rädern anbiete."

Wird der Wintersport zur Hybridsportart?

"Lass uns auf andere Sportarten ausrichten. Lass uns über Alternativen sprechen", fordert Schulz. Alternativen gibt es schon jetzt: Rennschlitten auf Rädern, Biathlon auf Rollskier oder dem Mountainbike und Skispringen auf Matten - vieles ist denkbar und wird teilweise schon praktiziert. Auch Schubert sieht darin einen Mehrwert: "Es werden an den Wintersportanlagen auch andere Sportarten möglich sein, die sich dann an allen Wintersportstandorten entwickeln. Diese Entwicklung müssen wir mitgestalten." 

Gut möglich also, dass sich sämtliche Ski- und Schlitten-Sportarten zukünftig zu kompletten Hybridsportarten entwickeln, die mal auf Schnee und Eis und mal auf Rollen und Rädern stattfinden. Ein solcher Wandel könnte perspektivisch viele Möglichkeiten bei Wettkämpfen und der Vermarktung eröffnen. Er würde auch der Logik des ohnehin längst stattfindenden Materialwettkampfes im Wintersport Rechnung tragen, bei dem es neben den athletischen Fähigkeiten des Sportlers auch immer mehr um die Qualität der Ausrüstung geht.

Rollski-Fahrer beim Sommer Grand Prix in Oberwiesenthal. Kann das die Zukunft des Skisports sein? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Frage ist nur, ob sich für einen solchen Wandel auch ein Publikum findet. Denn mit der Wintersporttradition im Thüringer Wald hätte das dann erstmal nicht mehr viel zu tun. Gerade in der Nachwuchsarbeit könnten Trainer immer öfter damit an Grenzen stoßen. Kinder und Jugendliche werden sich sicherlich fragen, warum sie auf Asphalt mit Ski auf Rädern unterwegs sein sollen, wenn es dafür vermeintlich coolere Inline-Skates, Skate- oder Kickboards gibt.

Wintersport im Jahr 2100

Natürlich wird es auch im Jahr 2100 noch Winter mit Schnee geben. Aller Voraussicht nach werden sie aber deutlich seltener und vermutlich auch kürzer sein. Eine Schneesicherheit wird dann auch in Oberhof auf 815 Höhenmetern kaum noch gegeben sein. Was das für den Thüringer Wintersport bedeutet, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Aufgrund der wissenschaftlichen Klimaprognosen und der bisherigen Bemühungen lassen sich aber Vermutungen anstellen.

Wahrscheinlich ist daher, dass ...

  • ein Nachwuchsproblem im Thüringer Wintersport entsteht, weil Kinder durch den fehlenden Schnee seltener Gelegenheit haben, den Sport für sich zu entdecken.
  • der Wintersport kein klassischer Wintersport mehr sein wird, weil sich Sportarten von Schnee und Eis entkoppeln. 
  • Wettkämpfe dank "Snowfarming" zwar noch durchgeführt werden können, diese wetterbedingt aber viel schwieriger zu planen sind.

Möglich erscheint auch, dass ...

  • Verbände internationale Winterwettkämpfe seltener nach Oberhof vergeben, weil die Schneesicherheit nicht mehr gegeben ist.
  • Werbe- und Medienpartner das Interesse verlieren, weil es Wintersportarten ohne Schnee an Authentizität fehlt.
  • Landesfördermittel für Oberhofer Wintersportanlagen langfristig ausbleiben, weil sie politisch nur noch schwer zu verantworten sind.

Fest steht nur, dass sich Oberhof schon jetzt darauf einstellen muss, dass mit dem Klima- auch ein Kultur- und Strukturwandel nötig werden wird. Umso wichtiger ist es, sich schon heute damit auseinanderzusetzen, wohin es mit dem Wintersport gehen soll, wenn die Winter in den kommenden Jahrzehnten weniger und weniger Schnee bringen.

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MDR (ask)

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | Regionalnachrichten | 25. Mai 2022 | 13:30 Uhr

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