Schmalkalden-Meiningen Schulnetz-Reform: Kleine Schulen bangen um ihre Zukunft

Nachdem der Landkreis Schmalkalden-Meiningen die Reform des Schulnetzplans wegen Corona auf Eis gelegt hatte, sollen die Gespräche jetzt wieder aufgenommen werden. Kleine Schulen, die um ihre Existenz bangen, machen mobil.

Bei dem Wort "Schulnetzplan" bekommen viele Eltern hektische Flecken. Dahinter steckt die Reform des Thüringer Schulnetzes. Hintergrund ist die demografische Entwicklung, die zur Folge hat, dass die Schülerzahlen sinken. Für mehr Effizienz und um Geld einzusparen, sollen Schulstandorte zusammengelegt werden. Kleinere, weniger zentral gelegene Schulen sehen sich im Nachteil und bangen um ihre Zukunft.

Landkreis hat Beratungen wieder aufgenommen

Die Fortschreibung des Schulnetzplans war im vergangenen Jahr im Landkreis Schmalkalden-Meiningen wegen der Corona-Pandemie vorerst ausgesetzt worden. Wie ein Sprecher des Landkreises MDR THÜRINGEN mitteilte, werden die Gespräche jetzt wieder aufgenommen. Nach seinen Angaben haben sich die Fraktionsvorsitzenden in dieser Woche zu einer ersten Beratung getroffen. Danach werde das Thema in die Hände der kreislichen Gremien gegeben, heißt es.

Landratsamt will mehrere Faktoren in den Blick nehmen

Laut dem Landratsamt wird bei der Entscheidung nicht nur die Größe der Schulen in den Blick genommen. Es werde auch geschaut, wie viele Kinder in einem Gebiet wohnen und inwiefern die einzelnen Klassen ausgelastet sind. Zum anderen spiele eine Rolle, in welchem baulichen und infrastrukturellen Zustand eine Schule ist und wie viel Geld mittelfristig investiert werden müsste. Darüber hinaus will das Landratsamt auch berücksichtigen, dass die Fahrtzeiten zur Schule für alle Kinder möglichst kurz bleiben.

Mehrere kleine Schulen machen mobil

Schulen schließen und trotzdem keine langen Schulwege - das klingt für einige der Beteiligten nach einem Widerspruch, zum Beispiel für die Mitglieder des Schulfördervereins der Grundschule Am Hahnberg. An der staatlichen Grundschule im Wasunger Ortsteil Oepfershausen sind schon länger keine grundständigen Sanierungsmaßnahmen mehr vorgenommen worden. Der Schulförderverein befürchtet, dass die Schule auf der potenziellen Abschussliste stehen könnte.

Im vergangenen Oktober ist der Förderverein deshalb erstmalig aktiv geworden und hat eine Online-Petition zum Erhalt der Schule gestartet. In sechs Wochen fand der Aufruf knapp 2.700 Unterstützer im Landkreis. "Wir sind von Tür zu Tür gegangen und haben für unser Anliegen geworben", berichtet Stefanie Kümpel vom Förderverein. Mit der Unterschriftensammlung wollen sie zeigen, dass die Menschen aus der Region hinter der Grundschule am Hahnberg stehen. Auch die kleineren staatlichen Grundschulen in Roßdorf und Kühndorf haben Petitionen gestartet. Gerichtet sind sie allesamt an Landrätin Peggy Greiser.

"Es braucht auch kleine Schulen"

Für Patrick Schantora, Vater eines Zweitklässlers und Vorstandsmitglied des Schulfördervereins der Grundschule Am Hahnberg, ist es nicht nachvollziehbar, die Schule in Oepfershausen zu schließen: "Entgegen dem allgemeinen Trend haben wir hier sogar steigende Schülerzahlen", berichtet er. Die Schule sei bei Kindern und Eltern gleichermaßen beliebt. Mit Blick auf die Abwanderungsproblematik im ländlichen Raum ist es seiner Meinung nach auch wichtig, den Kindern die Möglichkeit zu geben, sich durch den Schulbesuch direkt vor Ort in der Region zu verwurzeln. Auch für Wenke Roth, die ebenfalls einen Sohn in der zweiten Klasse hat, ist der ländliche Standort ein starkes Argument: "Naturpädagogik kann hier richtig gelebt werden". Das Grundstück der Schule grenzt im hinteren Bereich an Wiesen und Felder.

Schule Oepfershausen Schulnetzplan
In der staatlichen Grundschule "Am Hahnberg" müsste investiert werden. Der Förderverein kümmert sich um das Nötigste. Bildrechte: MDR/Marlene Drexler

Die Schule in Opefershausen ist einzügig, jede Klasse zählt rund 20 Schüler. Eine kleinere Klassenstärke sei nicht einfach nur Luxus, sondern erlaube es auch, wenn nötig, mehr auf die Bedürfnisse einzelner Kinder einzugehen: "Unsere Schule wird zum Beispiel auch von vielen Kinder besucht, die in Wohngruppen leben. Einige von ihnen brauchen mehr individuelle Zuwendung", so Patrick Schantora. Er hoffe, dass die Schullandschaft auch zukünftig noch aus kleinen und großen Schulen bestehen wird.

Wie lang darf der Weg zur Schule dauern?

Sollte die Schule in Oepfershausen tatsächlich schließen, dann müssten die Kinder zukünftig nach Walldorf bei Meiningen fahren. Zwischen den beiden Orten liegen knapp 15 Kilometer. Eine Distanz, die für Patrick Schantora nicht hinnehmbar wäre: "Wer möchte denn sein siebenjähriges Kind jeden Morgen auf eine 40-minütige Tour schicken?", fragt er.

Das Kultusministerium empfiehlt, dass der Weg zur Grundschule für ein Kind nicht länger als acht Kilometer sein sollte und 30 Minuten Fahrzeit pro Weg nicht überschreiten sollte. Für eine Regelschule sind es 16 Kilometer und 45 Minuten, für ein Gymnasium 25 Kilometer und 60 Minuten.

Eigenengagement würdigen

An der Grundschule in Oepfershausen besteht Sanierungs- und Förderungsbedarf - etwa im Bezug auf die digitale Ausstattung und Infrastruktur. Solange die Zukunft der Schule auf der Kippe steht, werde der Landkreis kein Geld in die Hand nehmen, schätzt der Förderverein. Anstatt nur abzuwarten, ist der Förderverein in den vergangenen Jahren immer wieder selbst aktiv geworden. Durch Spenden finanziert wurde ein Naturlehrpfad, eine Nistkästen-Anlage und zuletzt ein Bolzplatz und Schaukeln gebaut. "Wir Eltern packen dann alle mit an", berichtet Patrick Schantora. Er wünscht sich, dass das große Engagement der Elternschaft auch gesehen und gewürdigt  - und nicht mit einer Schulschließung abgestraft wird.

Schule Oepfershausen Schulnetzplan
Teile der Schule, wie der Bolzplatz mit Schaukeln, wurden durch Spenden finanziert. Bildrechte: MDR/Marlene Drexler

Entscheidung im zweiten Quartal erwartet

Laut Landratsamt wollen sich die Fraktionen und Gremien in den nächsten Wochen und Monaten ausgiebig beraten. Grundsätzlich sei der Landkreis, was das Schulnetz angeht, "sehr gut aufgestellt", heißt es. Eine erste Einschätzung ließe "relativ wenig Handlungsbedarf" vermuten. Sobald ein Konzept erarbeitet ist, werde es eine öffentliche Anhörung geben. Im Zuge dessen werden betroffene Gemeinden und kreisfreie Städte, sowie einzelne Institutionen, wie etwa das Schulamt, die Möglichkeit bekommen eine Stellungnahme abzugeben.Der Landkreis geht davon aus, dass der Kreistag dann voraussichtlich im zweiten Quartal letztgültig entscheiden wird, ob und wenn ja welche, Schulen geschlossen werden. Die Maßgabe wäre dann bis vorerst 2026/27 gültig.

Mit der großen Resonanz auf ihre Online-Petition hat sich der Förderverein in Oepfershausen ein Vorab-Gespräch mit der Landrätin erkämpft. Der Termin soll in der kommenden Woche stattfinden.

Mehr zu Schulen in Thüringen

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 13. Januar 2022 | 19:00 Uhr

9 Kommentare

Sozialberuflerin vor 1 Wochen

Da gebe ich Ihnen prinzipiell Recht
Aber Bayern hat da tatsächlich ein wesentlich besseres System!
Angefangen beim Betreuungsschlüßel schon in den Krippen, bis hin zu Klassenstärken in den Schulen!

Aber ja.... Würde es einen einheitlichen Fahrplan geben und das Bildungssystem nicht mehr Ländersache sein sondern verstaatlicht werden... Wäre schon ein großer Schritt getan!

Sozialberuflerin vor 1 Wochen

Auffällig bei der Pisa-Studie 2019 war, daß die Schere zwischen sehr leistungsschwachen und sehr leistungsstarken Schülern, extrem weit auseinander geht!

So steht z.b. in einem Spiegel-Artikel:
Die Chancenungleichheit setzt sich den Ergebnissen zufolge in Deutschland fort, wenn es darum geht, welche Schule Jugendliche besuchen: 70 Prozent der Schulen, die als sozioökonomisch benachteiligt gelten, leiden nach Angaben ihrer Schulleitungen darunter, dass sich Lehrermangel bei ihnen negativ auswirkt. An Schulen, die bessergestellt sind, beklagen dies 34 Prozent.
(quelle: Spiegel "Deutschland beim neuen Pisa-test im oberen Mittelfeld" vom 03.12.'19)

Nunja... Da dürfte Thüringen nebst Sachsen Anhalt wohl ziemlich beschämt in der Ecke stehen
Ich denke, da ist einiges besser zu machen!!


Sozialberuflerin vor 2 Wochen

"Für mehr Effizienz und um Geld einzusparen, sollen Schulstandorte zusammengelegt werden."

Steht gegen:

"Eine kleinere Klassenstärke sei nicht einfach nur Luxus, sondern erlaube es auch, wenn nötig, mehr auf die Bedürfnisse einzelner Kinder einzugehen..."

Und genau ist das traurige!!!
Quantität vor Qualität!
Es geht schon lange nicht mehr um bestmögliche, bedürfnisorientierte Bildung, sondern nur noch um höchstmöglichen Profit und Einsparungen!

Mehr aus der Region Suhl - Schmalkalden - Meiningen

Mehr aus Thüringen