Natur Mäusefresser und Kinderbringer - Immer mehr Weißstörche im Werratal

1966 nisteten in Thüringen lediglich fünf Storchenpaare - 2010 gab es 29, im vergangenen Jahr bereits 91 Nester, in denen gebrütet wurde. Mehr als die Hälfte davon findet sich entlang der Werra. Möglich macht dies vor allem das Nahrungsangebot in der Flussaue. Und das jüngste Winterquartier liegt gerade mal ein Bundesland entfernt.

Ein Storch in einem Nest
Entlang der Werra finden Weißstörche genug Nahrung. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Die nahe Straße lärmt, auf dem Parkplatz des Discounters am Ortsausgang von Breitungen rangieren Autos und rattern Einkaufswagen, aber die beiden Storchenpaare gleich nebenan auf einem landwirtschaftlichen Betrieb lassen sich davon nicht stören. Das eine brütet schon, stellt Klaus Schmidt nach einem Blick durchs Fernglas fest. Das andere Paar ist offenbar kurz vor dem Eierlegen - es schafft noch Nistmaterial heran, kleine Äste und trockenes Gras zum Auspolstern.

Klaus Schmidt kennt sich aus: seit den 1960er-Jahren beobachtet er Weißstörche, ist der ehrenamtliche Weißstorch-Landesbetreuer des Naturschutzbundes (Nabu) und hat in seinem Ornithologen-Leben mehr als 500 junge Weißstörche beringt

Lieblingsspeise Mäuse

Als er anfing, nisteten drei der insgesamt fünf Thüringer Paare in der Werraaue, also ganz in seiner Nähe. Heute gibt es allein in Breitungen sechs Storchennester. Im vergangenen Jahr waren es 54 an der Werra insgesamt (davon fünf in Hessen) und 92 in ganz Thüringen. Was macht die Werraauen so attraktiv für die großen Vögel?

Das grüne Band aus Wiesen und Weiden entlang des Flusses, das mindestens einmal im Jahr überschwemmt wird, sagt Schmidt. Das ist der Lebensraum der Störche, dort finden sie ausreichend Nahrung.

Dabei sind sie nicht wählerisch. Finden sie ihre Lieblingsspeise Mäuse nicht, dann weichen sie auf Regenwürmer, Käfer und Heuschrecken aus. Auch Aas fressen sie gern - ein Grund, warum sie gern hinter der Mähmaschine herstaken: da fällt reichlich Futter an. Als Gradmesser für eine intakte Natur, sagt Klaus Schmidt, seien die Vögel deshalb ungeeignet.

Beliebte Fruchtbarkeitssymbole

Die Störche sind beliebt, die Menschen freuen sich über sie. "Sie sind eine Bereicherung für den Ort, eine Attraktion", meint ein Nachbar. Auf dem Supermarkt-Parkplatz erzählt eine Frau, wie die schwarz-weißen Vögel an ihrem Balkon vorbeifliegen - "das ist wunderschön". Auch beim Spaziergang beobachte sie die Störche.

"Sie sind etwas Besonderes", sagt Christiane Guth und hat noch eine ganz persönliche Geschichte zu erzählen: Als sie mit ihrem Mann aus dem Standesamt kam, da hätten die Störche ganz in der Nähe laut geklappert - und schon nach vier Wochen sei sie zu ihrer großen Freude schwanger gewesen.

Strommasten umgerüstet

Dass es heute so viel mehr Störche in Thüringen gibt als früher, dafür hat Klaus Schmidt eine andere Erklärung als große Fruchtbarkeit: die Energiebetriebe haben die Strommasten umgerüstet, das ist mittlerweile auch gesetzlich verankert. Die Isolatoren wurden verlängert.

NABU-Storchenexperte Klaus Schmidt
NABU-Storchenexperte Klaus Schmidt. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Wenn die Störche auf dem Mast stehen, können sie mit ihren Flügeln nicht mehr den stromführenden Draht berühren. Stromschlag war früher die häufigste Todesursache, gerade bei Jungvögeln, sagt Schmidt. Von den umgerüsteten Masten profitieren auch andere Vögel wie Milane und Uhus.

Selbstgebaute Nester auch in Bäumen

Weil sich die Vögel so sehr verbreitet haben, bekommt Klaus Schmidt immer wieder Anrufe von Menschen, die gern einen Storch auf ihrem Dach hätten. So einfach aber funktioniert das nicht, sagt er: "Mancher denkt, wenn ein Storchennest gebaut ist, dann kommen auch die Störche. Aber die Störche gehen dahin, wo der Lebensraum stimmt." Wo der stimmte, hat auch der Nabu viele Jahre lang erfolgreich Nisthilfen angebracht.

Mittlerweile aber helfen sich die Vögel immer häufiger selbst, bauen Nester manchmal auch an unpassenden Orten, wo sie wieder umgesiedelt werden müssen, wie beispielsweise auf Mobilfunkmasten. Selbst in Bäumen lassen sie sich nieder, wie beispielsweise in einer Trauerbuche am Alten Friedhof in Berka/Werra. Diese Nester aber hielten meist weniger lange als diejenigen auf Nisthilfen, sagt Klaus Schmidt.

Ein Storch im Anflug auf ein Nest
Einige Storchennester können auch per Kamera beobachten werden. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Storchen-Kameras erlauben Blick ins Nest

In Thüringen gibt es mit Berka/Werra und Breitungen mittlerweile zwei Storchendörfer. So dürfen sich Orte nennen, in denen es fünf und mehr Nester gibt. Vier Nester gab es im vergangenen Jahr an der Werra in Leimbach, drei in Wilhelmsglücksbrunn bei Creuzburg. Einige Nester können Storchenfreunde auch per Kamera beobachten: beispielsweise in Gerstungen, in Bad Salzungen oder auf der Regelschule in Breitungen.

Aus Vacha gibt es in diesem Jahr keine Bilder aus der Storchen-Kinderstube: die Kamera wurde wegen Bauarbeiten am Storchenturm abgebaut. Weil der Storch aber sehr früh zurückkam und die Turmsanierung dem Zeitplan etwas hinterher hinkte, bleibt dort das Gerüst bis zum Wegzug der Vögel stehen – erst danach wird weitergebaut.

Winterquartier in Südhessen

Und was macht der Klimawandel mit dem Storch? Das kümmere den Vogel wenig, meint der Ornithologe. Allerdings hat sich der Weg ins Winterquartier deutlich verkürzt. Flogen früher die Störche in der Regel bis Südafrika, so bleiben die meisten Thüringer Tiere mittlerweile in Spanien. Einzelne zieht es nach Angaben von Schmidt nach Marokko oder Frankreich - und seit fünf Jahren auch nach Südhessen.

Rund 250 Störche verbrächten neuerdings dort die kalte Jahreszeit, darunter einige von der Werra. So sei es schon vorgekommen, dass Störche aus Immelborn im Winter mal kurz an ihrem Nest nach dem Rechten geschaut hätten - um an den nächsten kälteren Tagen wieder nach Südhessen zurückzuziehen. Ein anderer Storch, berichtet Schmidt, hat zehn Jahre hintereinander sogar in Thüringen überwintert. Er habe zwar erfrorene Zehen gehabt – aber überlebt.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 03. April 2021 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

HUK vor 6 Tagen

Lieber MDR, zur erfolgreichen Ansiedlung gehören Feuchtgebiete, die über die hauptsächliche Nahrung wie Fische, Frösche, Lurche oder Schlangen ausreichend verfügen.

part vor 6 Tagen

Ich würde mir wünschen, es würden viele künstliche Nisthilfen errichtet, besonders in Feuchtgebieten, die Störche schon seit Jahren immer wieder anziehen. Wenn dann der Nachwuchs die erleichterte Möglichkeit hat neue Generationen zu gründen, bräuchten Agrargenossenschaften kein Mäusegift mehr einzusetzen für ein wenig Kahlflächen in Rapsfeldern, auch wenn diese Nische schon vermehrt durch Kraniche ersetzt wird.

Mehr aus der Region Suhl - Schmalkalden - Meiningen

Mehr aus Thüringen